{"id":5322,"date":"2017-08-01T18:57:15","date_gmt":"2017-08-01T18:57:15","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=5322"},"modified":"2017-08-29T05:48:15","modified_gmt":"2017-08-29T05:48:15","slug":"wenn-israels-besatzung-nicht-endet-wird-der-antisemitismus-weltweit-zu-unheimlicher-staerke-anwachsen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=5322","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/www.haaretz.com\/opinion\/.premium-1.803741\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/14-04-02-logo-haaretz2.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"48\"><\/a><\/strong>50 Jahre der Okkupation haben latente Vorurteile und alte Stereotype nicht nur gegen Juden, sondern auch gegen Araber und Muslime wieder aufgeweckt. Aber noch immer leugnen viele, dass Israels immer gewaltsamere Kontrolle ein entscheidender Faktor ist. <!--more--><em>von Tony Klug, in Haaretz v. 30. Juli 2017<\/em><br \/>\nEines der urspr\u00fcnglichen Ziele des Zionismus war die Normalisierung der Beziehungen zwischen Juden und anderen V\u00f6lkern. Welche tragische Ironie w\u00e4re es, wenn die Politik des Staats, den er schuf, stattdessen den Antisemitismus normalisierte?<\/p>\n<p>Dass es in den letzten Jahrzehnten einen alarmierenden Anstieg antij\u00fcdischer Gef\u00fchle gegeben hat, besonders in der arabischen und in der muslimischen Welt, daran besteht kein Zweifel. Was umstritten ist, ist der Grund. Das hier war zusammengefasst, als junger Forscher, Mitte der 1970-er meine Auslegung:<br \/>\nW\u00e4hrend Israel weiterhin \u00fcber die West Bank herrscht, wird es immer h\u00e4ufigere Akte des Widerstands durch eine Bev\u00f6lkerung geben m\u00fcssen, die sich immer entrechteter f\u00fchlt durch ein sich ausbreitendes Muster j\u00fcdischer Kolonisierung und die sich nach Unabh\u00e4ngigkeit sehnt.<\/p>\n<p>Solange Israel das Gebiet weiterhin regiert, wird es kaum eine andere Chance haben, als immer gewaltt\u00e4tiger zu reagieren, um auch nur Ordnung zu bewahren. Die moralische Anziehungskraft Israels wird in der Folge darunter leiden, und das wird das Ma\u00df an internationaler Unterst\u00fctzung weiter aush\u00f6hlen, wohl aber nicht unter der organisierten Meinung der j\u00fcdischen Diaspora.<\/p>\n<p>Diese sich versch\u00e4rfende Polarisierung muss zu einem steilen Anstieg in offenem Antisemitismus f\u00fchren. Ich unterstelle nicht, dass dies die ganze Geschichte ist. Aber sie ist ein entscheidender Teil davon. Wachsende antij\u00fcdische Gef\u00fchle in der arabischen und muslimischen Welt ist nur eine Seite der Gleichung.<\/p>\n<p>Die andere Seite ist die damit einhergehende Erscheinung der wachsenden anti-arabischen und anti-muslimischen Gef\u00fchle in der j\u00fcdischen Welt. Au\u00dferdem ist das Gift dieses Konflikts in andere Gebiete des Globus \u00fcbergeschwappt und hat in einigen F\u00e4llen latente Vorurteile gegen Juden, Muslime und Araber angefacht, alte Stereotype j\u00fcdischer Gerissenheit und Macht auf der einen und bedrohlichen muslimischen Horden auf der anderen Seite wiedererweckt.