{"id":5383,"date":"2017-08-21T15:15:28","date_gmt":"2017-08-21T15:15:28","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=5383"},"modified":"2021-07-25T06:50:27","modified_gmt":"2021-07-25T06:50:27","slug":"eva-illouz-israel-soziologische-essays","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=5383","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/17-08-21-eva-illouz-israel.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"127\">Eva Illouz, geboren 1961 in F\u00e8s, ist Professorin f\u00fcr Soziologie an der Hebr\u00e4ischen Universit\u00e4t von Jerusalem und an der EHESS in Paris. Sie schreibt regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr die israelische Tageszeitung Haaretz.<\/p>\n<p><strong>Wohin steuert Israel?<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Was geht in einem Land vor, in dem Sicherheit von so \u00fcberragender Bedeutung ist, dass sich eine \u00c4rztin bereitwillig an einem Mordkomplott beteiligt, weil sie davon \u00fcberzeugt ist, damit ihre Heimat zu verteidigen? W\u00fcrden hochrangige israelische Politiker oder Milit\u00e4rs ein Mitglied einer Minderheit gegen den blo\u00dfen Verdacht des Hochverrats in Schutz nehmen? Fragen wie diesen sp\u00fcrt Eva Illouz in ihren Essays \u00fcber Israel nach. Anhand aktueller politischer Entwicklungen und pers\u00f6nlicher Erfahrungen zeichnet sie ein drastisches Bild der israelischen Gesellschaft: Die zunehmende Identifikation mit Ethnie und Religion, so ihre These, droht deren liberalen Charakter zu unterwandern. Illouz\u2019 in Israel viel beachteten und kontrovers diskutieren Texte kombinieren scharfsinnige Analysen mit einem kompromisslosen Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine offene Gesellschaft \u2013 eine dringend ben\u00f6tigte Stimme aus einer von Extremismus gezeichneten Region.<\/p>\n<h1>Eine Rezension von Arn Strohmeyer<\/h1>\n<p>R\u00fcckfall in die Vormoderne<br \/>\nDie israelische Soziologin Eva Illouz analysiert in ihrem neuen Buch, warum Israel keine liberale Demokratie ist und riskiert, die Zukunft zu verspielen.<\/p>\n<p>Die israelische Soziologin Eva Illouz ist eine sehr progressive, \u201elinke\u201c Wissenschaftlerin, die in der Kritik an der Politik ihres Staates kein Blatt vor den Mund nimmt. Dennoch bekennt sie,&nbsp; eine \u00fcberzeugte Zionistin zu sein. Diese Einstellung stellt sie gleich an den Anfang ihres Buches \u201eIsrael\u201c: \u201eNicht nur haben die Juden ein Recht auf eine nationale Heimst\u00e4tte, sie haben sogar ein gr\u00f6\u00dferes moralisches Recht darauf als die meisten anderen V\u00f6lker, weil sie auf die l\u00e4ngste und eine der leidvollsten Verfolgungsgeschichten der Menschheit zur\u00fcckblicken.\u201c Sie sieht die Legitimit\u00e4t des Zionismus darin, den Juden zu Sicherheit und W\u00fcrde zu verhelfen.<\/p>\n<p>Die Antwort auf dieses Bekenntnis kann nur sein: Nat\u00fcrlich haben die Juden wie jedes andere Volk ein Recht auf Souver\u00e4nit\u00e4t, Sicherheit, W\u00fcrde und auf eine Heimst\u00e4tte \u2013 aber haben sie dieses Recht auch auf Kosten eines anderen Volkes, das vertrieben und dezimiert und dessen Land geraubt werden musste, um den j\u00fcdischen Traum zu erf\u00fcllen? Hier liegt der nicht aufl\u00f6sbare Widerspruch in Argumentationen, wie sie auch Eva Illouz vertritt. Sie glaubt, ihn durch ein leidenschaftliches Bekenntnis zu den Werten des Universalismus aufl\u00f6sen zu k\u00f6nnen, indem sie fordert, dass Israel nur echte Legitimit\u00e4t und damit eine Zukunft haben kann, wenn es \u201eein universalistischer und s\u00e4kularer Staat wird, der alle seine B\u00fcrger gleich repr\u00e4sentiert und die Idee von unser aller Humanit\u00e4t verk\u00f6rpert.