{"id":4514,"date":"2017-03-09T07:35:29","date_gmt":"2017-03-09T07:35:29","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=4514"},"modified":"2017-03-08T14:40:46","modified_gmt":"2017-03-08T14:40:46","slug":"gaza-von-der-welt-vergessen-aber-nicht-von-uns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=4514","title":{"rendered":"Gaza &#8211; von der Welt vergessen, aber nicht von uns!"},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/17-03-08-gaza-oxfam-international.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/17-03-08-gaza-oxfam-international.jpg\" height=\"200\" width=\"300\"><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Destruction in Gaza. Oxfam International<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Meldung aus Gaza, Gaza, am 07 -03- 2017<br \/>\nSehr geehrte Damen und Herren, Liebe Freundinnen und Liebe Freunde,<\/p>\n<p>Eigentlich ist nicht viel geschehen, seitdem ich Ihnen und Euch meine letzte Mail gesendet habe. Sie fragen sich vielleicht, warum ich mich dennoch schon wieder aus Gaza melde.<\/p>\n<p>Ja, man kann froh sein, wenn nicht viel geschieht. Aber wir leben damit, dass es jeden Tag schlimmer kommen kann.<!--more--> Es liegt dauernd eine Spannung in der Luft, die wir alle hier sp\u00fcren. Und dass die nicht unbegr\u00fcndet ist, kann man in israelischen Tageszeitungen nachlesen, wenn dort Politiker zitiert werden. Manchmal denke ich, dass manche Politiker dort nur auf den passenden Moment, auf den \u201eguten\u201c Grund warten, das \u201eProblem Gaza\u201c wie sie es sehen zu \u201el\u00f6sen\u201c. In Leserbriefen in der Tageszeitung Haaretz, immerhin eine liberale Zeitung, wird gefordert \u201elet\u2019s finish the job in Gaza\u201c. Unsere Bedrohung ist also ganz real und nicht meine Phantasie.<\/p>\n<p>Es ist also kein Wunder, dass die Menschen in Gaza verzweifelt und hoffnungslos sind und dass sie resignieren angesichts der Aussichtslosigkeit in Ruhe und Frieden und Freiheit leben zu k\u00f6nnen. Die Angst, dass es wieder losgehen k\u00f6nnte, beherrscht unser Leben. Dennoch sind wir im Alltag \u00dcberlebensk\u00fcnstler und m\u00fcssen es sein. Jeden Tag neu versuchen wir das Beste aus unserem Leben zu machen und jeden Tag neu suchen wir nach Wegen, um nicht aufzugeben, um nicht g\u00e4nzlich in Apathie zu verfallen. Das gelingt mal besser, mal schlechter, denn was wir zu bew\u00e4ltigen haben, kann sich kaum jemand au\u00dferhalb von Gaza vorstellen.<\/p>\n<p>Es ist sehr anstrengend und fast unm\u00f6glich, ein normales Leben in Gaza zu f\u00fchren, denn mal gibt es kein Erdgas, um zu kochen, mal gibt es keinen Strom, mal kein Wasser, mal keine Brennstoffe. Seit Jahren gibt es einen akuten Geldmangel selbst in den Familien, die tagein, tagaus arbeiten. Seit Jahren bekommen meine Frau und ich nur 50% unseres eigentlichen Gehalts ausgezahlt. Noch schlechter geht es den jungen Leuten, die keine Arbeit finden. Fast 250 000 junge Leute mit universit\u00e4ren Abschl\u00fcssen finden keine Arbeit.