{"id":534,"date":"2014-06-07T05:40:21","date_gmt":"2014-06-07T05:40:21","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=534"},"modified":"2014-06-07T05:41:24","modified_gmt":"2014-06-07T05:41:24","slug":"gut-fuer-die-juden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=534","title":{"rendered":"Gut f\u00fcr die Juden?"},"content":{"rendered":"<p>WIE W\u00c4HLT ein Fu\u00dfballclub sein Team? Der einfache Weg ist der gew\u00f6hnliche: jede Seite hat ihren Manager, der sein Team ausw\u00e4hlt. Kein Problem. Jetzt hat die Regierung Israels einen neuen Weg eingeschlagen. Unser Manager hat unsere beiden Teams, auch das feindliche, ernannt. So hat er hat die Sache vereinfacht.<!--more--><\/p>\n<p>Ich frage mich nur, ob diese Methode nicht verbessert werden\u00a0 k\u00f6nnte. Zum Beispiel: der Manager jeder Seite w\u00e4hlt nur das Team der andern Seite; das k\u00f6nnte\u00a0 sich als interessant herausstellen. Doch ein anderer Weg w\u00fcrde f\u00fcr die Wettmafia der sein, beide Teams zu w\u00e4hlen. Dies k\u00f6nnte den Profit vergr\u00f6\u00dfern \u2013 im Geist moderner Marktbeherrschung.<\/p>\n<p>IM ERNST, der Anspruch\u00a0 Benjamin Netanjahus, er habe ein Recht, die pal\u00e4stinensische Regierung eigenh\u00e4ndig\u00a0 zu w\u00e4hlen, ist ziemlich erstaunlich. Alle bedeutenden pal\u00e4stinensischen politischen Parteien\u00a0 sind mit einer neuen Regierungskoalition einverstanden. Dies ist eine negative Koalition: alle Parteien\u00a0 stimmen\u00a0 darin \u00fcberein, ihre eigenen Mitglieder nicht in der Regierung\u00a0 zu haben. Die Regierung ist aus\u00a0 \u201eTechnokraten\u201c zusammengesetzt, die keiner Partei angeh\u00f6ren. Ich kenne fast keinen von ihnen. Netanjahu sollte gl\u00fccklich sein. Kein Mitglied der \u00fcblen, terroristischen, antisemitischen Hamas ist dabei.<\/p>\n<p>Aber dann erfand\u00a0 der produktive Geist Netanjahus\u00a0 einen neuen Trick.\u00a0 Es stimmt, kein\u00a0 Hamas-Mitglied ist in der Regierung. Aber die Regierung wird von der Hamas unterst\u00fctzt! Schrecklich! Unertr\u00e4glich! Wenn die Hamas jemanden unterst\u00fctzt, muss dies sicher ein Selbstmordbomber sein, ein Judenm\u00f6rder und nat\u00fcrlich ein Antisemit (Obwohl\u00a0 sie selbst ein Semit ist.) Also solch eine Regierung muss boykottiert werden, nicht nur von Israel, sondern von der ganzen zivilisierten Welt. Falls Europa oder gar die US nicht damit einverstanden sind\u00a0 &#8211;\u00a0 ist das ein Haufen von Antisemiten! nicht wahr?<\/p>\n<p>EINE ALTE j\u00fcdische Frage\u00a0 spricht halb im Scherz und halb im Ernst aus:\u00a0 \u201eIst es gut f\u00fcr die Juden?\u201c Ob es das Wetter ist, ein Erdbeben in Alaska oder eine Flut in China. Die Frage erhebt sich gleichbleibend. Gut oder\u00a0 schlecht f\u00fcr die Juden? Ein uns viel n\u00e4heres Ereignis wie\u00a0 die Aufstellung einer pal\u00e4stinensischen Einheitsregierung stellt die Frage weit dringender. Dies ist keine neue Frage in diesem Kontext. Schon in den fr\u00fchen 50ern debattierten dies zwei bedeutende F\u00fchrer: David Ben-Gurion glaubte nicht an Frieden. Er war sich sicher, dass \u201edie Araber\u201c uns\u00a0 in dieser Region nie akzeptieren werden. Seiner Meinung nach w\u00fcrde der Konflikt noch viele Generationen dauern, wenn nicht f\u00fcr immer.<\/p>\n<p>Bitte, bringt mir keine Zitate, um das Gegenteil zu beweisen. Es gibt eine Menge davon. Die Historiker lieben sie. Aber Zitate von Staatsm\u00e4nnern sind nahezu wertlos. Sie reflektieren meistens die Bed\u00fcrfnisse des Autors in der realen Zeit, um ein vor\u00fcbergehendes Ziel zu erreichen.