{"id":5316,"date":"2017-07-26T18:31:44","date_gmt":"2017-07-26T18:31:44","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=5316"},"modified":"2017-08-29T05:48:43","modified_gmt":"2017-08-29T05:48:43","slug":"die-bittere-konfrontation-mit-der-wahrheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=5316","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Israeli Miko Peled schildert in seinem Buch \u201eDer Sohn des Generals\u201c, wie f\u00fcr ihn das Ideologie-Geb\u00e4ude des Zionismus langsam zusammenbrach<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Arn Strohmeyer<\/p>\n<p>Ich muss gestehen, dass ich mit einem betr\u00e4chtlichen Misstrauen zu diesem Buch gegriffen habe. Wenn der Sohn eines der prominentesten israelischen Gener\u00e4le seine eigene und die Geschichte seines Vaters erz\u00e4hlt, (beide \u00fcberzeugte Zionisten), was kann man da anderes erwarten als ein Hohelied auf den Besatzungs- und Apartheidstaat Israel? Aber bei der Lekt\u00fcre wird man mehr als angenehm entt\u00e4uscht.<\/p>\n<p>Die Bef\u00fcrchtung war ja zun\u00e4chst auch durchaus berechtigt, denn General Peled (1923-1995) nahm als junger Offizier 1948 an der ethnischen S\u00e4uberung Pal\u00e4stinas (Nakba) und an dem Krieg gegen die arabischen Staaten teil, den die Israelis den \u201eUnabh\u00e4ngigkeitskrieg\u201c nennen. Auch im Krieg von 1967, in dem Israel das Westjordanland, den Gazastreifen, die Golanh\u00f6hen und die Sinai-Halbinsel eroberten, spielte Matti Peled eine treibende und entscheidende Rolle. Er war also einer der milit\u00e4rischen Erbauer des siedlerkolonialistischen Staates Israel. Dass sein Sohn bei einem solchen Hintergrund ein gl\u00e4ubiger Zionist wurde, verwundert da nicht, zumal sein Gro\u00dfvater m\u00fctterlicherseits der radikale Zionist Abraham Katznelson war, der in der zionistischen Bewegung eine f\u00fchrende Rolle spielte und einer der Unterzeichner der israelischen Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung war.<\/p>\n<p>Aber der General-Vater machte nach dem Krieg von 1967 eine erstaunliche Wandlung durch. Zun\u00e4chst erkl\u00e4rte er der obersten milit\u00e4rischen F\u00fchrung, der er selbst angeh\u00f6rte, dass dieser Krieg kein Krieg um die Existenz Israels gewesen sei, wie die israelische Propaganda behauptet hatte, denn der Staat sei von den arabischen Armeen zu keinem Zeitpunkt bedroht gewesen. In h\u00f6chster Gefahr habe sich dagegen die \u00e4gyptischen Armee befunden, die sich von der Sinai-Halbinsel aus der israelischen Grenze gen\u00e4hert habe. Deshalb habe man sich entschlossen, die Truppen Nassers zu vernichten.<\/p>\n<p>Und dann die Wende: Matti Peled gr\u00fcndete mit dem Publizisten Uri Avnery und anderen Linkssozialisten den \u201eIsraelischen Rat f\u00fcr den israelisch-pal\u00e4stinensischen Frieden\u201c. Er forderte die eigene Regierung auf (zu einer Zeit also, als dies noch gesetzlich verboten war), mit der PLO Jassir Arafats zu verhandeln, weil diese die legitime Vertreterin des pal\u00e4stinensischen Volkes sei. Er forderte zudem den R\u00fcckzug Israels aus den 1967 besetzten Gebieten, wandte sich gegen die Siedlungspolitik und setzte sich f\u00fcr die Errichtung eines unabh\u00e4ngigen pal\u00e4stinensischen Staates im Westjordanland und im Gazastreifen mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt ein \u2013 Forderungen, die auch in der Charta des Rates standen und zur damaligen Zeit \u00e4u\u00dferst radikal waren.