{"id":5605,"date":"2017-11-15T06:28:49","date_gmt":"2017-11-15T06:28:49","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=5605"},"modified":"2017-11-15T06:30:31","modified_gmt":"2017-11-15T06:30:31","slug":"5605","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=5605","title":{"rendered":"Nichts ist normal in Gaza"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-3871\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/16-12-09-blick-nach-gaza-Stadt-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"134\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/16-12-09-blick-nach-gaza-Stadt-300x200.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/16-12-09-blick-nach-gaza-Stadt-200x134.jpg 200w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/16-12-09-blick-nach-gaza-Stadt-768x513.jpg 768w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/16-12-09-blick-nach-gaza-Stadt.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/>Die ohnehin katastrophale Lage der Bewohner von Gaza ist seit dem Sommer noch schlimmer geworden. Mit der j\u00fcngsten Ann\u00e4herung zwischen Fatah und Hamas steigt nun die Hoffnung auf Besserung. Doch daf\u00fcr m\u00fcsste auch Israel einlenken und seine Blockade lockern.<\/p>\n<p>von Sara Roy<\/p>\n<p>Als der pal\u00e4stinensische Premierminis\u00adter Hamdallah am 2. Oktober den Erez-Grenz\u00fcbergang nach Gaza \u00fcberquerte, wurde er mit frenetischem Jubel begr\u00fc\u00dft. <!--more-->Sein Besuch war ein erster Schritt zu einem erneuten Versuch einer Einigung zwischen den verfeindeten Parteien Fatah und Hamas.<\/p>\n<p>Zwei Wochen zuvor hatte die Hamas-Regierung in Gaza verk\u00fcndet, sie sei bereit, mit der Fatah \u00fcber eine Vers\u00f6hnung zu verhandeln und ihren Verwaltungsrat aufzul\u00f6sen, der die Regierungsgesch\u00e4fte in Gaza bis dahin de facto gef\u00fchrt hat. Ob die Vers\u00f6hnung diesmal gelingt, steht allerdings in den Sternen. Der letzte Versuch zur Bildung einer Einheitsregierung 2014 scheiterte bereits nach wenigen Wochen.<\/p>\n<p>Die Hamas, die den Gazastreifen seit 2007 kon\u00adtrolliert,1 trat mit ihrem neuen Vers\u00f6hnungsangebot eine Flucht nach vor an, denn Gaza befindet sich seit Monaten in einer Art humanit\u00e4rem Schockzustand. Das liegt vor allem an der andauernden israelischen Blockade, die von den USA, Europa und \u00c4gypten unterst\u00fctzt wird, aber auch am zunehmenden Drucks aus Ramallah.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meines letzten Besuchs in Gaza im Fr\u00fchjahr 2017 haben mich zwei Dinge am meisten ber\u00fchrt: die verheerenden Auswirkungen der mittlerweile \u00fcber zehn Jahre andauernden Isolation Gazas vom Rest der Welt und die Tatsache, dass hier immer mehr Menschen ganz offensichtlich am Ende ihrer Kr\u00e4fte sind.<\/p>\n<p>Einst war das kleine K\u00fcstengebiet eine bl\u00fchende Handelsst\u00e4tte, heute wird kaum noch etwas produziert. Die Wirtschaft ist weitgehend vom Konsum abh\u00e4ngig.2 Zuletzt hatten Export\u00ader\u00adleich\u00adterungen die Agrarausfuhren ins West\u00adjor\u00addan\u00adland und nach Israel \u2013 lange Zeit Gazas Hauptabsatzm\u00e4rkte \u2013 leicht ansteigen lassen, doch das reicht bei Weitem nicht, um den geschw\u00e4chten produktiven Sektor in Gang zu bringen. Fast die H\u00e4lfte der Erwerbsbev\u00f6lkerung in Gaza kann ihren Lebensunterhalt nicht mehr selbst verdienen. Die Arbeitslosenquote betr\u00e4gt heute um die 42 Prozent; bei jungen Leuten zwischen 15 und 29 erreicht sie sogar 60 Prozent. Die Suche nach einem Job oder irgendeiner anderen M\u00f6glichkeit, Geld zu verdienen, zerrt an den Nerven. Die Leute k\u00f6nnen fast an gar nichts anderes mehr denken, erz\u00e4hlte man mir.