{"id":5644,"date":"2017-12-02T17:02:45","date_gmt":"2017-12-02T17:02:45","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=5644"},"modified":"2017-12-02T17:03:56","modified_gmt":"2017-12-02T17:03:56","slug":"wer-missbraucht-hier-wen-eine-kontroverse-anlaesslich-der-verleihung-des-hannah-arendt-preises-an-etienne-balibar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=5644","title":{"rendered":"Wer missbraucht hier wen? &#8211; Eine Kontroverse anl\u00e4sslich der Verleihung des Hannah-Arendt-Preises an \u00c9tienne Balibar"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/17-12-02-hannah-arendt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-5650\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/17-12-02-hannah-arendt-254x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"236\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/17-12-02-hannah-arendt-254x300.jpg 254w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/17-12-02-hannah-arendt-200x236.jpg 200w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/17-12-02-hannah-arendt-768x907.jpg 768w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/17-12-02-hannah-arendt.jpg 857w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a>Am 9. August gab die <a href=\"https:\/\/www.boell.de\/de\/2017\/08\/09\/etienne-balibar-ist-hannah-arendt-preistraeger-fuer-politisches-denken-2017\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Heinrich-B\u00f6llstiftung bekannt<\/a>, dass der diesj\u00e4hrige &#8222;Hannah-Arendt-Preis f\u00fcr politisches Denken&#8220; an den franz\u00f6sischen Philosophen \u00c9tienne Balibar vergeben wird. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wurde am 1. Dezember 2017 von Antonia Grunenberg vom Vorstand des Vereins Hannah-Arendt-Preis, Senator Joachim Lohse von der Stadt Bremen und Peter Siller von der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung im Rathaus \u00fcberreicht. \u00c9tienne Balibar habe, so hei\u00dft es in der Laudation, &#8222;in seinen B\u00fcchern und im \u00f6ffentlichen Auftreten ein intervenierendes Denken in der Tradition Hannah Arendts gepflegt. Seine Beitr\u00e4ge haben sich weit \u00fcber den akademischen Diskurs hinaus an die republikanische \u00d6ffentlichkeit gerichtet.&#8220;<!--more--><\/p>\n<p>Drei Monate nach der Ank\u00fcndigung der Preisvergabe, am 9. November 2017, dem Tag des Holocaust-Gedenkens, protestierte Hermann Kuhn im Namen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) in Bremen in einem <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/DIGHB\/posts\/1782237425407151\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">offenen Brief auf der Facebook-Seite<\/a> der Organisation. Die DIG sei &#8222;entsetzt&#8220;. Balibar habe im Jahr 2009 w\u00e4hrend des damaligen Gaza-Krieges einen Aufruf, ver\u00f6ffentlicht vom britischen Guardian mit dem Titel <a href=\"https:\/\/www.globalresearch.ca\/israel-must-lose\/11855\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8222;Israel Must Lose&#8220;<\/a> unterzeichnet. Darin sei behauptet worden, dass Israel verantwortlich daf\u00fcr sei, den Krieg &#8222;begonnen und intensiviert zu haben.&#8220; Am Ende werde sogar dazu aufgerufen, Israel durch ein &#8218;Programm aus Boykott, Desinvestion und Sanktionen&#8216; zum R\u00fcckzug zu zwingen. Kuhn: &#8222;F\u00fcr Israel ist da kein Platz. Das ist Aufruf zum Hass und zur Verhinderung von Dialog und Auseinandersetzung, ein Aufruf gegen Ausgleich und Verst\u00e4ndigung zwischen V\u00f6lkern&#8220;. Der Verein &#8222;Hannah-Arendt-Preis&#8220; m\u00fcsse sich zu diesen \u00c4u\u00dferungen erkl\u00e4ren und sich distanzieren.