<\/p>\n<p>Matti Peled sagte au\u00dferdem voraus, dass die Armee, die er selbst mit aufgebaut hatte, eine brutale Streitmacht ohne Moral werden w\u00fcrde, wenn ihre Hauptaufgabe darin bestehe, eine ganze Nation zu unterdr\u00fccken, von der es klar war, dass sie Widerstand gegen die Besatzung leisten w\u00fcrde. Au\u00dferdem machte er sich Sorgen um den Zustand der j\u00fcdischen Demokratie, die er als Folge der Besatzung in der Gefahr sah zu korrumpieren \u2013 Prophezeiungen, die sich inzwischen erf\u00fcllt haben. Matti Peled machte diese \u00c4u\u00dferungen als Zionist, der er sein Leben lang blieb, aber er war sich bewusst, dass nur ein gerechter Frieden unter Gleichen Israels Zukunft sichern k\u00f6nne. Dieser au\u00dfergew\u00f6hnliche Mann redete nicht nur, er k\u00e4mpfte (wenn auch erfolglos) f\u00fcr seine Ideen, traf mit Jassir Arafat in Tunis zusammen und pflegte eine enge Freundschaft mit dem Vertrauten des PLO-Chefs, dem Arzt und Politiker Issam Sartawi, der sp\u00e4ter ermordet wurde. Mit 45 Jahren verlie\u00df Matti Peled die israelische Armee, lernte Arabisch, studierte die Literatur dieses Kulturkreises, um dann noch Professor f\u00fcr dieses Fach zu werden.<\/p>\n<p>Der Sohn Miko Peled sucht in seinem Buch nach den Gr\u00fcnden f\u00fcr die erstaunliche Wandlung seines Vaters. Der fr\u00fchere Fatah-Kommandeur Abu Ali Shahim entschl\u00fcsselte ihm das R\u00e4tsel. Kurz nach dem Krieg von 1967 tauchte im Fl\u00fcchtlingslager Rafah im Gazastreifen ein israelischer Offizier mit einem Trupp Soldaten auf. Sie befahlen allen Leuten, aus ihren H\u00e4usern zu kommen. Dann nahmen die Soldaten eine Selektion vor: Die Frauen und Kinder unter 13 Jahren schickten sie in die H\u00e4user zur\u00fcck, die M\u00e4nner und Jungen \u00fcber 13 brachten sie in einen anderen Teil des Lagers, stellten sie an eine Wand und erschossen sie. Die Leichen machten sie mit einer Planierraupe unkenntlich. Abu Ali Shahim verlor bei diesem Massaker alle m\u00e4nnlichen Mitglieder seiner Familie.<\/p>\n<p>Matti Peled, der zu dieser Zeit auch Gouverneur von Gaza war, erfuhr von der Mordaktion, \u00fcberzeugte sich an Ort und Stelle von der Wahrheit des ihm berichteten Geschehens und leitete eine Untersuchung ein. Er hat in seiner Familie und seinem Sohn Miko gegen\u00fcber nie \u00fcber dieses Massaker gesprochen, aber es ist ganz offensichtlich, dass es f\u00fcr ihn die innere Wende brachte. Der Pal\u00e4stinenser Abu Ali Shahim sagte zu dem Sohn: \u201eEs wurde unter uns bekannt, dass dieser Vorfall ihn aus einem \u201aMilitanten\u2018 in einen Mann verwandelte, der f\u00fcr den Frieden eintrat. Ich merkte. dass Ihr Vater auf unserer Seite war, und das schwemmte allen Zorn in meinem Herzen vollkommen weg. Vollkommen!\u201c Der zionistische General Matti Peled wird so bei den Pal\u00e4stinensern zu einem gro\u00dfen Sympathietr\u00e4ger, in Israel dagegen nennt man ihn einen \u201eVerr\u00e4ter\u201c.