{"id":681,"date":"2014-06-27T06:53:31","date_gmt":"2014-06-27T06:53:31","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=681"},"modified":"2014-06-27T07:12:22","modified_gmt":"2014-06-27T07:12:22","slug":"die-eu-als-zahnloser-papiertiger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=681","title":{"rendered":"Die EU als zahnloser Papiertiger"},"content":{"rendered":"<p><b><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/14-06-27-eu-als-zahloser-papiertiger_ji.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-684\" alt=\"14-06-27 eu als zahloser papiertiger_ji\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/14-06-27-eu-als-zahloser-papiertiger_ji-200x227.jpg\" width=\"200\" height=\"227\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/14-06-27-eu-als-zahloser-papiertiger_ji-200x227.jpg 200w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/14-06-27-eu-als-zahloser-papiertiger_ji-263x300.jpg 263w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/14-06-27-eu-als-zahloser-papiertiger_ji.jpg 703w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a>Die Abgeordnete des Europa-Parlaments V\u00e9ronique de Keyser hat eine \u00e4u\u00dferst kritisches Buch \u00fcber die Br\u00fcsseler Nahost-Politik geschrieben <\/b><\/p>\n<p><b>Arn Strohmeyer<\/b><\/p>\n<p>Wenn man kritisch urteilt (so wie die Autorin es tut), kann man die Politik der EU gegen\u00fcber Israel und den Pal\u00e4stinensern als \u201ewenig glorreich\u201c, als \u201eVersagen\u201c und \u201eVerrat\u201c (an den eigenen Werten) bezeichnen. Wenn man die diplomatische H\u00f6flichkeit v\u00f6llig beiseitel\u00e4sst, kann das Urteil nur lauten: mutlos und feige bis zur Verantwortungslosigkeit, ziel- und konzeptlos, absurd bis zum Irrsinn. Auch sonst \u00fcberzeugten Europ\u00e4ern k\u00f6nnen da Zweifel am Sinn und der Existenzberechtigung<!--more--> des Br\u00fcsseler Riesenapparates kommen, wenn er es zahn- und initiativlos mit all seiner Macht und seinem Geld nur fertigbringt, \u201ewie Kaugummi an der amerikanischen Nahost-Politik zu kleben\u201c, w\u00e4hrend die israelische Besatzung mit ihrem t\u00e4glichen Ma\u00df an Dem\u00fctigungen, Schikanen, extralegalen T\u00f6tungen und territorialen Eroberungen ungest\u00f6rt fortfahren kann.<\/p>\n<p>Stagnation ist der schon seit Jahrzehnten andauernde Zustand im Nahen Osten, der ganz im Sinne Israels ist: Den Status quo bewahren und neue Fakten schaffen, d.h. neues Land rauben und den Siedlungsraum erweitern, um die neu eroberten und bebauten Regionen eines Tages dann annektieren zu k\u00f6nnen. Die Verfasserin stellt eindeutig klar: All das h\u00e4tte nicht geschehen k\u00f6nnen ohne das stillschweigende Einverst\u00e4ndnis der unersch\u00fctterlichen Partner Israels: der EU und der USA. Die Rolle Amerikas in dieser Trag\u00f6die ist seit langem bekannt: unz\u00e4hlige Milliarden (wenn nicht inzwischen Billionen) Dollar Hilfsgelder sind in den letzten Jahrzehnten nach Israel geflossen, Washington beliefert diesen Staat auch mit der neuesten Waffentechnik und es sorgt mit seinen Vetos im UNO-Sicherheitsrat daf\u00fcr, dass er weiteren Verurteilungen entgeht.