<\/p>\n<p>Das gleichzeitige Anwachsen dieser Ph\u00e4nomene ist kein Zufall. Das eine n\u00e4hrt das andere. Also m\u00fcssen sie nicht isoliert voneinander, sondern zusammen betrachtet werden. Aber diese Trends sind nicht einheitlich gewesen. W\u00e4hrend der \u201eOslo-Jahre\u201c der 1990-er wurde die politische Kultur eine Zeitlang transformiert. Neue Freundschaften wurden \u00fcber die Kluft hinweg geschlossen, und Israel Kurs in der arabischen Welt und weltweit schoss in die H\u00f6he. Es gab einen deutlichen Abschwung antisemitischer Vorf\u00e4lle. Davor, der Friedensinitiative Pr\u00e4sident Sadats 1977 folgend, waren die geistlichen F\u00fchrer \u00c4gyptens aufgefordert worden, diejenigen Teile des Korans herunterzuspielen, die schlecht von den Juden sprachen, und jene Teile zu betonen, die Muslim dazu aufriefen, mit den Juden Freundschaft zu schlie\u00dfen. Israelische Botschaften h\u00f6rten damit auf, Literatur zu verbreiten, die Pr\u00e4sident Sadat als Nazi-Sympathisant beschrieben.<\/p>\n<p>Ich erwarte nicht, dass ich mich nach weiteren 40 Jahren erneut schamlos selbst zitieren werden, aber da die Leidenschaften weiter steigen, ist es keine Geheimwissenschaft vorherzusehen, dass es einen weiteren sprunghaften Anstieg antisemitischer Gef\u00fchle geben wird, wenn Israel seine Okkupation nicht beendet und die organisierte j\u00fcdische Meinung in anderen L\u00e4ndern sie vermeintlich weiterhin offen unterst\u00fctzt \u2013 potentiell noch gef\u00e4hrlichere Impulse verursachend.<\/p>\n<p>Jahrhundertelang entstellte Antisemitismus das Gesicht europ\u00e4ischer L\u00e4nder. Dieser \u201ebesondere und auff\u00e4llige Judenhass\u201c, hatte nach dem Veteran der Geschichte Professor Bernard Lewis (in seinem Artikel \u201eAntisemitismus in der arabischen und muslimischen Welt\u201c von 1985), seine \u201eUrspr\u00fcnge in der Rolle, die den Juden in bestimmten christlichen Schriften und Vorstellungen\u201c. Im Gegensatz dazu \u201eexistierte in diesem speziellen Sinn Antisemitismus in der traditionellen islamischen Welt nicht\u201c. W\u00e4hrend Juden \u201eniemals frei von Diskriminierung waren\u201c, waren sie \u201enur gelegentlich Gegenstand der Verfolgung\u201c. Der j\u00fcngere \u201eAntisemitismus europ\u00e4ischer Auspr\u00e4gung\u201c, merkte er an, wurde durch den israelisch-arabischen Konflikt ausgel\u00f6st und verst\u00e4rkte sich nach dem Krieg von 1967.<\/p>\n<p>Angesichts seiner Geschichte, \u00fcberrascht es kaum, dass latente antij\u00fcdische Gef\u00fchle weiter in Teilen der europ\u00e4ischen Zivilgesellschaft schwelten, sei es am rechten Rand, in der Mitte oder am linken. Im Vereinigten K\u00f6nigreich wurden Anschuldigungen des Antisemitismus\u2018 gegen Mitglieder der Labour-Partei Jeremy Corbyns gemacht \u2013 eine aus echter Sorge, einige dubios und einige offenkundig erfunden.<\/p>\n<p>In anderen L\u00e4ndern, einschlie\u00dflich der USA, hat es j\u00fcngst ebenfalls F\u00e4lle antisemitischer Vorurteile gegeben, einige b\u00f6swillig, einige leichtfertig und einige aus Dummheit oder Verwirrung. Handlungen, die nicht antisemitisch inspiriert sind, k\u00f6nnen antisemitisch wirken, wie z. B. der Ausschluss j\u00fcdischer Frauen mit dem Davidstern vom Chicagoer Dyke-Marsch im Juni. Um die wichtige Unterscheidung treffen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir in jedem Fall die Beweise \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Ein Bekannter merkte k\u00fcrzlich mir gegen\u00fcber an: \u201eIch dachte, ein Antisemit sei jemand, der Juden hasse, nicht jemand, den die Juden hassten.