<\/p>\n<p>Der Sohn Miko Peled, der in Israel und den USA aufgewachsen und erzogen worden ist und seinen Wehrdienst in einer israelischen Elite-Einheit abgedient hat, schildert in seinem Buch, wie er sich langsam von dem zionistischen Hintergrund seiner Familie und seines Staates l\u00f6st, weil er diese Ideologie immer mehr als brutal und unmenschlich empfindet. Als seine Schwester, die P\u00e4dagogin Nurit Peled, bei einem Terroranschlag ihre Tochter verliert, ist er schockiert, reagiert aber nicht mit Hass, sondern begr\u00fc\u00dft die Gr\u00fcndung einer Organisation von j\u00fcdischen und pal\u00e4stinensischen Eltern, die bei Anschl\u00e4gen ebenfalls Kinder verloren haben und sich nun gemeinsam f\u00fcr den Frieden einsetzen. Auch Nurit Peled tritt dieser Organisation bei.<\/p>\n<p>In San Diego (USA), wo Miko Peled eine Karateschule betreibt, nimmt er Kontakt zu dort lebenden Pal\u00e4stinensern auf, tritt mit ihnen gemeinsam bei Vortragsveranstaltungen auf, unternimmt Reisen ins Westjordanland und in den Gazastreifen, kommt mit vielen Pal\u00e4stinensern in Kontakt und kann aus allen diesen Begegnungen nur den Schluss ziehen: \u201eWarum d\u00e4monisieren wir diese Menschen, warum f\u00fcrchten wir sie, wo wir sie doch mit offenen Armen begr\u00fc\u00dfen sollten?\u201c Er ist \u00fcberzeugt: Die Pal\u00e4stinenser wollen den Frieden, aber das zionistische Israel will ihn nicht.<\/p>\n<p>Miko Peled l\u00e4sst damit auch die Positionen seines Vaters weit hinter sich. Er lehnt den Zionismus ab, weil er f\u00fcr ihn identisch ist mit Gewalt, Unterdr\u00fcckung und Rassismus. Frieden in Pal\u00e4stina kann es \u2013 davon ist er \u00fcberzeugt \u2013 nur au\u00dferhalb des ideologischen Paradigmas des zionistischen Staates geben. Er macht den zionistischen Siedlerkolonialismus f\u00fcr die offene politische Wunde im Nahen Osten verantwortlich, die hier seit der Ankunft der ersten j\u00fcdischen Siedler klafft. Er zitiert den franz\u00f6sischen Schriftsteller Franz Fanon, der schrieb: \u201eDer Kolonialismus ist keine Maschine, die des Denkens f\u00e4hig ist, ein K\u00f6rper, der Vernunft besitzt. Er ist nackte Gewalt und gibt nur auf, wenn er mit einer noch gr\u00f6\u00dferen Gewalt konfrontiert ist.\u201c<\/p>\n<p>Deshalb nennt Miko Peled das ausf\u00fchrende Organ dieser Gewalt, die israelische Armee, eine \u201eSchande\u201c und eine \u201eTerrororganisation\u201c, fordert die jungen Israelis zur Wehrdienstverweigerung auf, wirft Israel vor, aus dem Gazastreifen ein riesiges Gef\u00e4ngnis, ja ein \u201eKonzentrationslager\u201c gemacht zu haben. Die st\u00e4ndigen brutalen Angriffe gegen den Gazastreifen sieht er als Fortsetzung des permanenten Krieges gegen die Pal\u00e4stinenser, der seit mehr als 60 Jahren betrieben werde und dessen Ziel es sei, die ethnische S\u00e4uberung Pal\u00e4stinas (Nakba) zu Ende zu f\u00fchren. Er h\u00e4lt BDS f\u00fcr den einzigen Weg, diese Besatzungsbarbarei endlich zu stoppen. Das Ziel ist f\u00fcr ihn ein s\u00e4kularer demokratischer Staat, in dem Juden und Pal\u00e4stinenser gleichberechtigt leben k\u00f6nnen. Nur so sei der Frieden m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Solche Ein- und Ansichten zwingen Miko Peled auch, das Verh\u00e4ltnis zu seinem Vater zu \u00fcberdenken. Er ist \u00fcberzeugt, dass der General es mit seinem vers\u00f6hnenden Ansatz ernst gemeint hat, aber er bescheinigt ihm auch, gravierende Fehler gemacht zu haben. Miko Peled schreibt: \u201eEr versuchte, die Bestie im Zaum zu halten, zu deren Erschaffung er selbst beigetragen hatte, aber Israel wird vor nichts haltmachen.