{"id":4366,"date":"2017-02-07T13:21:54","date_gmt":"2017-02-07T13:21:54","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=4366"},"modified":"2017-02-09T08:20:20","modified_gmt":"2017-02-09T08:20:20","slug":"was-in-den-besetzten-gebieten-geschieht-ist-schlimmer-als-apartheid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=4366","title":{"rendered":"\u00bbWas in den besetzten Gebieten geschieht, ist schlimmer als Apartheid\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Israel unterdr\u00fcckt die Pal\u00e4stinenser \u2013 viele ehemalige Freiheitsk\u00e4mpfer erinnert dies an das rassistische Regime in S\u00fcdafrika. Ein Gespr\u00e4ch mit Farid Esack<br \/>\nInterview: Karin Leukefeld<!--more-->Farid Esack ist ein islamischer Befreiungstheologe aus S\u00fcdafrika. Er war unter Nelson Mandela Beauftragter f\u00fcr Gendergerechtigkeit. In seiner Heimat engagiert er sich in der Initiative \u00bbBoycott, Divestment, Sanctions\u00ab (BDS), die sich f\u00fcr die Rechte der Pal\u00e4stinenser einsetzt. Im diesem Wintersemester ist er Gastprofessor an der Akademie der Weltreligionen der Universit\u00e4t Hamburg.<\/p>\n<p><strong>Sie wurden 1959 in S\u00fcdafrika geboren, wuchsen in der Zeit der Apartheid auf und k\u00e4mpften dagegen. Ein enger Verb\u00fcndeter des Regimes war damals Israel, lassen sich die beiden Systeme vergleichen?<\/strong><\/p>\n<p>Man muss unterscheiden zwischen einerseits Israel und andererseits dessen Verhalten in den besetzten pal\u00e4stinensischen Gebieten. Was den Staat Israel betrifft, sind beide Systeme vergleichbar: die t\u00e4gliche Diskriminierung der Pal\u00e4stinenser, die unterschiedlichen Gesetze, die f\u00fcr die arabischen und die j\u00fcdischen B\u00fcrger gelten. Diese diskriminieren ganz klar in der Frage von Land- und Hauseigentum, aber auch im sozialen Bereich wie bei der Bildung oder der Gesundheitsversorgung. Die Antwort ist also ja, die Apartheid S\u00fcdafrikas ist dem System im heutigen Staat Israel vergleichbar. Was die Lage in den besetzten Gebieten betrifft \u2013 beispielsweise hinsichtlich der Kontrolle der Ressourcen \u2013, ist ein solcher Vergleich nicht zul\u00e4ssig, dort ist es viel schlimmer, als es in S\u00fcdafrika war.<\/p>\n<p><strong>Geben Sie bitte ein Beispiel.<\/strong><\/p>\n<p>Wir Schwarzafrikaner konnten uns von einem Ort zum anderen bewegen. Israel hat eine Mauer gebaut. Es gibt Stra\u00dfen f\u00fcr j\u00fcdische und f\u00fcr arabisch-pal\u00e4stinensische B\u00fcrger, f\u00fcr letztere gibt es zudem Kontrollpunkte. Jeder S\u00fcdafrikaner, der aktiv gegen die Apartheid gek\u00e4mpft hat und in Israel und in den besetzten Gebieten war, hat gesagt, dass die allgemeinen Lebensbedingungen f\u00fcr die Pal\u00e4stinenser viel schlimmer sind, als es unser Leben als Schwarzafrikaner w\u00e4hrend der Apartheid war.<\/p>\n<p><strong>Die Lage der Pal\u00e4stinenser wird nur selten in Deutschland \u00f6ffentlich thematisiert. Sind S\u00fcdafrikaner sensibler f\u00fcr die Ungerechtigkeit?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich als Schwarzafrikaner nach Israel reise, ist das System der Apartheid f\u00fcr mich sofort sichtbar. Das ist sicherlich die eigene Erfahrung, die daf\u00fcr sensibilisiert. Au\u00dferdem waren die Pal\u00e4stinenser immer solidarisch mit unserem Kampf und dem Afrikanischen Nationalkongress.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite hatte Tel Aviv immer Pretoria unterst\u00fctzt. Beide Regierungen haben Waffengesch\u00e4fte abgewickelt, es gab sogar eine gemeinsame R\u00fcstungsproduktion. Deswegen gibt es viele S\u00fcdafrikaner, die zornig auf Israel sind. Es gibt daher in unserer Gesellschaft einen breiten Konsens, dass die Pal\u00e4stinenser in ihrem Kampf f\u00fcr ihre Rechte und um Gerechtigkeit unterst\u00fctzt werden m\u00fcssen. Es ist ein Tabu, sich mehr f\u00fcr Israel zu engagieren als f\u00fcr die Pal\u00e4stinenser.<\/p>\n<p><strong>Ein Tabu mit umgekehrten Vorzeichen gibt es in Deutschland \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin nicht nur Schwarzafrikaner, sondern auch Internationalist und akzeptiere den Kampf aller Menschen um ihre Rechte. Ob es um die Geschlechterfrage oder um die Umwelt geht, ich bin daf\u00fcr ebenso sensibel wie f\u00fcr den Kampf der Pal\u00e4stinenser um Gerechtigkeit.<\/p>\n<p><strong>In Deutschland steht beim Thema Israel die Schuld f\u00fcr die Verbrechen der Nazis an erster Stelle. Kritik am Vorgehen Tel Avivs wird zum Schweigen gebracht. Tr\u00e4gt dies zur anhaltenden Unterdr\u00fcckung bei?<\/strong><\/p>\n<p>Auf jeden Fall. Europa hat viel zu lange geschwiegen. Es ist verst\u00e4ndlich angesichts der Geschichte, dass man den USA f\u00fcr den Marshallplan dankbar ist. Doch diese Schuld Europas und Deutschlands gegen\u00fcber den USA ist l\u00e4ngst zum Bindeglied globaler finanzieller Interessen geworden, Europa ist zum Komplizen der US-amerikanischen Politik im Mittleren Osten geworden. Damit hat der globale Norden es Netanjahu und Israel erm\u00f6glicht, immer neue Siedlungen zu bauen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem hat die Lobby Israels Wege gefunden, Menschen auf skrupellose Weise zum Schweigen zu bringen. Dabei m\u00f6chte ich ausdr\u00fccklich sagen, dass diese Lobby nicht die j\u00fcdische Gemeinschaft ist. Sehr viele Juden in der ganzen Welt setzen sich f\u00fcr Gerechtigkeit ein. Das haben wir auch in unserem Kampf gegen die Apartheid erlebt. Zu unseren gr\u00f6\u00dften Helden geh\u00f6rten Joe Slovo oder Denis Goldberg. Die Idee, dass Gut und B\u00f6se im Blut der Menschen sei, ist unwissenschaftlich und einfach absurd.<\/p>\n<p>Quelle (mit freundlicher Genehmigung): <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/2017\/02-07\/015.php\" target=\"_blank\">junge Welt v. 07.02.2017<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Israel unterdr\u00fcckt die Pal\u00e4stinenser \u2013 viele ehemalige Freiheitsk\u00e4mpfer erinnert dies an das rassistische Regime in S\u00fcdafrika. 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