<\/p>\n<p>Ohne die ma\u00dflose Feigheit der EU w\u00e4re die Ausweitung der Siedlungen nicht m\u00f6glich gewesen, schreibt die Autorin. Stets \u00e4u\u00dfert die EU ihre Sorge \u00fcber die israelische Siedlungspolitik, aber nie hat sie sie verurteilt und politische Folgerungen daraus gezogen. In allen Vertr\u00e4gen der EU mit Israel gibt es Klauseln zu den Menschenrechten. Aber nie wird dieser Staat f\u00fcr die groben Verletzungen des V\u00f6lkerrechts und der Menschenrechte, die er permanent begeht, zur Rechenschaft gezogen. Nie ist von Strafma\u00dfnehmen wie Boykott oder Sanktionen die Rede, wohingegen die EU sehr schnell bereit ist, solche Mittel gegen\u00fcber den unter Besatzung lebenden und deshalb viel schw\u00e4cheren und \u00e4rmeren Pal\u00e4stinensern einzusetzen.<\/p>\n<p>Die Autorin fasst zusammen, welche Rolle die EU h\u00e4tte spielen k\u00f6nnen, wenn sie nur gewollt h\u00e4tte: \u201eEine andere Geschichte h\u00e4tte geschrieben werden k\u00f6nnen, wenn die EU politische Position bezogen, die wirtschaftlichen Instrumente eingesetzt h\u00e4tte, \u00fcber die sie verf\u00fcgt, und ihre privilegierten Verbindungen zu Israel genutzt h\u00e4tte, um Druck auszu\u00fcben. So viele g\u00fcnstige Momente, so viele Zeitfenster haben sich in den letzten Jahren ge\u00f6ffnet und sind ungenutzt verstrichen! Europa hat versagt, es hat seine Ideale, seine Vertr\u00e4ge, seine Versprechen verraten. (&#8230;) Israel ist ein wichtiger Partner f\u00fcr Europa, aber vor allem das Umgekehrte ist richtig: Israel kann nicht auf die EU verzichten, die sein bedeutendster Handelspartner ist. Europa hat also einen wirklichen Hebel, um die Israelis zur Vernunft zu bringen.\u201c Aber diese Chancen hat die EU nie genutzt.<\/p>\n<p>Die Verfasserin beschreibt auch die Strategie, mit der Israel seine Partner einsch\u00fcchtert und unter Druck setzt: Indem es den Holocaust als \u201eSchutzschild\u201c benutzt, hinter dem es das V\u00f6lkerrecht risikolos verletzen kann. Diese Vermengung von Holocaust und israelischer Politik belaste die europ\u00e4ische Politik schwer, schreibt sie. Und es sei eine schlimme und nicht hinzunehmende Beschuldigung, wenn die Kritik an der israelischen Politik und ihre Beschlagnahmung pal\u00e4stinensischen Landes unter den Antisemitismus-Vorwurf gerate. V\u00e9ronique de Keyser vertritt dazu eine klare Position: \u201eDie Heftigkeit solcher Angriffe darf uns nicht daran hindern, die Wahrheit zu sagen. Wir d\u00fcrfen dem Druck nicht nachgeben und uns in Fragen, die zur \u00f6ffentlichen Debatte geh\u00f6ren, nicht selbst zensieren.\u201c Die amerikanisch-j\u00fcdische Philosophin Judith Butler hat es ganz \u00e4hnlich formuliert: \u201eWenn wir aus Angst davor, als antisemitisch etikettiert zu werden, unsere Kritik begraben, \u00fcberlassen wir denen die Macht, die den freien Ausdruck politischer \u00dcberzeugungen beschneiden wollen.\u201c<\/p>\n<p>Ihr Meisterst\u00fcck an politischer Einseitigkeit, Widerspr\u00fcchlichkeit und Absurdit\u00e4t lieferte die EU (und somit auch ihre Mitglieder \u2013 Deutschland immer vorneweg) im Zusammenhang mit den Wahlen zum pal\u00e4stinensischen Legislativrat (Parlament) im Jahr 2006 ab. Die EU und die USA stimmten der Teilnahme der Hamas an dem Urnengang ausdr\u00fccklich zu. Israel lehnte den Wahlgang ab, lie\u00df ihn dann aber doch zu, sprach ihm aber im Voraus jede Legitimit\u00e4t ab. Die Ziele der Hamas im Wahlkampf waren: Widerstand gegen die Besatzung, Kampf gegen die Korruption und Ausrottung der Armut. Die Hamas gewann die Wahl klar: Von den 132 Sitzen im Legislativrat erhielt sie 74, die Fatah 45, der Rest ging an kleinere Parteien. Als Reaktion auf das Wahlergebnis froren die USA alle Hilfen f\u00fcr die Pal\u00e4stinenser ein, Israel stoppte die Erstattung der Zollgeb\u00fchren, um die Pal\u00e4stinenser so zur Strafe auszuhungern.