<\/p>\n<h1>Die Taz Bremen kritisiert die Kritik<\/h1>\n<p>Erstaunlich: die <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!5459062\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bremer Taz<\/a>, sonst immer fest an der Seite der unbedingten Israel-Verteidiger stehend, ging dieser Protest der DIG offenbar zu weit. Der Ver\u00f6ffentlichungstermin, n\u00e4mlich der 9. November, wirke wie eine &#8222;unstatthafte Funktionalisierung des Datums, das mangels Substanz den Vorw\u00fcrfen Gewicht verleihen&#8220; solle. In einem &#8222;demagogischen Doppelschritt&#8220;, so der Taz-Redakteur Benno Schirrmeister, habe Kuhn dem Preistr\u00e4ger die Autorschaft des Aufrufs unterstellt und dazu noch die Schuldzuweisung, dass Israel allein f\u00fcr alles verantwortlich sei. Das aber sei eine Entstellung des Appells von 2009. Balibar habe mehrfach vor moralisch einseitigen Deutungen des Nahost-Konflikts als einem Krieg der Guten gegen die B\u00f6sen gewarnt und neige auch sonst nicht dazu, den pal\u00e4stinensischen Terror zu verharmlosen. Schirrmeister findet deshalb die Forderung der DIG nach Distanzierung &#8222;schwierig&#8220;. &#8222;Zu diesem Denken \u00c9tienne Balibars kann sich nur erkl\u00e4ren, wer es ihm wie Kuhn unterstellt. Wer dessen Werk hingegen mehr als ger\u00fcchteweise zur Kenntnis nimmt, wird es als Aufforderung zur Auseinandersetzung verstehen &#8211; als Angebot, zuzustimmen, oder zu widersprechen, kurz: als politische Philosophie.&#8220;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Taz Bremen Kuhn den guten Rat gibt, \u00c9tienne Balibar erst zu lesen und dann (evtl.) zu kritisieren, wird Arn Strohmeyer grunds\u00e4tzlicher und nimmt die Preisverleihung zum Anlass, im Einzelnen die Positionen zu untersuchen, die Hannah Arendt im Laufe der Jahre zum Zionismus und zum Staat Israel eingenommen hat. Ihre Distanz wurde immer gr\u00f6\u00dfer. Judith Butler schrieb \u00fcber Hannah Arendt, &#8222;Wenn Arendt recht hat, war der Siedlerkommunismus nie legitim, und ebenso wenig waren es die Vertreibungen angestammter Bev\u00f6lkerungsgruppen auf Basis ihrer Nationalit\u00e4t und die fortgesetzte Enteignung und Vertreibung des pal\u00e4stinensischen Volkes. Der Zionismus konnte sich nie auf Grunds\u00e4tze der politischen Gleichheit berufen und hat deshalb nie eine substanziell demokratische Form angenommen. In seinem Bezugsrahmen lassen sich keine L\u00f6sungen finden, weil er einen Nationalstaat auf der Grundlage von Unterdr\u00fcckung, Zerst\u00f6rung und Vertreibung der Einheimischen verlangt und erweitert.&#8220;<br \/>\n<em>S\u00f6nke Hundt<\/em><\/p>\n<p><strong>Im Folgenden der vollst\u00e4ndige Artikel von Arn Strohmeyer anl\u00e4sslich der Verleihung des &#8222;Hannah-Arendt-Preises&#8220; an \u00c9tienne Balibar.<\/strong><br \/>\n++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++<\/p>\n<h1>Hermann Kuhn demonstriert wieder einmal Nichtwissen<\/h1>\n<p><strong>Die Kritik des Vorsitzenden der deutsch-Israelischen Gesellschaft an dem diesj\u00e4hrigen Preistr\u00e4ger des Hannah-Arendt Preises \u00c9tienne Balibar geht ins Leere<\/strong><br \/>\nvon <em>Arn Strohmeyer<\/em><br \/>\nDer franz\u00f6sische Philosoph \u00c9tienne Balibar hat am Freitag im Bremer Rathaus den Hannah-Arendt-Preis f\u00fcr politisches Denken 2017 verliehen bekommen. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung wird von der Stadt Bremen und der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung vergeben. Der Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Bremen, Hermann Kuhn (Gr\u00fcne), kritisierte die Preisverleihung an Balibar, weil dieser Israels Politik kritisch gegen\u00fcberstehe. Kuhn sagte dem Bremer Weser-Kurier zufolge, Balibar habe Erkl\u00e4rungen initiiert oder unterst\u00fctzt, die zum Boykott des j\u00fcdischen Staates aufriefen und Israels Geschichte seit der Gr\u00fcndung als eine einzige Gewalt allein von Seiten der Juden darstellten. Das seien Aufrufe zum Hass. \u201eWas hat das mit Hannah Arendt zu tun? fragt Kuhn. Der Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft scheint das Werk dieser bedeutenden Philosophin \u00fcberhaupt nicht zu kennen. Im folgenden Text, der aus meinem neuen Buch stammt, wird die Frage beantwortet, was Hannah Arendt mit der Kritik an Israels Politik zu tun hat.<\/p>\n<p>Die deutsch-j\u00fcdische Politologin und Philosophin Hannah Arendt (1906 \u2013 1975) hatte zun\u00e4chst Sympathien f\u00fcr den Zionismus. In Paris, wohin sie vor den Nazis geflohen war, hatte sie sogar f\u00fcr zionistische Organisationen gearbeitet. Sp\u00e4ter im Exil in den USA war ihre Position zu Israel stark von den eigenen Erfahrungen von Flucht und Vertreibung gepr\u00e4gt. Sie stellte eine Verbindung her zwischen der Vertreibung der Juden aus Europa und den gerechten Anspr\u00fcchen all jener Menschen, die auch mit Gewalt ihrer Heimat und ihres Besitzes beraubt wurden und politisch ihre Selbstbestimmungsrechte einb\u00fc\u00dften. Zu diesem Personenkreis z\u00e4hlte sie besonders auch die Pal\u00e4stinenser.