{"id":4444,"date":"2017-02-19T07:56:17","date_gmt":"2017-02-19T07:56:17","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=4444"},"modified":"2017-02-19T07:59:36","modified_gmt":"2017-02-19T07:59:36","slug":"warum-ich-als-stolze-israelin-moechte-dass-die-welt-uns-boykottiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=4444","title":{"rendered":"Warum ich, als stolze Israelin, m\u00f6chte, dass die Welt uns boykottiert"},"content":{"rendered":"<p>Schweren Herzens bitte ich meine Mitb\u00fcrger, sich an die Spitze des internationalen Boykotts zu stellen, weil unser Land ansonsten verloren ist.<!--more--><\/p>\n<p><em>Von Ilana Hammerman<\/em><\/p>\n<p>\u201eBoykottaufrufe aus politischen Gr\u00fcnden stellen ein legitimes Mittel dar, das unter den Schutz der Meinungsfreiheit f\u00e4llt\u201c- so stellte es k\u00fcrzlich ein Leitartikel in Haaretz klar. (\u201eEintritt f\u00fcr Kritiker verboten\u201c, 17. 1. 2017) Dies wurde geschrieben, nachdem der Innen- und Umweltausschuss der Knesset die zweite und dritte Lesung einer Gesetzesvorlage gebilligt hatte, die die Ausstellung eines Visums oder einer Aufenthaltsgenehmigung f\u00fcr Ausl\u00e4nder untersagt, die zum Boykott Israels oder der Siedlungen [in den besetzten Gebieten] aufrufen.<\/p>\n<p>Ich berufe mich daher auf diese autoritative Feststellung von Haaretz, um israelische B\u00fcrger, die sich dem Friedenslager zurechnen, aufzurufen, die internationale Gemeinschaft zu bitten, Israel mit einem Boykott zu belegen.<\/p>\n<p>Ich bin keine Ausl\u00e4nderin, und ich wende mich mit meiner Bitte auch nicht an Ausl\u00e4nder. Ich wei\u00df nicht, ob ich damit gegen irgendeines der undemokratischen, illegitimen Gesetz versto\u00dfe, die verabschiedet wurden, um mir und denen, die meine Meinung teilen \u2013 sie alle sind Israelis \u2013 die Meinungsfreiheit zu verwehren und unsere humanen und politischen Bem\u00fchungen zur\u00fcckzuweisen, aktiv zu werden.<\/p>\n<p>Eines allerdings wei\u00df ich: mit Herz und Seele bin ich diesem Land verbunden, wo ich vor 72 Jahren geboren wurde, dem ich meine besten Jahre in beruflicher wie gesellschaftlicher Hinsicht gewidmet habe und von dem mich loszurei\u00dfen ich nicht gewillt bin. Ehrlich gesagt: ich habe kein anderes Land.<\/p>\n<p>Als eine israelische B\u00fcrgerin und eine Frau, die sich gesellschaftlich engagiert, stelle ich fest, dass der Staat mein grundlegendes Recht, im Einklang mit meinem Gewissen zu leben, nicht respektiert. Das Judentum, das er mir aufzuzwingen versucht, ist nicht mein Judentum. Dar\u00fcber hinaus wird der nationalistische und rassistische Fanatismus der Regierung (angef\u00fchrt von den Ministern des Inneren, der Kultur und der Erziehung) zunehmend extremer und steht in v\u00f6lligem Gegensatz zu den Werten, die mir die teuersten sind. Diese Missst\u00e4nde sind eine innere Angelegenheit der israelischen Gesellschaft, und ich habe das Recht \u2013 und zumindest vorerst noch die M\u00f6glichkeit \u2013 von daher f\u00fcr ihre Korrektur zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Intervention erforderlich<\/p>\n<p>Die Tatsache allerdings, dass Israel unentwegt die Grunds\u00e4tze des humanit\u00e4ren V\u00f6lkerrechts verletzt, rechtfertigt auch die Intervention der internationalen Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Diese Grunds\u00e4tze wurden nicht etwa entwickelt, damit jedes Land und seine B\u00fcrger mit ihnen nach Gutd\u00fcnken verfahren. Sie wurden niedergelegt infolge von Lehren, die aus dem 2. Weltkrieg gezogen wurden, in dessen Verlauf Millionen Menschen get\u00f6tet, verhaftet, aus ihren Heimen vertrieben und ausgewiesen wurden. Sie zielten darauf ab, Bev\u00f6lkerungen in besetzten Gebieten zu sch\u00fctzen und Schaden von ihnen abzuwenden.