{"id":7695,"date":"2018-05-02T08:31:52","date_gmt":"2018-05-02T08:31:52","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=7695"},"modified":"2018-05-02T12:59:13","modified_gmt":"2018-05-02T12:59:13","slug":"sind-juden-hebraeer-abi-melzer-zum-bedauerlichen-durcheinander-der-begriffe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=7695","title":{"rendered":"Sind Juden &#8222;Hebr\u00e4er&#8220;? Abi Melzer zum Durcheinander der Begriffe"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/melzer-abi-am-17-01-23-in-bremen-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-4762 size-medium\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/melzer-abi-am-17-01-23-in-bremen-1-289x300.jpg\" alt=\"\" width=\"289\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/melzer-abi-am-17-01-23-in-bremen-1-289x300.jpg 289w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/melzer-abi-am-17-01-23-in-bremen-1-200x207.jpg 200w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/melzer-abi-am-17-01-23-in-bremen-1.jpg 518w\" sizes=\"auto, (max-width: 289px) 100vw, 289px\" \/><\/a>Den klassischen Antisemitismus haben die Deutschen angeblich weitgehend eingehegt. Nun soll er als Import zur\u00fcckkommen. So oder \u00e4hnlich meinen es in letzter Zeit immer mehr Publizisten, Politiker und Funktion\u00e4re. Auch Josef Joffe von der ZEIT hat jetzt seinen Senf dazu gegeben. Eigentlich ist es m\u00fc\u00dfig, sich mit derartigen \u201eFachleuten\u201c auseinanderzusetzen, die den Antisemitismus in drei Typen unterscheiden zu m\u00fcssen glauben: den historischen, den sekund\u00e4ren und den israelbezogenen Antisemitismus. Dabei bezeichnet er Juden als \u201eHebr\u00e4er\u201c. Joffe ist \u00fcbrigens nicht der einzige Jude, der deutsche Juden als \u201eHebr\u00e4er\u201c bezeichnet, ein Begriff aus dem W\u00f6rterbuch der Nazis, der eher in den St\u00fcrmer passt als in die ZEIT.<!--more--><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2018\/18\/antisemitismus-deutschland-berlin-angriff\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>(Anm. der Redaktion: Abi Melzer bezieht sich hier auf den Artikel von Josef Joffe: Schlag ins Gesicht. Den klassischen Antisemitismus haben die Deutschen nach 1945 weitgehend eingehegt. Nun kommt er als Import zur\u00fcck.)<\/em><\/a><\/p>\n<p>Auch <strong>Rafael Seligmann<\/strong>, der emsige j\u00fcdische Publizist, der den Roman&nbsp;<em>Deutsch meschugge<\/em>&nbsp;geschrieben hat, und Herausgeber von&nbsp;<em>Jewish Voice from Germany<\/em>ist, bezeichnet in seinen B\u00fcchern und Essays die Juden immer nur als \u201eHebr\u00e4er\u201c und trotzt damit der permanenten H\u00e4me von <strong>Henryk M. Broder,<\/strong> der sich dar\u00fcber lustig macht. Und wenn Broder ansonsten kaum mehr ernst zu nehmen ist, so hat er in diesem Fall Recht.&nbsp;<\/p>\n<p>Die Nazis haben den Begriff benutzt, um zu unterstreichen, dass Juden keine Germanen sind. Dabei sind fast alle Deutschen keine Germanen. Deutsche Juden h\u00e4tten sich dagegen gewehrt, als \u201eHebr\u00e4er\u201c bezeichnet zu werden. Sie waren deutsche, franz\u00f6sische, holl\u00e4ndische oder polnische Juden, oder j\u00fcdische Deutsche, Franzosen, Holl\u00e4nder oder Polen. Und heute ist es nicht viel anders. Ich identifiziere mich eher als j\u00fcdischer Deutscher und gewiss nicht als Hebr\u00e4er. Leider bezeichnet sich der Zentralrat immer noch als \u201eZentralrat der Juden in Deutschland\u201c. Demnach sind Juden immer noch nicht integriert und leben hier als \u201e<em>Fremde im eigenen Land<\/em>\u201c, aber nicht so, wie es Henryk M. Broder einst meinte, als er sein Buch mit diesem Titel herausbrachte. Broder war damals in der Tat fremd in diesem Land und ist es bis heute geblieben. In Israel, wohin er f\u00fcr 10 Jahre gefl\u00fcchtet ist, ist er auch fremd geblieben. Mag sein, dass er nicht mehr im Ghetto lebt, aber das Ghetto lebt noch immer in ihm.