{"id":4586,"date":"2017-03-18T09:55:44","date_gmt":"2017-03-18T09:55:44","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=4586"},"modified":"2017-03-18T09:56:31","modified_gmt":"2017-03-18T09:56:31","slug":"was-adorno-zum-philosemitismus-zu-bemerken-hatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=4586","title":{"rendered":"Was Adorno zum Philosemitismus zu bemerken hatte"},"content":{"rendered":"<p>Ein besonders hintersinniges Argument ist: \u00bbMan darf ja gegen Juden heute nichts sagen.\u00ab Es wird sozusagen gerade aus dem \u00f6ffentlichen Tabu \u00fcber dem Antisemitismus ein Argument f\u00fcr den Antisemitismus gemacht:<!--more--> wenn man nichts gegen die Juden sagen darf, dann &#8211; so l\u00e4uft die assoziative Logik weiter &#8211; sei an dem, was man gegen sie sagen k\u00f6nnte, auch schon etwas daran. Wirksam ist hier ein Projektionsmechanismus: da\u00df die, welche die Verfolger waren und es potentiell heute noch sind, sich aufspielen, als w\u00e4ren sie die Verfolgten. Dem kann man nur dann begegnen, wenn man nicht etwa idealisiert, wenn man nicht etwa Lobreden auf gro\u00dfe j\u00fcdische M\u00e4nner h\u00e4lt oder h\u00fcbsche Bilder von israelischen Bew\u00e4sserungsanlagen oder Kibbuz-Kindern dort vorf\u00fchrt, sondern eben die j\u00fcdischen Z\u00fcge, auf welche die Antisemiten deuten, erkl\u00e4rt, ihr Recht und ihren Wahrheitsgehalt darstellt. \u00dcberhaupt ist es viel besser, als die Juden zu verharmlosen und sie als eine Art von L\u00e4mmerchen oder Sonnenj\u00fcnglingen vor Augen zu stellen, zu sagen, da\u00df sie eine gro\u00dfe, st\u00fcrmische und wilde Geschichte hatten, in der es genausoviel Furchtbares gibt wie in der Geschichte anderer V\u00f6lker auch. Absto\u00dfend w\u00e4re ein sentimentales Reklamebild. Man darf auch nicht, wie es so vielfach geschieht, die Juden, sei es aus noch so guter Absicht, mit ihrer eigenen Religion identifizieren, unter dem Gesichtspunkt ihrer religi\u00f6sen Taten und Leistungen versuchen, sie &#8217;schmackhaft&#8216; zu machen, sondern keinesfalls verschweigen, da\u00df sie mit dem b\u00fcrgerlichen Zeitalter wesentlich Tr\u00e4ger der Aufkl\u00e4rung waren, und man mu\u00df sehr dazu sich stellen. Keine m\u00f6gliche Haltung gegen das antisemitische Potential, die nicht selber mit Aufkl\u00e4rung sich identifizieren m\u00fc\u00dfte. Den Antisemitismus kann nicht bek\u00e4mpfen, wer zu Aufkl\u00e4rung zweideutig sich verh\u00e4lt. Es ist nicht von sogenannten positiven Leistungen zu schwafeln (soviel derartige positive Leistungen selbstverst\u00e4ndich existieren), sondern gerade auf den Nervenpunkt einzugehen: das kritische Element im Geist der Juden, das verbunden ist mit ihrer gesellschaftlichen Mobilit\u00e4t. Dies kritische Moment ist als Moment der Wahrheit selber der Gesellschaft unabdingbar; es lag urspr\u00fcnglich genau im Prinzip der gleichen b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, die heute, in ihrer Sp\u00e4tphase, des kritischen Moments zugunsten eines faden und falschen Ideals von Positivit\u00e4t sich zu entledigen sucht. &#8211;<br \/>\n&nbsp;[Band 20: Vermischte Schriften I\/II: Zur Bek\u00e4mpfung des Antisemitismus heute. Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 17630 (vgl. GS 20.1, S. 368-369)]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein besonders hintersinniges Argument ist: \u00bbMan darf ja gegen Juden heute nichts sagen.\u00ab Es wird sozusagen gerade aus dem \u00f6ffentlichen Tabu \u00fcber dem Antisemitismus ein Argument f\u00fcr den Antisemitismus gemacht:<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-4586","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4586","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4586"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4586\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4588,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4586\/revisions\/4588"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4586"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4586"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4586"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}