{"id":7310,"date":"2018-02-08T11:15:03","date_gmt":"2018-02-08T11:15:03","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=7310"},"modified":"2018-02-08T11:18:08","modified_gmt":"2018-02-08T11:18:08","slug":"sternstunde-der-verleumder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=7310","title":{"rendered":"Sternstunde der Verleumder"},"content":{"rendered":"<h2>Juden, Judentum und die j\u00fcdische Katastrophe werden immer h\u00e4ufiger gegen die Linke in Stellung gebracht. Marxisten wollen mit einer Konferenz dagegenhalten<\/h2>\n<div class=\"Author\"><em>Valery Renner<\/em><\/div>\n<div class=\"Content\">\n<p>Im T\u00e4terland finden eine Rechtsverschiebung der Antisemitismuskritik und Regression der Aufarbeitung der Vergangenheit statt. Diese These schickt das im Sommer 2017 gegr\u00fcndete marxistische \u00bbProjekt Kritische Aufkl\u00e4rung\u00ab (PKA) einer Tagung voraus, die am kommenden Samstag in Berlin stattfinden wird. <!--more-->Der Titel \u00bbZur Zeit der Verleumder\u00ab ist einem Gedicht von Erich Fried entlehnt. \u00bbSie nennen mich \u203aJ\u00fcdischer Antisemit\u2039\u00ab, klagte der Kommunist Anfang der 80er Jahre ihn als \u00bbroten Antisemiten\u00ab diffamierende \u00bbSprecher des Westens\u00ab an.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"Content\">\n<p>Seinerzeit noch ein Randph\u00e4nomen \u2013 heute in der zu neuen imperialistischen Unternehmungen aufgelegten Berliner Republik, f\u00fcr die Israel als enger milit\u00e4rischer Kooperationspartner ebenso von Nutzen ist wie als Alibilieferant f\u00fcr eine waffenstrotzende deutsche Staatsr\u00e4son, sei \u00bbdie Sternstunde der Verleumder gekommen\u00ab, so eine Sprecherin von PKA. Obwohl nahezu alle antisemitischen Delikte von Neofaschisten begangen werden (im ersten Halbjahr 2017 waren es 93 Prozent, nur einer der erfassten 681 F\u00e4lle war mutma\u00dflich \u00bblinksex\u00adtrem\u00ab motiviert), wollen Medien, Parteien, Stiftungen seit den 90er Jahren partout in einem \u00bblinken Antisemitismus\u00ab eine gro\u00dfe Gefahr erkannt haben.<\/p>\n<p>In Deutschland ist nichts geeigneter, um linke Fundamental\u00adoppo\u00adsition zu diskreditieren, als ihr die Ideologie anzuh\u00e4ngen, die das gr\u00f6\u00dfte Menschheitsverbrechen flankiert hatte. Entsprechend wird der Antisemitismusbegriff gedehnt und gegen alles und jeden in Stellung gebracht, die noch der neoliberalen Agenda hinderlich sind: von Gegnern der NATO-Interventionen \u00fcber die Kritik an der israelischen Besatzungspolitik bis zu den Begr\u00fcndern der Theorie und revolution\u00e4ren Praxis der Arbeiterbewegung. Lenin habe bereits durch Feststellungen wie \u00bb\u203aWir hier unten, die da oben. Wir sind arm. Wir m\u00fcssen arbeiten, um zu leben, und andere, die m\u00fcssen gar nichts tun und kriegen das gro\u00dfe Geld\u2039\u00ab mit den N\u00e4hrboden f\u00fcr \u00bbstrukturellen Antisemitismus\u00ab geschaffen, ist von dem Historiker Olaf Kistenmacher zu erfahren. So mancher will das \u00dcbel noch tiefer an dessen vermeintlichen Wurzeln packen. Micha Brumlik (ihm ist offensichtlich entgangen, dass Karl Marx in \u00bbZur Judenfrage\u00ab nicht die real existierenden Juden gemeint, sondern die von ihm entschieden verurteilten antij\u00fcdischen Projektionen aufgespie\u00dft hat) will schon den Miturheber des Kommunistischen Manifests als \u00bbJudenfeind\u00ab zwar \u00bbnicht der Tat\u00ab, aber \u00bbder Gesinnung\u00ab dingfest gemacht wissen. Dass rechte Stimmungskanonen heute stets mit Applaus rechnen k\u00f6nnen, wenn sie wie Wolf Biermann den \u00bbGenossen Hitler\u00ab als Marx\u2019 willigen Vollstrecker betrachten, zeigt die Richtung, in die die vergangenheitspolitische Reise weiterzugehen droht: Zur vollst\u00e4ndigen historischen Umschuldung von rechts nach links, also von oben nach unten.<\/p>\n<p>L\u00e4stig seien daher j\u00fcdische Marxisten, besonders Holocaust\u00fcberlebende oder deren Nachkommen, all denen, die Auschwitz lieber heute als morgen zum Argument f\u00fcr antidemokratische und kriegerische Krisenbew\u00e4ltigungsmodelle des als \u00bbwestliche Zivilisation\u00ab idealisierten Kapitalismus benutzen wollen, kritisiert das PKA. \u00bbDenn mit ihrer radikalen Verweigerung einer ideologischen Kronzeugen- und Komplizenschaft stehen diese j\u00fcdischen Linken politisch genau f\u00fcr das Gegenteil, das Adorno in die Form eines \u203aneuen kategorischen Imperativs\u2039 gebracht hatte (alles \u203aDenken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole und nichts \u00c4hnliches geschehe\u2039).