<\/p>\n<p>T\u00e4glich f\u00fcrchte ich, dass es zur Explosion kommen k\u00f6nnte. So schlimm es ist, f\u00fcr ein besseres Leben in ein anderes Land fl\u00fcchten zu m\u00fcssen, wie es gegenw\u00e4rtig so viele junge Menschen auf sich nehmen und Richtung Europa aufbrechen, so ist uns das hier in Gaza nicht einmal m\u00f6glich, denn wir leben unverschuldet in einem gro\u00dfen Gef\u00e4ngnis. In einem Gef\u00e4ngnis, in dem die W\u00e4rter auf beiden Seiten, Israel und \u00c4gypten, mir und hunderttausenden friedlichen Pal\u00e4stinensern in Gaza mit dem Tod drohen, wenn wir uns auch nur dem Ausgang n\u00e4hern w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Wie gern w\u00fcrde ich (und w\u00fcrden wir) auch nur f\u00fcr wenige Wochen einmal wieder das Gef\u00fchl von Freiheit genie\u00dfen. Und wie gut w\u00e4re es, wenn ich f\u00fcr ein paar Tage oder Wochen ohne Angst leben k\u00f6nnte. Aber selbst wenn ich mit viel Gl\u00fcck nach Berlin ausreisen d\u00fcrfte, wo ich siebzehn Jahre gelebt habe, so kann ich das nicht riskieren, weil es nicht sicher ist, dass ich auch wieder nach Gaza einreisen d\u00fcrfte. Mir sind viele F\u00e4lle bekannt, in denen Pal\u00e4stinensern aus Gaza die R\u00fcckkehr verwehrt worden ist. Ich kann das Risiko nicht eingehen, denn ich kann diese Ungewissheit meiner Frau und meinen Kindern nicht antun.<\/p>\n<p>Wir sind alle in Gaza eingesperrt. Und vergessen Sie nicht, dass wir keine Armee haben, keine Flugzeuge, die Bomben werfen k\u00f6nnen, keine Panzer und vor allem auch keine Bunker, die uns sch\u00fctzen k\u00f6nnten vor Angriffen. Und wie gesagt, wir k\u00f6nnen auch nicht fliehen, wie etwa die Menschen in Syrien oder anderswo. Ich glaube, diese Situation machen sich die Menschen in der Welt nicht klar. Es scheint bequemer zu sein zu wissen, wer der \u201eB\u00f6se\u201c und wer der \u201eGute\u201c ist. Manchmal h\u00e4ngt dies aber davon ab, wer die Weltmeinung dominiert. Ich f\u00fcrchte, die Menschen sympathisieren ganz generell meistens mit dem St\u00e4rkeren (ich hoffe, so sehr, dass ich falsch liege). Wir in Gaza geh\u00f6ren ganz sicher nicht zu dieser Gruppe.<\/p>\n<p>Vor einigen Tagen haben israelische Kampfflugzeuge (unterschiedliche Modelle) verschiedene Orte und &#8222;Ziele&#8220; angegriffen und zerst\u00f6rt. Das wurde als Reaktion auf eine angeblich aus dem Gazastreifen gegen Israel abgefeuerte Rakete erkl\u00e4rt. Ich wei\u00df nicht, ob das stimmt. Und wenn es stimmt, dass eine Rakete abgefeuert wurde, so ist das schlichtweg dumm, sinnlos und gef\u00e4hrlich, wie man wei\u00df. Aber vielleicht kommt das manchen ganz gelegen, die auf \u201egute\u201c Gr\u00fcnde warten.<\/p>\n<p>Jeder wei\u00df, dass die Reaktionen Israels immer unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sind. Sie erinnern sich sicher, dass in der von Israel sogenannten Aktion \u201eProtective edge\u201c, d.h. der Bombardierung Gazas 2014, ca. 2250 Pal\u00e4stinenser get\u00f6tet wurden. Von internationalen Stellen wird angenommen, dass ca. 1400 von ihnen Zivilisten waren und ca. 500 von diesen Kinder. Es sind dagegen 73 Israelis zu Tode gekommen, 6 (sechs) von ihnen waren Zivilisten. Durch Bomben wurden 18 000 H\u00e4user und Wohnungen zerst\u00f6rt. Ich denke, ich muss das nicht kommentieren. Ich will hier auch keine Vergleiche machen\u2026. Meine Familie hat \u00fcberlebt. Wir haben Gl\u00fcck gehabt. Aber werden wir noch einmal Gl\u00fcck haben? Mit dieser Frage lebe ich t\u00e4glich. Und sie macht mir Angst.