{"id":8722,"date":"2018-09-22T06:21:39","date_gmt":"2018-09-22T06:21:39","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=8722"},"modified":"2018-09-29T04:41:36","modified_gmt":"2018-09-29T04:41:36","slug":"norman-paech-ueber-moshe-zuckermann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=8722","title":{"rendered":"Norman Paech \u00fcber Moshe Zuckermann"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/der-allgegenwaertige-antisemit\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-8725 size-medium\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/18-09-22-neues-zuckermann-buch-193x300.jpg\" alt=\"\" width=\"193\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/18-09-22-neues-zuckermann-buch-193x300.jpg 193w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/18-09-22-neues-zuckermann-buch-300x467.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/18-09-22-neues-zuckermann-buch.jpg 380w\" sizes=\"auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px\" \/><\/a>Es gibt wohl kaum ein Thema, \u00fcber das vor allem in Deutschland mit so unb\u00e4ndiger H\u00e4rte debattiert wird, wie \u00fcber das Thema \u201eAntisemitismus\u201c. Der israelische Soziologe <strong>Moshe Zuckermann<\/strong> geh\u00f6rt zu den profundesten Kritikern des Missbrauchs des Antisemitismus-Begriffs zum Zwecke der Unterdr\u00fcckung von Kritik an der Politik des Staates Israel. Im Westend Verlag erscheint in diesen Tagen Zuckermanns j\u00fcngstes Buch mit dem vielsagenden Titel \u201e<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/der-allgegenwaertige-antisemit\/\">Der allgegenw\u00e4rtige Antisemit oder die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit<\/a>\u201c. <strong>Norman Paech<\/strong> hat sich Zuckermanns Buch f\u00fcr die NachDenkSeiten einmal n\u00e4her angeschaut.<br \/>\n<span id=\"more-46085\"><\/span><br \/>\nEs steht wissenschaftlich inzwischen au\u00dfer Frage, dass ein Anstieg des Antisemitismus in Deutschland nicht nachweisbar ist, dass es keinen neuen Antisemitismus gibt, <!--more-->dass es sich vielmehr\u2013 schlimm genug \u2013 um den alten Antisemitismus, den Bodensatz in der Gesellschaft handelt. Der gef\u00fchlte Antisemitismus allerdings will davon nichts wissen. Neu jedoch ist eine Antisemitismus-Hysterie, die in jeder \u2013 in der Tat nicht zu duldenden \u2013 Beschimpfung oder Attacke j\u00fcdischer B\u00fcrger, aber auch der Kritik an der israelischen Politik und ihrer zionistischen Ideologie oder Sympathie f\u00fcr die internationale Boykottkampagne BDS ein Aufflammen neuen oder auch importierten Antisemitismus ortet. Denn, so die Begr\u00fcndung f\u00fcr den neuen Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung: \u201eAntisemitismus \u2026 nimmt mit dem Antizionismus und der Israelfeindlichkeit auch neue Formen ein.\u201c Wer allerdings Juden, den Zionismus und Israel zugleich unter das Schutzdach des Antisemitismusvorwurfs stellt, nimmt dem Begriff des Antisemitismus jede Pr\u00e4zision und schafft sich damit aber einen m\u00e4chtigen ideologischen Kampfbegriff, mit dem jede \u00f6ffentliche Diskussion \u00fcber den Pal\u00e4stinakonflikt zur Tabuzone erkl\u00e4rt werden kann und der kein Raum gegeben werden darf. Allein 2017 wurden insgesamt 71 Veranstaltungen zum Thema versucht zu verhindern. Aus dem gef\u00fchlten Anstieg des Antisemitismus wird der reale Anstieg immer militanter agierender Verteidiger Israels mit seiner brutalen Besatzungspolitik und der Diffamierung ihrer Kritiker.<\/p>\n<p>Moshe Zuckermann hat diesen prek\u00e4ren Diskurs seit Jahren verfolgt und schon 2010 unter dem Titel \u201eAntisemit! Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument\u201c einer umfassenden und scharf sezierenden Analyse unterzogen. Wenn er sich nun wieder aus Tel Aviv zu Wort meldet, dann weil dieser \u201eUngeist\u201c in Deutschland neue Formen angenommen hat. \u201eWahllos und ungebrochen werden Begriffe durcheinandergeworfen, Menschen perfide verleumdet und verfolgt, Juden von Deutschen des Antisemitismus gezeiht, eine gesamte Debattenkultur in ein Tollhaus neuralgischer Befindlichkeiten und aufgearbeiteter Ressentiments verwandelt, wobei sich linke Gesinnung nach rechts wendet und rechte Ideologen sich den Anschein von Liberalit\u00e4t zu geben trachten.