{"id":4435,"date":"2017-02-16T09:39:53","date_gmt":"2017-02-16T09:39:53","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=4435"},"modified":"2017-02-16T09:39:53","modified_gmt":"2017-02-16T09:39:53","slug":"die-siedlungen-als-plastiktueten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=4435","title":{"rendered":"Die Siedlungen als Plastikt\u00fcten"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Levy-gideon-wikimedia-commons.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Levy-gideon-wikimedia-commons.jpg\" width=\"200\" height=\"200\"><\/a>von Gideon Levy<\/p>\n<p>Eine Revolution hat gerade in Israel stattgefunden, als Gesch\u00e4fte begannen, einen Preis f\u00fcr Plastikt\u00fcten zu verlangen. Wenn die Vorstellung, 10 Agorot [2,6 Cent] bezahlen zu m\u00fcssen, das Land in einen Haufen Umweltsch\u00fctzer verwandeln kann, was mag erst geschehen, wenn auch die Siedlungen sie im Geldbeutel treffen w\u00fcrden?<!--more--><\/p>\n<p>Der Schaden, den sie verursachen, ist enorm. Sie vergehen nicht in Jahrhunderten. Sie verbreiten sich, werden vom Winde verweht, verschmutzen weite Fl\u00e4chen. Sie verunreinigen in der Tat die ganze Gegend und t\u00f6ten sogar (Tiere). Die Israelis wissen dies seit Langem, kr\u00fcmmten allerdings nie einen Finger, um sich dieses \u00e4rgerlichen Problems zu entledigen \u2013 das die Umwelt zunehmend belastete. Die Israelis verdr\u00e4ngten, verleugneten und ignorierten das sich verschlimmernde Problem im Glauben, dass es auf diese Weise von selbst verschwinden w\u00fcrde. Tat es aber nicht. Es wurde immer gr\u00f6\u00dfer. Die Plastikt\u00fcten werden kaum wiederverwendet, au\u00dfer um Hundekot einzusammeln; und die Israelis verbrauchen j\u00e4hrlich 2,7 Milliarden davon \u2013 325 T\u00fcten pro Person.<\/p>\n<p>Und dann wurde ein Gesetz verabschiedet. 10 Agorot (2,6 Cent) f\u00fcr eine T\u00fcte. Und simsalabim \u2013 waren sie verschwunden. Drei Wochen sind vergangen, und in den Superm\u00e4rkten keine T\u00fcten mehr. Der eine Million Schekel teure Jeep auf dem Parkplatz, und sein Besitzer spart 10 Agorot. Pl\u00f6tzlich fanden sich Alternativen: Gro\u00dfmutters Stoffbeutel, Rolltaschen, wiederverwendbare T\u00fcten \u2013 die sich auch noch als praktisch erwiesen. Wie konnten wir nur mit diesen giftigen T\u00fcten so lange leben? Wie konnten wir sie hundertfach verbrauchen \u2013 blind f\u00fcr die Sch\u00e4den.<\/p>\n<p>Zehn Agorot machten den Unterschied aus. F\u00fcr 10 Agorot ver\u00e4nderten wir die Wirklichkeit, so dass sie kaum wiederzuerkennen ist. F\u00fcr 10 Agorot retteten wir die Welt. F\u00fcr 10 Agorot erwachten die Israelis aus ihrer Apathie und wurden zu Umweltsch\u00fctzern. Die 10-Agorot-Revolution. Tausend Werbekampagnen h\u00e4tten dieses Resultat nicht erreicht. Die Schlussfolgerung: Geh den Leuten an den Geldbeutel.<\/p>\n<p>Der Schaden, den sie anrichten, ist enorm. Sie verschwinden nicht in Jahrzehnten. Sie breiten sich aus und vergiften die Umwelt, und sie t\u00f6ten (Menschen). Die Siedlungen.<\/p>\n<p>Die meisten Israelis wissen das, aber es ist ihnen egal. Sie sind sich des nicht wieder gut zu machenden Schadens bewu\u00dft \u2013 aber es entlockt ihnen ein G\u00e4hnen. Ja zu den Siedlungen, nein zu den Siedlungen \u2013 was soll\u2018s? Wer geht schon jemals hin? Aber die Siedlungen verdienen ihr eigenes 10-Agorot-Gesetz. Was bei den Plastikt\u00fcten funktionierte, wird auch in diesem Fall funktionieren.