{"id":4725,"date":"2017-04-20T08:33:03","date_gmt":"2017-04-20T08:33:03","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=4725"},"modified":"2017-04-25T05:41:35","modified_gmt":"2017-04-25T05:41:35","slug":"streit-um-paprika-aus-palastina","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=4725","title":{"rendered":"Streit um Paprika aus Pal\u00e4stina"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine internationale Bewegung fordert einen Boykott israelischer Produkte. Das ist hei\u00df umstritten. Der Vorwurf: Antisemitismus. L\u00e4ngst ist ein Krieg der ldeen entbrannt, in dem um die Deutungshoheit gerungen wird<\/strong><\/p>\n<p><strong>Von Elisa Rheinheimer-Chabbi<\/strong><\/p>\n<p>Darf man den Staat Israel boykottieren? Sollte man das sogar tun angesichts der israelischen Besatzung der Pal\u00e4stinensergebiete, die sich dieses Jahr zum f\u00fcnfzigsten Mal j\u00e4hrt? In der Beantwortung dieser Frage sind die Fronten verh\u00e4rtet.<!--more--> Zwei Lager stehen sich verfeindet gegen\u00ad\u00fcber. Die Unvers\u00f6hnlichkeit, mit der sie iiber den Boykott streiten, wird bereits am Vokabular deutlich: Da ist von &#8222;Kampf&#8220; die Rede, von &#8222;Angriff&#8220; und &#8222;Tarnung&#8220;. L\u00e4ngst geht es nicht mehr nur um Boykott &#8211; es geht um Gerechtigkeit und Identit\u00e4t, um Anstand und Moral. &#8222;Der Krieg um die Legitimitiit und die \u00f6ffentliche Meinung ist nicht leichter als der auf dem Schlachtfeld&#8220;, sagt der israelische Generalmajor Eitan Dangot. Drei Buchstaben sind dabei zum Kampfbegriff geworden: BDS.<\/p>\n<p>Das steht fur Boykott, Desinvestment und Sanktionen. Gegr\u00fcndet wurde die Bewegung vor zw\u00f6lf Jahren von pa\u00e4stinensischen Nichtregierungsorganisationen. lnzwischen hat sie Unterstiitzer in aller Welt. Darunter sind die US-Philosophin Judith Butler, der s\u00fcdafrikanische Bischof Desmond Tutu, der israelische Historiker und Autor Ilan Pappe sowie die US-Journalistin Naomi Klein. Ihr Vorbild: der siidafrikanische Kampf gegen die Apartheid. Israel soll durch den zivilgesellschaftlichen Boykott zu einer anderen Politik gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinensern gezwungen werden.<\/p>\n<p>Fiir BDS-Befurworter ist klar: Nur wenn Pal\u00e4stinenser die gleichen Rechte haben wie Israelis, kann von Gerechtigkeit gesprochen werden, r\u00fcckt Frieden in greifbare N\u00e4he. Sie betonen, gewaltfrei und antirassistisch vorzugehen. F\u00fcr Gegner hingegen gilt: BDS ist antisemitisch und gef\u00e4hrdet die Existenz Israels. Als &#8222;Front der Hasser&#8220; bezeichnet der Zentralrat der Juden die BDS-Aktivisten und schreibt: &#8222;Die antiisraelische Boykottbewegung BDS ist ein weltweites Propagandaforum fur Feinde des j\u00fcdischen Staates.&#8220; Die israelische Regierung hat die Boykott-Bewegung gar zur &#8222;gr\u00f6\u00dften Bedrohung des Landes&#8220; erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend einige Gruppen den Kauf s\u00e4mtlicher Produkte aus Israel ablehnen, beziehen andere den Boykott nur auf solche Produkte und Dienstleistungen,die aus den von Israel besetzten Gebieten stammen, den illegalen Siedlungen also. So handhabt es beispielsweise auch die deutsche Sektion von pax christi mit ihrer Aktion &#8222;Besatzung schmeckt bitter&#8220;. Eine weitere Form des Boykotts ist jener im kulturell-akade mischen Bereich. Von den Boykott-Gegnern wird hier jedoch kein Unterschied gemacht: F\u00fcr sie \u00e4hneln all diese Formen dem unheilvollen Slogan &#8222;Kauft nicht bei Juden!&#8220; aus der deutschen Nazi-Vergangenheit. Israelis werden, so der Vorwurf, kollektiv bestraft, und das sei Antisemitismus.<\/p>\n<p>Iris Hefets, Vorsitzende des Vereins j\u00fcdische Stimme f\u00fcr gerechten Frieden unterst\u00fctzt BDS. &#8222;Israel braucht Druck von au\u00dfen&#8220;, sagt sie, &#8222;sonst \u00e4ndert sich nichts an der rassistischen Politik des Landes.