<\/p>\n<p>F\u00fcr die politischen Spannungen in den letzten Jahren zwischen der Hamas-Regierung in Gaza und der Pal\u00e4stinensischen Autonomiebeh\u00f6rde (PA) in Ramallah machen sie im Gazastreifen vor allem Pr\u00e4sident Abbas verantwortlich, der die Hoheit \u00fcber den Etat der PA hat und sich in den vergangenen Jahren weigerte, die Verwaltungsbeamten der Hamas-Regierung auf die Gehaltsliste zu setzen. Bei meinem Besuch gab man mir wiederholt zu verstehen, dass Abbas, wenn er die Unterst\u00fctzung der Bev\u00f6lkerung in Gaza haben wolle, den Hamas-Beamten nur ihre Geh\u00e4lter auszahlen m\u00fcsse. Er str\u00e4ubte sich bisher mit dem Argument, dass von dem Geld der milit\u00e4rische Arm der Hamas finanziert werde, und tr\u00e4gt so eine Mitschuld an Gazas desolater Lage.<\/p>\n<p>Abbas\u2019 Weigerung brachte die Leute umso mehr auf, weil die rund 55\u2009000 Beamten, die vor 2007 (also noch unter der Fatah) eingestellt wurden, weiterhin ihr volles Monatsgehalt bekamen. Das liegt zwischen 500 bis 1000 Dollar, was f\u00fcr die hiesigen Verh\u00e4ltnisse eine hohe Summe ist. Diese Leute werden vor allem daf\u00fcr bezahlt, dass sie nicht f\u00fcr die Hamas-Regierung arbeiten, die PA lie\u00df sich das bis vor Kurzem jeden Monat 45 Millionen Dollar kosten \u2013 Geld, das haupts\u00e4chlich aus Saudi-Arabien, der EU und den USA stammt.<\/p>\n<p>Im April 2017 jedoch k\u00fcrzte Abbas diese Geh\u00e4lter um 30 bis 50 Prozent, um den allgemeinen Druck zu erh\u00f6hen, und drohte: \u201eEntweder gibt uns Hamas den Gazastreifen zur\u00fcck, oder sie m\u00fcssen die volle Verantwortung f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung \u00fcbernehmen.\u201c Der Konfliktforscher Brian Barber, der sich damals gerade in Gaza aufhielt, berichtet, die Gehaltsk\u00fcrzungen h\u00e4tten eine regelrechte Schockwelle ausgel\u00f6st. Anfang Juli versetzte die Autonomiebeh\u00f6rde dann auch noch 6000 Beamte in den vorzeitigen Ruhestand.<br \/>\nKein Trinkwasser und selten Strom<\/p>\n<p>Au\u00dferdem entschied Abbas, die PA-Zahlungen f\u00fcr Strom aus Israel f\u00fcr Gaza auszusetzen. Prompt lieferte Israel im Juni weniger Strom. Zuvor waren t\u00e4glich 120 Megawatt in den Gazastreifen geflossen, was etwa ein Viertel des gesamten Strombedarfs gedeckt hat. Gazas einziges Kraftwerk, das mit Diesel betrieben wird, l\u00e4uft wegen fehlenden Kraftstoffs seit Monaten nicht mit voller Kapazit\u00e4t. Zuletzt gab es in Gaza oft nur zwei bis vier Stunden am Tag Strom.<\/p>\n<p>Nach Angaben der NGO Oxfam ist die gesamte Situation inzwischen schlimmer als nach dem Gaza-Krieg von 2014. Damals hatte rund die H\u00e4lfte der Bewohner keinen ausreichenden Zugang zu Trinkwasser \u2013 heute gilt das f\u00fcr die gesamte Bev\u00f6lkerung.3 Die Abwasserentsorgung ist weitgehend zusammengebrochen, ein Gro\u00dfteil der Abw\u00e4sser wird direkt ins Meer geleitet. 