\u201c Womit sie zugleich ja auch zugibt, dass es um die universalistischen Werte gegenw\u00e4rtig in Israel nicht gut steht.<\/p>\n<p>Sie vertritt also eine sehr positive Vision, zu fragen ist aber, ob Israel bei ihrer Realisierung \u00fcberhaupt noch ein zionistischer Staat sein w\u00fcrde, ja ob es \u00fcberhaupt noch Israel w\u00e4re, denn bei einer Gleichheit aller seiner B\u00fcrger wird der arabische Bev\u00f6lkerungsteil mehrheitsf\u00e4hig. Die politische Elite Israels ist sich dieser Gefahr durchaus bewusst und spricht ganz offen aus, \u201edass die Menschenrechte Israels \u00dcberleben gef\u00e4hrden w\u00fcrden.\u201c Sind die universellen Werte Freiheit, Gleichheit, Selbstbestimmung also mit dem Zionismus vereinbar, wie Eva Illouz hofft? Oder stimmt, was der israelische Philosoph Omri Boehm konstatiert: \u201eZionismus und Humanismus sind unvereinbar.\u201c<\/p>\n<p>Trotz dieser widerspr\u00fcchlichen Ausgangslage hat Eva Illouz ein hervorragendes Buch geschrieben, das die Symptome des sehr kranken Patienten Israel schonungslos aufzeigt und die Heilung \u2013 wie erw\u00e4hnt \u2013 nur in einer r\u00fcckhaltlosen Hinwendung zu den Werten des Universalismus sieht: \u201eMehr denn je m\u00fcssen Israel und das Judentum heute das Erbe aufgekl\u00e4rter Juden fortf\u00fchren, indem sie den Universalismus zu Israels moralischem Horizont machen.\u201c<\/p>\n<p>Was aber sind die Symptome der Krankheit, die Israels Fortbestehen so unsicher machen? Eva Illouz bezeichnet das israelische Regime als einen vor allem von Religiosit\u00e4t, Nationalismus, Sicherheitswahn und milit\u00e4rischer Gewalt gepr\u00e4gten vormodernen Staat, den man nicht als eine liberale Demokratie westlichen Typs bezeichnen kann. Den Zionismus, dessen Ausgangspunkt die Befreiung und Emanzipation des j\u00fcdischen Volkes war, sieht sie als eine \u201eIdeologie an, in deren Namen koloniale und gewaltsame Politiken gerechtfertigt werden\u201c, der also seinen urspr\u00fcnglichen, aus der Aufkl\u00e4rung kommenden Anspruch l\u00e4ngst aufgegeben hat.<br \/>\nWo sieht Eva Illouz nun die Fehlentwicklungen dieses Staates im Einzelnen? Da ist zun\u00e4chst die gro\u00dfe Ungleichheit in der israelischen Gesellschaft, die f\u00fcr die Soziologin eine automatische Folge des Konzepts eines \u201ej\u00fcdischen Staates\u201c ist, der auf einer j\u00fcdischen Identit\u00e4t beruht. Eine solche Staatskonstruktion musste zu einer Quelle tiefer Ungleichheiten nicht nur zwischen Juden und Arabern (Pal\u00e4stinensern) werden, sondern auch unter Juden selbst. Der Diskriminierung der orientalischen Juden (Mizrachim) widmet die Autorin, die selbst aus Marokko stammt, mehrere Kapitel ihres Buches. Mit Blick auf diese beiden Gruppen der israelischen Bev\u00f6lkerung konstatiert sie, dass Israel ein Staat sei, der Rassismus zu einem nationalen Bestandteil seiner Amtsgesch\u00e4fte mache.