<\/p>\n<p>Dasselbe gilt auch f\u00fcr <strong>Josef Joffe, Rafael Seligman, Charlotte Knobloch u.v.a.<\/strong>, die sich als \u201eHebr\u00e4er\u201c identifizieren und als Israelis f\u00fchlen und nicht m\u00fcde werden zu betonen, dass ihr Herz in Israel liege. Ich f\u00fcrchte, es ist eher ihr Verstand, der dort begraben liegt.<\/p>\n<p>Was Joffe \u00fcber Antisemitismus schreibt, best\u00e4tigt dies. Es ist das, was von vielen Zionisten und Philosemiten penetrant wiederholt wird, die wenig Ahnung vom Judentum haben und sich mit Statistiken und Zahlen besch\u00e4ftigen, die sie nach Lust und Laune interpretieren. Obwohl das Zahlenbild in den letzten Jahren \u201elichter\u201c geworden ist, wie Joffe sich ausdr\u00fcckt, und einen bedeutsamen R\u00fcckgang antisemitischer Einstellungen in Deutschland zeigt, n\u00e4mlich von 26 auf 17 Prozent, so Joffe selbst, bleiben sie dabei, dass der Antisemitismus st\u00e4ndig zunimmt. Andere Studien zeichnen ein noch rosigeres Bild: Antisemitische Einstellungen seien gar in den einstelligen Bereich abgesunken. Zudem kommt noch die Erkenntnis, dass vieles von dem, was in solchen Studien als Antisemitismus \u201eerkannt\u201c wird, simple Vorurteile sind, wie zum Beispiel: \u201eWo so viele Banken stehen, muss es auch viele Juden geben.\u201c<\/p>\n<p>Joffe gibt sich aber damit nicht zufrieden. Er berichtet nicht \u00fcber den Antisemitismus, er sucht ihn, weil er sich nicht damit abfinden mag, dass es ihn nur noch marginal gibt. Wenn er ihn aber nicht finden kann, dann schwadroniert er vom Sekund\u00e4r-Antisemitismus, also davon, dass 13 Prozent der Deutschen Juden als Fremdk\u00f6rper betrachten. Dabei wundert es mich, dass es nur 13 Prozent sind, wo doch die offizielle Politik des Zentralrats davon ausgeht, dass sie tats\u00e4chlich Fremde sind. Jude in Deutschland bedeutet f\u00fcr den Zentralrat der Juden eben nicht, Deutscher zu sein.<\/p>\n<p>Sekund\u00e4r-Antisemitismus, klagt Joffe, sei, wenn fast jeder Dritte in Deutschland glaubt, dass Juden Vorteile aus der \u201eVergangenheit\u201c zu schlagen versuchen. Das mag auf den einzelnen Juden nicht zutreffen, der Entsch\u00e4digung, Wiedergutmachung f\u00fcr erlittenes Leid oder verlorenes Gut, bekommt. Es trifft aber ganz sicher zu auf die Politik des Staates Israel, die aus der Shoa ein \u201ebusiness\u201c macht und Druck auf Deutschland aus\u00fcbt. Joffe r\u00e4umt ein, dass der Holocaust ein Gesch\u00e4ft geworden ist: \u201eDer millionenfache Mord als Macht- und Geldquelle f\u00fcr den Staat Israel\u201c.&nbsp;<em>There is no business like shoa business<\/em>, so die bitter-ironische Erkenntnis, die Israels fr\u00fcherem Au\u00dfenminister Abba Eban zugeschrieben wird.<\/p>\n<p>Und so versteht es Josef Joffe, \u00fcber den Antisemitismus zu schreiben, ohne zu erkl\u00e4ren, worin er sich eigentlich ausdr\u00fcckt. Er springt vom \u201ehistorischen\u201c zum \u201esekund\u00e4ren\u201c, um schlie\u00dflich beim \u201eisraelbezogenen\u201c Antisemitismus zu landen, als ob es sich dabei um eine logische Fortsetzung des alten Judenhasses handle. Er schreibt: \u201eVier von zehn k\u00f6nnen es angesichts der israelischen Politik gut verstehen, dass man etwas gegen die Juden hat \u2013 notabene gegen die Juden, nicht gegen die Israelis.