<\/p>\n<p>Die EU lehnte es ab, das Ergebnis der Wahlen, die sie selbst gewollte hatte und die nach dem Urteil von internationalen Beobachtern absolut sauber und demokratisch durchgef\u00fchrt wurden, anzuerkennen und verfolgte in den n\u00e4chsten Jahren \u2013 in totaler Anpassung an die Linie der USA \u2013 die Strategie, die Hamas durch totale Isolation und eine massive Wirtschaftsblockade so in die Enge zu treiben, dass die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung sich gegen sie wenden sollte. Die Autorit\u00e4t von Pal\u00e4stinenserpr\u00e4sident Mahmud Abbas (Fatah) sollte so weit gest\u00e4rkt werden, dass er k\u00fcnftige Wahlen gewinnen k\u00f6nnte, aber er sollte auch nicht so stark werden, dass er zu einem gleichwertigen Partner in den Friedensverhandlungen w\u00fcrde. Man wollte also ganz eindeutig eine pal\u00e4stinensische Scheindemokratie unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Auch die EU schloss sich schlie\u00dflich der Einstellung der Finanzhilfen an die Pal\u00e4stinenser an. Ihr Argument: Die Hamas sei auf die Forderungen nicht eingegangen, auf Gewalt zu verzichten, Israels Existenzrecht anzuerkennen und die Waffen abzugeben. Einmal davon abgesehen, dass es im V\u00f6lkerrecht gar keine Anerkennung des Existenzrechtes gibt (das ist eine israelische Erfindung) \u2013 wann, muss man fragen, hat die EU Israel jemals aufgefordert, die Aus\u00fcbung von Gewalt (das Besatzungsregime ist pure Gewalt!) aufzugeben, das Existenzrecht des pal\u00e4stinensischen Volkes mit dem eindeutigen Recht auf sein Land und seine Selbstbestimmung\u00a0 anzuerkennen und sein riesige Waffenarsenal abzur\u00fcsten? Die Hamas bot nach den Wahlen einen auf 30 Jahre angelegten Waffenstillstand an, d. h. alle gewaltsamen Aktivit\u00e4ten einzustellen und Israel in den Grenzen von vor 1967 anzuerkennen, wenn die Blockade des Gazastreifens aufgehoben w\u00fcrde. Der Westen \u2013 und damit auch die EU \u2013 reagierten auf dieses Angebot \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n<p>Da die wirtschaftliche Lage der Pal\u00e4stinenser sich aber in Folge der westlichen Sanktionen immer mehr verschlechterte, zahlte die EU durch das TIM-Programm (Transitory Intermediate Mechanism) doch Hilfsgelder an die Pal\u00e4stinenser. Das hei\u00dft: Um die katastrophalen Auswirkungen ihrer eigenen Sanktionen zu lindern, floss nun doch wieder Geld aus Br\u00fcssel. Die Autorin schreibt, die EU habe den Ehrgeiz gehabt, den Frieden zu f\u00f6rdern, sie weigere sich aber, die entsprechenden Mittel einzusetzen: Kurz: Die gespaltene Einstellung Europas zu Recht und Gerechtigkeit habe die Lage der Pal\u00e4stinenser letzten Endes noch verschlimmert.<\/p>\n<p>Die Amerikaner (d. h. die Regierung von George W. Bush) waren immer noch dabei, mit ihrer Strategie der \u201ekonstruktiven Destabilisierung\u201c (!) aus dem Chaos im Nahen Osten, das sie selbst geschaffen hatten, \u201ebl\u00fchende Demokratien\u201c zu machen. Bezogen auf die Pal\u00e4stinenser hie\u00df das: Man gab Pr\u00e4sident Abbas Geld und Waffen, um die Hamas auszuschalten. Dass man mit einem solchen Putsch die Pal\u00e4stinenser noch mehr spaltete, die Glaubw\u00fcrdigkeit des Westens in der arabischen Welt weiter untergrub und so die Hamas schlie\u00dflich dem verhassten Iran in die H\u00e4nde treiben w\u00fcrde \u2013 wer dachte schon so weit voraus? Die EU hatte 30 Millionen Euro f\u00fcr die pal\u00e4stinensischen