{"id":7333,"date":"2018-02-13T13:27:38","date_gmt":"2018-02-13T13:27:38","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=7333"},"modified":"2018-02-22T07:22:09","modified_gmt":"2018-02-22T07:22:09","slug":"tribunal-gegen-verleumder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=7333","title":{"rendered":"Tribunal gegen Verleumder"},"content":{"rendered":"<div class=\"Date\">\n<p><em>von Stefan Huth (\u00fcbernommen mit freundlicher Genehmigung aus der <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/2018\/02-12\/index.php\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">jungen Welt v. 12.02.2018<\/a>) <\/em><\/p>\n<p>Wegen bef\u00fcrchteter Provokationen fanden die Vorbereitungen unter gleichsam klandestinen Bedingungen statt, wurde der Veranstaltungsort erst wenige Tage vor Beginn bekanntgegeben. Dennoch war die nach einem Gedicht von Erich Fried \u00bbZur Zeit der Verleumder\u00ab \u00fcbertitelte Konferenz,<!--more-->die am Samstag mit rund 230 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im \u00bbTiyatrom\u00ab, einem t\u00fcrkischen Schauspielhaus in Berlin-Kreuzberg, stattfand (siehe <em>jW<\/em> vom 7.2.), bereits seit etlichen Wochen \u00bb\u00fcberbucht\u00ab. Die Journalistin Susann Witt-Stahl, die die Tagung im Namen des Veranstalters Projekt Kritische Aufkl\u00e4rung (PKA) er\u00f6ffnete, wies darauf hin, dass mehr als die doppelte Menge an Karten h\u00e4tte verkauft werden k\u00f6nnen. Am Einlass herrschte Geschiebe und Gedr\u00e4nge, viele Interessierte mussten abgewiesen werden. Keine Frage also: Das Bed\u00fcrfnis, sich mit dem Konferenzthema \u00bbInstrumentalisierung von Juden, Judentum und der j\u00fcdischen Katastrophe\u00ab, der Shoah, auseinanderzusetzen, ist gro\u00df.<\/p>\n<p>Unmittelbaren Ansto\u00df f\u00fcr die Veranstaltung gab ein Vorfall im \u00adJuni vergangenen Jahres: Im Rahmen \u00bbantideutscher\u00ab Proteste gegen eine Konferenz des Koordinationskreises Pal\u00e4stina-Israel (Kopi) in Frankfurt am Main war vor allem ein Referent, der in Tel Aviv lehrende Historiker und Soziologe Moshe Zuckermann, zum Ziel heftiger Attacken geworden (<em>jW<\/em> berichtete). Jutta Ditfurth verstieg sich im Rahmen dieser Auseinandersetzung sogar zu der Aussage, der als Kind von Holocaust\u00fcberlebenden in Israel geborene Zuckermann habe \u00bbsich den antizionistischen Antisemit*innen angeschlossen\u00ab. Gemeinsam mit CDU-B\u00fcrgermeister Peter Becker und Aktivisten aus dem antinationalen Spektrum machte die Publizistin und Kommunalpolitikerin gegen die Kopi-Veranstaltung mobil \u2013 ein, wie die PKA-Konferenz zeigte, charakteristischer Fall von B\u00fcndnispolitik, wenn es gegen israelkritische Juden geht. Witt-Stahl, die Zuckermann als \u00bbEhrengast und Hauptredner\u00ab begr\u00fc\u00dfte, unterstrich, dass \u00bbwir in einer Hochzeit der Verleumder\u00ab lebten, Zeugen eines \u00bbTriumphmarschs der Qu\u00e4lgeister durch die deutschen Institutionen\u00ab seien. Angriffe deutscher Staatsb\u00fcrger gegen unliebsame Juden seien \u00bbgef\u00e4hrlich an der Grenze zur Schuldumkehr\u00ab und dienten vor allem einem politischen Zweck: der Legitimierung der neoliberalen Offensive und mit ihr einhergehender imperialistischer Kriege. Die PKA-Konferenz stehe f\u00fcr eine \u00bbnotwendige Intervention\u00ab auf marxistischer Basis: \u00bbEs ist h\u00f6chste Zeit anzugreifen.