73 Prozent der K\u00fcstengew\u00e4sser Gazas sind gesundheitsgef\u00e4hrdend verschmutzt und selbst im S\u00fcden Israels wurden Str\u00e4nde gesperrt.4<\/p>\n<p>Es fehlt an allem. Neu ist die immense Verzweiflung, die die Menschen dazu treibt, s\u00e4mtliche Tabus zu \u00fcberschreiten. Einmal kam eine gut angezogene Frau, das Gesicht hinter einem Nikab verborgen, in mein Hotel, um zu betteln. Als die Hotelangestellten sie h\u00f6flich baten, zu gehen, weigerte sie sich energisch und bestand darauf zu bleiben \u2013 am Ende musste sie gewaltsam nach drau\u00dfen gebracht werden. Sie fragte nicht, ob sie betteln d\u00fcrfe, sie forderte es. So etwas habe ich in Gaza noch nie zuvor erlebt.<\/p>\n<p>Das vielleicht alarmierendste Zeichen dieser Verzweiflung ist die zunehmende Prostitution. In der traditionsbewussten konservativen Gesellschaft Gazas galt sie immer als unmoralisch und sch\u00e4ndlich; nicht nur die Frauen, die sich prostituierten, auch ihre Familien wurden sozial ge\u00e4chtet. Das scheint sich in den letzten Jahren ge\u00e4ndert zu haben. Ein bekannter Arbeitgeber, der in Gaza hoch angesehen ist, erz\u00e4hlte mir, dass Frauen, oft gut gekleidet, in sein B\u00fcro kommen, um sich ihm \u201ef\u00fcr wenig Geld\u201c anzubieten.<\/p>\n<p>Junge Frauen, erz\u00e4hlte er mir, h\u00e4tten es inzwischen sehr schwer, einen Ehemann zu finden, weil die M\u00e4nner f\u00fcrchten, dass sie nicht mehr \u201erein\u201c sind. Eltern w\u00fcrden ihn geradezu anflehen, ihre T\u00f6chter einzustellen, damit sie einen \u201esicheren und anst\u00e4ndigen\u201c Arbeitsplatz haben. Ein Freund erz\u00e4hlte mir, dass er in einem Restaurant mitbekommen habe, wie eine junge Frau einem Mann ein unmissverst\u00e4ndliches Angebot gemacht hat, w\u00e4hrend ihre Eltern daneben sa\u00dfen. Als ich ihn fragte, wie er sich ein solches Verhalten erkl\u00e4rt, antwortete er: \u201eLeute, die in einem normalen Umfeld leben, verhalten sich normal. Leute, die in einem unnormalen Umfeld leben, nicht.\u201c<\/p>\n<p>Nichts ist normal in Gaza. Mindestens 1,3 Millionen von insgesamt 1,9 Millionen Einwohnern sind auf humanit\u00e4re Hilfe angewiesen, gr\u00f6\u00dftenteils in Form von Lebensmitteln (Reis, Zucker, \u00d6l, Milch). Mitte 2016 gab es in Gaza 65\u2009000 Binnenfl\u00fcchtlinge (unmittelbar nach der israelischen Offensive von 2014 waren es sogar 500\u2009000). 41\u2009000 Menschen sind praktisch obdachlos und haben \u00fcberhaupt kein Bargeld.<\/p>\n<p>Die Selbstmordrate in Gaza steigt \u2013 und die Scheidungsrate. Letztere lag einmal bei 2 Prozent und erreicht laut Angaben der UN und \u00f6rtlicher Gesundheitsdienste heute um die 40 Prozent. \u201eIm Al-Schati-Fl\u00fcchtlingslager kommt es jeden Monat zu mindestens 2000 h\u00e4uslichen Streitigkeiten\u201c, berichtet ein Mitarbeiter des Hilfswerks der Vereinten Nationen f\u00fcr Pal\u00e4stina-Fl\u00fcchtlinge im Nahen Osten (UNWRA): \u201eDie Polizei wird dessen nicht mehr Herr, und die Gerichte m\u00fcssen sich mit hunderten von Klagen herumschlagen. Der Hamas-Regierung wachsen die vielen Pro\u00adble\u00adme ganz einfach \u00fcber den Kopf.\u201c Eines davon ist der steigende Drogenmissbrauch.