<\/p>\n<p>Es sind die Taten, die z\u00e4hlen, und Ben-Gurions Taten lassen keinen Zweifel. In jedem Stadium nahm er,\u00a0 was er konnte und wartete dann auf die n\u00e4chste Gelegenheit, um mehr zu gewinnen. Keinen Frieden. Da er sicher war, die Araber und besonders die Pal\u00e4stinenser w\u00fcrden unsere Feinde auf immer bleiben, ist die logische Schlussfolgerung, alles M\u00f6gliche zu tun, um sie zu schw\u00e4chen. Und am besten ist es, sie zu trennen: Divide et impera!<\/p>\n<p>Ben Gurion tat alles M\u00f6gliche, um die arabische Welt zu spalten. Als Gamal-Abd-al- Nasser mit seiner panarabischen Botschaft auf der Bildfl\u00e4che erschien, sabotierte Ben-Gurion\u00a0 in jedem Stadium alle seine Bem\u00fchungen. Er verschlimmerte den Konflikt mit seinen Vergeltungsattacken \u00fcber die Grenze hinaus, und\u00a0 fiel 1956\u00a0 in \u00c4gypten ein \u2013 in Absprache mit den zwei\u00a0 gemeinen Kolonialm\u00e4chten Frankreich und Gro\u00dfbritannien. Sein intellektueller Gegner war Nahum Goldmann, damals der Pr\u00e4sident der zionistischen Weltorganisation. Der glaubte an das genaue Gegenteil. Die Araber, behauptete er, werden uns nur anerkennen, wenn sie vereinigt sind und sich stark f\u00fchlen. Deshalb war jede Spaltung der arabischen Welt\u00a0 \u201eschlecht f\u00fcr die Juden\u201c. (Goldmann\u00a0 w\u00fcnschte \u00fcbrigens, uns aus dem kalten Krieg herauszuhalten und Israel zur Schweiz des Nahen Ostens zu machen). In dieser Hinsicht gab es wenig Unter-schied zwischen Ben-Gurion und all seinen Nachfolgern. Der Unterschied\u00a0 zwischen Ben Gurion und Netanjahu ist der wie zwischen einem kleinen Riesen und einem gro\u00dfen Zwerg.<\/p>\n<p>Eigentlich unn\u00f6tig zu sagen: ich war ganz f\u00fcr die Goldmann-Linie. Mein Magazin hie\u00df die \u00e4gyptische Revolution von 1952 willkommen, widersetzte sich streng gegen den Sinai-Krieg und war f\u00fcr die panarabische Linie.<\/p>\n<p>DIE GRUNDLEGENDE Frage ist nat\u00fcrlich, ob man \u00fcberhaupt\u00a0 Frieden haben will: Ist der Frieden \u201egut f\u00fcr die Juden?\u201c. Ben Gurion hat offensichtlich nicht so gedacht &#8211; Goldmann ja.<\/p>\n<p>Wie war es mit Yitzhak Rabin? Ich glaube, dass Rabin wirklich Frieden wollte, er aber niemals ganz die Idee akzeptierte, welches die unvermeidliche Grundlage f\u00fcr Friedens ist:\u00a0 ein pal\u00e4stinensischer Staat neben Israel. Wenn er f\u00e4hig gewesen w\u00e4re, seinen Weg weiterzugehen, w\u00e4re er wahrscheinlich dort angekommen, aber er wurde, bevor er dort ankam, umgebracht. Doch war es Rabin, der die schicksalhafte Entscheidung traf, die Pal\u00e4stinenser zu spalten.\u00a0 Das Oslo-Abkommen stellte einstimmig fest, dass die Westbank und der Gaza Streifen eine territoriale Einheit sind. Um das zu verwirklichen,\u00a0 vier \u201esichere Passagen\u201c zwischen den beiden Regionen zu \u00f6ffnen,\u00a0 wurden Wegweiser\u00a0\u00a0 in drei Sprachen aufgestellt: \u201enach\u00a0 Jericho\u201c \u201e nach \u201eGaza\u201c etc.\u00a0\u00a0 Doch keine der vier Passagen wurde jemals ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Heute ist es schwierig, sich daran zu erinnern, dass seit Beginn der Besatzung 1967 bis zum Oslo-Abkommen 1993 die Bewegung zwischen Israel und Pal\u00e4stina\u00a0 unbehindert war. Pal\u00e4stinenser von Gaza und Hebron konnten ohne Probleme Haifa besuchen, Israelis\u00a0 konnten leicht Lebensmittel in Nablus oder Jericho einkaufen. Es klingt unglaublich: das Oslo-Abkommen\u00a0 setzte diesem Paradies ein Ende. Nach Oslo kam die Trennungsmauer und all die anderen Ma\u00dfnahmen, die den Gazastreifen und die Westbank in Open-Air-Gef\u00e4ngnisse verwandelten. Die unvermeidbare\u00a0 Folge war die Spaltung.