{"id":5467,"date":"2017-09-21T06:49:23","date_gmt":"2017-09-21T06:49:23","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=5467"},"modified":"2017-09-21T06:49:23","modified_gmt":"2017-09-21T06:49:23","slug":"was-besatzung-heisst-ein-bericht-in-der-f-a-z-von-jochen-stahnke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=5467","title":{"rendered":"&#8222;Was Besatzung hei\u00dft&#8220; &#8211; ein Bericht in der F.A.Z. von Jochen Stahnke"},"content":{"rendered":"<p>Am 13. September 2017 brachte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (faz.net) eine erstaunlich informative und objektive Reportage \u00fcber den tats\u00e4chlichen Alltag der Besatzung in Israel und \u00fcber die israelische Organisation von Ex-Soldaten &#8222;Breaking the Silence&#8220;.<!--more--><\/p>\n<p>Der Bericht handelt vom amerikanischen Schriftsteller Michael Chabon (Pulitzerpreistr\u00e4ger), der in Hebron vor einer Rolle Stacheldraht steht, in der sich M\u00fcll verfangen hat. Er unterh\u00e4lt sich mit Jehuda Shaul, dem Gr\u00fcnder und f\u00fchrenden Kopf von &#8222;Breaking the Silence&#8220;. Hinter dem Stacheldraht haben sich zehn j\u00fcdische Familien in H\u00e4usern angesiedelt, die seit Generationen pal\u00e4stinensischen Familien geh\u00f6rten.<\/p>\n<p>&#8222;Chabon tr\u00e4gt zum lockeren blauen Leinenhemd einen Strohhut, die graue Hose h\u00f6rt \u00fcber den nackten Kn\u00f6cheln auf, dazu schwarze Turnschuhe. &#8218;Du magst vielleicht denken, dass du wei\u00dft, was hier in den besetzten Gebieten los ist&#8216;, sagt er. &#8218;Aber du tust es nicht \u2013 nicht, bis du es nicht mit eigenen Augen gesehen hast.&#8216; Er geht an einem vom israelischen Milit\u00e4r verschwei\u00dften Metalltor einer Garage vorbei. Es ist der Laden eines Pal\u00e4stinensers, der ihn nicht mehr betreten darf. Aus Sicherheitsgr\u00fcnden, um die Siedler zu sch\u00fctzen. &#8218;Vergast die Araber&#8216;, ist auf das Tor gespr\u00fcht. Chabon macht ein Foto. &#8218;Wir wollen den Leuten, die nicht herkommen k\u00f6nnen, zeigen, wie es hier wirklich ist.&#8216;<\/p>\n<p>Chabon und Yehuda Shaul sind in Hebron, um den Pal\u00e4stinensern dort einen Essayband vorzustellen. Darin haben Chabon selbst und andere Schriftsteller aufgeschrieben, was sie hier, im Westjordanland, gesehen haben. [&#8230;]<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich stehen Siedlerjungs auf der Stra\u00dfe, die Pal\u00e4stinenser nicht betreten d\u00fcrfen. Sie wickeln sich T-Shirts ums Gesicht, rufen Shaul zu, dass er der Sohn einer dreckigen Hure sei, und werfen Wasserbomben. &#8218;Du bist Abfall&#8216;, rufen sie. Shaul reagiert nicht. Chabon deutet eine Verbeugung an und ruft dem Mob &#8218;danke, danke, mir war gerade so hei\u00df&#8216; entgegen. Die Soldaten wedeln die Jugendlichen mit tr\u00e4gen Armbewegungen weg. Dann erkl\u00e4ren sie die Stra\u00dfe zu &#8218;milit\u00e4rischem Sperrgebiet&#8216;. Shaul, Chabon und ihre Begleiter m\u00fcssen einen Umweg zum Haus der Pal\u00e4stinenser nehmen, die sie besuchen wollen. Die Siedlerjungen d\u00fcrfen auf der Stra\u00dfe bleiben.&#8220;<\/p>\n<p>Als Jude, sagt Chabon, w\u00fcsste er manchmal nicht mehr, was er sagen soll, wenn hier in Hebron Araber in die Gaskammer gew\u00fcnscht w\u00fcrden. Die einzige Erkl\u00e4rung sei, dass eine Besatzung nicht nur die Besetzten treffe, sondern auch die Besatzer ver\u00e4ndere. \u201eSo schlimm es f\u00fcr die Pal\u00e4stinenser ist&#8220; sagt Chabron, &#8222;so schlimm ist die Situation auch f\u00fcr die israelische Gesellschaft.