<\/p>\n<p>Gazas Bev\u00f6lkerung ist jung: Fast drei Viertel sind unter 30. Sie sind in dem schmalen K\u00fcstenstreifen gefangen und d\u00fcrfen das Gebiet nicht verlassen; die meisten sind in ihrem ganzen Leben noch nie woanders gewesen. Zur Tatenlosigkeit verdammt, schlie\u00dfen sich junge Leute militanten und extremistischen Organisationen an, um wenigstens an einen bezahlten Job zu kommen. Wo immer ich hinkam, erz\u00e4hlte man mir, dass die wachsende Unterst\u00fctzung f\u00fcr extremistische Gruppierungen in Gaza weder politisch noch ideologisch motiviert sei \u2013 wie diese selbst gern behaupten \u2013, sondern der Not gehorcht. Tats\u00e4chlich treten viele, wenn nicht sogar die meisten neuen Rekruten nur deshalb den Verb\u00e4nden des Islamischen Dschihad bei, weil die Mitgliedschaft ein Einkommen garantiert.<\/p>\n<p>Gleichzeitig versucht die Hamas verzweifelt, Geld f\u00fcr ihre K\u00e4mpfer der Kassam-Brigaden zusammenzukratzen, deren Zahl ebenfalls gestiegen sein soll. Es scheint, als h\u00e4tten arbeitslose junge M\u00e4nner in Gaza nur noch die Wahl zwischen zwei Alternativen: entweder einer militanten Organisation beizutreten \u2013 oder aufzugeben.<\/p>\n<p>\u201eEs w\u00e4re viel kl\u00fcger von den Israelis\u201c, sagte mir ein gl\u00e4ubiger Muslim, \u201ewenn sie hier zwei oder drei Industriegebiete er\u00f6ffnen w\u00fcrden, bei jedem Bewerber einen Sicherheitscheck machen und die Besten einstellen. Die Kassam-Brigaden w\u00fcrden sich schnell in Luft aufl\u00f6sen, und es w\u00e4re sicherer f\u00fcr alle. Die Moscheen w\u00fcrden leer stehen.\u201c Es hei\u00dft auch, dass viele junge M\u00e4nner die Kassam wieder verlassen, wenn sie einen Platz in einem von Gazas Wohnprojekten bekommen. Sie glauben, dass sie damit verhindern k\u00f6nnen, dass ihr neues Zuhause zum Ziel israelischer Angriffe wird.<\/p>\n<p>\u201eWas wir brauchen, sind israelische Fabriken und pal\u00e4stinensische Arbeitskr\u00e4fte\u201c, meint ein Gesch\u00e4ftsmann. \u201eEin Sack Zement besch\u00e4ftigt hier in Gaza 35 Leute; und wenn einer aus Gaza in Israel arbeitet, beten zu Hause sieben Verwandte f\u00fcr Israels Sicherheit. Stell dir vor, wir h\u00e4tten ein \u201aMade in Gaza\u2018-Label. Wir k\u00f6nnten unsere Produkte in der Region verkaufen, und sie w\u00fcrden weggehen wie warme Semmeln. Gaza w\u00fcrde profitieren, aber auch Israel. Alles, was wir wollen, sind offene Grenzen f\u00fcr den Export.\u201c<\/p>\n<p>Die Leute in Gaza haben Unternehmergeist, sie sind erfinderisch \u2013 und sie sehnen sich nach einer anst\u00e4ndigen Arbeit, um wieder selbst f\u00fcr ihre Kinder sorgen zu k\u00f6nnen. Stattdessen sind sie in die erniedrigende Abh\u00e4ngigkeit von humanit\u00e4rer Hilfe gezwungen, die sie von denselben L\u00e4ndern bekommen, die zu Gazas desolater Lage beitragen. Diese Politik ist nicht nur moralisch obsz\u00f6n, sie ist auch unfassbar dumm.<\/p>\n<p>Doch nicht alle sind arm in Gaza. Eine kleine Minderheit \u2013 mehrmals h\u00f6rte ich die Zahl 50\u2009000 \u2013 ist relativ wohlhabend. In manchen F\u00e4llen stammt der Reichtum aus dem mittlerweile fast erloschenen Handel durch die Tunnel nach \u00c4gypten. Die Tunnelgesch\u00e4fte hielten die Wirtschaft in Gaza einst am Laufen, zeitweise florierte sie sogar, trotz der israelischen Blockade. Doch seit in Gaza kaum noch etwas produziert wird, h\u00e4ngt die Wirtschaft an den wenigen privilegierten Bewohnern Gazas: Sie f\u00fcllen die Hotels, Einkaufszentren und Restaurants; Letztere scheinen \u00fcberhaupt die einzigen Betriebe zu sein, die noch Gewinn machen.