<\/p>\n<p>Hannah Arendt ging von der philosophischen \u00dcberlegung aus, dass man keine Wahl hat, mit wem man auf der Erde zusammenlebt. Die Menschheit ist immer plural, vielsprachig und r\u00e4umlich verteilt. Wenn ein Teil der Menschheit ein St\u00fcck der Erde f\u00fcr sich allein beansprucht, m\u00fcsste das zu einem Genozid f\u00fchren. Ohne N\u00e4he und gleichgestelltes Zusammenleben, auch wenn sie nicht gewollt sind, gibt es keine politische Existenz. Hier setzt Arendts Kritik des Nationalstaates an, wenn er Homogenit\u00e4t f\u00fcr sich fordert.<\/p>\n<p>Die amerikanisch-j\u00fcdische Philosophin Judith Butler schreibt \u00fcber diese Position Arendts: \u201eWenn Arendt Recht hat, war der Siedlerkolonialismus nie legitim, und ebenso wenig waren es die Vertreibungen angestammter Bev\u00f6lkerungsgruppen auf Basis ihrer Nationalit\u00e4t und die fortgesetzte Enteignung und Vertreibung des pal\u00e4stinensischen Volkes. Der Zionismus konnte sich nie auf Grunds\u00e4tze der politischen Gleichheit berufen und hat deshalb nie eine substanziell demokratische Form angenommen. In seinem Bezugsrahmen lassen sich keine L\u00f6sungen finden, weil er einen Nationalstaat auf der Grundlage von Unterdr\u00fcckung, Zerst\u00f6rung und Vertreibung der Einheimischen verlangt und erweitert.\u201c<\/p>\n<p>Der Nationalstaat, der nach Homogenit\u00e4t seiner Bev\u00f6lkerung strebt, muss \u2013 davon ist Hannah Arendt \u00fcberzeugt \u2013 strukturell zu Vertreibungen und Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6men f\u00fchren. Lehnt ein Staat die Heterogenit\u00e4t und damit die Gleichstellung seiner Bev\u00f6lkerung ab, kann er sich nicht die Zustimmung und Unterst\u00fctzung aller seiner B\u00fcrger sichern, dann ist er illegal. Israels Demokratie mangelt es also an Legitimit\u00e4t, weil sie sich nicht auf den gesamten Volkswillen berufen kann. Deshalb hielt Hannah Arendt die Errichtung des Staates Israel f\u00fcr illegal \u2013 nicht zuletzt deswegen, weil er seine Staatsb\u00fcrgerschaft nur auf der Basis von religi\u00f6ser und ethnischer Zugeh\u00f6rigkeit verleiht. Sie lehnte auch die israelischen Rechtfertigungen f\u00fcr die gewaltsame Aneignung von arabischem Land ab und sah in ihr eine rassistische Kolonisierung.<\/p>\n<p>In dem Aufsatz Der Zionismus aus heutiger Sicht gibt sie ausschlie\u00dflich den Zionisten die Schuld f\u00fcr den \u201etragischen Konflikt\u201c, der in Pal\u00e4stina entstanden ist. Denn im Biltmore-Programm von 1942 (beschlossen im New Yorker Biltmore-Hotel) und in Atlantic-City h\u00e4tte die zionistische Weltorganisation alle R\u00fccksichten abgelegt und die Forderung nach einem \u201efreien und demokratischen j\u00fcdischen Gemeinwesen\u201c erhoben, das \u201eganz Pal\u00e4stina ungeteilt und ungeschm\u00e4lert umfassen soll.\u201c Dieser Beschluss sei ein Wendepunkt in der Geschichte des Zionismus gewesen, weil das lange umstrittene Programm der Revisionisten sich durchgesetzt habe. Offenbar habe man seine wirklichen Ziele bis hierhin verschwiegen. Die Araber k\u00e4men in der Entschlie\u00dfung gar nicht vor, sodass ihnen offenkundig nichts anderes bleibe, als zwischen freiwilliger Emigration und einer Existenz als B\u00fcrger zweiter Klasse zu w\u00e4hlen.\u201c Genauso ist es gekommen, nur dass die Flucht von Hunderttausenden von Pal\u00e4stinensern nicht \u201efreiwillig\u201c (wie von den Zionisten behauptet) erfolgte. Und so nahm der \u201etragische Konflikt\u201c seinen Lauf \u2013 zweimal bezeichnet Hannah Arendt in diesem Text den von den Zionisten entfachten Konflikt als \u201eTrag\u00f6die\u201c.<\/p>\n<p><em>Dieser Text stammt aus dem neuen Buch von Arn Strohmeyer: Die israel-j\u00fcdische Trag\u00f6die. Von Auschwitz zum Besatzungs- und Apartheidstaat. Das Ende der Verkl\u00e4rung, Gabriele Sch\u00e4fer Verlag Herne, ISBN 978-3-944487-57-1, 19.90 Euro<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 9. 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