{"id":8440,"date":"2018-06-22T14:49:17","date_gmt":"2018-06-22T14:49:17","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=8440"},"modified":"2018-06-26T07:35:40","modified_gmt":"2018-06-26T07:35:40","slug":"felicia-langer-ist-tot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=8440","title":{"rendered":"Felicia Langer ist tot"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_3463\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3463\" class=\"wp-image-3463 size-medium\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/langer-felicia-300x224.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"224\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/langer-felicia-300x224.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/langer-felicia-200x149.jpg 200w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/langer-felicia.jpg 567w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-3463\" class=\"wp-caption-text\">Felicia Langer am 25. April 2009 in Bremen<\/p><\/div>\n<p>Die Mitglieder der Deutsch-Pal\u00e4stinensischen Gesellschaft Bremen e.V. und des AK-Nahost Bremen trauern um Felicia Langer, die heute Nacht im Alter von 87 Jahren verstorben ist. Sie war eine aufrichtige, mutige, und hoch gesch\u00e4tzte K\u00e4mpferin f\u00fcr die Menschenrechte von Pal\u00e4stinensern und eine der Stimmen, die von den israelischen Menschenrechtsverletzungen in Pal\u00e4stina der Welt berichtete. Unser Beileid gilt Ihrer Familie und den Angeh\u00f6rigen.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Felicia Langer <\/strong>war israelisch-deutsche Rechtsanw\u00e4ltin, Tr\u00e4gerin des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse (* 9.12.1930 \u2013 \u2020 22.06.2018). Wir erinnern an sie mit einem bedenkenswerten Zitat:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWir haben kein Recht, als Opfer von gestern T\u00e4ter von heute zu sein und die Schuldgef\u00fchle der anderen, insbesondere der Deutschen, zu instrumentalisieren, um sie, was unsere Taten angeht, zum Schweigen zu bringen. Man muss klar sagen, dass die Instrumentalisierung des Holocaust zur Rechtfertigung unserer Taten gegen die Pal\u00e4stinenser unzul\u00e4ssig ist.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>(vgl. <a href=\"http:\/\/palaestina-nachrichten.de\/author\/jmlpressblog\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pal\u00e4stina Nachrichten v. 22.06.2018<\/a>)<\/p>\n<h1>Eine wunderbare, sehr mutige Frau und gro\u00dfe Humanistin<br \/>\nZum Tod von Felicia Langer<\/h1>\n<p><em>von Arn Strohmeyer<\/em><br \/>\nWenn es einen Satz gibt, der das Leben und Wirken von Felicia Langer in wenigen Worten zusammenfasst, dann ist es der Titel eines ihrer B\u00fccher: \u201eLasst uns wie Menschen leben!\u201c Das war der kategorische Imperativ ihrer Arbeit als Rechtsanw\u00e4ltin in Israel und sp\u00e4ter als Publizistin in Deutschland: sich unerm\u00fcdlich und mit aller Kraft f\u00fcr die Rechte der unterdr\u00fcckten Pal\u00e4stinenser einzusetzen. Solidarit\u00e4t mit und Kampf f\u00fcr die Entrechteten, Geschundenen und Vertriebenen \u2013 das war ihr ganzer Lebensinhalt. \u201eSich f\u00fcgen hei\u00dft L\u00fcgen!\u201c hat sie in diesem Zusammenhang oft gesagt. Auch dieser Maxime ist diese au\u00dfergew\u00f6hnliche Frau kompromisslos gefolgt, was in Konsequenz zum v\u00f6lligen Bruch mit dem zionistischen Israel f\u00fchren musste, das f\u00fcr sie \u2013 je mehr sie dessen Realit\u00e4t verstand \u2013 zur Inkarnation eines Unrechtsstaates wurde.<br \/>\nDie Legitimation f\u00fcr ihr Handeln und Denken hat sie aus dem Holocaust gezogen, indem sie die einzig m\u00f6gliche Schlussfolgerung aus diesem Mega-Verbrechen ableitete: \u201eMeine Lehre aus dem Holocaust war und ist, angesichts jeglichen Unrechts und Verbrechens nicht zu schweigen, sondern alle Formen von Rassismus und Antisemitismus zu bek\u00e4mpfen und die W\u00fcrde und Rechte der Menschen zu verteidigen.\u201c Damit wollte sie sich von all jenen absetzen, \u201ef\u00fcr die die Lehre des Holocaust Hass, Grausamkeit und Gef\u00fchllosigkeit gegen\u00fcber dem Nachbarvolk (den Pal\u00e4stinensern) bedeutet.\u201c<\/p>\n<p>Sie wusste, wovon sie sprach, und schrieb, wenn sie auf den Holocaust einging, denn sie selbst musste als J\u00fcdin vor dem Nazi-Vernichtungs-Terror in die Sowjetunion fliehen. Ihr Mann Mieciu hat f\u00fcnf NS-Todeslager \u00fcberlebt. Und so wurde sie mit ihrer Lehre aus dem Holocaust und ihrer Kritik an Israels verbrecherischer Besatzungs- und Okkupationspolitik eine wichtige Repr\u00e4sentantin des \u201eanderen\u201c Israel, das sich einem humanistischen Universalismus verpflichtet wusste und nicht der partikularistisch-chauvinistischen Ideologie eines Unrechtsstaates, der Millionen Menschen hinter Mauern und Z\u00e4unen in Geiselhaft h\u00e4lt und ihnen jedes Menschenrecht verweigert.