{"id":8630,"date":"2018-08-06T08:20:01","date_gmt":"2018-08-06T08:20:01","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=8630"},"modified":"2018-08-06T08:26:47","modified_gmt":"2018-08-06T08:26:47","slug":"why-the-sudden-concern-over-racism-warum-die-ploetzliche-aufregung-ueber-rassismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=8630","title":{"rendered":"&#8222;Why the Sudden Concern Over Racism?&#8220; (Warum die pl\u00f6tzliche Aufregung \u00fcber Rassismus?)"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_5451\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5451\" class=\"wp-image-5451 size-medium\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/17-09-09-shlomo-sand_ji-300x276.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"276\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/17-09-09-shlomo-sand_ji-300x276.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/17-09-09-shlomo-sand_ji-200x184.jpg 200w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/17-09-09-shlomo-sand_ji-768x707.jpg 768w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/17-09-09-shlomo-sand_ji.jpg 1024w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/17-09-09-shlomo-sand_ji-326x300.jpg 326w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-5451\" class=\"wp-caption-text\">Bild: wikimedia commons<\/p><\/div>\n<p><em>Schlomo Sand, der international renommierte (davon mehr unten) israelische Historiker hat sich in <a href=\"https:\/\/www.haaretz.com\/.premium-why-the-sudden-concern-over-racism-1.6316834\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Haaretz v. 27. Juli 2018&nbsp;<\/a>zum neuen Nation State Law zu Wort gemeldet. Er wundert sich \u00fcber die Aufregung.<\/em><\/p>\n<p>&#8222;Ich verfolge die Reaktionen der \u00d6ffentlichkeit auf das neue Nationalstaat-Gesetz und habe das Gef\u00fchl, als w\u00fcrde ich etwas \u00fcbersehen. Ich versuche zu verstehen, aber es will mir nicht so recht gelingen. Der Aufschrei von Journalisten, Essayisten, Juristen und Pers\u00f6nlichkeiten aus dem Literaturleben, dass dies ein rassistisches Gesetz sei, das den Geist des traditionellen Zionismus verletzt, scheint ehrlich und echt zu sein. <!--more-->Aber nachdem die Regelung beseitigt war, durch die die Einrichtung getrennter Kommunen nur f\u00fcr Juden ausdr\u00fccklich verfassungsrechtliche Legitimit\u00e4t erhalten sollte, scheint es mir, dass keines der anderen Elemente des Gesetzes, einschlie\u00dflich des Geruchs nach Arroganz (whiff of arrogance), der durch die Wortwahl hervorgerufen wird, in signifikanter Weise vom \u00fcberlieferten Mainstream-Zionismus abweicht.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Hat sich irgendeiner der Leute, die gegen das Gesetz protestieren, gefragt, ob das zionistische Unternehmen ohne eine ethnozentrische Politik, die bei Journalisten und der Allgemeinheit als Rassismus bekannt ist, \u00fcberhaupt durchf\u00fchrbar gewesen w\u00e4re? Anders ausgedr\u00fcckt, h\u00e4tten die f\u00fchrenden zionistischen Pers\u00f6nlichkeiten nicht vom fr\u00fchen 20. Jahrhundert an daf\u00fcr gesorgt, dass die Siedlungen rein j\u00fcdisch waren, und h\u00e4tten sie nicht versucht sicherzustellen, dass die einheimische arabische Bev\u00f6lkerung an den Pl\u00e4nen, \u201edie W\u00fcste zum Bl\u00fchen zu bringen\u201c nicht beteilige wurde, h\u00e4tte dann die Infrastruktur