<\/p>\n<p>Die Einschl\u00e4ge der Bomben konnte ich und ebenso meine Kinder deutlich h\u00f6ren, denn es war mitten am Tag. Mein Schwiegervater wurde von seinen Enkeln gefragt, ob nun ihr Haus wieder angegriffen und zerst\u00f6rt wird. Denn das Haus wurde w\u00e4hrend der Angriffe 2014 zum Teil zerst\u00f6rt und ist mittlerweile wieder aufgebaut worden. Die Kriegstraumata &#8222;wohnen&#8220; in unseren Seelen und K\u00f6rpern, ganz besonders auch in denen der Kinder. Wir sind kraftlos und schutzlos. So viele Kinder, auch meine, haben drei Mal in wenigen Jahren tagelange Bombardierungen erleben m\u00fcssen. Das geht nicht spurlos an ihnen vor\u00fcber. Aber es scheint niemand zu interessieren. Das Mitleid gilt den Kindern der St\u00e4rkeren.<\/p>\n<p>Wir sind eingesperrt, wir haben keinen Flughafen, wir haben keinen Seehafen, die Grenzen um unseren kleinen Landstrich sind verriegelt. Nicht einmal Besuch d\u00fcrfen wir empfangen. K\u00fcrzlich hat Israel f\u00fcnf Abgeordneten des europ\u00e4ischen Parlaments die Einreise nach Gaza verweigert. Vermutlich h\u00f6ren Sie davon in Deutschland nichts. Meine Freunde in Deutschland k\u00f6nnen mich nicht besuchen. Wenn ich dar\u00fcber nachdenke, stelle ich fest, dass unsere Haftbedingungen noch schlechter sind als die \u201enormaler\u201c Gef\u00e4ngnisinsassen. Wir haben aber NICHTS getan!!!!<\/p>\n<p>Wenn ich lese und h\u00f6re, was gegenw\u00e4rtig geschrieben und gesagt wird in Israel, so scheint mir alles auf eine gigantischen Explosion hinauszulaufen. Zwischen den Zeilen bereitet der Nachbar etwas vor. Das ist nicht nur meine pers\u00f6nliche Meinung, sondern auch die von israelischen Ministern und Politkern sowie von Journalisten \u00e4u\u00dfern sich entsprechend.<\/p>\n<p>Und ich sch\u00e4me mich nicht in die Welt zu rufen, dass ich gro\u00dfe Angst habe um meine Kinder, meine Frau, meine alten Eltern, meine Verwandten und alle, die ich kenne und auch nicht pers\u00f6nlich kenne.<\/p>\n<p>Bitte tun Sie etwas! Bitte lassen Sie es nicht geschehen, dass man ein eingesperrtes Volk, das keine M\u00f6glichkeit hat zu fliehen, bombardiert. Wir sind Menschen, die genauso wie Sie in Frieden Ruhe UND Freiheit leben wollen!<\/p>\n<p>Ich wende mich mit meinem Schreiben auch an Federica Mogherini, die Hohe Vertreterin der EU f\u00fcr Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik und an Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel mit der dringlichen Bitte, unsere Situation nicht aus dem Blick zu verlieren und etwas zu unternehmen, um einen Krieg zu verhindern, der nicht nur uns, sondern die ganze Region in noch mehr Flammen setzen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Und bitte sagen Sie nicht, dass Sie es nicht gewusst haben. Wenden Sie sich auch ganz direkt an Ihre Politiker, handeln Sie, wenn Ihnen das Leben der Menschen in Gaza und im Nachbarland, nicht gleichg\u00fcltig ist.<\/p>\n<p>Ich bin mir sicher, dass Sie schon einiges bewirken k\u00f6nnten, wenn Sie es wollen. Die Adressen aller wichtigen Politiker lassen sich im Internet leicht finden.<\/p>\n<p>In der Hoffnung, dass der kommende Fr\u00fchling, Fr\u00fchling bleibt, verbleibe ich f\u00fcr heute<\/p>\n<p>Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n<p>Dr. Abed Schokry<br \/>\nQuelle (mit freundlicher Genehmigung): <a href=\"http:\/\/www.kopi-online.de\/wordpress\/?p=2013\" target=\"_blank\">Deutscher Koordinationskreis Pal\u00e4stina Israel (KOPI)<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meldung aus Gaza, Gaza, am 07 -03- 2017 Sehr geehrte Damen und Herren, Liebe Freundinnen und Liebe Freunde, Eigentlich ist nicht viel geschehen, seitdem ich Ihnen und Euch meine letzte Mail gesendet habe. 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