<\/p>\n<p>Dieser Rassismus findet sich auch im Staatsb\u00fcrgerrecht wieder: Die Staatsb\u00fcrgerschaft wird nicht nach universalistischen Kriterien (alle B\u00fcrger sind vor dem Gesetz gleich) vergeben, sondern nach ethnisch-religi\u00f6sen. Die Entscheidung, wer j\u00fcdischer bzw. israelischer B\u00fcrger ist und wer nicht, entscheidet das ultraorthodoxe Rabbinat, das auch die liberalen Richtungen des Judentums (Reformjuden) ausgrenzt. Die Pal\u00e4stinenser in Israel (ein F\u00fcnftel der Bev\u00f6lkerung) sind B\u00fcrger niedrigeren Ranges, bekommen also nicht die volle Staatsb\u00fcrgerschaft. Ziel einer solchen Politik des Rabbinats ist es, die \u201eReinheit\u201c des Judentums zu bewahren, denn die radikale Unterscheidung, Absonderung und Trennung von den Nichtjuden ist\u2013 so die Autorin \u2013 immer ein Schl\u00fcsselmotiv der j\u00fcdischen Theologie und seiner religi\u00f6sen Praxis gewesen.<\/p>\n<p>Wenn aber diese Strategien und Vorgehensweisen Jahrhunderte lang geeignet waren, das \u00dcberleben der in alle Welt zerstreuten Judenheit zu sichern, sind sie f\u00fcr einen modernen Staat v\u00f6llig unangemessen, ja gef\u00e4hrlich, weil Israel den Schritt, den so gut wie alle westlichen Demokratien vollzogen haben, nicht geschafft hat: die Trennung von Staat und Religion. Eva Illouz fragt: \u201eWarum aber ist die Trennung von Staat und Religion, eine Voraussetzung f\u00fcr den Schutz der \u201aGewissensfreiheit\u2018, f\u00fcr Demokratien so wichtig? Nun, weil ein Staat, der sich durch eine Religion definiert, implizit eine Gruppe \u00fcber eine andere stellt und privilegiert. Unter Bedingungen religi\u00f6ser Pluralit\u00e4t wird der Staat dann schnell zum direkten Instrument der Unterdr\u00fcckung religi\u00f6ser Minderheiten durch die religi\u00f6se Mehrheit. Ohne es zu wissen, institutionalisiert ein solcher Staat Diskriminierung und Rassismus und macht sie allt\u00e4glich.\u201c<\/p>\n<p>Aus der engen Verstrickung der Religion in die israelische Politik zieht die Autorin den Schluss, \u201edass das israelische Modell der Staatsb\u00fcrgerschaft, in dem Religion und Staat nicht voneinander getrennt werden, gescheitert ist. Wenn der j\u00fcdische Staat zwanzig Prozent seiner Bev\u00f6lkerung ausgrenzt, das liberale Judentum diskriminiert und \u201aisraelisch\u2018 nicht als zul\u00e4ssige Form von Staatszugeh\u00f6rigkeit anerkennen kann, dann ist mit seiner politischen Kultur etwas nicht in Ordnung.\u201c<\/p>\n<p>War die Absonderung der Juden von den Nichtjuden in der Diaspora also ein geeignetes und angemessenes Mittel des \u00dcberlebens, um sich auch vor dem Antijudaismus und dem Antisemitismus zu sch\u00fctzen, so passt eine solche Strategie nicht zu einem modernen Nationalstaat, weil dann paranoide \u00c4ngste und Misstrauen das Verh\u00e4ltnis zur nichtj\u00fcdischen Welt bestimmen (\u201edie ganze Welt ist gegen uns!\u201c). Politik aus einer solchen Einstellung heraus zu betreiben, f\u00fchrt einen Staat in die internationale Isolation. Auch hier f\u00e4llt Israel in die vormoderne Welt zur\u00fcck. Es gleicht immer mehr einem j\u00fcdischen Stetl in der osteurop\u00e4ischen Diaspora.<\/p>\n<p>Eva Illouz nennt weitere Kriterien f\u00fcr unzeitgem\u00e4\u00dfe israelische staatliche Institutionen, die Israels Anspruch widerlegen, eine liberale Demokratie zu sein. Israel ist im Grunde noch ein Feudalstaat, weil er drei St\u00e4nde hat, die wie in der Feudalzeit nicht miteinander interagieren und \u00fcber sehr unterschiedliche Rechte verf\u00fcgen und damit einen ebenso unterschiedlichen Status haben: \u201eNichtjuden (in der Mehrzahl Araber), Juden, die beten und nicht k\u00e4mpfen (Orthodoxe und Ultraorthodoxe, die in Jeschiwas studieren und \u00f6konomisch gesehen unproduktiv sind), sowie Juden, die sowohl arbeiten als auch k\u00e4mpfen (die orthodoxen Nationalisten, die arbeiten und k\u00e4mpfen, haben im \u00dcbrigen mehr mit der betenden als mit der produktiven Klasse gemeinsam.)