{"id":4211,"date":"2017-01-06T18:45:13","date_gmt":"2017-01-06T17:45:13","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=4211"},"modified":"2017-01-06T18:49:04","modified_gmt":"2017-01-06T17:49:04","slug":"ja-wir-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=4211","title":{"rendered":"Ja, wir k\u00f6nnen."},"content":{"rendered":"<p>Text von Uri Avnery vom 7. Januar 2017.<br \/>\nW\u00c4HREND DES 2. WELTKRIEGES, als deutsche Bomber England terrorisierten, stand eine kleine Gruppe britischer tapferer Flieger ihnen gegen\u00fcber. Ihre Lebenserwartung wurde nach Tagen gez\u00e4hlt. Ein findiger Geist im Propagandaministerium gestaltete ein Poster: \u201eWer f\u00fcrchtet sich vor der deutschen Luftwaffe?\u201c Als dieses an einer der K\u00f6niglichen Luftwaffenbasen angebracht wurde, hat eine anonyme Hand darunter geschrieben: \u201eUnterschreibe hier\u201c!.&nbsp;<!--more--><\/p>\n<p>Innerhalb von Stunden hatten alle Flieger unterschrieben. Es waren die M\u00e4nner, \u00fcber die Winston Churchill folgendes sagte: \u201eNiemals haben so Viele so Vieles so wenigen geschuldigt!\u201c&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn heute jemand ein Poster erfinden w\u00fcrde, das fragt: Wer f\u00fcrchtet sich vor den Siedlern, w\u00fcrde ich der erste sein, der es unterzeichnet. Ich habe Angst. Nicht um mich. Um den Staat Israel. Um Alles, was wir in den letzten 120 Jahren aufgebaut haben.&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p><strong>IN LETZTER ZEIT sagen immer mehr Leute in Israel und in der Welt,<\/strong> dass die \u201eZwei-Staaten-L\u00f6sung\u201c tot ist. Finito. Kaput. Die Siedler haben sie schlie\u00dflich umgebracht. Der Frieden ist am Ende. Da gibt es nichts, das wir tun k\u00f6nnten. Wir k\u00f6nnen nur in unserm bequemen Sessel vor dem Fernseher sitzen, tief seufzen, eine Tasse Kaffee trinken und zu uns selbst sagen: \u201eDie Siedlungen sind unumkehrbar\u201c.&nbsp;<\/p>\n<p>Wann hab ich das zum ersten Mal geh\u00f6rt? Vor etwa 40 Jahren \u2013 oder war es vor 50 Jahren &#8212; verwendete der renommierte israelische Historiker Meron Benvenisti \u2013 dies das erste Mal. Die Siedlungen, proklamierte er, haben eine \u201eIrreversible\u201c Situation geschaffen. Keine Zwei-Staaten-L\u00f6sung, wie meine Freunde und ich es verlangten. Sorry, irreversible. In jener Zeit gab es weniger als hunderttausend Siedler in der Westbank und einige sogar im Sinai. Jetzt kann dieser Slogan \u00fcberall geh\u00f6rt werden. Unumkehrbar, irreversible. Die blo\u00dfe Menge der Siedler hat die Zwei-Staaten-L\u00f6sung zu einem Hirngespinst gemacht.&nbsp;<\/p>\n<p>Es wird gesagt, dass es jetzt 450 Tausend Siedler in der Westbank gibt und zus\u00e4tzlich noch 150 Tausend im besetzen Ost-Jerusalem. Sie k\u00f6nnen nicht ohne einen B\u00fcrgerkrieg umgesiedelt werden. Also h\u00f6ren wir auf, \u00fcber eine Zwei-Staaten-L\u00f6sung zu sprechen. Lasst und \u00fcber etwas anderes nachdenken. Eine Ein-Staat-L\u00f6sung? einen Apartheid-Staat? \u00dcberhaupt keine L\u00f6sung? Ein ewiger Konflikt? ICH GLAUBE nicht, dass es ein menschliches Problem gibt, das keine L\u00f6sung hat. Ich glaube nicht, dass Verzweiflung ein guter Berater sei, obwohl es ein bequemer ist. Ich glaube nicht, dass im Leben etwas \u201eirreversible\u201c ist. Nat\u00fcrlich abgesehen vom Tod.<\/p>\n<p>Wenn sich jemand einem Problem gegen\u00fcber sieht, das irreversibel ist, muss man dieses Problem n\u00e4her ansehen, dies analysieren und die m\u00f6glichen Wege da heraus bedenken.&nbsp;<\/p>\n<p>Es wird erz\u00e4hlt dass General Bernard Montgomery, der britische Kommandeur in Nordafrika, ein Bild von seinem Feind, dem legend\u00e4ren deutschen General Erwin Rommel auf seinem Schreibtisch in seinen Hauptquartieren, stehen hatte. Als er von seinen erstaunten Besuchern gefragt wurde, erkl\u00e4rte er: \u201eIch m\u00f6chte mich selbst jeden Moment fragen: Was denkt er jetzt?