<\/p>\n<p>Israel hat das Westjordanland unter seiner Gewalt und kontrolliert das Schicksal von Millionen seiner arabischen Bewohner durch Besatzungsrecht und Milit\u00e4rregierung. Auf diese Weise verletzt es alle grundlegenden Prinzipien dieser Abkommen. Es siedelt seine B\u00fcrger in den Gebieten an und zerst\u00f6rt dort das Eigentum von Einzelnen und Gemeinden. Es enteignet \u00f6ffentliche und private L\u00e4ndereien nach seinen eigenen Bed\u00fcrfnissen und denen seiner Siedler. Und es verh\u00e4ngt regelm\u00e4\u00dfig und systematisch kollektive Strafma\u00dfnahmen gegen die Pal\u00e4stinenser. Es schr\u00e4nkt ihre Bewegungsfreiheit und ihre zivilen Aktivit\u00e4ten ein und kerkert Zehntausende ein in Gef\u00e4ngnissen auf seinem Hoheitsgebiet: etwa eine Million Pal\u00e4stinenser sind seit 1967 auf der Basis von Milit\u00e4rrecht oder sogar ohne Verfahren inhaftiert worden.<\/p>\n<p>All diese Verletzungen der Menschenrechte sind nicht etwa in Kriegszeiten oder im Verlauf von ein oder zwei Jahren geschehen, sondern w\u00e4hrend 50 (der ann\u00e4hernd 69) Jahren von Israels Existenz. Man mu\u00df kein Rechtsanwalt oder Milit\u00e4rexperte sein um zu verstehen, dass es f\u00fcr diese systematische Politik keinerlei rechtliche oder sicherheitspolitische Rechtfertigung gibt: offene Augen und der gesunde Menschenverstand reichen aus um zu begreifen, dass sie von ideologischen Motiven angetrieben wird \u2013 seien sie versteckt und irref\u00fchrend wie fr\u00fcher oder unumwunden und kaltschn\u00e4uzig wie gegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p>Und daher habe ich, als israelische B\u00fcrgerin und als Frau, die sich im gesellschaftlichen Leben engagiert, es seit Langem als mein Recht und als meine Pflicht angesehen, die Augen aufzumachen und hinzuschauen \u2013 und diese illegalen Anschl\u00e4ge auf Leben, Besitz, W\u00fcrde und Freiheit der Menschen zu bezeugen, die mein Land und seine Soldaten, seine Beh\u00f6rden und Beamten nur wenige Kilometer von meinem Zuhause entfernt ver\u00fcben.<\/p>\n<p>Und in den letzten Jahren habe ich es auch \u2013 angesichts der Gleichg\u00fcltigkeit der meisten israelischen B\u00fcrger \u2013 als mein Recht und meine Pflicht angesehen, zur \u00dcbertretung von Verordnungen und Gesetzen aufzurufen, die bei der Durchf\u00fchrung dieser \u00dcbergriffe involviert sind. Ich missachte diese Anordnungen und Gesetze auch selbst: Ich besuche z. B. Pal\u00e4stinenser in den besetzten Gebieten, trotz der roten Schilder, die es mir verbieten, und gelegentlich schmuggle ich einen pal\u00e4stinensischen Arbeiter zu seinem Arbeitsplatz, eine Frau und ihre Kinder zum Strand oder Familienmitglieder zu einem Verwandten, der in einem israelischen Krankenhaus liegt.