\u201c Es ist schon verwunderlich, dass er sich dar\u00fcber wundert, wo doch Israel nicht m\u00fcde wird zu betonen, dass es der Staat der Juden ist und merkw\u00fcrdigerweise nicht der Staat der Israelis. Nach dem israelischen Personalausweis ist man auch kein Israeli, sondern Jude. Und es ist daher keineswegs \u00fcberraschend, dass Israelkritik \u2013 insbesondere bei Arabern \u2013 von Deutschen allzu leicht als Antisemitismus interpretiert wird.<\/p>\n<p>Man muss andererseits mitnichten Antisemit sein, um Israel zu kritisieren und zu verurteilen. Es reicht&nbsp;<em>Mensch<\/em>&nbsp;zu sein, es reicht ein Gewissen zu haben und einen gesunden Menschenverstand. Joffe behauptet nun, dass jeder Israel kritisieren kann und darf. Wenn man es aber tut, dann schreien Joffe, Broder, Wolffsohn, Knobloch und Schuster sofort im Chor:&nbsp;<em>Antisemit!<\/em>&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>Enervierend und peinlich ist auch die Arroganz mit der Joffe Leute wie Bl\u00fcm und Grass belehren zu d\u00fcrfen glaubt, die das Richtige und Notwendige gesagt haben, was Joffe aber offensichtlich nicht gefallen hat. Zu diesen beiden kann man noch Erich Fried, Noam Chomsky, Jeshajahu Leibowitz, Rolf Verleger, Gideon Levy u.v.a. z\u00e4hlen, die \u00fcber ein Gewissen verf\u00fcgen und nicht so \u00fcberheblich und selbstgerecht sind wie Joffe. Leibowitz hat den Begriff \u201eJudeo-Nazis\u201c \u2013 bez\u00fcglich der israelischen Soldaten in den besetzten Gebieten \u2013 gepr\u00e4gt, was zu einem gefl\u00fcgelten Wort geworden ist. Und wenn Joffe sich beklagt, dass man Gaza mit einem Ghetto vergleicht, dann sollte er uns erkl\u00e4ren, warum Gaza kein Ghetto ist. Er begn\u00fcgt sich mit wenig \u00fcberzeugenden, weil der israelischen Propaganda entliehenen Kommentaren.<\/p>\n<p>Charlotte Knobloch hat versucht bei Gericht durchzusetzen, dass der Vergleich zwischen Gaza und einem Ghetto ein Zeichen von antisemitischer Einstellung sei \u2013 und scheiterte.<\/p>\n<p>Joffe verurteilt auch noch den Schriftsteller Martin Walser wegen seiner \u201eabgeleiteten Animosit\u00e4t\u201c anl\u00e4sslich seiner Rede bei der Friedenspreisverleihung 1998. Dabei sprach Walser von der \u201e<em>unverg\u00e4nglichen Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird\u201c<\/em>. Und er meinte auch zu Recht, dass Auschwitz nicht zur \u201e<em>jederzeit einsetzbaren Moralkeule<\/em>\u201c verkommen d\u00fcrfe. Damals hat man ihm vorgeworfen, ein Antisemit zu sein, und Joffe entbl\u00f6det sich nicht, es heute wieder zu tun. Walser hatte selbstverst\u00e4ndlich Recht. Auschwitz wird von der israelischen Politik permanent instrumentalisiert. Die j\u00e4hrlichen Todesm\u00e4rsche israelischer Sch\u00fcler und Politiker mit israelischen Fahnen in Auschwitz zeugen davon. In einem Nachtrag schrieb Walser, \u201e<em>dass wir, die Deutschen, die Schuldner der Juden bleiben. Bedingungslos<\/em>.\u201c&nbsp; Wann schreiben Broder, Joffe oder Knobloch, dass die Israelis die Schuldner der Pal\u00e4stinenser bleiben? Bedingungslos.