Wahlen ausgegeben und bem\u00fchte sich nun mit allen Mitteln darum, den Wahlsieger zu st\u00fcrzen. Die Schriftsteller des Absurden h\u00e4tten die Situation nicht besser erfinden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Arabische Liga erneuerte noch einmal ihren Friedensplan von 2002, der die Anerkennung Israels durch alle arabischen Staaten zum Inhalt hatte, wenn Israel die Bildung eines pal\u00e4stinensischen Staates in den Grenzen von vor 1967 zulassen w\u00fcrde. Israel und der Westen \u2013 also auch die EU \u2013 negierten das Angebot. Unter der Vermittlung des saudischen K\u00f6nigs bildeten die Pal\u00e4stinenser eine Regierung der nationalen Einheit. Die EU lehnte es im Gleichschritt mit den USA ab, mit dieser Regierung \u00fcberhaupt zu verhandeln. Man sprach nur mit ausgew\u00e4hlten Ministern, die nicht der Hamas angeh\u00f6rten.<\/p>\n<p>Die Abgeordneten des Europa-Parlaments appellierten an den Beauftragten f\u00fcr Au\u00dfenpolitik der EU, Javier Solana, diese unhaltbaren Zust\u00e4nde zu \u00e4ndern. In ihrem Appell hie\u00df es: \u201eMit welchem Recht lehnen wir diese Regierung ab, wir, die wir seit 1967 einen Zustand absoluten Unrechts in Pal\u00e4stina hinnehmen? Das hei\u00dft: die extralegalen T\u00f6tungen, den Landraub, die Entf\u00fchrung von rechtm\u00e4\u00dfig gew\u00e4hlten Abgeordneten und Ministern, die Existenz der Sperranlage, die der Internationale Gerichtshof in Den Haag f\u00fcr illegal erkl\u00e4rt hat, die Verletzung der Genfer Konventionen, die Ignorierung der UNO, die Inhaftierung von \u00fcber 400 Kindern, den Abriss von H\u00e4usern, die Abriegelung und das Reiseverbot f\u00fcr mehr als zwei Millionen Pal\u00e4stinenser? Nat\u00fcrlich verurteilen wir den Raketenbeschuss und die Selbstmordattentate, aber dass wir angesichts des Skandals kollektiver Repressionen, die das ganze pal\u00e4stinensische Volk treffen, unt\u00e4tig bleiben, ist unertr\u00e4glich.\u201c<\/p>\n<p>Statt ihre Politik zu \u00e4ndern, unterst\u00fctze die EU den Putschversuch der Fatah im Gazastreifen, den der Westen mit Geld und Waffen in die Wege geleitet hatte. Aber die Hamas war auf der Hut, kam dem Putsch zuvor und \u00fcbernahm selbst die Macht im Gazastreifen. Damit war nat\u00fcrlich auch die Einheitsregierung am Ende. Der Gazastreifen wurde von Israel nun total abgeriegelt \u2013 er wurde zum gr\u00f6\u00dften Freiluftgef\u00e4ngnis der Welt. Die EU hatte kr\u00e4ftig dazu beigetragen, dass es zu den katastrophalen Zust\u00e4nden dort kam.<\/p>\n<p>Israel strebte unterdessen eine Aufwertung seines EU-Status an, d.h. es wollte in den verschiedenen Politikfeldern und in den Exekutivorganen st\u00e4rker mitreden. Das w\u00e4re eine gute Gelegenheit gewesen, Israel Bedingungen bei der Befolgung von Menschenrechten und V\u00f6lkerrecht zu stellen, was nat\u00fcrlich unterblieb. Und obwohl die damalige israelische Au\u00dfenministerin Zippi Livni im November 2008 in Stra\u00dfburg vor EU-Abgeordneten ank\u00fcndigte, dass eine israelische Milit\u00e4rintervention in Gaza unmittelbar bevorstehe, war man in Br\u00fcssel weiterhin f\u00fcr die Verbesserung des israelischen Status in der EU. Was dann folgte, ist bekannt: das Massaker an der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung in der Milit\u00e4raktion \u201eGegossenes Blei\u201c an der Jahreswende 2008\/09 (1500 Tote), bei der der Gazastreifen weitgehend zerst\u00f6rt wurde. Die EU, die am Zustandekommen des Massakers nicht unschuldig war, schaute hilflos zu. Ja, sie forderte von Israel nicht einmal Entsch\u00e4digungen f\u00fcr die Zerst\u00f6rung von Infrastruktureinrichtungen, die sie gef\u00f6rdert und bezahlt hatte. Die Autorin schreibt: \u201cGaza verschwand von den Bildschirmen des EU-Krisenmanagements.