{"id":5239,"date":"2017-07-02T17:50:08","date_gmt":"2017-07-02T17:50:08","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=5239"},"modified":"2017-07-16T06:30:38","modified_gmt":"2017-07-16T06:30:38","slug":"offener-brief-der-nationalen-koalition-christlicher-organisationen-in-palaestina-nccop-an-den-weltrat-der-kirchen-und-an-die-oekumenische-bewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=5239","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/17-07-03-EAPPI-logo.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/17-07-03-EAPPI-logo.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"132\"><\/a><p class=\"wp-caption-text\">\u00d6kumenisches Begleitprogramm in Pal\u00e4stina und Israel<\/p><\/div>\n<p><strong>Lernt Gutes tun! Trachtet nach Recht, helft den Unterdr\u00fcckten! (Jesaja 1,17)<\/strong><br \/>\n<strong>Hintergrund<\/strong><br \/>\nWenn wir in diesem Monat in Bethlehem im besetzten Pal\u00e4stina zusammenkommen, leiden wir noch immer unter einem hundert Jahre w\u00e4hrenden Unrecht und unter der Unterdr\u00fcckung, die dem pal\u00e4stinensischen Volk seither zugef\u00fcgt wurde.<!--more--> Alles begann mit der ungerechten und gesetzwidrigen Balfour-Deklaration und wurde dann intensiviert durch die Nakba und den Zustrom von Fl\u00fcchtlingen; dem folgte die israelische Besetzung der Westbank einschlie\u00dflich Jerusalems und des Gazastreifens, und danach wurde unser Volk und unser Land zerst\u00fcckelt durch eine Politik der Isolierung und des Landraubes sowie durch den Bau von rein j\u00fcdischen Siedlungen und durch die Errichtung der Apartheid-Mauer.<\/p>\n<p>Wir leiden also immer noch wegen einer einzigen politischen Deklaration eines westlichen Imperiums, einer Deklaration, die \u00fcberdies auf einer unlauteren theologischen Pr\u00e4misse basierte. Sogar einige Kirchen und einige christliche F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten unterst\u00fctzten die Errichtung eines Kolonialstaates in unserem Land und ignorierten dabei v\u00f6llig, ja entmenschlichten jene Nation, n\u00e4mlich unser Volk, das schon seit Jahrhunderten hier gelebt hatte und nun den Preis f\u00fcr Gr\u00e4ueltaten, die in Europa begangen wurden, bezahlen musste.<\/p>\n<p>Auch jetzt, hundert Jahre sp\u00e4ter, nachdem Tausende ihr Leben verloren haben, nachdem St\u00e4dte und D\u00f6rfer ausradiert, wenn auch nicht aus unserem Ged\u00e4chtnis gel\u00f6scht sind, nachdem Millionen fliehen mussten und tausende Wohnh\u00e4user zerst\u00f6rt wurden und nach wie vor Gefangene in Haft gehalten werden, dauert unsere Nakba (Katastrophe) immer noch an. Hundert Jahre sind vergangen \u2013 und noch immer gibt es keine Gerechtigkeit in unserem Land! Diskriminierung und Ungleichheit, milit\u00e4rische Besetzung und systematische Unterdr\u00fcckung sind die Regel. Heute befinden wir uns in einer Sackgasse und haben einen toten Punkt erreicht. Trotz aller Versprechungen, trotz endloser Gipfelkonferenzen, trotz UN-Resolutionen und trotz Aufrufen religi\u00f6ser und weltlicher F\u00fchrer sehnen sich die Pal\u00e4stinenser immer noch nach Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit und verlangen nach Gerechtigkeit und Gleichheit. Menschlich gesprochen haben wir, wie der emeritierte lateinische Patriarch Sabbah vor Kurzem sagte, \u201edie Stunde des Unm\u00f6glichen\u201c erreicht.<\/p>\n<p>Kann es sein, dass wir \u201ediese Stunde des Unm\u00f6glichen\u201c deswegen erreicht haben, weil die Dinge von Anfang an \u2013 n\u00e4mlich schon vor hundert Jahren \u2013 auf einer ungerechten Pr\u00e4misse aufgebaut wurden? K\u00f6nnen wir etwas anderes erwarten, als dass solch eine ungerechte Erkl\u00e4rung nichts anderes als Zwist und Zerst\u00f6rung erzeugt?