&#8220; BDS-Befurworter zu kriminalisieren und pauschal als Antisemiten abzustempeln, sieht die j\u00fcdische Psychoanalytikerin als Schlag gegen die Meinungsfreiheit. Damit steht sie nicht alleine da: BDS hat zahlreiche j\u00fcdische Unterst\u00fctzer. &#8222;Ich bin um keinen Deut mehr ein Antisemit, als ein deutscher AfD-Gegendemonstrant ein Volksverr\u00e4ter ist&#8220;, schrieb der j\u00fcdische Religionsgelehrte Daniel Boyarin, nach eigenem Bekunden ein orthodoxer Jude, j\u00fcngst in der Frankfurter Rundschau.<\/p>\n<p>Doch der Vorwurf des Antisemitismus schreckt besonders Deutsche ab. So ist die BDS-Bewegung in anderen L\u00e4ndern, besonders in den USA und in GroBbritannien, viel pr\u00e4senter als hierzulande. Pensionsfonds aus D\u00e4nemark und den Niederlanden, skandinavische Banken und US-amerikanische Kirchen haben ihre Investments abgezogen. Auch gro\u00dfe Firmen wie Veolia haben sich aus den besetzten Gebieten zuriickgezogen.<\/p>\n<p>In Deutschland z\u00e4hlt der fr\u00fchere evangelische Pfarrer Martin Breidert zu einem der f\u00fchrenden K\u00f6pfen der Boykott-Bewegung. &#8222;Wenn sich die westliche Politik endlich an den Menschenrechten und am V\u00f6lkerrecht orientiert, braucht es BDS nicht mehr&#8220;, erkl\u00e4rt er. Solange das nicht geschieht, geht der Theologe und Sozialethiker Breidert schon mal zur Galeria Kaufhof oder zum Mediamarkt, um zu kontrollieren, ob Produkte aus den besetzten Gebieten auch als solche gekennzeichnet sind. Die Kennzeichnung von Paprika aus dem besetzten Westjordanland oder \u00c4pfeln von den annektierten Golan-H\u00f6hen ist seit Herbst 2015 laut einer EU-Richtlinie Pflicht.<\/p>\n<p>In puncto Boykott hingegen herrscht keine Einigkeit innerhalb der EU. W\u00e4hrend BDS-Aktivisten in Frankreich zu Geldstrafen verurteilt wurden, stellten die schwedische, irische und niederl\u00e4ndische Regierung klar, class Boykottaufrufe von der Meinungsfreiheit gesch\u00fctzt seien. Deutschland ist gespalten; die CDU hat auf ihrem Parteitag im vergangenen Winter einem Antrag zugestimmt, in dem die Isr:ael-Boykott-Bewegung pauschal als antisemitisch bezeichnet wird.<\/p>\n<p>Wie gro\u00df die wirtschaftlichen Einbu\u00dfen sind, die Israel durch den Boykott erleidet, ist umstritten. Sie d\u00fcrften das Land nicht sehr stark treffen, vermutet Iris Hefets, &#8222;aber symbolisch sind sie von Bedeutung&#8220;. Es geht um Israels Image in der Welt. Deshalb hat Premierminister Netanjahu der Boykott-Bewegung den Kampf angesagt. Rund 23 Millionen Euro stellt die Regierung fur eine gro\u00dfangelegte, weltweite Propagandaoffensive gegen BDS bereit &#8211; einige sprechen gar von \u00fcber drei\u00dfig Millionen Euro. Das Ministerium for Strategische Angelegenheiten kooperiert in der BDS-Abwehr mit Einheiten des Militargeheimdienstes und des Au\u00dfenministeriums.<\/p>\n<p>&#8222;Zuerst war Hamas der Erzfeind, dann der Iran unter Ahmadinedschad, nun ist es BDS&#8220;, erklart Hefets, die selbst als Soldatin in der israelischen Armee gedient hat, und f\u00fcgt hinzu: &#8222;die Bewegung wird als existenzielle Bedrohung dargestellt, und das berechtigt zum Kampf, weil es suggeriert, dass es um Leben und Tod geht.&#8220;<\/p>\n<p>Seit M\u00e4rz dieses Jahres d\u00fcrfen ausl\u00e4ndische BDS-Aktivisten nun nicht mehr nach Israel einreisen, und Boykott-Bef\u00fcrworter innerhalb Israels werden eingesch\u00fcchtert. Die israelische Regierung sowie konservative j\u00fcdische Gemeinden versuchen auch in Deutschland, die BDS-Bewegung, die in ihren Augen Israel ausl\u00f6schen will, an den Rand zu dr\u00e4ngen. Immer \u00f6fter wird Druck auf Stadtr\u00e4te, B\u00fcrgermeister und Kirchengemeinden ausge\u00fcbt, so dass BDS-Bef\u00fcrwortern Veranstaltungsr\u00e4ume entzogen werden. Es tobt ein Krieg um die Deutungshoheit. Im Hebr\u00e4ischen gibt es dafur ein Wort: Hasbara. Darunter wird eine Art \u00f6ffentliche Diplomatie verstanden, PR-Arbeit auf allen Kan\u00e4len. W\u00f6rtlich \u00fcbersetzt hei\u00dft es &#8222;Erkl\u00e4rung&#8220;; Kritiker \u00fcbersetzen es mit &#8222;Manipulation&#8220; und &#8222;Propaganda&#8220;.