{"id":5449,"date":"2017-09-10T07:53:12","date_gmt":"2017-09-10T07:53:12","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=5449"},"modified":"2017-09-10T07:53:52","modified_gmt":"2017-09-10T07:53:52","slug":"shlomo-sand-warum-ich-kein-zionist-sein-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=5449","title":{"rendered":"Shlomo Sand: Warum ich kein Zionist sein kann"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/17-09-09-shlomo-sand_ji.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/17-09-09-shlomo-sand_ji.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"276\"><\/a>Warum ich kein Zionist sein kann: offener Brief an Emmanuel Macron.<br \/>\n<\/strong>Als ich begann, Ihre Rede anl\u00e4sslich der Vel-d\u2019Hiv-Massenverhaftung zu lesen, war ich Ih\u00adnen dankbar. Angesichts der langen Tradition politischer F\u00fchrer von Links und Rechts in Vergangenheit und Gegenwart, die Frankreichs Beteiligung und Verantwortlichkeit f\u00fcr die Deportation j\u00fcdischst\u00e4mmiger Menschen in die Todeslager leugnen, war ich dankbar, dass Sie stattdessen eine klare Position bezogen, ohne Doppeldeutigkeit: Ja, Frankreich ist f\u00fcr die Deportation verantwortlich, ja, es gab Antisemitismus in Frankreich<!--more--> vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Ja, wir m\u00fcssen alle Formen des Rassismus\u2018 bek\u00e4mpfen. Ich sah diese Positionen in der Kontinuit\u00e4t Ihrer mutigen Aussage in Algerien, als Sie sagten, dass Kolo\u00adnialismus ein Verbrechen gegen die Menschheit darstelle.<\/p>\n<p>Aber um ganz ehrlich zu sein. Ich war ver\u00e4rgert dar\u00fcber, dass Sie Benjamin Netanyahu eingeladen hatten. Er sollte zweifellos in die Kategorie der Unterdr\u00fccker geh\u00f6ren, also kann er sich nicht als Vertreter der Opfer der Vergangenheit inszenieren. Nat\u00fcrlich wei\u00df ich seit langem von die Unm\u00f6glichkeit, die Erinnerung von der Politik zu trennen. Viel\u00adleicht verfolgten Sie eine ausgefeilte Strategie, die Sie noch enth\u00fcllen m\u00fcssen und die auf einen Beitrag zur Umsetzung eines gerechten Kompromisses im Nahen Osten abzielt?<\/p>\n<p>Ich konnte Sie nicht mehr verstehen, als Sie im Verlauf Ihrer Rede sagten, dass \u201eAntizio\u00adnismus [\u2026] eine wieder erfundene Form des Antisemitismus\u201c sei. Wollten Sie mit dieser Aussage Ihren Gast zufriedenstellen, oder ist sie einfach nur ein Anzeichen des Mangels politischer Kultur? Hat der ehemalige Student der Philosophie, der Assistent Paul Ri\u00adcoeurs, so wenige Geschichtsb\u00fccher gelesen, dass er nicht wei\u00df, dass viele Juden oder Nachkommen j\u00fcdischen Erbes immer gegen den Zionismus waren, ohne dass sie das zu Antisemiten gemacht hat? Hier verweise ich auf all die alten bedeutenden Rabbiner, aber auch auf die Haltung, die von eine Richtung des gegenw\u00e4rtigen orthodoxen Judentums eingenommen wird. Und ich erinnere an Menschen wie Marek Edelman, einen der ent\u00adkommenen Anf\u00fchrer des Aufstands im Warschauer Ghetto, oder die Kommunisten j\u00fcdi\u00adscher Herkunft, die in der franz\u00f6sischen Resistance in der Manouche-Gruppe, die ums Le\u00adben kamen. Ich denke auch an meinen Freund und Lehrer Pierre Vidal-Naquet und andere gro\u00dfartige Historiker und Soziologen, wie Eric Hobsbawm und Maxine Rodinson, deren Schriften und Erinnerung mir so lieb sind, oder auch Edgar Morin. Und letztlich frage ich mich, ob Sie ernsthaft von den Pal\u00e4stinensern erwarten, dass sie keine Antizionisten sind!<\/p>\n<p>Gleichwohl vermute ich, dass Sie die Menschen auf der Linken nicht sonderlich wertsch\u00e4t\u00adzen, oder vielleicht die Pal\u00e4stinenser. Da ich aber wei\u00df, dass Sie in einer Rothschild-Bank arbeiteten, will ich hier auf ein Zitat von Nathan Rothschild verweisen. Als Pr\u00e4sident der Vereinigung der Synagogen in Gro\u00dfbritannien, war er der erste Jude, der im Vereinigten K\u00f6nigreich zum Lord ernannt wurde, wo er auch der Vorstand der Bank wurde. In einem Brief von 1903 an Theodor Herzl schrieb der talentierte Bankier, dass er besorgt sei \u00fcber den Plan, eine \u201ej\u00fcdische Kolonie\u201c zu errichten; sie \u201ew\u00e4re wie ein Ghetto in einem Ghetto mit all den Vorurteilen eines Ghettos\u201c. Ein Judenstaat \u201ew\u00e4re klein und unbedeutend, or\u00adthodox und illiberal und w\u00fcrde Nicht-Juden und Christen ausschlie\u00dfen\u201c. Wir k\u00f6nnten schlussfolgern, dass Rothschilds Prophezeiung falsch war. Aber eines ist sicher: Er war kein Antisemit!