<\/p>\n<p>Heute ist aber auch Gelegenheit, an den \u201eAufruf von Amman\u201c (Amman Call) vor zehn Jahren zu erinnern. Wir sind denen dankbar, die damals in \u201eSolidarit\u00e4t, die keinen Aufwand scheut\u201c, zu uns standen und f\u00fcr Wahrheit und Gerechtigkeit eintraten. Wir sind aber auch besorgt dar\u00fcber, dass in den letzten zehn Jahren die reale Situation sich verschlechtert hat und immer noch schlimmer wird.<\/p>\n<p>Wie andere Initiativen, die sich f\u00fcr ein Ende der Besatzung einsetzen, hat auch der Aufruf von Amman seine Ziele, n\u00e4mlich einen gerechten Frieden aufzubauen und zu gestalten, nicht erreicht, und wir m\u00fcssen uns heute fragen \u2013 warum?<\/p>\n<p>Was uns ebenso Sorge macht, ist Israels systematischer Angriff auf den kreativen pal\u00e4stinensischen Widerstand, aber auch auf unsere weltweiten Partner, die mit derselben Methode Israel dazu dr\u00e4ngen, die Besatzung zu beenden. Viele neue Gesetze wurden in Israel und weltweit erlassen, um diesem kreativen und gewaltlosen Widerstand auf gesetzwidrige Weise entgegen zu wirken und alle Friedensbem\u00fchungen zu stoppen. Das ist nicht nur ein Angriff auf die Gewissens- und Redefreiheit, sondern zugleich ein Angriff auf unser Recht und unsere Pflicht, dem B\u00f6sen mit Gutem zu widerstehen. Israel versucht jetzt sogar, Pilger am Besuch Bethlehems zu hindern.<\/p>\n<p><strong>Bethlehem \u2013 die Stadt Immanuels!<\/strong><br \/>\nW\u00e4hrend wir dankbar sind f\u00fcr die \u201eSolidarit\u00e4t, die keinen Aufwand scheut\u201c, wie es im Aufruf von Amman formuliert wurde, und die von vielen Kirchen rings um den Globus praktiziert wird, sind wir besorgt dar\u00fcber, dass einige Kirchen in den letzten zehn Jahren ihre Positionen infolge des manipulativen Drucks, der auf sie ausge\u00fcbt wurde, aufgeweicht haben. Viele verstecken sich noch immer hinter dem Deckmantel der politischen Neutralit\u00e4t, um ihre Partner im interreligi\u00f6sen Dialog ja nicht zu kr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Zum Schluss sei betont: Wir kommen hier in der Region in einem Umfeld von Religionskriegen und religi\u00f6ser Verfolgung zusammen. Religi\u00f6ser Extremismus nimmt zu, und religi\u00f6se Minderheiten mussten bereits einen hohen und schmerzhaften Preis zahlen. Wir danken Euch f\u00fcr Eure Bem\u00fchungen um die Fl\u00fcchtlinge und f\u00fcr Euer Bestreben, die Konflikte in unserer Region zu beenden. Ebenso danken wir Euch f\u00fcr Eure Unterst\u00fctzung verfolgter Christen in L\u00e4ndern wie Irak und Syrien.<\/p>\n<p><strong>Unser Aufruf<\/strong><br \/>\n\u201eGott segnet, die hungert und d\u00fcrstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.\u201c (Matth\u00e4us 5,6)<br \/>\n\u201eSelig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen schm\u00e4hen und verfolgen und allerlei B\u00f6ses gegen euch reden um meinetwillen.\u201c (Matth\u00e4us 5,10-11)<br \/>\nNun, in dieser \u201eStunde des Unm\u00f6glichen\u201c, sagen wir sehr ungern \u201eWir haben es Euch doch gesagt!