<br \/>\nUnd sie verf\u00fcgte nicht nur \u00fcber einen ausgepr\u00e4gten Gerechtigkeitssinn, sondern auch \u00fcber eine Eigenschaft, die den meisten Israelis heute gegen\u00fcber ihren pal\u00e4stinensischen Nachbarn v\u00f6llig abgeht: Empathie \u2013 also mitleiden k\u00f6nnen mit den Unterdr\u00fcckten und Entrechteten. (Wenn die Israelis nur eine Spur von Empathie h\u00e4tten, g\u00e4be es den Konflikt mit den Pal\u00e4stinensern gar nicht.) Dieses Mitf\u00fchlen-K\u00f6nnen war neben ihrem Gerechtigkeitssinn die Quelle f\u00fcr ihr ganzes Schaffen, ihren Einsatz f\u00fcr eine bessere Welt \u2013 vor allem in Pal\u00e4stina!<\/p>\n<p>Nach ihrem Bruch mit Israel ist sie ins Land der T\u00e4ter gezogen. Womit sie kein Problem hatte. Sie hat das so begr\u00fcndet: \u201eWir haben kein Recht, als Opfer von gestern T\u00e4ter von heute zu sein und die Schuldgef\u00fchle der anderen, insbesondere der Deutschen, zu instrumentalisieren, um sie, was unsere Taten angeht, zum Schweigen zu bringen. Man muss klar sagen, dass die Instrumentalisierung des Holocaust zur Rechtfertigung unserer Taten gegen die Pal\u00e4stinenser unzul\u00e4ssig ist.\u201c<\/p>\n<p>Dass ihr politisches Wirken mit dem Alternativen Nobelpreis belohnt wurde, belegt, dass ihre Arbeit weit \u00fcber Deutschlands Grenzen hinaus anerkannt und gew\u00fcrdigt wurde. Ihre Zivilcourage, ihr Mut und ihre kompromisslose Aufrichtigkeit sollten f\u00fcr uns alle, die wir uns f\u00fcr einen wirklich gerechten Frieden in Pal\u00e4stina einsetzen, stets ein gro\u00dfes Vorbild sein.<\/p>\n<p>Aber Felicia hatte auch erbitterte Feinde \u2013 etwa den Schriftsteller Ralph Giordano (der das ihm verliehene Bundesverdienstkreuz zur\u00fcckgab, als Felicia Langer es auch bekam): Anfang der 90er Jahre ver\u00f6ffentlichte dieser einen b\u00f6sen Aufsatz \u00fcber sie: \u201eIhr Feind hei\u00dft \u2013 Israel. Gedanken zur Nahost-Pathologie der Felicia Langer\u201c. Der Titel dieses Textes sagt schon aus, dass Giordano in einer Hass-Pathologie gegen diese Frau befangen war. In diesem Aufsatz warf der Schriftsteller Felicia Langer vor, nicht nach den Gr\u00fcnden zu fragen, warum Israel im Krieg von 1967 das Westjordanland und den Gazastreifen besetzt haben. Und diese\u201c Gr\u00fcnde hielt er f\u00fcr durchaus stichhaltig sowie moralisch und politisch f\u00fcr in Ordnung.<\/p>\n<p>Erschreibt: \u201eNach Felicia Langer sind die Gebiete offenbar besetzt, weil es einer israelischen Mehrheit Spa\u00df macht (oder weil die Moralistin sie f\u00fcr so \u201aschlecht\u2018 h\u00e4lt), \u00fcber rund zwei Millionen Menschen regieren zu wollen, die ganz offensichtlich nicht israelisch regiert werden m\u00f6chten. Indes die einzig plausible historische Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, best\u00e4rkt durch den Golfkrieg [1991], doch nur sein kann, dass sich diese [israelische] Mehrheit ohne die Besetzung noch bedrohter f\u00fchlte als mit ihr. Und das nat\u00fcrlich nicht durch die Pal\u00e4stinenser, sondern durch die arabischen Milit\u00e4rm\u00e4chte!\u201c<br \/>\nFelicia Langer kannte im Gegensatz zu Giordano die \u201eeinzig plausible Erkl\u00e4rung\u201c sehr gut, warum Israel die \u201eGebiete\u201c besetzt hat und auch nicht bereit ist, sie f\u00fcr einen Frieden mit den Pal\u00e4stinensern wieder herzugeben. Es ist das unumst\u00f6\u00dfliche zionistische Dogma: m\u00f6glichst viel Land zu erobern mit m\u00f6glichst wenig Arabern bzw. Pal\u00e4stinensern darauf. Wenn Giordano Felicia Langer in seinem Aufsatz zudem \u201enotorische T\u00e4uschung des Publikums \u00fcber Totalit\u00e4t und Kausalit\u00e4t des Nahostkonflikts und ideologisch bedingte Einseitigkeit und Teilung der Humanitas\u201c vorgeworfen hat, dann f\u00e4llt dieses vernichtende Urteil auf ihn selbst zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die Behauptung von der Bedrohung Israels durch die arabischen Milit\u00e4rm\u00e4chte war immer ein Scheinargument, um die aggressive Politik dieses Staates zu verschleiern und zu rechtfertigen. Von der arabischen Bedrohung redet heute niemand mehr und ob der Iran wirklich eine Bedrohung f\u00fcr Israel ist, sei dahingestellt. Und die Besatzung im gr\u00f6\u00dften \u201eGebiet\u201c \u2013 dem Westjordanland \u2013 ist inzwischen f\u00fcr Israel zu einem solchen Problem geworden, dass die Zukunft und Existenz des Staates gef\u00e4hrdet sind. Der Gang der Geschichte hat Felicia Langer und nicht Ralph Giordano Recht gegeben.<br \/>\n22.06.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Mitglieder der Deutsch-Pal\u00e4stinensischen Gesellschaft Bremen e.V. und des AK-Nahost Bremen trauern um Felicia Langer, die heute Nacht im Alter von 87 Jahren verstorben ist. 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