{"id":4463,"date":"2017-03-03T12:46:42","date_gmt":"2017-03-03T12:46:42","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=4463"},"modified":"2017-03-03T17:39:40","modified_gmt":"2017-03-03T17:39:40","slug":"kein-plumper-antisemitismus-cdu-antrag-in-der-hamburger-buergerschaft-abgelehnt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=4463","title":{"rendered":"Kein &#8222;plumper Antisemitismus&#8220;. CDU-Antrag in der Hamburger B\u00fcrgerschaft abgelehnt"},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9WSFcJW5YRM\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/17-03-03-farid-esack-youtube.jpg\" width=\"300\" height=\"173\"><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Farid Esack im youtube-Interview<\/p><\/div>\n<p>Der umk\u00e4mpfte CDU-Antrag wurde schlie\u00dflich am Mittwoch, 1. M\u00e4rz 2017, von einer Mehrheit in der Hamburger B\u00fcrgerschaft abgelehnt. In dem Antrag hie\u00df es u.a.: &#8222;Wer&nbsp; unter&nbsp; der&nbsp; Fahne&nbsp; der&nbsp; BDS-Bewegung&nbsp; zum&nbsp; allgemeinen Boykott israelischer Waren und Dienstleistungen aufruft, der spricht heute in der gleichen Sprache, in der man einst die Menschen dazu aufgerufen hat, nicht bei&nbsp; Juden&nbsp; zu&nbsp; kaufen.&nbsp;<!--more--> Das&nbsp; ist&nbsp; plumper&nbsp; Antisemitismus,&nbsp; wie&nbsp; ihn&nbsp; schon&nbsp; die&nbsp; Nationalsozialisten benutzt haben. Mit BDS kommt der Antisemitismus als Antizionismus daher, doch&nbsp; auch&nbsp; in&nbsp; den&nbsp; neuen&nbsp; Kleidern&nbsp; des&nbsp; 21.&nbsp; Jahrhunderts&nbsp; ist&nbsp; Judenfeindlichkeit&nbsp; grunds\u00e4tzlich zu verurteilen und abzulehnen. [&#8230;]&#8220;&nbsp; (<a href=\"http:\/\/www.buergerschaft-hh.de\/ParlDok\/dokument\/56407\/resolution-der-antisemitischen-bds-bewegung-konsequent-entgegentreten.pdf\" target=\"_blank\">der ganze Antrag hier<\/a>)<\/p>\n<p>Ein Antrag von SPD und Gr\u00fcnen dagegen wurde mit Mehrheit angenommen. Und also beschloss die B\u00fcrgerschaft etwas v\u00f6llig Selbstverst\u00e4ndliches, n\u00e4mlich dass sie es &#8222;f\u00fcr legitim [halte], die Politik israelischer Regierungen zu kritisieren, ohne in den Verdacht von Antisemitismus zu geraten.&#8220; (<a href=\"http:\/\/gruenefraktion-107d.kxcdn.com\/sites\/default\/files\/dokument\/antrag_antisemitismus_entgegentreten.pdf\" target=\"_blank\">der ganze Antrag hier<\/a>)<\/p>\n<p>Also viel L\u00e4rm um nichts? Nicht ganz, denn in dieser B\u00fcrgerschaftssitzung kulminierte ein \u00fcber mehrere Wochen und mit gro\u00dfer Erbitterung gef\u00fchrter Streit in Hamburg \u00fcber die Autonomie der Universit\u00e4t und \u00fcber das Recht von Fakult\u00e4ten und Institutionen, auch nicht mainstream-konforme Wissenschaftler in ihren Mauern zu Wort kommen zu lassen. <strong>Prof. Dr. Farid Esack<\/strong>, ein international bekannter und renommierter Religionswissenschaftler (&#8222;Befreiungstheologe&#8220;) mit der besonderen Expertise f\u00fcr islamische Theologie, war seit Beginn des Wintersemesters zu einer Gastprofessur an der Akademie der Weltreligionen an der Fakult\u00e4t f\u00fcr Erziehungswissenschaften der Universit\u00e4t Hamburg eingeladen worden.<\/p>\n<p>Der s\u00fcdafrikanische Wissenschaftler, unter Nelson Mandela u.a. Gleichstellungsbeauftragter f\u00fcr Frauen- und Homosexuellenrechte und Verfasser vieler B\u00fccher zum Thema Islam und Diskriminierung, erregte Ansto\u00df durch seine Eigenschaft als Vorsitzender der BDS-Bewegung in S\u00fcdafrika. Die Israelische Botschaft forderte die Universit\u00e4t sofort und ultimativ auf, Esack &#8222;nicht mehr auftreten zu lassen&#8220; und fuhr schwerstes Gesch\u00fctz auf. Farid Esack habe sich in der Vergangenheit antisemitisch ge\u00e4u\u00dfert und habe mit der Leugnung des Holocaust sympathsiert. Die &#8222;Christlichen Israelfreunde Norddeutschlands&#8220; und die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) in Hamburg unterst\u00fctzten diesen Angriff. Volker Beck, religionspolitischer Sprecher der Bundes-Gr\u00fcnen, wandte sich mit einem Brief an die Universit\u00e4t und befand: &#8222;So jemand hat keinen Platz an einer Universit\u00e4t&#8220;. (Welt.de v. 26.01.2017) Und&nbsp; Hamburgs Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Gr\u00fcne) erkl\u00e4rte pflichtschuldig, dass sie &#8222;keine Form von Antisemitismus an unseren Hochschulen&#8220; akzeptieren werde.