\u201c, bereits vor acht Jahren, als wir den damaligen Zeitpunkt zu einem Kairos-Moment erkl\u00e4rten. Wir stehen vor dem Unm\u00f6glichen, aber wir haben dennoch die Hoffnung nicht aufgegeben, weil wir als J\u00fcnger des Auferstandenen ein Volk der Hoffnung sind. Aber wir brauchen Euch jetzt, und wir brauchen Euch mehr denn je. Wir brauchen Eure \u201eSolidarit\u00e4t, die keinen Aufwand scheut\u201c. Wir brauchen tapfere Frauen und M\u00e4nner, die bereit sind, ganz vorne an der Front zu stehen. Dies ist nicht die Zeit f\u00fcr Christen der oberfl\u00e4chlichen Diplomatie. Wir bitten Euch dringend, unseren Ruf zu h\u00f6ren und Euch das Folgende zu Eigen zu machen:<\/p>\n<ol>\n<li>dass Ihr die Dinge so nennt, wie sie sind: Bezeichnet Israel als einen Apartheidstaat im Sinne des internationalen Rechts. Dies stimmt \u00fcberein mit dem, was eine Pers\u00f6nlichkeit wie Desmond Tutu sagt und was die Wirtschafts- und Sozialkommission f\u00fcr Westasien der Vereinten Nationen (UNESCWA) so ausdr\u00fcckt: \u201eIsrael wird f\u00fcr schuldig befunden, ein Apartheid-Regime auf dem R\u00fccken des pal\u00e4stinensischen Volkes zu errichten\u201c. Uns beunruhigt die Tatsache, dass sowohl Staaten wie auch Kirchen mit Israel so umgehen, als w\u00e4re die Situation ganz normal, und dass sie dabei die Realit\u00e4t der Besatzung, die Diskriminierung und den t\u00e4glichen Tod im Land au\u00dfer Acht lassen. So wie die Kirchen sich einst vereinigt haben, um der Apartheid in S\u00fcdafrika ein Ende zu bereiten \u2013 wobei der Weltrat der Kirchen eine mutige, entschieden prophetische und f\u00fchrende Rolle \u00fcbernahm \u2013, so erwarten wir heute von Euch dasselbe;<\/li>\n<li>dass Ihr die Balfour-Deklaration unmissverst\u00e4ndlich als ungerecht verurteilt und vom Vereinigten K\u00f6nigreich verlangt, dass es das pal\u00e4stinensische Volk daf\u00fcr um Entschuldigung bittet und f\u00fcr die Verluste entsch\u00e4digt. Wir bitten die Kirchen und die Christen darum, die Pal\u00e4stinenser in ihrer Forderung nach Gerechtigkeit zu unterst\u00fctzen. Immerhin war es diese infame Erkl\u00e4rung, die den Grundstein f\u00fcr das Konzept eines ethno-religi\u00f6sen Staates legte. Und genau darunter leidet unsere Region heute;<\/li>\n<li>dass Ihr eine klare und theologisch eindeutige Haltung gegen\u00fcber jeder Theologie oder christlichen Gruppierung einnehmt, welche die Besatzung oder das Vorrecht einer Nation \u00fcber die andere durch die Zugeh\u00f6rigkeit zu einem bestimmten Volk oder einen heiligen Bund rechtfertigt. Wir bitten Euch, dass Ihr die Theologie, die Euch durch das Kairos Pal\u00e4stina-Dokument nahegelegt wird, annehmt und lebt und dass Ihr Konferenzen organisiert, um das Bewusstsein daf\u00fcr zu st\u00e4rken;<\/li>\n<li>dass Ihr eine klare Haltung gegen\u00fcber religi\u00f6sem Extremismus einnehmt und gegen\u00fcber jedem Versuch, in unserem Land oder unserer Region einen religi\u00f6sen Staat zu errichten. Wir bitten Euch, uns in unserem Kampf gegen den N\u00e4hrboden des Extremismus zu unterst\u00fctzen und unseren Rat zu suchen, wenn Ihr selbst gegen religi\u00f6sen Extremismus vorgeht, damit unser Ansehen hier nicht gef\u00e4hrdet oder besch\u00e4digt wird;<\/li>\n<li>dass Ihr auf eure religi\u00f6sen Dialogpartner erneut zugeht und sie damit herausfordert, dass Ihr Euch von der Partnerschaft wenn n\u00f6tig zur\u00fcckziehen k\u00f6nntet, falls zur Besatzung und zum Unrecht in Pal\u00e4stina und Israel keine eindeutige Position eingenommen wird;<\/li>\n<li>dass Ihr als Reaktion auf die j\u00fcngsten Versuche Israels Kampagnen organisiert, um leitenden Pers\u00f6nlichkeiten der Kirche und Pilgern zu erm\u00f6glichen, Bethlehem und andere pal\u00e4stinensische St\u00e4dte auf unserer Seite der Mauer zu besuchen, und ihr dabei mit pal\u00e4stinensischen Tourismus- und Pilger-Agenturen zusammenarbeitet. Wir bitten Euch, dass Ihr Euch \u00f6ffentlich dagegen wendet, wann immer Israel oder andere christliche Gruppen Pilger zu entmutigen versuchen, pal\u00e4stinensische Orte zu besuchen;<\/li>\n<li>dass Ihr unser Recht und unsere Pflicht verteidigt, kreativ und