\u201c Das abschlie\u00dfende Urteil \u00fcber den Vater f\u00e4llt bitter aus: \u201eMatti Peled spielte eine wichtige Rolle bei der Etablierung eines rassistischen, kolonialistischen Unternehmens in Pal\u00e4stina durch einen gewaltsamen Prozess der ethnischen S\u00e4uberung. Danach k\u00e4mpfte er f\u00fcr die Aufrechterhaltung dieses Staates, indem dieser einen Kompromiss mit seinen Opfern, den Pal\u00e4stinensern, schloss. Heute bleiben vom ehemaligen Pal\u00e4stina nur noch kleine Bruchst\u00fccke, in denen die Pal\u00e4stinenser kaum noch Rechte genie\u00dfen und gleichzeitig der Gnade des Milit\u00e4rs und der Geheimpolizei Israels ausgeliefert sind, zwei Institutionen, die sie bisher gnadenlos unterdr\u00fcckt haben.\u201c<\/p>\n<p>Und auch die Mutter bezieht er in seine Kritik ein. Er bat sie, das mit einer handschriftlichen Widmung versehene Bild des Zionistenf\u00fchrers und ersten israelischen Ministerpr\u00e4sidenten Ben Gurion im Arbeitszimmer des Vaters abzuh\u00e4ngen \u2013 mit der Begr\u00fcndung: \u201eEr war ein grausamer Mensch und war f\u00fcr schreckliche Verbrechen verantwortlich.\u201c Aber die Mutter weigerte sich. Das Bild h\u00e4ngt noch heute dort.<\/p>\n<p>Miko Peled hat ein sehr ehrliches, deswegen bewegendes und \u00e4u\u00dferst wichtiges politisches Buch geschrieben. Er beschreibt seine Wandlung vom \u00fcberzeugten Anh\u00e4nger des Zionismus (einer chauvinistischen Stammesideologie) zum Weltb\u00fcrger, Menschenrechtler und Universalisten, der es mit der Gleichheit und dem Frieden unter allen Menschen (nicht nur in Pal\u00e4stina\/Israel) sehr ernst meint. Dem Vater war dieser Schritt nur halb gelungen, der Sohn schafft ihn dann ganz und steht damit in der besten Tradition der gro\u00dfen humanistisch gesinnten Juden. Dem Buch ist allergr\u00f6\u00dfte Verbreitung zu w\u00fcnschen \u2013 vor allem unter Lesern, die immer noch an den Zionismus glauben, ihn mit Judentum gleichsetzen und ihn deshalb r\u00fcckhaltlos verteidigen.<\/p>\n<p>Miko Peled: Der Sohn des Generals. Reise eines Israeli in Pal\u00e4stina, Z\u00fcrich 2016, ISBN 978-3-85990-290-9, 23,80 Euro<\/p>\n<p>25.07.2017<\/p>\n<p class=\"western\">&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Israeli Miko Peled schildert in seinem Buch \u201eDer Sohn des Generals\u201c, wie f\u00fcr ihn das Ideologie-Geb\u00e4ude des Zionismus langsam zusammenbrach<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[3,7],"tags":[],"class_list":["post-5316","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-buchtipps"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5316","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5316"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5316\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5405,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5316\/revisions\/5405"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5316"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5316"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5316"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}