<\/p>\n<p>Manche Leute sagen, dieser Wohlstand zeige doch, dass die Zust\u00e4nde in Gaza sehr viel besser seien als gemeinhin dargestellt. Das sei doch ein \u201ewillkommenes Zeichen von Normalit\u00e4t\u201c, sagen sie. Doch auch die Reichen sind abh\u00e4ngig, eingesperrt, erniedrigt und zornig. Die Unfreiheit und das Gef\u00fchl, nichts im Voraus planen zu k\u00f6nnen, machen ihnen genauso zu schaffen wie allen anderen. Eines Abends traf ich einen der reichsten und erfolgreichsten Gesch\u00e4ftsm\u00e4nner in Gaza. In allen Einzelheiten beschrieb er mir die Restriktionen, die Tel Aviv seiner Firma auferlegt hat. Dabei war Israel fr\u00fcher einer seiner wichtigsten Absatzm\u00e4rkte. \u201eDie Israelis zerst\u00f6ren mein Gesch\u00e4ft. Warum? Sie machen immer mehr Druck. Wozu?\u201c<\/p>\n<p>Die Unterschiede zwischen Reich und Arm sind un\u00fcbersehbar. Beide Welten existieren zum Greifen nah nebeneinander. Als ich eines Abends mit einem schwedischen Freund in einem der besten Restaurants in Gaza verabredet war und all die gut gekleideten Familien sah und die \u00adTeenager, die mit ihren Smartphones spielten, fragte ich mich, wie viele von ihnen wohl schon einmal im Al-Schati-Fl\u00fcchtlingslager waren, das nur einen kurzen Fu\u00dfweg vom Restaurant entfernt liegt. Viele, wahrscheinlich sogar die meisten von ihnen, sind wohl noch niemals dort gewesen.<\/p>\n<p>Leute, die in Gaza als privilegiert gelten, haben nicht unbedingt das meiste Geld, aber sie haben ein regelm\u00e4\u00dfiges Einkommen. Bis vor Kurzem z\u00e4hlten zu den Privilegierten die oben erw\u00e4hnten PA-Angestellten, die daf\u00fcr bezahlt wurden, nicht f\u00fcr die Hamas zu arbeiten; des Weiteren geh\u00f6ren alle, die f\u00fcr die UNWRA, eine internationale NGO und lokale \u00f6ffentliche Einrichtungen arbeiten, dazu, und die, die als Selbstst\u00e4ndige erfolgreich sind. In Gaza hat man sich immer gegenseitig geholfen, aber die uneigenn\u00fctzige Wohlt\u00e4tigkeit ist nicht mehr so selbstverst\u00e4ndlich wie fr\u00fcher.<\/p>\n<p>Ein Freund aus einer bekannten Familie in Gaza beschrieb mir sein Dilemma: \u201eSteuern an die Hamas, dann all die anderen Abgaben, zu denen st\u00e4ndig neue hinzukommen, und nat\u00fcrlich Haushalt, Essen, Geld f\u00fcr Freunde. Meine R\u00fccklagen sind fast aufgebraucht. Bald muss ich meinen Besitz verh\u00f6kern, um die Rechnungen zu bezahlen.\u201c Zwar gehe es ihm besser als den meisten anderen hier, und er tue, was er k\u00f6nne, um anderen zu helfen, aber: \u201eWo soll das enden? Das Tragische an der Situation ist, dass Freunde dich nur noch als Geldquelle betrachten. Und die Freundschaften enden, wenn du das Geld nicht mehr aufbringen kannst. \u00dcberleg mal, wie es kommt, dass Leute sich so verhalten!\u201c Anscheinend mache sich niemand klar, wie viel Druck es braucht, dass die wichtigsten Werte, die ein Mensch hat, aufgegeben werden. \u201eDas ist nicht mehr das alte Gaza.\u201c<\/p>\n<p>Auch die Hamas ist besessen von der Frage des \u00dcberlebens. Die Leere in den \u00f6ffentlichen Kassen durch den R\u00fcckgang der Einnahmen in den letzten Jahren versucht sie durch neue Geldquellen zu kompensieren: neue Steuern, neue Abgaben, neue Geldbu\u00dfen und Preiserh\u00f6hungen, \u201eden Leuten das letzte Geld abpressen\u201c, sagt ein Beobachter dazu. Der Preis f\u00fcr eine Schachtel Zigaretten hat sich k\u00fcrzlich von 8 auf 25 Neue Israelische Schekel (NIS)5 mehr als verdreifacht; die Grundst\u00fcckssteuer hat sich verdoppelt, es gibt eine neue \u201eSauberkeitssteuer\u201c f\u00fcr Stra\u00dfenreinigung und Abwasserentsorgung.