<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gab es und gibt es Antizionisten, die auch Antisemiten sind, und ich bin mir auch sicher, dass wir Antisemiten unter den Sympathisanten des Zionismus\u2018 finden. Ich kann Ihnen auch versichern, dass eine Reihe Zionisten Rassisten sind, deren mentale Struktur sich nicht von der absoluter Jud\u00e4ophoben unterscheidet: Sie suchen gnadenlos nach einer j\u00fcdischen DNA (sogar an der Universit\u00e4t, an der ich unterrichte).<br \/>\nAber um klarzustellen, was ein antizionistischer Standpunkt ist, ist es wichtig, sich zuerst auf eine Definition des Konzepts \u201eZionismus\u201c zu einigen oder wenigstens auf eine Reihe seiner Charakteristiken. Ich werde versuchen, das so kurz wie m\u00f6glich zu tun.<\/p>\n<p>Zuallererst ist Zionismus nicht Judaismus. Es ist sogar eine radikale Revolte dagegen. \u00dcber die Jahrhunderte hegten gl\u00e4ubige Juden eine gro\u00dfe Begeisterung f\u00fcr ihr heiliges Land, vor allem f\u00fcr Jerusalem. Aber sie hielten sich an die talmudische Vorschrift, dass sie nicht kollektiv vor der Wiederkehr des Messias dorthin emigrieren sollten. In der Tat ge\u00adh\u00f6rt das Land nicht den Juden, sondern Gott. Gott gab es, und er nahm es wieder; und er w\u00fcrde den Messias senden, um es wiederzubringen, wenn er es wollte. Als sich der Zionis\u00admus zeigte, entfernte er den \u201eAllm\u00e4chtigen\u201c von seinem Platz und ersetzte ihn durch den aktiven Menschen an seiner Stelle.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen geteilter Meinung dar\u00fcber sein, ob das Projekt der Gr\u00fcndung eines exklusiv j\u00fcdischen Staats auf einem St\u00fcck Land mit einer sehr gro\u00dfen arabischen Mehrheit eine moralische Idee ist. 1917 belief sich die Bev\u00f6lkerung Pal\u00e4stinas auf 700.000 arabische Muslime und Christen und ungef\u00e4hr 60.000 Juden, von denen die H\u00e4lfte gegen den Zio\u00adnismus waren. Bis zu diesem Zeitpunkt bevorzugte die Mehrheit der jiddischsprachigen Menschen, die vor den Pogromen des Russischen Reichs flohen, die Auswanderung auf den amerikanischen Kontinent. In der Tat schafften es zwei Millionen dorthin und entka\u00admen so der Verfolgung durch die Nazis (und der unter dem Vichy-Regime).<\/p>\n<p>1948 gab es in Pal\u00e4stina 650.000 Juden und 1,3 Millionen arabische Muslime und Chris\u00adten, von denen 700.000 zu Fl\u00fcchtlingen wurden. Auf dieser demographischen Basis wurde der Staat Israel geboren. Dennoch, und vor dem Hintergrund der Ausrottung der europ\u00e4i\u00adschen Juden, kamen einige Antizionisten zu dem Schluss, dass es zur Vermeidung neuer Trag\u00f6dien am besten sei, den Staat Israel als unausl\u00f6schliche vollendete Tatsache anzuse\u00adhen. Auch ein Kind, das durch eine Vergewaltigung entstanden ist, hat ein Recht auf Le\u00adben. Aber was ist, wenn das Kind in die Fu\u00dfstapfen seines Vaters tritt?<\/p>\n<p>Dann kam 1967. Seitdem herrscht Israel \u00fcber 5,5 Millionen Pal\u00e4stinenser, denen b\u00fcrgerli\u00adche, politische und soziale Rechte verweigert werden. Israel unterwirft sie milit\u00e4rischer Kontrolle: f\u00fcr einen Teil von ihnen gibt es ein \u201eIndianerreservat\u201c auf der West Bank, w\u00e4h\u00adrend andere in einem \u201eStacheldrahtbeh\u00e4lter\u201c in Gaza eingeschlossen sind (70 % der Bev\u00f6l\u00adkerung dort sind Fl\u00fcchtlinge oder ihre Nachkommen). Israel, das st\u00e4ndig seinen Wunsch nach Frieden erkl\u00e4rt, betrachtet die Gebiete, die 1967 erobert wurden, als integralen Be\u00adstandteil des \u201eLandes Israel\u201c, und es benimmt sich dort, wie es ihm passt. Bis jetzt sind 600.000 j\u00fcdisch-israelische Siedler dorthin gebracht worden \u2026 und das hat noch nicht aufgeh\u00f6rt!