\u201c&nbsp;<\/p>\n<p>Falls wir versuchen \u00fcber die Siedler nachdenken, sehen wir vor uns eine Masse von 650 Tausend Fanatikern, die jeden Tag mehr werden. Das ist wirklich erschreckend. Aber es existiert keine Masse von Siedlern. Es gibt verschiedene Arten von Siedlern. Wenn wir Mittel erfinden wollen, um mit diesem Problem fertig zu werden, m\u00fcssen wir es als erstes auseinandernehmen. Lasst uns auf die verschiedenen Gruppen, eine nach der anderen, schauen.&nbsp;<\/p>\n<p><strong>ALS ERSTES sind da die \u201e Siedler f\u00fcr Lebensqualit\u00e4t\u201c .<\/strong> Sie gehen auf die Westbank, finden dort eine Stelle, die von malerischen arabischen D\u00f6rfern umgeben sind und siedeln auf Land, das h\u00f6chst wahrscheinlich einigen arabischen Dorfbewohnern geh\u00f6rt. Sie schauen aus ihrem Fenster auf wundersch\u00f6ne Minaretts und Olivenb\u00e4ume, h\u00f6ren den Ruf zum Gebet und sind gl\u00fccklich. Sie bekamen das Land f\u00fcr nichts oder fast f\u00fcr nichts. Nennen wir sie Gruppe 1. Da sie keine Fanatiker sind, wird es nicht so schwer sein, sie ins eigentliche Israel umzusiedeln. Findet man f\u00fcr sie einen netten Platz, gibt man ihnen eine Menge Geld, werden sie sich ohne zu viel \u00c4rger umsiedeln lassen.&nbsp;<\/p>\n<p><strong>DANN GIBT es die \u201eGrenz-Siedlungen\u201c.<\/strong> Dort leben die Siedler in St\u00e4dten und D\u00f6rfern, die sehr nah an der alten Gr\u00fcnen Linie leben &#8211; die Grenze, die vor 1967 bestand und die noch immer als legale Grenze des Staates Israel gilt. Dort lebt der Gro\u00dfteil der Siedler.<\/p>\n<p>Es besteht zwischen Israel und den Pal\u00e4stinensern eine schweigende \u00dcbereinkunft, dass diese Siedlungen in den \u201eAustausch von Gebieten\u201c eingeschlossen sind, die praktisch von jedem ins Auge gefasst werden, der sich mit der Zwei-Staaten-L\u00f6sung befasst. Die Grundlage ist ein Austausch von 1 zu 1 von gleichem Wert. Zum Beispiel: zum Ausgleich f\u00fcr die \u201eSiedlungsbl\u00f6cke\u201c k\u00f6nnte Israel Gebiete entlang des Gazastreifens abgeben. Die S\u00f6hne und T\u00f6chter der Familien innerhalb des Streifens, das \u00fcberv\u00f6lkertste Gebiet auf der Erde, w\u00fcrden diese Gelegenheit willkommen hei\u00dfen, um dort ihre Wohnst\u00e4tte in der N\u00e4he ihrer Familien zu bauen. Nennen wir diese Art von Siedlern \u201eGruppe 2\u201c. Zu dieser Gruppe geh\u00f6ren viele der ultra-orthodoxen Siedler, die sich wirklich nicht um die Lokalit\u00e4t k\u00fcmmern. Sie haben sehr gro\u00dfe Familien, womit sie Gottes Willen erf\u00fcllen. Sie m\u00fcssen auch in bedr\u00e4ngten Gemeinden zusammen leben, da viele Gebote ihres Glaubens gemeinsame Institutionen verlangen.<\/p>\n<p><strong>Die ultra-orthodoxen (\u201eHaredim\u201c auf Hebr\u00e4isch, bedeutet jene vor Gott Zitternden) l<\/strong>eben in schrecklich \u00fcberv\u00f6lkerten St\u00e4dten in Israel \u2013 West- Jerusalem, Bnei-Brak etc. Sie ben\u00f6tigen mehr Land und die Regierung ist gl\u00fccklich, ihnen beim Umsiedeln zu verhelfen \u2013 aber jenseits der Gr\u00fcnen Linie. Einer dieser Orte ist Modiin Illith, gegen\u00fcber dem arabischen Dorf Bilin, wo seit vielen Jahren jetzt die Dorfbewohner jeden Freitag gegen den Landraub demonstriert haben.&nbsp;<\/p>\n<p><strong>LAST BUT not least gibt es noch die ideologischen Siedler,<\/strong> die Fanatiker, diejenigen, die von Gott selbst dahin geschickt wurden. Nennen wir sie Gruppe 3. Sie sind der Kern des Problems. Diesen harten Kern umzusiedeln, ist ein schwieriger und gef\u00e4hrlicher Job. Wie schwierig, h\u00e4ngt von mehreren Faktoren ab.