\u201c Diese Gruppen (ausgenommen nat\u00fcrlich die diskriminierten Pal\u00e4stinenser) verteidigen mit allen Mitteln den privilegierten Status ihres vormodernen Regimes mit seiner religi\u00f6sen und ethnischen Exklusivit\u00e4t.<\/p>\n<p>Eine weitere Gefahr f\u00fcr eine moderne Demokratie sieht die Autorin in der starken Stellung der Armee. Zwar herrschen in allen Streitkr\u00e4ften der Welt die Prinzipien von Befehl, Disziplin und Gehorsam, aber in Israel spielen sie durch das von Propaganda und Erziehung verst\u00e4rkte Gef\u00fchl der Gefahr und der Bedrohung eine noch viel gr\u00f6\u00dfere Rolle. Schon Kinder sind milit\u00e4rischem Drill unterworfen. Israel ist ein Milit\u00e4rstaat par excellence, was hei\u00dft, dass die Armee im Leben aller Israelis st\u00e4ndig pr\u00e4sent ist. Demokratische Normen sind dem Milit\u00e4r aber fremd. Eine Zivilgesellschaft, die diesen Namen verdient, so die Autorin, braucht aber Distanz zum Staat \u2013 eine Voraussetzung f\u00fcr die Aus\u00fcbung der B\u00fcrgerrechte, f\u00fcr die Entwicklung des Moralbewusstseins und der F\u00e4higkeit, sich mit der Politik und den Institutionen des Staates kritisch auseinanderzusetzen. Eine totale Identifikation mit dem Staat, die in Israel verlangt wird, ist mit den Prinzipien einer liberalen Demokratie nicht vereinbar.<\/p>\n<p>In diesen Zusammenhang geh\u00f6rt auch die au\u00dferordentlich wichtige Rolle, die die Geheimdienste \u2013 etwa Mossad und Shin Bet \u2013 in Israel spielen. Sie unterliegen (\u00e4hnlich wie die Armee) keiner demokratischen Kontrolle und Rechenschaftspflicht, was bedeutet, dass ihnen unter dem Signum der Geheimhaltung alles erlaubt ist. Eva Illouz beschreibt die Gefahr, wenn solche Institutionen sich \u00fcber Moral und Gesetze hinwegsetzen d\u00fcrfen: \u201eMenschen \u2013 selbst Staatsfeinde \u2013 au\u00dferhalb aller Rechtsstaatlichkeit zu t\u00f6ten, sendet zwei starke Signale an die Gesellschaft. Das erste besagt, dass der Staat das Recht, die Souver\u00e4nit\u00e4t und die Macht hat, zu tun und zu lassen, was er will, dass er das V\u00f6lkerrecht verletzen und die Staatsgrenzen missachten kann, um sich an seinen faktischen und potentiellen Feinden zu r\u00e4chen. Der Staat verteidigt so eine primitive Form von Gerechtigkeit, die sich \u00fcber Recht und Gerichte hinwegsetzt. Dadurch wird deutlich, dass er \u00fcber der Staatsb\u00fcrgergesellschaft steht, wenn wir darunter das verstehen, was B\u00fcrger vor willk\u00fcrlicher Gewalt und Macht sch\u00fctzt.\u201c<\/p>\n<p>Und weiter: \u201eZentrale Grunds\u00e4tze der Demokratie werden so verletzt, da sich die Souver\u00e4nit\u00e4t der B\u00fcrger nicht mehr im staatlichen Handeln niederschl\u00e4gt, ganz im Gegenteil: Es ist der B\u00fcrger, der sich den Forderungen des Staates beugen muss. Das zweite Signal besteht darin, dass sich Gewalt als routinem\u00e4\u00dfige, akzeptierte Form der Probleml\u00f6sung durch den Staat darstellt. Gewalt wird normalisiert, wird in Wirklichkeit sogar unsichtbar, weil sie zur Norm wird.\u201c In einem solchen System, in dem der \u201eAndere\u201c, der nicht zur eigenen Gruppe geh\u00f6rt, der \u201eFeind\u201c ist, werden dann auch Folter und Misshandlungen zur Routine. Eine solche paranoide Denkweise, die die Welt in Gut und B\u00f6se aufteilt, verfolgt dann das einzige Ziel, \u201edie Feinde auszumachen und zu vernichten\u201c, schreibt Eva Illouz.