<\/p>\n<p>ES GIBT nur wenige Beispiele in der Geschichte von Staaten, der aus zwei oder mehr getrennten Gebieten besteht. Das auffallendste\u00a0 unserer Zeit\u00a0 ist Pakistan. Als Indien geteilt wurde, lagen gro\u00dfe muslimische Gebiete \u00f6stlich von dem Land, das dann Indien wurde. Es funktionierte nicht. Es dauerte nur wenige Jahre f\u00fcr die Ost-Pakistaner, sich \u00fcber die Vorherrschaft\u00a0 der West-Pakistaner zu \u00e4rgern. Gegenseitiger Hass kam auf. Das \u00f6stliche Pakistan brach mit Hilfe Indiens weg und bildete einen eigenen Staat \u2013 Bangladesh. Zwischen den beiden pakistanischen Gebieten\u00a0 war eine sehr weite Entfernung: das massige Indien. Aber zwischen der Westbank und dem Gazastreifen liegen nur gerade\u00a0 40 km. Anfangs gab es eine Menge Gerede, wie man die Entfernung \u00fcberbr\u00fccken k\u00f6nne. Buchst\u00e4blich. Ehud Barak spielte mit der Idee, eine riesige Br\u00fccke zu bauen, und man sah sich in der Welt nach einem Modell um. Andere dachten \u00fcber eine exterritoriale Schnellstra\u00dfe oder Bahnlinie nach. Nichts wurde ausgef\u00fchrt.<br \/>\nIn der Zwischenzeit geschah, was geschehen musste. In beiden Gebieten wurden freie Wahlen abgehalten, beobachtet von Jimmy Carter \u2013 und Hamas gewann. Eine Regierung wurde gebildet. Unter immensem israelischen Druck, Europas und der US\u00a0 wurde sie boykottiert, und\u00a0 fiel auseinander.<\/p>\n<p>Der Rest ist Geschichte. Eine Fatah-Fraktion in Gaza, angef\u00fchrt von einem israelisch-amerikanischen Kollaborateur, versuchte, in Gaza einen Putsch durchzuf\u00fchren. Die Hamas\u00a0 reagierte mit einem eigenen Putsch (falls man einen Putsch durchf\u00fchren kann, nachdem man eine Wahl gewonnen hat) und wurde die Regierung im Gazastreifen. Fatah \u00fcbernahm die Macht in der Westbank. Beide Seiten\u00a0 diffamierten einander \u2013 zum Entz\u00fccken Israels und seiner Unterst\u00fctzer.<\/p>\n<p>Aber die Geschichte hat ihre eigenen mysteri\u00f6sen Wege. Nach einigen Kanonen- und Raketen-Duellen\u00a0 griff Israel den Gazastreifen an, und nach einer Menge Blutvergie\u00dfen, griff auch \u00c4gypten ein und arrangierte\u00a0 ein Abkommen (keine Waffenpause \u201eHudna\u201c, was\u00a0 Waffenstillstand bedeutet, sondern eine \u201eTahdiya\u201c, was Waffenruhe bedeutet).Beide Seiten waren gl\u00fccklich, zusammen zu arbeiten. Hamas unternahm sogar konkrete Schritte, um die Angriffe der kleineren, extremeren Gaza-Fraktionen\u00a0 zu beenden; Israel verhandelte auch mit der Hamas \u00fcber die R\u00fcckkehr des israelischen Soldaten Gilat Shalit.<\/p>\n<p>Es schien sogar, dass die israelische Armee es vorzieht, mit der k\u00e4mpferischen Hamas zu verhandeln als mit der moderateren Fatah, dessen F\u00fchrer Mahmoud Abbas von Ariel Sharon\u00a0 als \u201egerupftes K\u00fcken\u201c bezeichnet wurde.<\/p>\n<p>PR\u00c4SIDENT JOHNSON sagte einmal, es sei besser, einen\u00a0 Feind innerhalb des Zeltes zu haben, so dass er hinaus spucken kann, statt\u00a0 au\u00dferhalb des Zeltes, der dann hineinspucken w\u00fcrde. Einbeziehen\u00a0 ist besser als ausschlie\u00dfen. Hamas, die die Verantwortung f\u00fcr eine Pal\u00e4stinensische Einheits-Regierung tr\u00e4gt, ist besser, als\u00a0 wenn Hamas\u00a0 sie angreift. Falls man wirklich Frieden machen will mit dem pal\u00e4stinensischen Volk.<br \/>\nFalls \u2026..<\/p>\n<p>Uri Avnery, , 7. Juni 2014<br \/>\n(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser\u00a0 autorisiert).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>WIE W\u00c4HLT ein Fu\u00dfballclub sein Team? Der einfache Weg ist der gew\u00f6hnliche: jede Seite hat ihren Manager, der sein Team ausw\u00e4hlt. Kein Problem. Jetzt hat die Regierung Israels einen neuen Weg eingeschlagen. 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