\u201c<\/p>\n<p>In Israel w\u00fcrden die Probleme in Hebron weitgehend ignoriert. Kaum ein Israeli sei je in Hebron gewesen. In dem einzigen Ort im Westjordanland, in dem j\u00fcdische Siedler mitten in einer pal\u00e4stinensischen Stadt lebten. Jehuda Shaul: Hebron sei ein &#8222;Labor&#8220;, in dem konzentriert zu sehen sei, was \u00fcberall im Westjordanland los sei.<\/p>\n<p>Es war aufsehenerregend, dass sich der deutsche Au\u00dfenminister Sigmar Gabriel bei seinem letzten Besuch in Israel demonstrativ mit &#8222;Breaking the Silence&#8220; getroffen hat. Woraufhin Benjamin Netanyahu sein Treffen mit Gabriel platzen lie\u00df.<\/p>\n<p>Die Bundesregierung w\u00fcrde, so der faz.net-Bericht weiter, &#8222;Breaking the Silence&#8220; indirekt \u00fcber die Finanzierung der Organisationen Misereor und Medico International unterst\u00fctzen. Sie h\u00e4tte der NGO im vergangenen Jahr 165.000 und 20.000 Euro \u00fcberwiesen.<\/p>\n<p>Der fr\u00fchere israelische Geheimdienstchef Ami Ayalon habe sich fassungslos \u00fcber das Verhalten Netanjahus gezeigt: \u201eBreaking the Silence ist der Spiegel, der uns zeigt, was uns auch die Welt sagt\u201c, habe er im Radio gesagt. \u201eDeswegen m\u00f6chten wir diesen Spiegel zerbrechen oder ihn zumindest nicht anschauen.\u201c Der k\u00fcrzlich ausgeschiedene Chef des Auslandsgeheimdienstes Mossad, Tamir Pardo, w\u00fcrde die Besatzung f\u00fcr die einzige existentielle Bedrohung halten, der Israel heute gegen\u00fcberstehe. Auch eine Handvoll weiterer fr\u00fcherer Geheimdienstchefs habe sich \u00e4hnlich ge\u00e4u\u00dfert.<\/p>\n<p>Jehuda Shaul berichtet im weiteren Verlauf des Berichts \u00fcber seine Situation: er werde gehasst und mit feindseligen facebook-Kommentaren konfrontiert (&#8222;eine Kugel zwischen die Augen dr\u00fccken&#8220;). Andererseits habe er viele Freunde in Milit\u00e4r und Geheimdienst und seine Organisation werde von tausenden Einzelspendern in Israel unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Seine h\u00e4rtesten Gegner allerdings w\u00fcrden in der Regierung sitzen. Bildungsminister Naftali Bennett habe ein Gesetz auf den Weg gebracht, das Breaking the Silence verbiete, in Schulen zu sprechen. Im vergangenen Jahr habe Netanjahus Kabinett mit knapper Mehrheit ein weiteres Gesetz verabschiedet, das eine \u00f6ffentliche Meldepflicht der Finanzen von Organisationen vorsehe, die den gr\u00f6\u00dferen Teil ihres Geldes von Staaten oder Organisationen aus dem Ausland erhielten.<\/p>\n<p>&#8222;Breaking the Silence&#8220; mache trotz der Anfeindungen seitens der israelischen Regierung und dem Hass von gro\u00dfen Teilen der israelischen Gesellschaft gegen sie weiter. &#8222;Wie viele Leute sind damals in Amerika gegen die Rassentrennung aktiv geworden \u2013 eine Minderheit. Ich gehe nicht danach, was die Mehrheit will, sondern was Recht und Werte sind.\u201c<\/p>\n<p>Netanjahu behaupte zwar regelm\u00e4\u00dfig, &#8222;Breaking the Silence&#8220; gehe es darum, Soldaten zu kriminalisieren. Es handele sich um eine antiisraelische \u201elinksradikale Randgruppe\u201c, die den \u201eInteressen von Israels Feinden diene\u201c. Shaul h\u00e4lt dagegen: &#8222;Es geht uns nicht darum, Soldaten vor Gericht zu bringen, sondern den Alltag und die Mechanismen der Besatzung zu zeigen.