<\/p>\n<p>Rechtlosigkeit, Brutalit\u00e4t und Gewalt zeichnet auch die Siedlerbewegung im besetzten Westjordanland aus, die sich obendrein noch anma\u00dft, \u201ej\u00fcdische Werte\u201c zu vertreten. Ihre gewaltt\u00e4tigen \u00dcbergriffe auf Pal\u00e4stinenser werden vom Staat Israel mitgetragen, denn Polizei und Armee schreiten in solchen F\u00e4llen nicht ein, sie sch\u00fctzen nicht die Angegriffenen, sondern die Siedler. Streitkr\u00e4fte und Geheimdienste haben die rechtlose Gewaltaus\u00fcbung also l\u00e4ngst zu Normen gemacht, so dass Eva Illouz schreiben kann: \u201eAll dies zusammen verdammt Israel dazu, zu einem jener L\u00e4nder zu werden, die sich ihre eigene Gewalt nicht mehr bewusstmachen k\u00f6nnen. Vielen Israelis scheint ihre eigene Gewalt stets von Zauberhand gerechtfertigt und sogar moralisch.\u201c Die Autorin bescheinigt der Siedlerbewegung einen \u201eprimitiven Charakter\u201c und bezeichnet sie als die \u201efinstersten Kr\u00e4fte, die eine Gesellschaft ausbr\u00fcten kann.\u201c<\/p>\n<p>In den Augen dieser israelischen Soziologin stellt sich der Staat Israel doch etwas anders dar, als deutsche Medien und Israelanh\u00e4nger ihn in der Regel beschreiben. Interessant ist, wie sie die gr\u00f6\u00dfte israelische Regierungspartei \u2013 den Likud \u2013 charakterisiert: \u201eDer neue Likud folgt der Logik von Chaos und Gewalt, wie man sie nur allzu gut aus der Geschichte der europ\u00e4ischen Parteien der extremen Rechten kennt. Er hofft, mit dem Sch\u00fcren von Gewalt entweder Einsch\u00fcchterung und Schweigen oder Gegengewalt heraufzubeschw\u00f6ren, die dann ihrerseits seine eigene Gewalt legitimiert und verst\u00e4rkt.\u201c Eva Illouz ruft die B\u00fcrger ihres Landes dazu auf, sich einer \u201esolchen Politik des Todes\u201c zu widersetzen.<\/p>\n<p>Die Autorin setzt ihre ganze Hoffnung f\u00fcr die Zukunft auf eine progressive \u201eLinke\u201c, weil sie die einzige Stimme sei, die im Namen einer universalistischen Moral spreche. Diese moralische Vision sei der einzige Weg, der Israel aus seiner tiefen Krise in eine bessere Zukunft f\u00fchren k\u00f6nne. Aber dieses Prinzip Hoffnung ist nur ein schwacher Trost, denn in Israel hat sich die Linke von der politischen B\u00fchne vollst\u00e4ndig verabschiedet, es gibt sie eigentlich gar nicht mehr. Und au\u00dferparlamentarische linke Kr\u00e4fte (Menschenrechtsgruppen und NGO\u2019s) f\u00fchren am Rande der Gesellschaft auch nur ein Schattendasein, ja sie werden von der Mehrheitsgesellschaft als \u201eVerr\u00e4ter\u201c angesehen. So ist zu bilanzieren: Eva Illouz hat in ihrem Buch eine gl\u00e4nzende Analyse der israelischen Realit\u00e4t vorgelegt, aber realistische L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr die fast ausweglose Krise dieses Staates kann sie nicht anbieten. Aber das ist ja auch gar nicht die Aufgabe einer Wissenschaftlerin, sondern der Politik und die versagt vor dieser Aufgabe vollst\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Eva Illouz: Israel, Frankfurt\/ Main 2015, edition Suhrkamp 2683, ISBN 978-3-518-12683-7, 18.50 Euro<br \/>\n19.07.2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eva Illouz, geboren 1961 in F\u00e8s, ist Professorin f\u00fcr Soziologie an der Hebr\u00e4ischen Universit\u00e4t von Jerusalem und an der EHESS in Paris. 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