<\/p>\n<p>Aber w\u00e4hrend ich all dies aus vollem Herzen gerne mache \u2013 aus politischen und moralischen Gr\u00fcnden und dem Wunsch, verfolgten Menschen in Not zu helfen -, tue ich mich gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig doch \u00e4u\u00dferst schwer, Israelis aufzurufen, die internationale Gemeinschaft zu bitten, einen Boykott zu bef\u00fcrworten. Ich mache dies allein aus politisch-pragmatischen Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Denn Israel ist nicht das Land, das es am meisten verdient, mit einem Boykott belegt zu werden. Im 20. und 21. Jahrhundert gab und gibt es S\u00fcnder, die hundertmal schlimmer sind. Einige der scheu\u00dflichsten Gr\u00e4ueltaten der Neuzeit wurden von einer Reihe europ\u00e4ischer Staaten in ihren asiatischen und afrikanischen Kolonien mit Schl\u00e4chtereien, Unterdr\u00fcckung und Besatzung ver\u00fcbt. Und die Sowjetunion hat innerhalb ihrer eigenen Grenzen Millionen von Menschen durch Mord, Hunger und Folter ausgel\u00f6scht. Andere Gr\u00e4ueltaten wurden von den Vereinigten Staaten begangen, die die Atombombe auf Japan abwarfen und chemische Waffen in Vietnam einsetzen.<\/p>\n<p>Und wenn es heute blo\u00df m\u00f6glich w\u00e4re, Sanktionen gegen China wegen seiner grausamen Verletzungen der Menschenrechte zu verh\u00e4ngen und gegen Russland wegen seiner barbarischen Einmischung in Syrien, sollte dies geschehen. Aber es ist nicht machbar. Es handelt sich um Gro\u00dfm\u00e4chte, von denen die Welt abh\u00e4ngig ist und nicht umgekehrt.<\/p>\n<p>Israel dagegen ist ein Staat, dessen Wirtschaft von der Welt und ihrem Verhalten abh\u00e4ngt. Ein Wirtschaftsboykott \u2013 oder zumindest Sanktionen, wie sie gegen\u00fcber dem Iran verh\u00e4ngt wurden \u2013 d\u00fcrfte seine Politik mit Sicherheit beeinflussen. Wegen der Beeintr\u00e4chtigung des allt\u00e4glichen Lebens w\u00fcrde er sogar die \u00f6ffentliche Meinung beeinflussen, so dass die Menschen endlich \u00fcber die Wirklichkeit nachdenken m\u00fcssten, in der sie leben \u2013 wenn schon nicht \u00fcber die aktuellen Ungerechtigkeiten, dann zumindest \u00fcber das Pulverfass, auf dem sie leben, und in das sie unaufh\u00f6rlich Funken schlagen.<\/p>\n<p>Der Weg zu einer friedlichen L\u00f6sung ist im Grunde geebnet, weil es gleichg\u00fcltig ist, wo genau die Gerechtigkeit in diesem Konflikt liegt. Zweifellos liegt die gr\u00f6\u00dfere St\u00e4rke bei Israels milit\u00e4rischer Macht, nicht bei den Pal\u00e4stinensern mit ihren Messerangriffen und Lastwagenattacken. Israel ist die die Realit\u00e4t vor Ort bestimmende Seite, die sie st\u00e4ndig unwiderruflich ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Aber es ist angemessen, dass der Boykottaufruf von innerhalb Israels kommt \u2013 von jenen braven B\u00fcrgern, die hier leben und sich \u00e4ngstigen um ihr und ihres Landes Schicksal. Ja, um das Schicksal ihres Landes, nicht um das der Pal\u00e4stinenser \u2013 ihr physisches und auch ihr moralisches Schicksal, das jetzt in den H\u00e4nden politischer Kr\u00e4fte liegt, die es in den Untergang treiben.<\/p>\n<p>Ja, diese B\u00fcrger sind brav, und es sind viele, selbst wenn sie in der Minderheit sind und das Regime ihr Land mit der Unterst\u00fctzung der Mehrheit seiner Bewohner f\u00fchrt, die dieses Regime demokratisch gew\u00e4hlt haben.<\/p>\n<p>Die Minderheit muss jedoch diese Demokratie nicht respektieren. Denn nirgendwo auf der Welt garantiert eine Mehrheitsentscheidung eine wirklich demokratische Regierung, und dies ganz gewiss nicht dort, wo sie das Schicksal von Millionen Menschen bestimmt, die nicht gleichberechtigte Partner sind, wo sie, schlimmer noch, auf eine Katastrophe zusteuert.