gewaltlos der Besatzung Widerstand entgegen zu setzen. Wir bitten, dass Ihr Euch f\u00fcr \u00f6konomische Mittel zum Druck auf Israel aussprecht, damit es die Besatzung beendet, und dass Ihr auch den sportlichen, kulturellen und akademischen Austausch als Mittel benutzt, um Israel zur Einhaltung des internationalen Rechts und der UN-Resolutionen und damit zur Beendigung der Besatzung, der Apartheid und Diskriminierungen zu dr\u00e4ngen und den Fl\u00fcchtlingen eine R\u00fcckkehr in ihre Heimat und auf ihr angestammtes Land zu erm\u00f6glichen. Dies ist unser letztes friedliches Mittel. Als Reaktion auf Israels Kampf gegen BDS bitten wir Euch darum, diese Ma\u00dfnahmen zu intensivieren;<\/li>\n<li>dass Ihr zum Schutz pal\u00e4stinensischer Christen Lobby-Gruppen bildet. Wir bitten, dass Ihr \u00f6ffentlich und in \u00dcbereinstimmung mit den Gesetzen diejenigen christlichen Organisationen zur Rechenschaft zieht, die unsere Arbeit und unsere Legitimit\u00e4t in Misskredit bringen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Wir schlagen deshalb als Angelegenheit von h\u00f6chster Dringlichkeit vor, dass Ihr innerhalb des Weltrats der Kirchen ein strategisches Programm in Anlehnung an das \u201eProgramm zur Bek\u00e4mpfung des Rassismus\u201c kreiert, damit aktive Programme zur F\u00f6rderung von Gerechtigkeit und Frieden in Pal\u00e4stina und Israel mit Nachdruck propagiert, unterst\u00fctzt und entwickelt werden. \u00dcberdies schlagen wir vor, f\u00fcr die Aufrechterhaltung der Pr\u00e4senz der pal\u00e4stinensischen Christen zu sorgen, und zwar durch Unterst\u00fctzung ihrer Organisationen, ihrer kirchlichen Arbeit und ihrer<br \/>\nfriedlichen Anstrengungen.<\/p>\n<p>Als treue Zeugen anerkennen, bekr\u00e4ftigen und verharren wir in der best\u00e4ndigen prophetischen Tradition, besonders derjenigen, die mit dem Aufruf von Amman begann und im Kairos Pal\u00e4stina-Dokument erneut artikuliert wurde. Wir sind uns v\u00f6llig bewusst, welchem Druck f\u00fchrende kirchliche Pers\u00f6nlichkeiten hierzulande und im Ausland ausgesetzt sind, damit sie nicht die Wahrheit aussprechen. Aber genau deswegen schreiben wir diesen Aufruf.<\/p>\n<p>Die Dinge sind mehr als dringend. Wir stehen am Rande eines katastrophalen Zusammenbruchs. Der gegenw\u00e4rtige Status Quo ist unhaltbar. Dies k\u00f6nnte unsere letzte Chance sein, einen gerechten Frieden zu erreichen. Und dies k\u00f6nnte f\u00fcr die christliche Gemeinschaft in Pal\u00e4stina die letzte M\u00f6glichkeit sein, die Pr\u00e4senz der Christen in diesem Land zu erhalten. Unsere einzige Hoffnung als Christen beruht auf der Tatsache, dass in Jerusalem, der Stadt Gottes, die auch unsere Stadt ist, sich<br \/>\nein leeres Grab befindet, und dass Jesus Christus, der \u00fcber S\u00fcnde und Tod triumphiert, uns und der gesamten Menschheit neues Leben gebracht hat.<\/p>\n<p>\u201eWir sind von allen Seiten bedr\u00e4ngt, aber wir \u00e4ngstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdr\u00fcckt, aber wir kommen nicht um.\u201c (2. Kor. 4,8-9)<br \/>\n12. Juni 2017<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.oikoumene.org\/de\/press-centre\/news\/christian-organizations-in-palestine-release-open-letter\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.oikoumene.org\/de\/press-centre\/news\/christian-organizations-in-palestine-release-open-letter<\/a><br \/>\n[\u00dcbersetzung aus dem Englischen: Dr. S\u00f6ren Widmann &amp; Irene Idarous]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lernt Gutes tun! Trachtet nach Recht, helft den Unterdr\u00fcckten! 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