\u201c<\/p>\n<p>Die Nahostpolitik der EU war in den folgenden Jahren nicht r\u00fchmlicher. Sie lockte mit finanziellen Anreizen, scheute vor dem Verh\u00e4ngen von Sanktionen zur\u00fcck und schwieg beharrlich zu allen Br\u00fcchen des V\u00f6lkerrechts und allen Verletzungen der Menschenrechte durch Israel, auch wenn sie \u2013 rein rhetorisch nat\u00fcrlich \u2013 immer wieder an die Prinzipien des V\u00f6lkerrechts als Leitlinie ihrer Politik erinnerte. Ein prominenter amerikanischer Jude, Henry Siegmann, der fr\u00fcher Direktor des <i>American Jewish Congress<\/i> war und heute das <i>US\/Middle East Project<\/i> leitet, bezeichnet die Europ\u00e4er, die so eng \u2013 wie Angela Merkel \u2013 hinter Israel stehen als \u201efalsche Freunde\u201c, weil sie glaubten, aus S\u00fchne f\u00fcr den Holocaust m\u00fcssten sie alle Taten des j\u00fcdischen Staates akzeptieren \u2013 in Wirklichkeit schadeten sie ihm damit. Er spricht auch das Wegsehen oder die Heuchelei der sogenannten internationalen Gemeinschaft an: \u201eDer eigentliche Skandal ist, dass die V\u00f6lkergemeinschaft zwar genau wei\u00df, wo die Probleme liegen, aber nicht genug Mut aufbringt, sie zu benennen, geschweige denn sie zu l\u00f6sen. (&#8230;) Erstaunlich ist, dass die V\u00f6lkergemeinschaft so tut, als nehme sie Israel die Behauptung ab, das Opfer zu sein, die von ihm besetzten Menschen aber die Aggressoren. Deshalb erlaubt sie weiterhin die Enteignung der Pal\u00e4stinenser, sodass hier die Gesetze des Dschungels walten. Aber die Erwartung, unkritische Unterst\u00fctzung werde zu einer gr\u00f6\u00dferen Bereitschaft Israels f\u00fchren, f\u00fcr den Frieden Risiken auf sich zu nehmen, steht im Widerspruch zur Geschichte dieses Konflikts. Diese hat vielmehr gezeigt: Je kleiner der Widerspruch ist, den Israel von seinen Freunden im Westen erh\u00e4lt, desto kompromissloser wird sein Verhalten gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinensern. Auf der anderen Seite aber: Barrikaden und Checkpoints der Armee, Kampfhubschrauber und D\u00fcsenj\u00e4ger, gezielte Ermordungen und milit\u00e4rische \u00dcbergriffe, ganz zu schweigen vom massiven Diebstahl pal\u00e4stinensischen Landes. Ist es nicht vollkommen unehrlich, so zu tun, als w\u00e4re Israels Besetzung nicht selbst ein unerbittlicher Akt der Gewalt gegen drei Millionen pal\u00e4stinensische Zivilisten? K\u00f6nnte die Besetzung auch nur einen Tag l\u00e4nger w\u00e4hren, wenn Israel seine Gewalt aufgeben w\u00fcrde?\u201c Diese Kritik trifft auf die Politik der EU genau zu.<\/p>\n<p>Die Nahost-Politik der EU bestand und besteht \u2013 auf eine Formel gebracht \u2013 darin, Fortschritte in Richtung auf die Schaffung eines pal\u00e4stinensischen Staates st\u00e4ndig zu bremsen, keine eigene konsequente Position zu vertreten und die Pal\u00e4stinenser st\u00e4ndig auf einen sp\u00e4teren Zeitpunkt zu vertr\u00f6sten. Die EU versteckt sich in ihrer Nahost-Politik am liebsten hinter den USA, denn man f\u00fchlt sich machtlos gegen\u00fcber dem gro\u00dfen Verb\u00fcndeten. Wenn es darauf ankommt, ist die EU in ihrer Nahost-Politik stets gespalten, spricht nie mit einer klaren und deutlich vernehmbaren Stimme. Nur <i>ein<\/i> Europ\u00e4er ergreift immer wieder mutig das Wort f\u00fcr die Pal\u00e4stinenser: der luxemburgische Au\u00dfenminister Jean Asselborn. Aber was vermag das kleine Gro\u00dfherzogtum schon in der Weltpolitik auszurichten?