\u201c Zuckermann hat den Vorteil, aus der Perspektive Israels, wo in der Pal\u00e4stinafrage \u201eeine Freund-Feind-Dichotomie\u201c die Gesellschaft spaltet, auf Deutschland zu schauen, wo sich \u201eeine gewisse (nicht zuletzt staatsoffizielle) Israel-Solidarit\u00e4t herangebildet (hat), die sich aus einer abstrakt ideologisierten \u201aEmpathie\u2019 mit den \u201aJuden speist\u2019, welche sich ihrerseits als historische Schuldabtragung dem j\u00fcdischen Volk gegen\u00fcber begreift und darstellt.\u201c Seine Kritik gilt dem Widerspruch zwischen der Solidarit\u00e4t mit den Juden im Namen der historischen Opfer und der Verteidigung eines verbrecherisch und gewaltt\u00e4tig handelnden Israel, ein Widerspruch, der sich letztlich als Instrumentalisierung des Holocaust-Andenkens zur Entlastung der eigenen Befindlichkeit entpuppt. Die Identifizierung mit dem realen Israel ersetzt die Solidarit\u00e4t mit den konkreten historischen Opfern, den Juden, die zum Abstraktum werden.<\/p>\n<p>Zuckermanns kritischer Blick auf Israel von der Staatsgr\u00fcndung 1948 \u00fcber den sog. Sechstagekrieg 1967 bis zur dystopischen Gegenwart 2018 kulminiert in einer vernichtenden Kritik des Zionismus, der sein Versprechen des Friedens nicht einl\u00f6sen konnte, weil Israel diesen Frieden nie gewollt habe. Zuckermann bezweifelt deshalb, dass das gesamte zionistische Projekt \u00fcberhaupt l\u00e4ngerfristig existieren kann und nicht nur ein historisches Experiment bleiben wird (S. 58). Dieser Zweifel erfasst damit zugleich Israel als staatliches Projekt des Zionismus. Auf Grund seines kolonisatorischen Charakters, der die Gr\u00fcndung des Staates nur mit einem historischen Unrecht, der Katastrophe f\u00fcr die Pal\u00e4stinenser, erzwingen konnte und die Feindschaft der Nachbarn in Kauf nahm, konnte sich der Zionismus immer misstrauisch und paranoid nur auf eine negative Legitimation gegen Bedrohung und Antisemitismus st\u00fctzen. Angst und Ausnahmezustand wurden daher zu einem der wesentlichen politischen Instrumente der israelischen Regierungen und insbesondere der Netanjahus. Dieser Befund entspricht der immer wieder ge\u00e4u\u00dferten These, dass die Gefahr f\u00fcr die Existenz Israels nicht von au\u00dfen, sondern von innen kommt. Je aggressiver Israel milit\u00e4risch um sich schl\u00e4gt, desto mehr beklagt es sich als Opfer, hei\u00dft Faschisten und Antisemiten willkommen, wenn sie nur proisraelisch und islamophob genug sind. Mit der Barbarei der Besatzung hat auch ein absto\u00dfender Rassismus im ganzen Land Einzug gehalten, der mit seiner j\u00fcdischen Dominanz (Nationalstaatsgesetz), den Anspruch, ein Rechtsstaat und eine Demokratie zu sein, aufgegeben hat und zu einem formellen Apartheid-Staat degeneriert. \u201eEs ist ein Land, das dem eigenen wie immer prek\u00e4ren urspr\u00fcnglichen Selbstverst\u00e4ndnis zufolge selbstverschuldet dem Abgrund zutreibt. Ohne Frieden hat Israel l\u00e4ngerfristig keine Zukunft\u201c, ist das n\u00fcchterne Fazit von Zuckermann.<\/p>\n<p>Der Blick auf Deutschland hatte Zuckermann schon 2005 zu der Erkenntnis gebracht, dass sich die urspr\u00fcnglich emanzipatorisch um Bek\u00e4mpfung und \u00dcberwindung von Antisemitismus, Rassismus und Fremdenhass bem\u00fchte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit \u201emittlerweile derma\u00dfen verdinglicht (hat), dass ihre Praxis zu einer durchideologisierten Reihe von als \u201a\u00f6ffentliche Debatten\u2018 ausgegebenen, leeren Worth\u00fclsen verkommen ist.\u201c (S. 66) Sie m\u00fcsse sich fragen lassen, ob ihre Solidarisierung mit einem abstrakten Israel nicht zugleich die notwendige Auseinandersetzung \u00fcber den f\u00fcr die israelische Gesellschaft unabdingbaren Frieden mit den Pal\u00e4stinensern aus dem Wege r\u00e4umt. 13 Jahre sp\u00e4ter hat sich an diesem Befund nichts ge\u00e4ndert. Waren es allerdings fr\u00fcher lediglich Verbalinjurien und Diffamierungen, so sind es jetzt dezidierte Ausgrenzungen und die Verhinderung kritischer Veranstaltungen eines breit gef\u00e4cherten Diffamierungsfeldes. Seine f\u00fcr sich genommen unbedeutenden Akteure \u2013 \u201eein Spektrum aggressiv-perfider Ideologen und ignoranter Protagonisten\u201c (S. 88) \u2013 k\u00f6nnen nur deshalb ihre Wirkung entfalten, weil sie sich eines gewaltigen politischen Hinterlandes sicher sein k\u00f6nnen, das sich aus Medien, der staatsoffiziellen deutschen Israel-Politik und der \u00fcber die israelische Botschaft und die j\u00fcdischen Gemeinden verbreiteten israelischen Hasbara, der israelischen Propaganda, orchestriert. Zu dieser in allen Aspekten absto\u00dfenden Koalition hat Susann Witt-Stahl, eine hervorragende Kennerin dieses unerfreulichen Spektrums deutscher Israelfreunde, einen ebenso informativen wie desillusionierenden Beitrag \u201e(Anti)-deutsche Zust\u00e4nde\u201c hinzugef\u00fcgt.