<\/p>\n<p>Auch die Pkw-Zulassung muss zuk\u00fcnftig halbj\u00e4hrlich erneuert werden, was jedes Mal 600 NIS kostet \u2013 eine geradezu utopische Summe f\u00fcr die meisten Gaza-Bewohner. Wer seine Zulassung nicht erneuert, l\u00e4uft Gefahr, dass sein Auto konfisziert wird. Die meisten Leute k\u00f6nnen diese Steuern und Abgaben nicht in voller H\u00f6he bezahlen. Deshalb nimmt die Hamas vor allem diejenigen ins Visier, die dazu in der Lage sind; f\u00fcr den Rest gibt es Staffeltarife. Die Ma\u00dfnahmen scheinen zu wirken, jedenfalls was die Einnahmen der Regierung betrifft. \u201eDie Hamas steht unter einem riesigen Druck, wie wir alle, sie k\u00e4mpft um ihren Selbsterhalt, es geht nicht mehr um Politik\u201c, meint ein Bekannter.<\/p>\n<p>In letzter Zeit nimmt die offene Kritik an der Hamas zu, vor allem vonseiten junger Leute. \u00dcber Facebook, Twitter und WhatsApp verbreiten sich Kommentare gegen den Missbrauch der Religion als Zwangsmittel und als Rechtfertigung f\u00fcr die Fehler der Regierung.<br \/>\nAngst vor der Welt da drau\u00dfen<\/p>\n<p>Gleichzeitig gibt es immer mehr zivilgesellschaftliches Engagement: Eine ganze Reihe neuer Initiativen ist entstanden, die nach anderen L\u00f6sungen f\u00fcr die schlimme Lage in Gaza suchen. Die Bandbreite dieser beharrlichen Freiwilligenarbeit ist beeindruckend: Kleine landwirtschaftliche Betriebe wurden wieder zum Leben erweckt, es gibt Menschenrechtsgruppen, Angebote f\u00fcr psychologische Rehama\u00dfnahmen, Ak\u00adtio\u00adnen f\u00fcr den Umweltschutz und Workshops, die sich mit technologischen Innovationen besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Die Leute in Gaza waren ja schon immer sehr technikaffin. \u201eSollte eines Tages endlich Frieden herrschen, w\u00e4re Gaza auf dem Internetsektor genauso stark wie Indien\u201c, meint sogar ein US-amerikanischer Investor. Tats\u00e4chlich soll es in Gaza genauso viele User geben wie in Tel Aviv und manche arbeiten bereits als Subunternehmer f\u00fcr Firmen in Indien, Bangladesch oder Israel.<\/p>\n<p>Das k\u00f6nnte optimistisch stimmen, g\u00e4be es nicht andererseits einen auffallenden und bedr\u00fcckenden Mangel an Ehrgeiz. Nat\u00fcrlich sind die Alltagsprobleme enorm, viele k\u00f6nnen von der Erf\u00fcllung ihrer Grundbed\u00fcrfnisse \u2013 wie ausreichende Nahrung, Kleider und Elektrizit\u00e4t \u2013 nur tr\u00e4umen. Die Leute in Gaza igeln sich ein und k\u00fcmmern sich verst\u00e4ndlicherweise zuerst um sich selbst und ihre Familien. Als ein Freund von mir, der Lehrer ist, seine Sch\u00fcler fragte, was sie sich am allermeisten w\u00fcnschen w\u00fcrden, antworteten sie: \u201eein neues Paar Schuhe\u201c, \u201eein neues T-Shirt\u201c und \u201eEiscreme vom Laden in der Omar-al-Mukhtar Stra\u00dfe\u201c.