zum Aufbau einer ausschlie\u00dflich j\u00fcdischen Gesellschaft jemals entstehen k\u00f6nnen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Selbst die linksgerichtete Hashomer-Hatzair-Bewegung, die an dem Slogan von der \u201eBruderschaft der Nationen\u201c festhielt und ziemlich lange die Idee eines binationalen Staates bef\u00fcrwortete (nat\u00fcrlich unter der Bedingung einer j\u00fcdischen Mehrheit), w\u00e4re nicht bereit gewesen, Einheimische in ihre Kibbutzim aufzunehmen. Ihre Mitglieder wussten, ebenso wie die \u00fcbrige zionistische Linke, sehr genau, wie sie sich zu verhalten hatten, und wir m\u00fcssen zugeben, dass sie recht hatten: Um die nationale Vision Wirklichkeit werden zu lassen mussten sie nicht nur ausschlie\u00dflich j\u00fcdische Siedlungen bef\u00fcrworten, sondern mussten den Neuank\u00f6mmlingen auch immer noch mehr Land zuweisen, das den Einheimischen geh\u00f6rte.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Dennoch war die Wiedergewinnung des Landes bis zum Unabh\u00e4ngigkeitskrieg von 1948 keine Erfolgsgeschichte. Am Ende gelangte nur wenig mehr als 10 Prozent des Landes in j\u00fcdische H\u00e4nde. Aber dann kam der Krieg und rettete die Situation.<\/p>\n<p>Die Vertreibung oder Flucht von 750.000 Einheimischen stellte eine sehr viel signifikantere Wiedergewinnung von Land dar. Die Felder und Obstg\u00e4rten, die urspr\u00fcnglich von einheimischen Bauern bewirtschaftet worden waren und die sp\u00e4ter als \u201eEigentum von Abwesenden\u201c bezeichnet wurden, wurden den Kriegsfl\u00fcchtlingen nicht zur\u00fcckgegeben. Sie durften weder zur\u00fcckkehren noch wurden sie kompensiert.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das so gewonnene Land wurde augenblicklich dem neuen Staat Israel \u00fcbertragen. Die neue demokratische Staatsmacht hielt es f\u00fcr gerechtfertigt, den Gro\u00dfteil des Landes dem Keren Kayemetz Leisrael \u2013 dem j\u00fcdischen Nationalfond zu \u00fcbergeben, dessen Grundbesitz bis heute nicht allen israelischen Staatsb\u00fcrgern geh\u00f6rt, sondern dem j\u00fcdischen Volk, wo immer es sich befindet.<\/p>\n<p>Am Vorabend des Krieges besa\u00df der KKL \u2013 JNF etwa 900.000 Dunam (1 Dunam = 1.000 qm). 1950 waren es bereits 3,5 Millionen Dunam. Von diesem Zeitpunkt an bis heute war es ihm untersagt, diesen nationalen Besitz zu verkaufen \u2013 er kann ihn nur verpachten \u2013 und nur an Juden.<\/p>\n<p>Wohlmeinende Liberale werden dennoch und mit Recht entgegnen, man k\u00f6nne 1948 und selbst 1958 nicht mit 2018 vergleichen. Die territoriale Kontinuit\u00e4t, die damals erreicht wurde, erm\u00f6glichte die Gr\u00fcndung eines souver\u00e4nen Staates f\u00fcr leidgepr\u00fcfte Juden nach dem Genozid der Nazis, und deshalb musste der Zionismus rassistisch sein. (Diese \u00dcberzeugung veranlasste den Atheisten Ben-Gurion, den religi\u00f6sen Juden das Monopol f\u00fcr Eheschlie\u00dfungen und Scheidungen einzur\u00e4umen, um eine Assimilierung von Nicht-Juden, die der Himmel verh\u00fcten m\u00f6ge, unm\u00f6glich zu machen). Jetzt, wo die Souver\u00e4nit\u00e4t konsolidiert ist, sagen sie, gibt es keine Rechtfertigung f\u00fcr eine Fortsetzung dieser Politik.