<\/p>\n<p>In der Tat k\u00f6nnen diese B\u00fcrger ein solches Unheil bereits \u00fcber ihren H\u00e4uptern schweben sehen. Hinweise darauf lassen sich z. B. in den zahllosen Artikeln finden, die in Haaretz geschrieben werden: \u201eWappnet euch\u201c, legen sie ihren Lesern nahe. \u201eGeht auf die Stra\u00dfen\u201c, bitten sie \u2013 als wenn die Stra\u00dfen uns immer noch geh\u00f6ren w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Aber dies sind leere Worte. Es scheint, wir sind nicht geboren, uns zu wappnen angesichts einer gewaltbereiten \u00d6ffentlichkeit. Also, mobilisieren wir Zivilcourage, und gehen wir an die \u00d6ffentlichkeit mit einem ruhigen, n\u00fcchternen Aufruf an die internationale Gemeinschaft, \u00fcber Israel einen Wirtschafts-Boykott zu verh\u00e4ngen. Ja, \u00fcber den Staat Israel, nicht nur \u00fcber die Siedlungen, denn schon seit Langem gibt es keine zwei Wirtschaftssysteme mehr: \u00fcber die Gr\u00fcne Linie hinweg (die Grenze von vor 1967) existiert nur eine einzige Wirtschaft.<\/p>\n<p>Lasst uns dies mit einem einzigen einfachen Wunsch tun: unsere Existenz an diesem Ort zu sichern. Denn das ist es, worum es im Kern geht \u2013 unsere Existenz, unser Leben. Ansonsten wird es f\u00fcr uns ein Leben nicht mehr lange geben \u2013 f\u00fcr uns, die wenigen Millionen in einer Umgebung von Dutzenden Millionen, in der unsere F\u00fchrer entschieden haben, dass wir f\u00fcr immer mit dem Schwert leben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wenn der Schrei zur Rettung Israels aus unseren M\u00fcndern kommt, laut und klar und wohlbegr\u00fcndet, wird es jene geben, die ihn h\u00f6ren, obwohl wir nur eine Minderheit sind.<\/p>\n<p>Kein vern\u00fcnftiger Mensch k\u00f6nnte uns des Antisemitismus und des Israelhasses bezichtigen. Schlie\u00dflich sind wir Juden und Israelis, und als Juden und Israelis m\u00f6chten wir hier bleiben \u2013 um zu leben, nicht um zu sterben.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.haaretz.com\/opinion\/.premium-1.767900?utm_content=%2Fopinion%2F.premium-1.767900&amp;utm_medium=email&amp;utm_source=smartfocus&amp;utm_campaign=newsletter-opinion&amp;utm_term=20170129-15%3A01\" target=\"_blank\">Haaretz v. 29.01.2017<\/a><\/p>\n<p>(\u00dcbersetzung: J\u00fcrgen Jung)<\/p>\n<p><em>\u201eIlana Hammerman hat sich als vielfach ausgezeichnete \u00dcbersetzerin deutscher und franz\u00f6sischer Literatur einen Namen gemacht; als Verlegerin und Publizistin wie auch in ihrem Privatleben sucht sie eigene \u2013 und nie bequeme \u2013 Wege.\u201c (NZZ)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schweren Herzens bitte ich meine Mitb\u00fcrger, sich an die Spitze des internationalen Boykotts zu stellen, weil unser Land ansonsten verloren ist.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-4444","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4444","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4444"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4444\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4449,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4444\/revisions\/4449"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4444"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4444"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4444"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}