{"id":5622,"date":"2017-11-21T11:39:28","date_gmt":"2017-11-21T11:39:28","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=5622"},"modified":"2017-11-21T11:51:05","modified_gmt":"2017-11-21T11:51:05","slug":"amadeu-antionio-stiftung-aufklaerung-mit-fragwuerdigen-methoden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=5622","title":{"rendered":"Amadeu Antionio Stiftung: Aufkl\u00e4rung fragw\u00fcrdig"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-5624 size-medium\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/17-11-21-antonio-amadeus-stiftung-300x173.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/17-11-21-antonio-amadeus-stiftung-300x173.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/17-11-21-antonio-amadeus-stiftung-200x115.jpg 200w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/17-11-21-antonio-amadeus-stiftung-768x442.jpg 768w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/17-11-21-antonio-amadeus-stiftung-1024x589.jpg 1024w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/17-11-21-antonio-amadeus-stiftung-500x288.jpg 500w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/17-11-21-antonio-amadeus-stiftung.jpg 1377w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Die Amadeu-Antionio-Stiftung ist in den letzten Jahren zu einer der einflussreichsten Organisationen in der Analyse und Bek\u00e4mpfung des Antisemitismus geworden. Wie sie in ihrer <a href=\"https:\/\/www.amadeu-antonio-stiftung.de\/w\/files\/pdfs\/lagebild-deutschland-internet.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Brosch\u00fcre &#8222;Lagebild Antisemitismus 16\/17&#8220;<\/a> schreibt, hat sie seit 2003 knapp 400 Veranstaltungen in \u00fcber 90 St\u00e4dten organisiert, an denen sich j\u00e4hrlich \u00fcber 170 Organisationen, Schulen, Jugendzentren <!--more-->und j\u00fcdische Gemeinden beteiligen. F\u00fcr sie wolle die Stiftung, so hei\u00dft es in ihrer Eigendarstellung, &#8222;\u00d6ffentlichkeit schaffen und ihnen mit Rat und Tat oder auch finanzieller Unterst\u00fctzung zur Seite stehen.&#8220; In den 18 Jahren ihres Bestehens habe die Stiftung bundesweit \u00fcber 1.200 lokale Initia tiven gef\u00f6rdert. Es w\u00e4re ihr ein wichtiges Anliegen, &#8222;die Engagierten auch weiterhin kontinuierlich zu ermutigen, \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr ihre Situation zu schaffen und sie zu vernetzen.&#8220;<\/p>\n<p>Manfred Jeub, Schuldekan i.R. und evangelischer Religionsp\u00e4dagoge in Freiburg, hat sich die in hoher Auflage verbreitete <a href=\"https:\/\/www.amadeu-antonio-stiftung.de\/w\/files\/pdfs\/lagebild-deutschland-internet.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Brosch\u00fcre &#8222;Lagebild Antisemitismus 16\/17&#8220;<\/a> der Stiftung genau angesehen und beurteilt sie \u00fcberaus kritisch. Hier seine Mail an die Amadeu-Antonio-Stiftung.<\/p>\n<p>++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++<br \/>\nSehr geehrte Damen und Herren,<br \/>\nich halte Ihre neue Brosch\u00fcre \u201e Lagebild Antisemitismus 16\/17\u201c in H\u00e4nden und m\u00f6chte Ihnen gern ein Feedback geben.<\/p>\n<p>Zuvor ein kurzes Wort zu meinem pers\u00f6nlichen Hintergrund. Nach 40 Berufsjahren als evangelischer Religionsp\u00e4dagoge, in den letzten 15 in leitender Funktion, bin ich seit einem Jahr im Ruhestand. Die Thematik Erziehung gegen Antisemitismus und Rassismus zieht sich als roter Faden durch meine Vita als P\u00e4dagoge, Lehrerausbilder und Schulbuchautor. Auch im Ruhestand werde ich noch als Gutachter f\u00fcr die Zulassung von Lernmitteln an den Gymnasien Baden-W\u00fcrttembergs zugezogen. Aus dieser Perspektive erfolgt mein Blick auf Ihre kleine Schrift, die ja auch f\u00fcr den Bildungssektor gedacht ist.