\u00ab<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"Content\">\n<p>In seinem Vortrag stellte Moshe \u00adZuckermann die \u00bbGrundfrage\u00ab im Nahostkonflikt, die nach den Machtverh\u00e4ltnissen. Wenn keine Klarheit dar\u00fcber bestehe, wer hier \u00bbHerr, wer Knecht\u00ab sei, k\u00f6nnten auch keine ideologischen K\u00e4mpfe gef\u00fchrt werden. Im Kern gehe es um einen Territorialkonflikt, der Israel in eine Sackgasse gef\u00fchrt habe. Durch den fortgesetzten Landraub in den besetzten Gebieten seien alle Optionen auf eine Zweistaatenl\u00f6sung \u00bbradikal verbaut\u00ab. Jeder ernsthafte Versuch der Regierung, das Siedlerkollektiv zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, w\u00fcrde unweigerlich in einen B\u00fcrgerkrieg m\u00fcnden. Zugleich entwickle sich unter den Bedingungen der Besatzung faktisch ein Apartheidregime mit Z\u00fcgen eines \u00bbAlltagsfaschismus\u00ab, der auf eine systematische Entrechtung nicht nur der Pal\u00e4stinenser hinauslaufe, wie die geplante Massenabschiebung afrikanischer Fl\u00fcchtlinge zeige. Zuckermanns bitteres Fazit der politischen Entwicklung seit der Staatsgr\u00fcndung 1948: \u00bbIn keinem Land ist j\u00fcdische Kollektivit\u00e4t derart bedroht wie in Israel.\u00ab Der Zionismus habe den Frieden nie gewollt, letztlich nicht einmal daran geglaubt, dass \u00bber historisch nachhaltig\u00ab sei. Mit Blick auf das Thema Antisemitismus erkennt Zuckermann eine \u00bbObsession\u00ab der Antideutschen, ein \u00bbRessentiment\u00ab, das sich nun an den Pal\u00e4stinensern und den islamischen Fremden als Ersatzobjekten austobe. So gesehen liege es nahe, dass sich Antideutsche mit Akteuren der \u00e4u\u00dfersten Rechten verb\u00fcnden, nicht un\u00e4hnlich dem Mossad-Veteranen Rafi Eitan, der j\u00fcngst lobende Worte f\u00fcr die AfD fand.<\/p>\n<p>Der aus Chicago per Skype zugeschaltete Herausgeber des Onlinemagazins <em>Electronic Intifada<\/em> Ali Abunimah wies bez\u00fcglich der gegenw\u00e4rtigen US-Regierung auf eine \u00e4hnliche, auf den ersten Blick paradox scheinende Verbindung hin: Sie sei die am offensten antisemitische und zugleich prozionistischste Administration in der j\u00fcngeren Geschichte. Vor dem Hintergrund der Antisemitismusresolution des Bundestags problematisierte Abunimah die Identifikation Israels mit \u00bbden Juden\u00ab und wies auf das zweifelhafte Rechtsverst\u00e4ndnis hin, das ihr zugrunde liege und das darauf hinauslaufe, universell geltende Rechte zu suspendieren, wenn es um v\u00f6lkerrechtswidrige Ma\u00dfnahmen Israels gehe. Er sprach sich f\u00fcr die BDS-Kampagne (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) gegen Israel aus, die auf ethischen Prinzipien basiere und nicht ethnisch-religi\u00f6s ausgerichtet sei. Die Kritik daran wies Abunimah mit Hinweis auf die ansonsten kaum vorhandenen Widerstandsm\u00f6glichkeiten der Pal\u00e4stinenser zur\u00fcck: Bewaffneter Widerstand sei ihnen ohnehin verboten, politische Verhandlungen h\u00e4tten sich \u00fcber die Jahrzehnte als sinn- und ergebnislos erwiesen \u2013 st\u00e4ndig werde ihnen vorgehalten: \u00bbIhr habt kein Recht auf Widerstand, nicht einmal auf gewaltfreien. Ergebt euch einfach.