{"id":5142,"date":"2017-06-05T15:26:49","date_gmt":"2017-06-05T15:26:49","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=5142"},"modified":"2017-06-06T03:56:57","modified_gmt":"2017-06-06T03:56:57","slug":"amos-oz-nach-kriegsende-hatte-ich-eindeutig-das-gefuehl-dass-es-mit-dem-sechstagekrieg-nicht-zu-ende-sein-wuerde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=5142","title":{"rendered":"Amos Oz: &#8222;Nach Kriegsende hatte ich eindeutig das Gef\u00fchl, dass es mit dem Sechstagekrieg nicht zu Ende sein w\u00fcrde&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/17-06-05-amos-oz-wikimedia_ji.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/17-06-05-amos-oz-wikimedia_ji.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"383\"><\/a>Amos Oz ist einer der einflussreichsten israelischen Schriftsteller. Er ist Mitbegr\u00fcnder von Peace Now; seine B\u00fccher wurden in 37 Sprachen \u00fcbersetzt. Noch im Jahre 1967 &#8211; nach dem Sechstagekrieg &#8211; schrieb er (zusammen mit Avraham Shapira) das Buch &#8222;Gespr\u00e4che mit israelischen Soldaten&#8220;, das die israelische Gesellschaft aufr\u00fcttelte und ganz ma\u00dfgeblich zu ihrer Spaltung beitrug. Das Buch ist 2017 im Westend-Verlag in einer neuen Ausgabe mit einem neuen Titel erschienen: &#8222;Man schie\u00dft und weint&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Hier einige Ausz\u00fcge aus dem neuen Vorwort von Amos Oz:<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>\u00bbIch habe noch w\u00e4hrend der K\u00e4mpfe auf dem Sinai geahnt, dass dieser Sieg zum Fundament des tiefen Hasses gegen Israel werden w\u00fcrde &#8230; Ich wusste, dass sie unseren Sieg und ihre Dem\u00fctigung uns nicht einfach vergeben w\u00fcrden.\u00ab Sich erinnernd an die Zeit, als \u00fcber sein Buch in der israelischen Gesellschaft gestritten wurde, beklagt er f\u00fcr heute \u00bbmehr Gleichg\u00fcltigkeit, mehr Stumpfheit. Was derzeit in den besetzten Gebieten geschieht, \u00fcberschreitet zuweilen die Grenze zu Kriegsverbrechen, aber es ber\u00fchrt niemanden.\u00ab [&#8230;]<\/p>\n<p>&#8222;In Hulda fiel ein Sohn, ein Fallschirmspringer. Nachdem ich vom Krieg zur\u00fcckgekehrt war, ging ich zu seinen Eltern. Einige Freunde waren da. Die Mutter weinte. Der Vater biss auf seinen Lippen herum. Jemand von den Alten versuchte, sie zu tr\u00f6sten, und sagte: \u00bbSchaut, wir haben doch, trotz allem, Jerusalem befreit &#8230; Er ist doch nicht umsonst gefallen.\u00ab Da brach die Mutter in Heulen aus und schrie: \u00bbDie ganze Westmauer ist mir nicht einen Fingernagel von Micha wert.\u00ab Wenn du mir sagen w\u00fcrdest, dass wir um unsere Existenz k\u00e4mpften, dann hatte sein Opfer einen Sinn. Wenn du mir aber sagst, wir h\u00e4tten um die Mauer gek\u00e4mpft, dann nicht. Verflixt, ich habe eine Beziehung zu diesen Steinen &#8230; doch es sind nur Steine. Und Micha war ein Mensch. Und wenn man heute die Westmauer mit Dynamit sprengen w\u00fcrde und dies Micha wieder lebendig machte, dann w\u00fcrde ich sagen: \u00bbSprengt!\u00ab [&#8230;]<\/p>\n<p>&#8222;Wir haben Jerusalem befreit, wir haben die heiligen St\u00e4tten befreit, wir sind dabei zu ignorieren, dass es in den besetzten Gebieten einen besiegten Feind gab, dass die Gegend nicht leer war, sondern dort Millionen Menschen lebten, die von uns vergessen wurden, weil sie Araber waren.Ich kann mich erinnern, dass w\u00e4hrend unserer Besuche f\u00fcr Gespr\u00e4che mit israelischen Soldaten hei\u00df diskutiert wurde und die Debatten oft bis in die Nacht andauerten.&#8220; [&#8230;]<\/p>\n<p>&#8222;In der Zeit nach dem Krieg war ich davon \u00fcberzeugt, dass man uns die Gebiete innerhalb weniger Wochen wieder wegnehmen w\u00fcrde. Die Gro\u00dfm\u00e4chte w\u00fcrden kommen und die eroberten Gebiete annektieren. Die fanatischen Rufe nach einer Annexion der Westbank, der Golanh\u00f6hen und von Gaza sind sicher nur hysterisches Geschrei, dachte ich. Doch ich hatte mich geirrt. Zwar wei\u00df ich, dass damals im ganzen Land eine Bewegung entstanden ist, an deren Spitze gro\u00dfe Namen standen, Schriftsteller und Staatsm\u00e4nner \u2013 Menschen, die ich respektiere und verehre. Doch ich konnte nicht verstehen, wieso diese Menschen glaubten, dass die eroberten Gebiete leer seien? Glaubten sie wirklich, dass wir allezeit \u00fcber mehr als eine Million Pal\u00e4stinenser herrschen k\u00f6nnten und dass sie unsere Herrschaft akzeptieren w\u00fcrden? Verga\u00df man etwa die Lehren, die wir unter der britischen Herrschaft gelernt hatten, als wir uns gegen die Fremdherrschaft erhoben hatten? Die Geschichte lehrt uns, dass es keine Besatzung gibt, die nicht auf dem Schwert sitzt. \u00dcber diese Ignoranz gegen\u00fcber den Lehren der Vergangenheit habe ich mich damals sehr gewundert.Ich freue mich \u00fcber dieses Buch \u2013 freue mich, dass es existiert. Ich freue mich, dass diese Stimme aufbewahrt worden ist, doch ich bef\u00fcrchte, dass ihre Botschaft heute in Vergessenheit ger\u00e4t.Ich bin nach wie vor davon \u00fcberzeugt, dass jede Besatzung ein Fluch ist. Ich denke, dass das, was mit uns passiert ist nach dem Sechstagekrieg \u2013 die Besatzung und die Gier nach mehr (weiteren Siedlungen, um genauer zu sein) \u2013, ich denke, dass dies das gr\u00f6\u00dfte Unrecht ist, das der Zionismus gebracht hat, und gleichzeitig sein gr\u00f6\u00dfter Fehler.&#8220;<\/p>\n<p>(Aus dem Hebr\u00e4ischen \u00fcbersetzt von Abraham Melzer)<\/p>\n<ul>\n<li>Das gesamte Vorwort kann in der Verlagsank\u00fcndigung nachgelesen werden: <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/wp-content\/uploads\/booksample\/9783864891595.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.westendverlag.de\/wp-content\/uploads\/booksample\/9783864891595.pdf<\/a><\/li>\n<li>Eine ausf\u00fchrliche Besprechung von Abraham Melzer in den NachDenkseiten v. 05.06.2017: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38591\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38591<\/a><\/li>\n<li>Besprechung im Neuen Deutschland v. 03.06.2017 unter dem Titel &#8222;Stolz und Schmerz&#8220;: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1052942.stolz-und-schmerz.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1052942.stolz-und-schmerz.html<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Amos Oz ist einer der einflussreichsten israelischen Schriftsteller. 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