<\/p>\n<p>Ist das der Zionismus von heute? Nein! antworten meine Freunde von der israelischen Lin\u00adken &#8211; welche permanent schwindet. Sie sagen mir, dass wir die Dynamik der zionistischen Kolonisierung beenden m\u00fcssen, dass ein enger, kleiner pal\u00e4stinensischer Staat neben dem Staat Israel gegr\u00fcndet werden soll und dass es das Ziel des Zionismus\u2018 gewesen sei, einen Staat zu gr\u00fcnden, in dem Juden \u00fcber sich selbst herrschen w\u00fcrden, nicht um \u201edas alte Hei\u00admatland\u201c in seiner G\u00e4nze zu erobern. Und die gef\u00e4hrlichste Sache in all dem sei, in ihren Augen, dass die Annexion von Gebiet den Charakter Israels als j\u00fcdischer Staat bedrohe.<\/p>\n<p>Damit sind wir an dem Punkt angekommen, an dem ich Ihnen erkl\u00e4ren sollte, warum ich Ihnen schreibe und warum ich mich als Nicht-Zionist oder Antizionist definiere, ohne da\u00admit anti-j\u00fcdisch zu werden. Ihre Partei hat die Worte \u201eLa R\u00e9publique\u201c in ihren Namen auf\u00adgenommen. Also nehme ich an, dass Sie ein gl\u00fchender Republikaner sind. Und mit dem Risiko, Sie zu \u00fcberraschen: Ich bin es auch. Also kann ich als Demokrat und Republikaner nicht &#8211; wie das alle Zionisten tun, linke wie rechte, ohne Ausnahme &#8211; einen j\u00fcdischen Staat unterst\u00fctzen. Das israelische Innenministerium z\u00e4hlt 75 % der Bev\u00f6lkerung des Lan\u00addes als j\u00fcdisch an, 21 % als arabische Muslime und Christen und 4 % als \u201eandere\u201c[sic!]. Und doch geh\u00f6rt Israel nach dem Geist seiner Gesetze nicht den Israelis insgesamt, wo es doch sogar all den Juden weltweit geh\u00f6rt, die keine Absicht haben, dort zu leben. Damit geh\u00f6rt Israel beispielsweise sehr viel mehr Bernard Henri-L\u00e9vy oder Alain Finkielkraut als meinen pal\u00e4stinensisch-israelischen Studenten, hebr\u00e4isch Sprechenden, die die Sprache manchmal besser sprechen als ich! Israel hofft, dass der Tag kommen werde, an dem alle Mitglieder des CRIF (\u201eRepresentative Council of Jewish Institutions in France\u201c &#8211; \u201eVertre\u00adterrat j\u00fcdischer Institutionen in Frankreich\u201c &#8211; d. \u00dcbers.) und ihre \u201eAnh\u00e4nger\u201c nach Israel auswandern! Ich kenne sogar ein paar franz\u00f6sische Antisemiten, die angesichts einer sol\u00adchen Aussicht hocherfreut sind. Auf der anderen Seite k\u00f6nnten wir zwei israelische Minis\u00adter, Vertraute von Netanyahu, finden, die die Meinung verbreiten, dass es n\u00f6tig sei, den \u201eTransfer\u201c israelischer Araber zu ermutigen, ohne dass das bedeutet, dass irgend jemand ihren R\u00fccktritt fordert.<\/p>\n<p>Das, Herr Pr\u00e4sident, ist es, warum ich kein Zionist sein kann. Ich bin ein B\u00fcrger, der w\u00fcnscht, dass der Staat, in dem er wohnt, eine israelische Republik sein sollte, und kein Staat einer j\u00fcdischen Gemeinschaft. Als Nachkomme von Juden, die so sehr unter Diskri\u00adminierung litten, m\u00f6chte ich nicht in einem Staat leben, der mich nach seiner eigenen Selbst-Definition zu einer privilegierten Klasse von B\u00fcrgern macht. Herr Pr\u00e4sident, glau\u00adben Sie, dass mich das zu einem Antisemiten macht?<\/p>\n<p><strong>Original: https:\/\/www.counterpunch.org\/2017\/08\/11\/why-i-cannot-be-a-zionist-an-open-letter-to-emmanuel-macron\/<\/strong><br \/>\n<strong>\u00dcbersetzung: A. W<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum ich kein Zionist sein kann: offener Brief an Emmanuel Macron. Als ich begann, Ihre Rede anl\u00e4sslich der Vel-d\u2019Hiv-Massenverhaftung zu lesen, war ich Ih\u00adnen dankbar. Angesichts der langen Tradition politischer F\u00fchrer von Links und Rechts in Vergangenheit und Gegenwart, die &hellip; <a href=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=5449\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-5449","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5449","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5449"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5449\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5453,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5449\/revisions\/5453"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5449"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5449"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5449"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}