<\/p>\n<p>Warum sollte man auch Pl\u00e4ne schmieden, wenn es keine Chance gibt, sie zu verwirklichen? Ich habe mich auch dar\u00fcber gewundert, wie wenig die jungen und gut ausgebildeten Leute \u00fcber die Erste Intifada und die Oslo-Jahre wussten \u2013 als w\u00fcrde die unmittelbare Gegenwart ihre ganze Aufmerksamkeit beanspruchen. Anders ausgedr\u00fcckt: sie f\u00fchlen sich nicht nur einer m\u00f6glichen Zukunft beraubt, sie sind auch von ihrer j\u00fcngsten Vergangenheit abgeschnitten \u2013 und von den vielen wichtigen Lehren, die sie daraus ziehen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>\u201eDie Leute haben Angst, die Welt zu betreten, oder sie betreten sie mit Waffen zu ihrer Verteidigung\u201c, sagte mir ein Wirtschaftswissenschaftler. \u201eEs gibt tats\u00e4chlich immer mehr Leute, die Angst davor haben, Gaza zu verlassen, weil sie nicht wissen, wie sie in der Welt da drau\u00dfen zurechtkommen sollen. Man muss ihnen beibringen, offener zu denken, sonst sind wir verloren.\u201c<\/p>\n<p>Die israelische Regierung hat alle ihr zur Verf\u00fcgung stehenden Mittel ausgereizt, um Gaza unter Druck zu setzen. Als die Leute aus Gaza noch in Israel arbeiten durften, konnte Israel das f\u00fcr sich nutzen: Es konnte die Grenze dicht machen und Zugest\u00e4ndnisse erzwingen. Jetzt besteht selbst diese M\u00f6glichkeit nicht mehr, \u00fcbrig geblieben sind nur noch Drohungen. Diese Politik gegen\u00fcber Gaza hat mit keiner politischen Zielsetzung oder Logik zu tun, sondern mit \u201eErm\u00fcdung\u201c, wie der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak 2014 sagte.6<\/p>\n<p>\u201eWenn die Israelis vern\u00fcnftig w\u00e4ren\u201c, sagte mir jemand in Gaza, \u201ek\u00f6nnten alle davon profitieren. Alles, was sie tun m\u00fcssen, ist uns ein klein wenig Raum geben, um ein normales Leben zu f\u00fchren; alle extremistischen Gruppen w\u00fcrden verschwinden. Hamas w\u00fcrde verschwinden. Nicht die Panzer und Flugzeuge der israelischen Armee m\u00fcssen mit diesen Gruppen fertig werden. Unsere Generation will Frieden, und es ist dumm von Israel, sich zu verweigern. Die n\u00e4chste Generation ist wom\u00f6glich nicht mehr so \u00admo\u00adtiviert wie wir. Oder geht es Israel gerade darum?\u201c<\/p>\n<p>Viele in Gaza hegen nun die Hoffnung, dass sich ihre desolate Lage mit der angestrebten Vers\u00f6hnung zwischen Fatah und Hamas bessern wird. Doch ob die durch \u00c4gypten vermittelten Gespr\u00e4che tats\u00e4chlich zu einer Einigung f\u00fchren werden, ist fraglich. In vielen Punkten liegen die Interessen weit auseinander: Da ist zun\u00e4chst die Frage der Wahlen, die einem Vers\u00f6hnungsprozess logischerweise folgen m\u00fcssten. Umfragen zufolge w\u00fcrde die Hamas den Urnengang gewinnen, ebenso wie den letzten von 2006. Vor diesem Hintergrund hat die Fatah kein Interesse an Wahlen, ebenso wenig wie Israel und die USA.<\/p>\n<p>Ein weiterer Punkt ist die Frage der Sicherheitskr\u00e4fte in Gaza. Dschibril ar-Radschub, Fatah-Mitglied und ehemaliger Sicherheitschef der Pal\u00e4stinensischen Autonomiebeh\u00f6rde im Westjor\u00addan\u00adland, verk\u00fcndete, es d\u00fcrfe nur einen einzigen Sicherheitsapparat geben. Soll hei\u00dfen: der bewaffnete Arm der Hamas, die Kassam-Brigaden, sollen ihre Waffen niederlegen \u2013 eine Forderung, deren Erf\u00fcllung die Hamas bereits ausgeschlossen hat.