\u201c<\/p>\n<p>Einer seiner Kameraden stehe gerade selbst vor Gericht: Dean Issacharoff, der Sohn des neuen israelischen Botschafters in Deutschland. Der Sohn h\u00e4tte davon berichtet, wie er in Hebron als Soldat auf Befehl seines Vorgesetzten einen unbewaffneten Pal\u00e4stinenser ohne Grund bewusstlos gepr\u00fcgelt habe, der an einer Demonstration teilgenommen hatte. Als Soldat habe es keine anderen M\u00f6glichkeiten gegeben, polizeilich gegen pal\u00e4stinensische Zivilisten vorzugehen, sagte Issacharoff. Justizministerin Ayelet Shaked von der Siedlerpartei &#8222;J\u00fcdisches Heim\u201c habe den israelischen Generalstaatsanwalt daraufhin aufgefordert, den Fall zu untersuchen \u2013 auch wenn ihr Amt ihr das rechtlich nicht zugestehe. \u201eWenn das tats\u00e4chlich passiert ist, verdient er eine Bestrafung\u201c, sagte Shaked. \u201eWenn es nicht passiert ist, dann soll der Staat offiziell sagen, dass es nicht passiert ist.\u201c<\/p>\n<p>Wer sind die Ex-SoldatInnen von Breaking the Silence. Auch dar\u00fcber berichtet die faz.net-Reportage. &#8222;Die scheidende Vorsitzende von Breaking the Silence ist die Tochter der Leiterin der Holocaust-Gedenkst\u00e4tte Yad Vashem. Es sind die Kinder der westlich orientierten europ\u00e4ischst\u00e4mmigen Eliten, die Breaking the Silence pr\u00e4gen. [&#8230;] Breaking the Silence ist (also) Teil eines gr\u00f6\u00dferen Kulturkampfes. Er findet innerhalb von Israel statt, die Pal\u00e4stinenser stehen an der Seite. Shaul sagt, die Bereitschaft zur anonymen Aussage sei unter den jungen Soldaten nicht geringer geworden. Und die Spenden seien so hoch wie noch nie.&#8220;<\/p>\n<p>Die faz.net-Reportage ist anl\u00e4sslich der Vorstellung eines Essay-Bandes geschrieben worden, an dem Chabon und viele andere Schriftsteller aufgeschrieben haben, was sie in Hebron gesehen und erlebt haben. Autoren h\u00e4tten Schlange gestanden, um an diesem Essay-Band mitzuarbeiten. Auch Mario Vargas Llosa, Dave Eggers und die \u00d6sterreicherin Eva Menasse h\u00e4tten daf\u00fcr das Westjordanland besucht. Nur unter deutschen Schriftstellern habe es Zur\u00fcckhaltung gegeben. Waldmann, einer Autoren, wollte sich das so erkl\u00e4ren: \u201eIch glaube, die sind alle etwas eingesch\u00fcchtert, aber vielleicht war es auch Zufall.\u201c<\/p>\n<p>Der ganze Artikel kann hier nachgelesen werden: faz.net v. 13.09.2017<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/israels-soldaten-als-besatzer-gib-der-armee-keinen-grund-dich-zu-erschiessen-15180293.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/israels-soldaten-als-besatzer-gib-der-armee-keinen-grund-dich-zu-erschiessen-15180293.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 13. September 2017 brachte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (faz.net) eine erstaunlich informative und objektive Reportage \u00fcber den tats\u00e4chlichen Alltag der Besatzung in Israel und \u00fcber die israelische Organisation von Ex-Soldaten &#8222;Breaking the Silence&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-5467","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5467","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5467"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5467\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5468,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5467\/revisions\/5468"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5467"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5467"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5467"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}