&nbsp;<\/p>\n<p>Als erstes: die \u00f6ffentliche Meinung. So lange wie diese Siedler f\u00fchlen, dass der Gro\u00dfteil der israelischen allgemeinen \u00d6ffentlichkeit sie unterst\u00fctzt, k\u00f6nnen sie nur mit brutaler Gewalt umgesiedelt werden. Aber die meisten Soldaten und Polizisten geh\u00f6ren genau derselben allgemeinen \u00d6ffentlichkeit an. Diese Schlacht kann nur dann gewonnen werden, wenn sich vorher die allgemeine Meinung ge\u00e4ndert hat. Um dies zu bewirken, ist eine Menge politischer Arbeit n\u00f6tig. Internationale Unterst\u00fctzung mag helfen. Aber ich glaube nicht, dass internationale Unterst\u00fctzung von &#8211; UN, den US und so weiter &#8211; erscheinen wird, wenn die Israelis selbst keinen Wechsel bewirken. Am Ende kann eine Umsiedlung des harten Kerns der Siedler mit Gewalt n\u00f6tig sein. Es ist nicht etwas, was man sich w\u00fcnscht, aber es ist etwas, was unvermeidlich sein kann.&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>DIE SIEDLER der Gruppe 3 sind sich dieser Faktoren voll bewusst, viel mehr als ihre Feinde. Seit Jahren sind sie jetzt mit einem systematischen Aufwand engagiert, in die Armee, die Regierung , in den zivilen Dienst und besonders in die Medien einzudringen.&nbsp; Diese Anstrengung ist \u00e4u\u00dferst erfolgreich gewesen, wenn auch nicht entscheidend. Das Friedenslagers muss \u00e4hnliche Anstrengungen machen.&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ein Hauptfaktor, der alles andere in den Schatten stellt, ist die Schlacht des Willens.<\/strong> Die Siedler k\u00e4mpfen f\u00fcr ihre Ideologie als auch um ihren Lebensstandard. Dies reflektiert \u00fcbrigens ein historisches und weltweites Ph\u00e4nomen: Die Menschen an der Grenze sind h\u00e4rter und mehr motiviert als Menschen die im geographischen Zentrum leben.&nbsp;<\/p>\n<p>Ein typisches Beispiel ist Preu\u00dfen. Anfangs war dies eine deutsche Grenz-Provinz mit sehr armem Land und wenig Kultur. Jahrhundertelang wurde deutsche Kultur in den wohl situierten St\u00e4dten im Landesinneren konzentriert. Aber durch reine Beharrlichkeit und Willenskraft wurde Preu\u00dfen zur dominanten Region Deutschlands. Als das vereinigte (zweite) deutsche Reich gegr\u00fcndet wurde, war Preu\u00dfen die entscheidende Macht.&nbsp; Ziemlich dasselbe geschah im S\u00fcden. \u00d6sterreich, eine kleine s\u00fcdliche Grenzprovinz, hat im Herzen Europas ein gro\u00dfes Reich errichtet, das viele verschiedene Nationalit\u00e4ten einschloss..&nbsp;<\/p>\n<p><strong>DIESE NOTWENDIGE kurze Skizze m\u00f6glicher L\u00f6sungen<\/strong> bem\u00fcht sich nur darum, aufzuzeigen, dass nichts unwiderruflich ist. Am Ende h\u00e4ngt alles von uns ab. Wenn wir Israel genug lieben, um f\u00fcr seine Existenz als Staat aufzustehen, einem Staat in dem wir gerne leben und mit dem wir uns identifizieren k\u00f6nnen, sollten wir rechtzeitig handeln. W\u00fcrde es nicht schade sein, wenn alle Bem\u00fchungen und Hoffnungen von 120 Jahren im Morast eines elendigen, h\u00e4sslichen kleinen Apartheit-Staates versinken w\u00fcrde?<br \/>\n(dt. Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)<br \/>\nQuelle (mit freundlicher Genehmigung): <a href=\"http:\/\/www.uri-avnery.de\/news\/401\/17\/Ja-wir-koennen\" target=\"_blank\">Frieden f\u00fcr Israel und Pal\u00e4stina &#8211; Texte von Uri Avnery v. 07.01.2017<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Text von Uri Avnery vom 7. Januar 2017. W\u00c4HREND DES 2. WELTKRIEGES, als deutsche Bomber England terrorisierten, stand eine kleine Gruppe britischer tapferer Flieger ihnen gegen\u00fcber. Ihre Lebenserwartung wurde nach Tagen gez\u00e4hlt. 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