<\/p>\n<p>Die Hamas ist zwar bereit, die zivile Verwaltung im Gazastreifen wieder an Ramallah abzugeben, doch auch dieser Punkt birgt Konfliktpotenzial. Denn die Fatah d\u00fcrfte darauf bestehen, dass die von ihr bezahlten Verwaltungsbeamten auf ihre alten Posten zur\u00fcckkehren \u2013 womit Zehntausende, die in der Hamas-Verwaltung besch\u00e4ftigt waren, ihre Posten verlieren w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich ist jede innerpal\u00e4stinensische Vers\u00f6hnung auch von der Unterst\u00fctzung des Auslands abh\u00e4ngig. F\u00fcr Israel w\u00e4re eine Einigung zwischen Hamas und Fatah gef\u00e4hrlich, weil diese den Forderungen nach einem pal\u00e4stinensischen Staat und einem Ende der Besatzung des \u00adWestjordanlands eine neue St\u00e4rke verleihen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>In den letzten Monaten hat sich \u00c4gypten der Hamas angen\u00e4hert, weil sich die Organisation in ihrer neuen Charta vom Mai 2017 von der Muslimbruderschaft losgesagt hat, die von Kairo als Terrororganisation betrachtet und im eigenen Land hart bek\u00e4mpft wird. Viele in Gaza hoffen nun, dass zumindest der Grenz\u00fcbergang Rafah nach \u00c4gypten wieder regelm\u00e4\u00dfig ge\u00f6ffnet wird.<\/p>\n<p>Bleibt zu hoffen, dass Fatah und Hamas bei den f\u00fcr diesen Monat in Kairo angesetzten Gespr\u00e4chen L\u00f6sungen f\u00fcr die vielen Streitpunkte finden und gemeinsam daf\u00fcr sorgen, die Lebenssituation der Bewohner Gazas zu verbessern. Die h\u00e4tten es verdient.<\/p>\n<p>1\u2002Damals kam es zu erbitterten K\u00e4mpfen zwischen Hamas und Fatah, bei denen mehrere hundert Menschen starben. Seither waren die Pal\u00e4stinensischen Autonomiegebiete de facto geteilt, wobei die Fatah das Westjordanland und die Hamas den Gazastreifen kon\u00adtrol\u00adlierte. Siehe auch Amira Hass, \u201eArbeiten f\u00fcr Hamas, streiken f\u00fcr Fatah. Die Doppelherrschaft in Pal\u00e4stina vertieft die Kluft zwischen Westjordanland und Gaza\u201c, Le Monde diplomatique, Oktober 2008.<\/p>\n<p>2\u2002Pal\u00e4stina hat ohnehin keine \u201enormale\u201c Volkswirtschaft. Laut UN-Statistiken sind 80 Prozent der fast 2 Millionen Bewohner des Gazastreifens \u201evon Hilfen abh\u00e4ngig\u201c. Siehe Ibrahim Shikaki, \u201eVolkswirtschaft ohne Staat. Pal\u00e4stina ist von seinen Wurzeln abgeschnitten\u201c, Le Monde diplomatique, Juni 2017.<\/p>\n<p>3\u2002Laut einer Pressemitteilung von Oxfam vom 10. August 2017, www.oxfam.org.uk\/media-centre\/press-releases\/2017\/08\/gaza-electricity-crisis-leaves-more-people-without-water.<\/p>\n<p>4\u2002\u201eElectricity Shortages in Gaza Lead to Beach Pollution Just Over the Border in Israel\u201c, Haaretz, 6. Juli, 2017.<\/p>\n<p>5\u2002Ein NIS ist 0,23 Eurocent wert, in dem oben genannten Beispiel ist der Preis f\u00fcr eine Schachtel Zigaretten also von circa 2 Euro auf fast 6 Euro gestiegen.<\/p>\n<p>Aus dem Englischen von Jakob Farah<\/p>\n<p>Sara Roy ist Wissenschaftlerin am Centre for Middle Eastern Studies in Harvard und Autorin zahlreicher B\u00fccher \u00fcber den Gazastreifen, zuletzt erschien \u201eHamas and Civil Society in Gaza: Engaging the Islamist Social Sector\u201c, Princeton (Princeton University Press) 2013.<\/p>\n<p>\u00a9 London Review of Books; f\u00fcr die deutsche \u00dcbersetzung Le Monde diplomatique, Berlin<br \/>\nLe Monde diplomatique vom 12.10.2017, Sara Roy<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die ohnehin katastrophale Lage der Bewohner von Gaza ist seit dem Sommer noch schlimmer geworden. Mit der j\u00fcngsten Ann\u00e4herung zwischen Fatah und Hamas steigt nun die Hoffnung auf Besserung. 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