<\/p>\n<p>Zuckermanns These, dass der \u201eAntisemitismus von Israel als Grundtatbestand seiner zionistischen Selbstsetzung gewollt, ja ideologisch herbeigesehnt wird\u201c (S. 100), versieht er noch mit einem Fragezeichen. Dezidiert ist er jedoch der \u00dcberzeugung, dass der Antisemitismus-Vorwurf den j\u00fcdischen Gemeinden n\u00fctzt, ihren angeschlagenen Selbstwert im Verh\u00e4ltnis zu Israel zu steigern: \u201eDer Antisemitismus erweist sich darin also als unentbehrliche Voraussetzung f\u00fcr die Konsolidierung der defizit\u00e4ren Selbstsetzung.\u201c (S. 107) Das ist keine Entlastung f\u00fcr den realen Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft, verweist nur auf den politischen Druck, den die j\u00fcdischen Gemeinden, vertreten durch den Zentralrat der Juden, auf die politische Klasse in Deutschland aus\u00fcben k\u00f6nnen, denn diese hat f\u00fcr deren Forderungen ein stets offenes Ohr. In der innerdeutschen Debatte ist der Antisemitismus schon lange zum Tauschwert f\u00fcr Antizionismus und Israelkritik geworden. In ihr geht es den Kritikern gar nicht um die Juden, schon gar nicht um den Schutz der jetzt in Israel lebenden Juden, um die Existenz und Wohl ihres Staates. Es geht ihnen um ihre eigene Befindlichkeit, ihr besch\u00e4digtes Gewissen, \u201eum die Regulierung ihres gest\u00f6rten emotionalen Haushalts\u201c, wie es Zuckermann immer wieder als typisch regressive Bew\u00e4ltigung der Vergangenheit betont. \u201eSollte sich etwa die abstrakte Solidarit\u00e4t mit einem v\u00f6lkerrechtlich verkommenen und verbrecherischen Israel als eine psycho-ideologisch motivierte Entlastung der historischen Schuld erweisen?\u201c war noch vor Jahren seine Frage. Heute ist seine Antwort: \u201eMan braucht den deutschen Antisemitismus (vorz\u00fcglich den linken deutschen Antisemitismus), um Israels verbrecherische Praxis im Umgang mit den Pal\u00e4stinensern nicht nur zu relativieren, sondern nachgerade zu entlasten; sie ist ja immerhin nicht nazistisch.\u201c (S. 161) Wahrscheinlich geht es den meisten nicht einmal mehr um die Sicht nach innen, um die Verantwortung vor der eigenen Moralit\u00e4t, sondern um die Fassade nach au\u00dfen: wie steh ich da, was sagen die anderen, die politischen Konkurrenten, schlie\u00dflich die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler? Es geht auch nicht um die Bek\u00e4mpfung des realen Antisemitismus, den man in seiner definitorischen Beliebigkeit nicht mehr pr\u00e4zise fassen kann. Der Begriff verschwimmt zunehmend mit der Inflationierung seines Gebrauchs und dem ideologischen Kurzschluss, der Judentum, Zionismus, Holocaust und israelische Politik zu einem Element zusammenbindet.<\/p>\n<p>Wer sich die nicht immer ganz leichte M\u00fche macht, sich Zuckermanns scharfer und kompromissloser Analyse einer hochideologisierten Debatte auszusetzen, bekommt Zusammenh\u00e4nge und Widerspr\u00fcche erkl\u00e4rt, die seit langem hinter einem Vorhang von Plattit\u00fcden, Diffamierungen und Heuchelei verborgen werden. Leider ist davon auszugehen, dass diejenigen, die derzeit so verbissen den Kampf gegen die Kritiker der israelischen Politik und des staatsoffiziellen Zionismus f\u00fchren, auch dieses Buch von Moshe Zuckermann nicht lesen werden. Immerhin anerkennt der Feuilletonist des Deutschlandfunks, dass das Buch \u201eden Finger in einige offene Wunden legt\u201c und der \u201eAnti-Antisemitismus-Diskurs in Israel und in Deutschland ins Heuchlerische umschl\u00e4gt\u201c. Er meint sogar, Zuckermann habe \u201emunter Sturm\u201c ges\u00e4t. Hoffen wir also, dass diese Saat aufgehen wird.<\/p>\n<p>Hamburg, d. 15.9.2018<br \/>\nNorman Paech<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46085\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Quelle: NachDenkSeiten v. 18.09.2018<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt wohl kaum ein Thema, \u00fcber das vor allem in Deutschland mit so unb\u00e4ndiger H\u00e4rte debattiert wird, wie \u00fcber das Thema \u201eAntisemitismus\u201c. 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