<\/p>\n<p>Es gab allerdings und erfreulicherweise auch m\u00e4\u00dfigende Stimmen. Stefanie von Berg, religionspolitische Sprecherin der Regierungsfraktion der Gr\u00fcnen in der B\u00fcrgerschaft, hielt die Auffassungen von Farid Esack f\u00fcr &#8222;aushaltbar&#8220;. Daniel Bax referierte in einem l\u00e4ngeren Artikel in der Taz (<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!5379856\/\" target=\"_blank\">v. 09.02.2017<\/a>), abgedruckt ebenfalls in der Internetplattform Quantara (<a href=\"https:\/\/de.qantara.de\/inhalt\/der-islamische-theologe-farid-esack-mehr-als-nur-ein-israelkritiker\" target=\"_blank\">01.03.2017<\/a>) \u00fcber die Hintergr\u00fcnde dieser so vordergr\u00fcndigen Aff\u00e4re. Die BDS-Bewegung sei in vielen L\u00e4ndern (USA, Gro\u00dfbritannien oder Skandinavien) verbreitet und habe viele prominente F\u00fcrsprecherinnen wie z.B. Naomi Klein, Judith Butler oder Laurie Penny. In S\u00fcdafrika sei BDS sogar mehrheitsf\u00e4hig und werde offiziell von der Regierung unterst\u00fctzt. Farid Esack sei in S\u00fcdafrika w\u00e4hrend der Zeit der Rassentrennung in einem der damals typischen Townships aufgewachsen. Er verbinde in seinen B\u00fcchern den islamischen Glauben mit einer Kritik am Kolonialismus, Imperialismus und westlicher Hegemonie.<\/p>\n<p>BDS werde von ihm unterst\u00fctzt, weil viele Veteranen aus der Apartheid-Zeit in S\u00fcdafrika die Parallelen ziehen w\u00fcrden zur Situation der Pal\u00e4stinenser in ihrem Befreiungskampf. In der Taz hei\u00dft es weiter: &#8222;Esack ist sich der historischen Sensibilit\u00e4ten hierzulande durchaus bewusst. Dass er jedoch unterschlagen soll, dass er die Situation in Israel mit der in S\u00fcdafrika zur Zeit der Rassentrennung f\u00fcr vergleichbar h\u00e4lt, das sieht er nicht ein. In den besetzten Gebieten sei die Lage sogar noch schlimmer, findet er. Auch andere prominente S\u00fcdafrikaner wie Nelson Mandela und Bischof Desmond Tutu haben die Lage in Israel \u00e4hnlich scharf angeprangert.&#8220;<\/p>\n<p>Inzwischen hat auch Ilan Pappe, der bekannte israelische Historiker, der heute an der University of Exeter in Gro\u00dfbritannien lehrt, <a href=\"http:\/\/bds-kampagne.de\/2017\/02\/28\/ilan-pappe-israel-and-palestine-settler-colonialism-and-academic-freedom\/\" target=\"_blank\">sich zu dem &#8222;Hamburger Fall&#8220; ge\u00e4u\u00dfert<\/a>. In vielen L\u00e4ndern der Erde (in Nord-, Mittel- und S\u00fcdamerika, Afrika, Australien, Neuseeland) werde zur Zeit ihre Geschichte unter dem Paradigma des Siedlerkolonialismus untersucht. Nun w\u00fcrden nicht wenige Wissenschaftler*innen, auch israelische, untersuchen, ob sich dieses Paradima nicht auch auf Israel und Pal\u00e4stina anwenden lie\u00dfe. Das &#8222;Journal of Settler Colonial Studies&#8220; habe diesem Thema j\u00fcngst zwei Extra-B\u00e4nde gewidmet. Doktorand*innen in der ganzen Welt, auch in Deutschland, w\u00fcrden an diesen Themen arbeiten.<\/p>\n<p>&#8222;Akademiker*innen zum Schweigen zu bringen&#8220;, so Ilan Pappe, &#8222;die \u00fcber Siedlerkolonialismus oder ethnische S\u00e4uberung in Israel und Pal\u00e4stina lehren oder diese Themen in ihrer Forschung weiter vertiefen, stellt eine schwere Verletzung akademischer Freiheiten und der Meinungsfreiheit dar. Es delegitimiert die gro\u00dfe Mehrheit der Akademiker*innen weltweit, die heute zum Thema Israel und Pal\u00e4stina arbeiten und von denen viele diese Paradigmen anwenden um die Realit\u00e4ten der Vergangenheit und Gegenwart zu verstehen. Jemanden in Deutschland zu feuern oder seine Anstellung auslaufen zu lassen aufgrund einer solchen intellektuellen Neugierde, stellt eine Beleidigung gegen\u00fcber der Vergangenheit und den erfolgreichen Bem\u00fchungen um den Aufbau einer freien und demokratischen Gesellschaft dort dar.&#8220; Bedauerlicherweise geschehe genau dies zur Zeit in Deutschland. Und Pappe bezog sich dabei auf die F\u00e4lle Eleonora Rald\u00e1n Mednivils am Otto-Suhr-Institut der Freien Universit\u00e4t Berlin und Farid Esack an der Universit\u00e4t Hamburg.<br \/>\n<em>S\u00f6nke Hundt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der umk\u00e4mpfte CDU-Antrag wurde schlie\u00dflich am Mittwoch, 1. M\u00e4rz 2017, von einer Mehrheit in der Hamburger B\u00fcrgerschaft abgelehnt. 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