<\/p>\n<p>Solch ein Gesetz wird allerdings nicht verabschiedet werden in Israel. Die Siedler sind zu m\u00e4chtig. Aber wenn die Welt es verabschiedet und die Israelis zur Kasse gebeten werden f\u00fcr die Siedlungen \u2013 wird der Weckruf sofort ert\u00f6nen. Wir bezahlen bereits einen gewaltigen Preis f\u00fcr diese Gier nach Land \u2013 an Blut, Geld und moralischem Ansehen in der Welt. Aber die wenigsten sind bereit, den Zusammenhang von Ursache und Wirkung, von Verbrechen und Strafe zuzugeben. Es gibt auch Leute, die diesen Zusammenhang vernebeln und zum Verschwinden bringen. Wie bei den Plastikt\u00fcten ist alles, was es braucht, einen ehrlichen Preis. Die Israelis sind nicht willens, ihn zu bezahlen.<\/p>\n<p>Der Tag, an dem die Mehrheit wei\u00df, dass sie f\u00fcr die Siedlungen zu zahlen hat, wird der Anfang vom Ende f\u00fcr diese sein. Der Tag, an dem der Schaden sp\u00fcrbar ist, durch Ausgrenzung und \u00f6konomische Sanktionen, wird der Tag des Weckrufs sein. Deswegen sind Boykotte und Sanktionen so notwendig f\u00fcr Israel. Deswegen kann die BDS-Bewegung Israel immer noch retten \u2013 ohne dies nat\u00fcrlich zu beabsichtigen. Es entbehrt nicht der Ironie: Das \u201eLegal Forum for a Democratic Zionist Israel\u201c [\u201eLegales Forum f\u00fcr ein demokratisches zionistisches Israel\u201c] schrieb einen erstaunlichen Brief an Supermarkt-Ketten, in dem es behauptete, das Plastikt\u00fcten-Gesetz gelte nicht f\u00fcr die Siedlungen. M\u00f6glicherweise haben die Siedler begriffen, wie gef\u00e4hrlich der Erfolg des Gesetzes f\u00fcr sie ist.<\/p>\n<p>Man beachte, was 10 Agorot zuwege bringen k\u00f6nnen, und bedenke, was bei wirklichen Sanktionen, die jeder Israeli zu sp\u00fcren bekommt, geschehen mag? Was passieren wird, wenn die Flugh\u00e4fen Charles de Gaulle, JFK und Heathrow f\u00fcr Israelis ohne Visum versperrt sind? Und IKEA, Zara und McDonald\u2018s ihre Niederlassungen hier schliessen. Was passiert, wenn Hyundai- und Kia-Autos in Israel nicht mehr verkauft werden und es klar ist, dass dies wegen der Siedlungen geschieht?<\/p>\n<p>Ohne derartige Sanktionen wird sich nichts \u00e4ndern \u2013 genau so, wie sich bei den Plastikt\u00fcten nichts \u00e4nderte ohne Sanktionen. So wie bei den T\u00fcten wird uns das Ergebnis angenehm \u00fcberraschen. Wie bei den T\u00fcten werden wir uns pl\u00f6tzlich fragen, warum wir nicht fr\u00fcher daran gedacht haben. Und wie bei den T\u00fcten werden wir pl\u00f6tzlich verstehen, wie gut und sicher es ohne sie geht.<\/p>\n<p>Ohne Plastikt\u00fcten und Siedlungen, die unser Leben vergiftet und unsere Zukunft gef\u00e4hrdet haben.<\/p>\n<p>(\u00dcbersetzung: J\u00fcrgen Jung).<\/p>\n<p>Gideon Levy (* 1953 in Tel Aviv) ist ein bekannter israelischer Journalist. Er gilt als scharfer Kritiker der israelischen Besatzungspolitik in Pal\u00e4stina.<\/p>\n<p>Levy studierte Politikwissenschaft in Tel Aviv und war 1978-82 Mitarbeiter von Schimon Peres. Seit 1982 schreibt er f\u00fcr die linksgerichtete Tageszeitung Haaretz. Seit 1988 ver\u00f6ffentlicht er dort die Kolumne Twilight Zone \u00fcber die Lebensverh\u00e4ltnisse der Pal\u00e4stinenser in den von Israel besetzten Gebieten. Da Levy internationale Boykotte gegen Israel bef\u00fcrwortet, werfen ihm Kritiker eine antiisraelische Haltung vor sowie die Unterst\u00fctzung radikaler Kr\u00e4fte unter den Pal\u00e4stinensern.<\/p>\n<p>Quellen: The Settlements as Plastic Bags. In: <a href=\"http:\/\/www.haaretz.com\/opinion\/.premium-1.768038\" target=\"_blank\">Haaretz v. 2901.2017<br \/>\n<\/a><a href=\"http:\/\/der-semit.de\/die-siedlungen-als-plastiktueten\/\" target=\"_blank\">Der Semit v. 04.02.2017<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Gideon Levy Eine Revolution hat gerade in Israel stattgefunden, als Gesch\u00e4fte begannen, einen Preis f\u00fcr Plastikt\u00fcten zu verlangen. 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