<\/p>\n<p>Ist eine \u00c4nderung der EU-Politik gegen\u00fcber Israel zu erwarten? Diese Hoffnung besteht nicht. Die Autorin schildert ausf\u00fchrlich, wie Israel durch die EU-Verantwortlichen immer mehr Aufwertung erf\u00e4hrt und in vielen Gremien Mitsprache erh\u00e4lt. Man pfeift in Br\u00fcssel ganz offensichtlich auf die hohen demokratischen Werte, zu der sich die Gemeinschaft eigentlich verpflichtet hat. Dass die EU ganz ma\u00dfgeblich mit daf\u00fcr verantwortlich ist, dass die Zweistaatenl\u00f6sung nicht zustande kam, nimmt man in Kauf. Die Hohe Vertreterin der EU f\u00fcr Au\u00dfenpolitik, Catherine Ashton, beschreibt die Position Br\u00fcssels, die auch ihre eigene ist, so: \u201eDie EU ermutigt in den bilateralen Beziehungen zu Israel nicht dazu, Handelssanktionen zu ergreifen. Der Handel gilt als Wachstumsfaktor, deshalb ist es angebracht, Handelseinschr\u00e4nkungen nur dann zu erw\u00e4gen, wenn kein anderes Instrument mehr greift, was in den Beziehungen zu Israel nicht der Fall ist. Die EU sieht auch nicht vor, die Einfuhr von Produkten aus den israelischen Siedlungsgebieten zu verbieten oder zur Teilnahme am Boykott solcher Importe zu ermutigen.\u201c<\/p>\n<p>Damit ist alles gesagt \u2013 ein aktiver mutiger Beitrag zum Frieden im Nahen Osten ist von den Br\u00fcsseler Politb\u00fcrokraten nicht zu erwarten. Die EU ist eine Weltmacht, die keine sein will \u2013 ein zahnloser Papiertiger eben. V\u00e9ronique de Keyser, die als Abgeordnete des Europa-Parlaments \u00fcber sehr viel Insiderwissen zum Thema Nahost verf\u00fcgt, ist es zu verdanken, die skandal\u00f6se Politik der EU gegen\u00fcber Israel beim Namen genannt und \u00f6ffentlich gemacht zu haben. Es kann nicht verwundern, dass ein Europa, dass sich nicht einmal an die eigenen Werte und Ideale h\u00e4lt, bei den B\u00fcrgern so wenig Vertrauen genie\u00dft. Dass der unvergessene gro\u00dfe Humanist St\u00e9phane Hessel zu diesem Buch ein wundervolles Vorwort geschrieben hat, macht es noch wertvoller.<\/p>\n<p><b>St\u00e9phane Hessel\/ V\u00e9ronique de Keyser: Pal\u00e4stina. Das Versagen Europas, Rotpunkt Verlag Z\u00fcrich 2013, 19,90 Euro <\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Abgeordnete des Europa-Parlaments V\u00e9ronique de Keyser hat eine \u00e4u\u00dferst kritisches Buch \u00fcber die Br\u00fcsseler Nahost-Politik geschrieben Arn Strohmeyer Wenn man kritisch urteilt (so wie die Autorin es tut), kann man die Politik der EU gegen\u00fcber Israel und den Pal\u00e4stinensern &hellip; <a href=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=681\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-681","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuell-israelpalaestina"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/681","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=681"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/681\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":686,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/681\/revisions\/686"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=681"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=681"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=681"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}