\u201c Der Fall Jeremy Corbyns ist bezeichnend: Verabscheuen ihn einige j\u00fcdische Kreise, weil er angeblich ein Antisemit ist (wof\u00fcr es wirklich keinen Beweis gibt) oder weil sein Bekenntnis zu Prinzipien der Menschenrechte nicht an der pal\u00e4stinensischen T\u00fcrschwelle aufh\u00f6rt?<br \/>\nWie alle Formen von Rassismus, ist der Antisemitismus monstr\u00f6s, aber falsche oder \u00fcbertriebene Behauptungen k\u00f6nnen auch grotesk sein \u2013 und kontraproduktiv. Sie setzen nicht nur die Anschuldigung herab, sondern bringen gleichzeitig die Gefahr mit sich, schamlosen Antisemitismus dann nicht zu erkennen, wenn er uns ins Gesicht starrt Menschen, welche Juden in den letzten Jahren nicht mit der Zange angefasst h\u00e4tten, werden heute von der israelischen Regierung und von einigen Pro-Israel-Gruppen im Ausland gefeiert.<\/p>\n<p>Rechte pro-zionistische evangelikalische christliche Gruppen in den USA, deren Konzept der \u201eEntr\u00fcckung\u201c am Ende alle Juden konvertiert oder vernichtet sehen w\u00fcrde, sind nicht die einzigen. Bekannte ungarische, polnische und lettische Antisemiten sind hofiert worden, weil sich ihre politischen Parteien im Europ\u00e4ischen Parlament auf Israels Seite stellen. In diesen und anderen F\u00e4llen wird die angebliche Unterst\u00fctzung f\u00fcr Israel oder israelische Handlungen daf\u00fcr genutzt, die Anschuldigung des Antisemitismus abzuwehren \u2013 sogar f\u00fcr begeisterte Antisemiten mit Verbindungen zu Neonazis oder mit einer Geschichte der Holocaustleugnung.<br \/>\nDas alles soll nicht bedeuten, dass Antizionismus oder Feindseligkeit gegen\u00fcber Israel in der weiten Welt nicht manchmal als Mantel des Antisemitismus verwendet wird oder, in manchen F\u00e4llen, dass sie nicht von \u00e4hnlichen Regungen stammt. Aber dies rechtfertigt nicht das Zusammenwerfen von wirklichen Antisemiten mit den wirklichen Opfern der gewaltt\u00e4tigen israelischen Politik und ihren Streitern, w\u00e4hrend den demonstrativ \u201epro-israelischen\u201c Antisemiten freie Fahrt gew\u00e4hrt wird.<\/p>\n<p>Die Sehnsucht, die Beziehungen zwischen Juden und anderen V\u00f6lkern zu normalisieren, muss erst noch erf\u00fcllt werden. Der eine wichtigste Schl\u00fcssel ist heute die Beendigung der israelischen Okkupation ohne weitere Ausreden und die Einigung auf eine faire Beilegung des Konflikts mit den Pal\u00e4stinensern und der arabischen Welt, solange es die Gelegenheit noch gibt.<\/p>\n<p><em>Ton Klug schreibt seit 45 Jahren umfangreich zu israelisch-pal\u00e4stinensischen Themen. Er ist Sonderberater zum Nahen Osten in der Oxford Research Group und dient als Berater der Palestine Strategy Group und des Israel Strategic Forum. Er war viele Jahre f\u00fchrender Vertreter von Amnesty International, wo er das Internationale Entwicklungsprogramm leitete. Dieser Artikel basiert auf einem umfassenderen Gespr\u00e4ch w\u00e4hrend der Pears Internationalen Konferenz zu Zionismus und Antisemitismus am Birkbeck College, Universit\u00e4t London, im Mai 2017.<\/em><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.haaretz.com\/opinion\/.premium-1.803741\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.haaretz.com\/opinion\/.premium-1.803741<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>50 Jahre der Okkupation haben latente Vorurteile und alte Stereotype nicht nur gegen Juden, sondern auch gegen Araber und Muslime wieder aufgeweckt. 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