<\/p>\n<p>Wer Ressentiments entgegentreten will, das gilt allgemein, ganz besonders aber beim schlimmsten von ihnen, dem Antisemitismus, muss das mit dem ganzen Gegenteil, mit strenger Sachlichkeit, mit stringenter Argumentation und sauber belegten Fakten tun. Leider mangelt es ihrer Publikation genau daran. \u201eDie Diffamierung Israels stinkt zum Himmel. In gef\u00fchlt 98% aller Meinungs\u00e4u\u00dferungen in Deutschland zum \u00bbNahostkonflikt \u00ab schwingen auf der Metaebene Dutzende antisemitische Ressentiments mit. Schwierig nachzuweisen, aber dadurch nicht weniger existent.\u201c(S. 17) &#8211; diese Sichtweise, die Ihre Projektkoordinatorin im Schlusskommentar \u00e4u\u00dfert, einem Rundumschlag gegen Medien und UN, der m. E. besser unterblieben w\u00e4re, durchzieht als eine Hermeneutik des Verdachts leider auch die anderen Abschnitte. Das hat erstens damit zu tun, dass es an einer klar explizierten, konsistenten Definition dessen fehlt, was unter Antisemitismus zu verstehen ist. Der Abschnitt, der auf S. 2 mit dem Satz beginnt \u201eIm vorliegenden Lagebild wird keine ganz starre Antisemitismus-Definition verwendet\u2026\u201c, gen\u00fcgt diesem Grunderfordernis in keiner Weise. Was ist ein starre Antisemitismus-Definition? Eine Definition ist eine Definition und bei schwerwiegenden Vorw\u00fcrfen unabdingbar. Eine zweite Problematik, die dem Anspruch im Wege steht, eine objektive Zustandsbeschreibung zu geben, ist das in Ihrer Publikation un\u00fcbersehbare politische Interesse, den Staat Israel unangreifbar zu machen. Wer laufend den Terminus \u201eisraelbezogener Antisemitismus\u201c verwendet, muss ihn eindeutig kl\u00e4ren und Abgrenzungskriterien zu einer nicht-antisemitischen Kritik an Israel benennen. Auch dies wird nicht geleistet, so dass der willk\u00fcrlichen Unterstellung T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet ist.<\/p>\n<p>Ich habe mir die M\u00fche gemacht, die Belege nachzuschauen, die in Anmerkungen genannt sind und musste feststellen: Die Verweise bewegen sich in einem engen Zitationskartell Gleichgesinnter; wissenschaftlich ausgewiesene Quellen sucht man vergebens. Stattdessen finden sich Links auf proisraelische Propagandaseiten, die Russia Today in nichts nachstehen und von denen der Leser mitnimmt, dass die Europ\u00e4er dumm sind, dem amerikanischen Pr\u00e4sidenten Trump nicht im Aufk\u00fcndigen des Atomvertrags mit dem Iran zu folgen und dass Botschaften in der einen, unteilbaren Hauptstadt Israels, in Jerusalem, besser aufgehoben sind. Es tut mir herzlich leid: Seriosit\u00e4t kann ich dem nicht bescheinigen.<\/p>\n<p>Ich will ihre Schrift nun auch nicht in Bausch und Bogen verrei\u00dfen, sie transportiert auch Bedenkenswertes. Man sieht, dass Sie den aktuellen Verschiebungen im politischen Spektrum zu folgen versuchen. Keinem wachen Tagesschau-Zuschauer konnten bei den Bildern von den Pegida-Demonstrationen die Israel-Fahnen entgehen. Sie thematisieren das und deuten es als \u201eeindeutig taktisch bestimmt\u201c (S.3, S.4.) Aber soll es glaubhaft sein, dass Antisemiten \u00f6ffentlich Israel-Fahnen schwenken \u2013 zu ihrer Tarnung? Oder dass rechte Israelfreunde sich, so eine weitere Deutung, ein v\u00f6llig falsches Bild von Israel machen? Ist es nicht erheblich plausibler, dass die Neue Rechte in Europa, die im Islam die Projektionsfl\u00e4che ihres Hasses gefunden hat, sich in ihrem extremen Nationalismus dem Politiktypus der Regierung Netanjahu mit ihren unbestreitbar rechtsradikalen Mitgliedern nahe f\u00fchlt?<\/p>\n<p>Es gibt, wie Sie wissen, nicht nur j\u00fcdische Einwanderung nach Israel, sondern auch j\u00fcdische Auswanderung aus Israel, weil Menschen dessen militarisiertes Klima nicht mehr ertragen. Wie sie diese pauschal zu verleumden versuchen (S.7), empfinde ich, offen gesagt, als skandal\u00f6s. Es zeigt indes deutlich, wie ideologisch Ihre Darstellung gepr\u00e4gt ist, und es dr\u00e4ngt sich die Frage auf, ob eine Position, die &#8211; mit dem Ma\u00dfstab der Loyalit\u00e4t zum Netanjahu-Israel messend &#8211; zwischen guten und b\u00f6sen Juden unterscheidet, zu einer angemessenen Antisemitismus-Analyse imstande ist.