<\/p>\n<p>Dem neuen Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, zufolge, nehmen islamische Religionsgemeinschaften eine Schl\u00fcsselrolle beim Thema Antisemitismus ein. Er wolle das Thema bei der Deutschen Islamkonferenz einfordern, und die Deutsche Islamkonferenz wiederbeleben. Allerdings sei nur jeder f\u00fcnfte Muslim in Deutschland in einem Verband organisiert. Da sei die Wiederbelebung der Islamkonferenz eine m\u00f6gliche Form, auch die Nicht-Organisierten zu erreichen. Dies sei \u201eeines der ersten Dinge, um die ich mich k\u00fcmmern werde\u201c, sagte Klein.<\/p>\n<p>Es gehe v. a. auch darum, die Menschen zu erreichen, die neu ins Land gekommen seien. Er wolle zwar den Fl\u00fcchtlingen \u201ekeinen pauschalen Antisemitismus unterstellen: Sie sind aber in L\u00e4ndern sozialisiert worden, die teilweise noch im Kriegszustand mit Israel sind und haben ein Bild vermittelt bekommen von Israel und von Juden, das f\u00fcr uns nicht akzeptabel ist\u201c, sagte der Antisemitismus-Beauftragte.<\/p>\n<p>Er wirft Juden und Israelis leichth\u00e4ndig in einen Topf und geht davon aus, dass wenn Araber Israel hassen, sie auch Antisemiten seien. Man muss wahrlich kein Antisemit sein, um Israel zu hassen. Araber und insbesondere Pal\u00e4stinenser haben daf\u00fcr jede Menge nachvollziehbare Gr\u00fcnde, und wir Juden brauchen keinen Besch\u00fctzer, der uns philosemitisch, im Kern aber antisemitisch motiviert, besch\u00fctzt. Wir brauchen auch keinen Antisemitismus-Beauftragten, wir brauchen eine gut funktionierende Demokratie und, wenn \u00fcberhaupt, einen Rassismus-Beauftragten, der sich um alle Minderheiten k\u00fcmmert.<\/p>\n<p>Wo bleibt hier Josef Joffe, der sich und seine ZEIT als Besch\u00fctzer der Demokratie hinstellt. Hier versagt er, indem er wieder nur das sieht, was er sehen will, bzw. was ihn seine Hasbara-Brille sehen l\u00e4sst. Joffe ruft auf, gegen Antisemitismus auf die Stra\u00dfe zu gehen. Wann ruft er endlich auf, gegen Vergleiche von BDS-Parolen mit der rassistischen Aufforderung \u201eKauft nicht bei Juden\u201c, auf die Stra\u00dfe zu gehen? Wenn er schon Juden aufruft zur Unterst\u00fctzung seiner Thesen, warum diese uns\u00e4gliche Esther Shapira und nicht den klugen David Ranan, der ein ausgezeichnetes Buch \u00fcber \u201eMuslimischen Antisemitismus\u201c geschrieben hat, das Josef Joffe aber, wie es scheint, nicht gelesen hat.<\/p>\n<p>Joffe bef\u00fcrwortet nat\u00fcrlich die Einsetzung eines Antisemitismus-Beauftragten, der sich, wie einst der nationalsozialistische Judenreferent, um Juden k\u00fcmmern soll. Heute um ihr Wohl und nicht um ihre Vernichtung. Ein Kernelement der Judenfeindschaft war immer die Vorstellung, dass der Einfluss der Juden zu gro\u00df ist.&nbsp; Das aber glaubt heute \u2013 laut einer Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung \u2013 gerade mal einer von zehn! Die Forschung zeigt also ein durchaus gewandeltes Bild. Wozu also ein Antisemitismus-Beauftragter? Die neuesten Erhebungen legen eher nahe, dass wir einen Beauftragten zur Bek\u00e4mpfung des Rassismus, insbesondere der Islamophobie brauchen.<\/p>\n<p>Quelle (mit freundlicher Genehmigung: <a href=\"http:\/\/der-semit.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Semit vom 02.05.2018<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den klassischen Antisemitismus haben die Deutschen angeblich weitgehend eingehegt. Nun soll er als Import zur\u00fcckkommen. So oder \u00e4hnlich meinen es in letzter Zeit immer mehr Publizisten, Politiker und Funktion\u00e4re. 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