<\/p>\n<p>Um unser Land zu st\u00e4rken, m\u00fcssen wir deshalb danach streben, es in die Richtung zu einer s\u00e4kularen, egalit\u00e4ren Demokratie zu dr\u00e4ngen, die sich das Wohl aller ihrer B\u00fcrger und nicht nur der Juden zum Ziel setzt. Das jetzige Nationalstaatsgesetz, das ein legitimer Spross der zionistische Tradition ist, verhindert diesen Prozess der Israelisierung.<\/p>\n<p>Dieses logische liberale Argument k\u00f6nnte sogar sinnvoll sein, wenn Israel nicht die Gebiete besetzt h\u00e4tte, die es 1967 erobert hat. Die Besatzung erzwang eine j\u00fcdische Souver\u00e4nit\u00e4t nicht nur \u00fcber die Altstadt von Jerusalem, den Tempelberg und Hebron, die Stadt unserer Vorv\u00e4ter, sondern auch \u00fcber zus\u00e4tzliche Massen von urspr\u00fcnglichen Bewohnern des Landes, die heute rund 5 Millionen z\u00e4hlen. Angesichts dieser demographischen Menge, musste die j\u00fcdisch-zionistische Identit\u00e4t erneut gesch\u00fctzt und abgegrenzt werden \u2013 nicht nur mit Hilfe von Betonmauern und Stacheldraht, sonder auch durch Verfestigung des nationalen Charakters des Staates.<\/p>\n<p>Hier stellt sich allerdings die Frage : Wenn Israel sich als j\u00fcdischen Staat erhalten m\u00f6chte, warum versuchte es dann nicht, sich von \u201eJud\u00e4a und Samaria\u201c zu befreien?<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde, aus denen Israel nicht auf die besetzten Gebiete verzichten kann, sind zu zahlreich, um sie alle hier aufzuz\u00e4hlen. Deshalb werde ich hier nur zwei davon erw\u00e4hnen. Erstens werden die Pal\u00e4stinenser niemals auf die Souver\u00e4nit\u00e4t \u00fcber die Al-Aqsa-Moschee verzichten, aber ich kann mir auch keinen israelischen Staatschef vorstellen, der es wagen w\u00fcrde, auf den Tempelberg zu verzichten, oder der auch nur in der Lage w\u00e4re, die j\u00fcdische Siedlung in Hebron aufzul\u00f6sen. Die Siedlungsbewegung hat den Traum der zionistischen Linken von zwei Staaten, einem israelischen und einem pal\u00e4stinensischen, oder auch nur von einem und einem halben Staat, von der Tagesordnung verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Zweitens muss auch diese Wahrheit gesagt werden: Einen pal\u00e4stinensischen Staat in den Grenzen von 1967 zu errichten w\u00e4re keine L\u00f6sung f\u00fcr das Kardinalproblem, das die zionistische Linke jahrelang zu ignorieren versucht hat. Einen pal\u00e4stinensischen Nationalstaat an der Seite Israels zu gr\u00fcnden, das selbst darauf besteht, sich als Nationalstaat des j\u00fcdischen Volkes zu sehen, w\u00fcrde mit Sicherheit bei den pal\u00e4stinensischen Israelis irredentistisches Denken hervorrufen (eine politische Ideologie, der zufolge politische und nationale Grenzen identisch sein m\u00fcssen).<\/p>\n<p>Die pal\u00e4stinensischen Israelis stellen 21 Prozent der Bev\u00f6lkerung Israels dar, und trotz der intensiven Judaisierung Galil\u00e4as sind sie dort nach wie vor die Mehrheit. Wenn Israel weiterhin f\u00fcr sich in Anspruch nimmt, der Staat eines Volkes zu sein, das \u00fcber die ganze Welt verstreut ist, und nicht der Staat aller seiner B\u00fcrger, warum sollten dann die urspr\u00fcnglichen Bewohner von Galil\u00e4a nicht zu irgendeinem Zeitpunkt beschlie\u00dfen, aus Israel auszubrechen und ihre Gemeinden und die \u00dcberreste ihres Landes an ihren eigenen Nationalstaat anzuschlie\u00dfen? W\u00fcrden die Brosamen von materiellen Vorteilen, die ihnen zugeworfen werden, sie auf die Dauer zufriedenstellen?