<\/p>\n<p>Wer gegen Diskriminierung von Menschen antritt, sollte nicht selbst diskriminieren. Wer Verschw\u00f6rungstheorien entlarven will, sollte nicht selber solche verbreiten. Der Abschnitt \u00fcber die BDS-Kampagne macht leider diesen Eindruck: Finstere M\u00e4chte, die ihre wahre Absicht, n\u00e4mlich die \u201eAbschaffung von Israel\u201c (S. 13) raffiniert verschleiern, manipulieren ahnungslose Menschen. Dies steht in Ihrer Brosch\u00fcre zu lesen. Die US-amerikanische Partnerkirche meiner evangelischen Kirche in Baden, die United Church of Christ, die sich nach eingehenden Diskussionen mit \u00fcberw\u00e4ltigender synodaler Mehrheit der Boykottaktion anschloss, w\u00e4re demnach Antisemiten auf den Leim gegangen. Ich halte es in der Tat f\u00fcr diskussionsw\u00fcrdig, ob man in einem Land, in dem j\u00fcdische Mitb\u00fcrger mit der NS-Aktion \u201eKauft nicht bei Juden!\u201c schikaniert wurden, zum Boykott des Staates Israel wegen seiner andauernden Menschenrechtsverletzungen an den Pal\u00e4stinensern aufrufen sollte \u2013 aber eine solche Diskussion darf es nach Ihren Handlungsempfehlungen nicht geben. Hier wird m. E. ein Grundproblem der von Ihnen vertretenen Position deutlich: Sie setzt statt auf die Kraft des Arguments im offenen Diskurs auf repressive Methoden. Ich halte das f\u00fcr einen kontraproduktiven Irrweg.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich, meine sehr geehrten Damen und Herren, sind zwei Dinge nicht relativierbar: Der Holocaust und die Universalit\u00e4t der Menschenrechte. Und zwar geh\u00f6ren sie nach meiner Einsicht untrennbar zusammen. Vor gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, vor rassistischem Ressentiment sch\u00fctzt nur die Verinnerlichung der unbedingt zu achtenden Menschenw\u00fcrde und der daraus resultierenden Menschenrechte. Den Bezug darauf habe ich in Ihrer Schrift vermisst. Vielmehr kommen Menschenrechte nur im negativen Kontext eines Vorwandes f\u00fcr Antisemitismus vor (S. 12, 13), und in der abschlie\u00dfenden Polemik von Frau Hermer wird es als pervers bezeichnet, dass die Vereinten Nationen mehr Anklagen wegen Menschenrechtsverst\u00f6\u00dfen gegen Israel erheben als gegen dessen Erzfeind Iran (S.17). Wer den universalen Menschenrechten verpflichtet und nicht bereit ist, zwischen guten und b\u00f6sen Menschenrechtsverletzern zu unterscheiden, fragt nicht nach solchen Vergleichen, sondern danach, ob die Vorw\u00fcrfe zutreffen oder nicht. Dar\u00fcber halte ich mich als 40j\u00e4hriges Mitglied von amnesty international informiert und registriere aufmerksam, wer Menschenrechtsorganisationen zu delegitimieren und zu behindern versucht.<\/p>\n<p>Mein Fazit: Ihre Brosch\u00fcre \u201e Lagebild Antisemitismus 16\/17\u201c informiert zweifellos \u00fcber aktuelle Entwicklungen in Deutschland. Ein\u00e4ugige Parteinahme f\u00fcr die Politik Israels l\u00e4sst die Autoren aber \u00fcber dieses Ziel hinausschie\u00dfen. Begr\u00fcndete Kritik an Menschen- und V\u00f6lkerrechtsverletzungen dieses Staates wird in die N\u00e4he rassistischer Judenfeindschaft ger\u00fcckt oder gar damit gleichgesetzt. Der Antisemitismus-Begriff wird aufgeweicht. Methodisch ist diese Publikation ungen\u00fcgend. Ein inflation\u00e4rer, oft rein assoziativer und unterstellender Umgang mit dem Begriff Antisemitismus erweist der Sensibilisierung gegen diese Gefahr aber einen B\u00e4rendienst. Vor allem, weil es nicht nur informiert, sondern indoktriniert, nicht zu Einsichten, sondern zu ideologischen Bekenntnissen f\u00fchren will, ist das Material f\u00fcr schulisches Lernen nach meiner Expertise ungeeignet.<\/p>\n<p>In der Hoffnung, dass Sie mit meinen Bedenken etwas anfangen k\u00f6nnen und sie nicht als &#8222;gef\u00fchlt&#8220; antisemitisch abtun, gr\u00fc\u00dfe ich Sie freundlich<br \/>\nM. Jeub<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Amadeu-Antionio-Stiftung ist in den letzten Jahren zu einer der einflussreichsten Organisationen in der Analyse und Bek\u00e4mpfung des Antisemitismus geworden. 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