<\/p>\n<p>Ein T\u00e4tigkeitsfeld fur Hasbara: Uni-Campusse. Um Kritik an der israelischen Politik kontern zu k\u00f6nnen, werden Studierende zu Israel-Botschaftern ausgebildet. Mal ehrenamtlich, mal bezahlt betreiben sie online und offline proisraelische Lobbyarbeit. Dazu z\u00e4hlt auch die Diffamierung der BDS-Kampagne. Bis zu 2000 US-Dollar j\u00e4hrlich erhalten Studierende, wenn sie binnen eines Studienjahres 192 Stunden israelkritische beziehungsweise je nach Lesart antisemitische Beitr\u00e4ge im Internet kommentieren oder melden. Das bedeutet vier Stunden Online-Lobbyarbeit in der<br \/>\nWoche. Die Beteiligung ist bisher allerdings bescheiden: Die National Union of Israeli Students, die entsprechende Stipendien vergibt, spricht von 13 Studierenden.<\/p>\n<p>&#8222;Wir hoffen, dlass sich in Zukunft auch mehr Studenten in Europa beteiligen, um gute Nachrichten von und aus Israel zu streuen&#8220;, schreibt der Pressesprecher auf Anfrage von Publik-Forum.<\/p>\n<p>Fest steht, dass die Hasbara-Kampagne ein wichtiges israelisches PR-Instrument darstellt. Der ehemalige israelische Botschafter in den USA, Michael Oren, wird in der j\u00fcdischen Internetzeitung &#8222;Der Semit&#8220; mit den Worten zitiert, Israels Kampf gegen BDS sei &#8222;ein Krieg wie jeder andere, und im Krieg m\u00fcssen wir die Samthandschuhe ausziehen und neue Kampffelder auf Campussen weltweit erringen&#8220;. Dem hat sich die Organisation Hasbara Fellowship verschrieben. Sie bezeichnet sich selbst als &#8222;f\u00fchrender proisraelischer Campus-Aktivisten-Verband&#8220;, der nach eigenen Angaben bisher \u00fcber 3000 Studierende in strategischer Israel-Lobbyarbeit ausgebildet hat. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den USA. Das ist kein Zufall, denn dort ist nicht nur die Boykott-Bewegung stark, sondern es distanzieren sich immer mehr junge j\u00fcdische Amerikaner von Israels Politik. F\u00fcr Iris Hefets vom Verein J\u00fcdische Stimme fur gerechten Frieden in Nahost sind solche Lobbyaktionen kontraproduktiv. &#8222;So etwas sch\u00fcrt stereotype Haltungen erst recht, weil der Eindruck erweckt wird, dlass alleJuden gleich denken und eine einheitliche Meinung vertreten. &#8222;Dann entsteht &#8218;der Jude&#8216;. Das ist fatal&#8220;, sagt sie, &#8222;denn das Judentum lebt und pflegt die Kontroverse.&#8220;<\/p>\n<p>Und so gilt im Kampf der Ideen, was der israelische Soziologe und Geschichtsprofessor Moshe Zuckermann in seinem Buch &#8222;Antisemit! Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument&#8220; schreibt: &#8222;Noch nie ist der konstruierte Zusammenhang von Zionismus, Israel, Schoah, Antisemitismus und Nahostkonflikt so weidlich instrumentalisiert, perfide ausgekostet und sch\u00e4ndlich rnissbraucht worden wie im [&#8230;] 21. Jahrhundert.&#8220;<\/p>\n<p>Quelle (mit freundlicher Genehmigung): Streit um Paprika aus Palastina. aus: <a href=\"https:\/\/www.publik-forum.de\/Publik-Forum-07-2017\/streit-um-paprika-aus-palaestina\" target=\"_blank\">Publik-Forum v. 07.04.2017<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine internationale Bewegung fordert einen Boykott israelischer Produkte. Das ist hei\u00df umstritten. Der Vorwurf: Antisemitismus. L\u00e4ngst ist ein Krieg der ldeen entbrannt, in dem um die Deutungshoheit gerungen wird Von Elisa Rheinheimer-Chabbi Darf man den Staat Israel boykottieren? 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