<\/p>\n<p>Die L\u00f6sung, die nunmehr am Horizont sichtbar wird, l\u00e4uft darauf hinaus, das in den besetzten Gebieten schon seit 50 Jahren eingef\u00fchrte Apartheidsregime auszuweiten und auf den gesamten Staat Israel anzuwenden, wenn sich der Konflikt intensivieren sollte. Offensichtlich wird das auch die Kultivierung von Bantustans von Kollaborateuren und die Aufrechterhaltung der letzen Reservate f\u00fcr die feindlichen Ureinwohner im S\u00fcden einschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Und wenn das nicht geschieht gibt es immer noch die Alternative eines Transfers. Das wurde schon in der Vergangenheit versucht und hat sich als au\u00dferordentlich erfolgreich erwiesen. Aber daf\u00fcr w\u00fcrde man einen gr\u00f6\u00dferen Krieg ben\u00f6tigen, und meine Vorstellungskraft reicht nicht aus, auch nur zu erraten, wie man einen solchen Krieg beginnen k\u00f6nnte und wie er enden w\u00fcrde.&#8220;<br \/>\n(\u00dcbersetzung: Sigrid Langhaeuser)<\/p>\n<hr>\n<p>Sand l\u00f6ste unter anderem in Israel und Frankreich mit seinem 2008 erschienenen Buch \u05de\u05ea\u05d9 \u05d5\u05d0\u05d9\u05da \u05d4\u05d5\u05de\u05e6\u05d0 \u05d4\u05e2\u05dd \u05d4\u05d9\u05d4\u05d5\u05d3\u05d9? (dt. \u201eWann und wie wurde das j\u00fcdische Volk erfunden?\u201c, deutsche \u00dcbersetzung des Buchs unter dem Titel Die Erfindung des j\u00fcdischen Volkes \u2013 Israels Gr\u00fcndungsmythos auf dem Pr\u00fcfstand) Kontroversen aus.<\/p>\n<p>Im 2009 zur deutschen Ausgabe geschriebenen Vorwort gibt er an, \u201edass die Kluft zwischen meinen Forschungsergebnissen und der in Israel und anderswo verbreiteten Geschichtsauffassung erschreckend gro\u00df ist\u201c. Dabei habe er nichts anderes gemacht, als von der israelischen zionistischen Geschichtsschreibung schon lange pr\u00e4sentiertes, aber vergessenes Material zu verarbeiten, wobei in seiner Arbeit \u201enichts wirklich Neues\u201c erschienen sei.<\/p>\n<p>Seine B\u00fccher:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Die Erfindung des j\u00fcdischen Volkes<\/strong>, Berlin, Propyl\u00e4en, 2010 (ISBN 978-3-549-07376-6, auch in Hebr\u00e4isch, Franz\u00f6sisch, Englisch, Arabisch, Italienisch, Russisch, Japanisch, Ungarisch, Schwedisch, Slowenisch, Spanisch, Chinesisch, Brasilianisch, Polnisch, T\u00fcrkisch, Bulgarisch, Kroatisch, Portugiesisch, Griechisch, Tschechien, Koreanisch).<\/li>\n<li><strong>Die Erfindung des Landes Israel,<\/strong> Berlin, Propyl\u00e4en, 2012 (ISBN 978-3-549-07434-3, auch in Hebr\u00e4isch, Franz\u00f6sisch, Englisch, Arabisch, Russisch, Spanisch, Persischer, Chinesisch, Brasilianisch, Polnisch, Tschechien).<\/li>\n<li><strong>Warum ich aufh\u00f6re, Jude zu sein,<\/strong> Berlin, Propyl\u00e4en, 2013 (ISBN 978-3-549-07449-7 auch in Hebr\u00e4isch, Franz\u00f6sisch, Englisch, Arabisch, Russisch, Spanisch, Italienisch, Brasilianisch, Polnisch)<br \/>\n(nach Wikipedia)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Vgl. auch: Shlomo Sand: Warum ich kein Zionist sein kann<br \/>\nVer\u00f6ffentlicht am 10. September 2017. <a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=5449\">http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=5449<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schlomo Sand, der international renommierte (davon mehr unten) israelische Historiker hat sich in Haaretz v. 27. Juli 2018&nbsp;zum neuen Nation State Law zu Wort gemeldet. 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