\u00ab Ein wachsendes Problem sei, dass sich immer h\u00e4ufiger rechtsopportunistische Linke andienten, um diese historische Autorit\u00e4t zu unterminieren, so das PKA weiter. Vergangenen Sommer fand sich die Publizistin Jutta Ditfurth an der Spitze einer vom CDU-B\u00fcrgermeister in Frankfurt am Main dirigierten Hetzmeute gegen israelkritische Juden ein, um Moshe Zuckermann kurzerhand als \u00bbantizionistischen Antisemiten\u00ab zu kategorisieren.<\/p>\n<p>Solche Steilvorlagen machen es den rechten Demagogen leicht, sich die Definitionsmacht \u00fcber den Antisemitismusbegriff anzueignen und als Interessenvertreter ausgerechnet des Kollektivs daherzukommen, das von ihren politischen Vorfahren verfolgt worden war: \u00bbAfD sch\u00fctzt Juden vor antisemitischen Migranten\u00ab, machte die H\u00f6cke-Partei im Bundestagswahlkampf deutlich, dass sie keinerlei Hemmungen hat, die Opfer von damals gegen die Hassobjekte von heute auszuspielen: Muslimisch-arabische Fl\u00fcchtlinge, die die AfD als \u00bbeingewanderte Antisemiten\u00ab kriminalisieren will \u2013 und nun dank der dubiosen \u00bbAntisemitismus-Resolution\u00ab des Deutschen Bundestags auch kann.<\/p>\n<p>Diese Miseren will das PKA auf seiner Konferenz mit internationalen Wissenschaftlern, K\u00fcnstlern, Journalisten und linken Aktivisten \u2212 darunter Moshe Zuckermann, Rolf Becker, Mosh\u00e9 Machover sowie der Herausgeber des Onlinemagazins <em>Elec\u00adtronic Intifada<\/em> Ali Abunimah \u2212 analysieren und die Grundlagen emanzipativer Gegenstrategien diskutieren.<\/p>\n<p>Der Rechtstrend in der westlichen Welt hat bizarre Erscheinungsformen. Linke werden als \u00bbNazis\u00ab, j\u00fcdische Antifaschisten als \u00bbVerr\u00e4ter\u00ab diffamiert. (\u2026) Die im September von der Bundesregierung angenommene groteske Antisemitismusdefinition, mit der so gut wie jede Kritik an Israel, sogar an \u00bbnicht-j\u00fcdischen Einzelpersonen und\/oder deren Eigentum\u00ab, als Erscheinungsformen von Judenhass gebrandmarkt werden soll, zielt auf eine Kriminalisierung j\u00fcdischer Marxisten und anderer kapitalismuskritischer Linker. (\u2026)<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"Infobox\" class=\"Infobox\">\n<p>Wie konnte es so weit kommen? Bereits 1967 hatte Ulrike Meinhof einen Strategiewechsel der Rechten analysiert, der auf die Vereinnahmung der Opfer des V\u00f6lkermordes an den Juden durch die T\u00e4ter und deren politische Erben zielt. Von der \u00bbMenschlichkeit der Juden\u00ab wolle die von den Springer-Medien flankierte deutsche Reaktion nichts wissen. Hingegen berausche sie sich an der unerbittlichen H\u00e4rte wie an den \u00bbBlitzkriegen\u00ab der israelischen Armee und zelebriere deren Einmarsch in Jerusalem als \u00bbVorwegnahme einer Parade durchs Brandenburger Tor\u00ab, notierte Meinhof. \u00bbH\u00e4tte man die Juden, statt sie zu vergasen, mit an den Ural genommen, der Zweite Weltkrieg w\u00e4re anders ausgegangen, die Fehler der Vergangenheit wurden als solche erkannt, der Antisemitismus bereut, die L\u00e4uterung fand statt, der neue deutsche Faschismus hat aus den alten Fehlern gelernt, nicht gegen \u2212 mit den Juden f\u00fchrt Antikommunismus zum Sieg.\u00ab<\/p>\n<p>Diese d\u00fcstere Vision ist l\u00e4ngst Realit\u00e4t, zumindest ist Israel zur Projektionsfl\u00e4che und zum Identifikationsmodell f\u00fcr die rechte \u00bbb\u00fcrgerliche Mitte\u00ab, Rechtspopulisten, aber auch f\u00fcr transatlantische Faschisten geworden. (\u2026)<\/p>\n<p>Quelle (mit freundlicher Genehmigung): <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/326799.sternstunde-der-verleumder.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">junge Welt v. 07.02.2018<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/326799.sternstunde-der-verleumder.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/326799.sternstunde-der-verleumder.html<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Juden, Judentum und die j\u00fcdische Katastrophe werden immer h\u00e4ufiger gegen die Linke in Stellung gebracht. Marxisten wollen mit einer Konferenz dagegenhalten Valery Renner Im T\u00e4terland finden eine Rechtsverschiebung der Antisemitismuskritik und Regression der Aufarbeitung der Vergangenheit statt. 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