\u00ab<\/p>\n<p>Der aus Israel angereiste Soziologe und politische Aktivist Avishai Ehrlich, Mitgr\u00fcnder der sozialistischen Organisation Mazpen, wies auf die wachsende Bedeutung der Evangelikalen hin, der \u00bbweltweit am schnellsten wachsenden religi\u00f6sen Bewegung\u00ab. Deren Angeh\u00f6rige h\u00e4tten engste Verbindungen zur Trump-Regierung (auch Vizepr\u00e4sident Mike Pence z\u00e4hlt sich dieser Richtung zu). Sie s\u00e4hen in den Juden \u00bbKinder Gottes\u00ab, die als einzige die Apokalypse \u00fcberlebten. Evangelikale pilgerten j\u00e4hrlich zu Hunderttausenden nach Jerusalem und erwiesen sich als loyalste Unterst\u00fctzer der israelischen Regierung. Ihr Einfluss sei inzwischen gr\u00f6\u00dfer als der der proisraelischen Lobbyorganisation AIPAC. Auch Ehrlich beleuchtete Kontakte der israelischen Regierung zu europ\u00e4ischen Rechtsau\u00dfenpolitikern wie Heinz-Christian Strache oder Geert Wilders, die diesen letztlich Legitimit\u00e4t verschafften und sie salonf\u00e4hig machten: \u00bbIsrael verkauft Abl\u00e4sse wie fr\u00fcher die Kirche.\u00ab<\/p>\n<p>Rolf Becker, Schauspieler und Verdi-Mitglied, beklagte, dass der Nahostkonflikt im gewerkschaftlichen Bereich kaum eine Rolle spiele. Er erkl\u00e4rte das u.\u2009a. mit der traditionellen Bindung der Gewerkschaftsf\u00fchrung an die SPD, die mit einer Unterwerfung unter die Staatsr\u00e4son einhergehe. \u00adBecker unterstrich, dass Israel nicht von der allgemeinen Gesetzgebung ausgenommen werden d\u00fcrfe, wie es etwa die derzeitige israelische Justizministerin postuliere. Becker zitierte Ken Loach und dessen Credo: \u00bbEntweder stehst du auf der Seite der Unterdr\u00fcckten oder der der Unterdr\u00fccker.\u00ab Der britische Filmemacher wandte sich mit einer eigenen Gru\u00dfadresse an die Konferenzteilnehmer. Darin hei\u00dft es: \u00bbUnsere Forderung muss sein, dass Israel f\u00fcr seinen Bruch des V\u00f6lkerrechts und der Genfer Konvention zur Verantwortung gezogen wird. Und wir m\u00fcssen auf dem unver\u00e4u\u00dferlichen Recht der Pal\u00e4stinenser bestehen, in ihrem eigenen Land in Frieden und Sicherheit zu leben.\u00ab<\/p>\n<p>Einen Videomitschnitt dieser \u00fcberaus ertragreichen, rund zw\u00f6lfst\u00fcndigen Veranstaltung mit zahlreichen weiteren Beitr\u00e4gen wollen die Organisatoren demn\u00e4chst verf\u00fcgbar machen. Die Tagung endete mit einer Diskussion \u00fcber M\u00f6glichkeiten der Opposition \u00bbwider den Zeitgeist der Verleumder\u00ab. Die Debatte dar\u00fcber, was da konkret zu tun sei, hat mit dieser \u00bbideologiekritischen Intervention\u00ab, wie es im Untertitel hei\u00dft, zweifellos neue Konturen gewonnen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Stefan Huth (\u00fcbernommen mit freundlicher Genehmigung aus der jungen Welt v. 12.02.2018) Wegen bef\u00fcrchteter Provokationen fanden die Vorbereitungen unter gleichsam klandestinen Bedingungen statt, wurde der Veranstaltungsort erst wenige Tage vor Beginn bekanntgegeben. 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