{"id":8874,"date":"2018-12-01T06:03:00","date_gmt":"2018-12-01T06:03:00","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=8874"},"modified":"2018-12-01T07:04:35","modified_gmt":"2018-12-01T07:04:35","slug":"wieder-ein-bedenklicher-fall-von-zensur-intoleranz-und-unterdrueckung-der-meinungsfreiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=8874","title":{"rendered":"Wieder ein bedenklicher Fall von Zensur, Intoleranz und Unterdr\u00fcckung der Meinungsfreiheit"},"content":{"rendered":"<p>Die Evangelische Kirche sagt in Karlsruhe einen Vortrag des Journalisten Andreas Zumach ab \/ Das Thema \u201eIsrael \u2013 seine wahren und falschen Freunde\u201c ist offenbar zu gef\u00e4hrlich f\u00fcr Christen.<\/p>\n<p>Wenn es nicht so traurig w\u00e4re, m\u00fcsste man eigentlich dar\u00fcber lachen: Der Journalist Andreas Zumach, der heute in Genf u.a. f\u00fcr die TAZ t\u00e4tig ist, der zuvor Jahre lang als Freiwilliger und dann als hauptamtlicher Mitarbeitet f\u00fcr die Aktion S\u00fchnezeichen\/ Friedensdienste gearbeitet hat (die sich gegen jede Form von Judenfeindlichkeit und f\u00fcr die \u00dcberlebenden des Holocaust engagiert) und der schon zahlreiche Vortr\u00e4ge im Rahmen der Kirche gehalten hat, darf in Karlsruhe vor einem Kirchenpublikum nicht sprechen. Sein f\u00fcr den 6. Dezember geplanter Vortrag zum Thema \u201eIsrael \u2013 seine wahren und falschen Freunde\u201c wurde von der \u201edienstaufsichtsf\u00fchrenden Ebene der Evangelischen Kirche in Karlsruhe\u201c abgesagt, weil es nach der Ank\u00fcndigung des Vortrages \u201eIrritationen unterschiedlicher Art\u201c gegeben habe. <!--more--><\/p>\n<p>Es bedarf keiner gro\u00dfen Spekulationen, wer der Initiator der \u201eIrritationen\u201c war: die J\u00fcdische Kultusgemeinde der Stadt, namentlich deren stellvertretende Vorsitzende, Solange Rosenberg, die in der Gemeinde f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeitsarbeit zust\u00e4ndig ist und mit dreisten, diffamierenden Falschbehauptungen \u00fcber Andreas Zumach die Veranstaltung zu verhindern suchte. Sie hat aber ganz offensichtlich so \u00fcberzogen, dass sie inzwischen einen R\u00fcckzieher machen und ihre Behauptungen zur\u00fccknehmen musste.<\/p>\n<p>Das Problem ist ja nicht neu, man muss fragen: die wievielte Veranstaltung ist dies, die auf Intervention der Israel-Lobby in Deutschland abgesagt wurde? Hier ma\u00dft sich eine sehr kleine Gruppe der deutschen Gesellschaft inquisitorisch an dr\u00fcber zu entscheiden, ob und wie deutsche Staatsb\u00fcrger sich zum Thema Israel\/Pal\u00e4stina im \u00f6ffentlichen Diskurs informieren und ihre Meinung \u00e4u\u00dfern d\u00fcrfen. Hier wird von dieser Minderheit ein elementares demokratisches Grundrecht \u2013 vielleicht das elementarste \u00fcberhaupt \u2013 in Frage gestellt: das Recht auf Meinungs-, Informations-, Presse- und Wissenschaftsfreiheit (Grundgesetz Artikel 5). Die Folge ist, dass die politische Debattenkultur in diesem Land in perfider Weise vergiftet wird, ja sogar die Demokratie gef\u00e4hrdet ist.<\/p>\n<p>Die Kampagne gegen die Kritiker der israelischen Politik verfolgt nur ein Ziel: jede \u00f6ffentliche Auseinandersetzung \u00fcber die brutale, menschenverachtende und v\u00f6lkerrechtswidrige Politik Israels gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinensern zu verhindern. Um dieses Ziel zu erreichen, ist jedes Mittel Recht: Unterstellungen, Diffamierungen und Denunziationen. Und da diese Inquisitoren die Realit\u00e4t des israelisch-pal\u00e4stinensischen Konflikts (dass Israel hier der T\u00e4ter und nicht das Opfer ist) nicht anerkennen wollen, setzen sie die st\u00e4rkste Waffe ein, \u00fcber die sie verf\u00fcgen: den verleumderischen Antisemitismus-Vorwurf. Dabei ist allgemein bekannt und gar nicht zu leugnen, dass es sich bei dem Konflikt zwischen Israelis und Pal\u00e4stinensern gar nicht um ein Antisemitismus-Problem handelt, sondern um einen Territorial-Konflikt: Hier ist einem ganzen Volk (den Pal\u00e4stinensern) von den israelischen Siedlerkolonialisten ihr Land und damit ihre Existenzgrundlage geraubt worden. Damit ist diesem Volk aber auch sein v\u00f6lkerrechtlich verb\u00fcrgtes Recht auf Selbstbestimmung und Souver\u00e4nit\u00e4t genommen worden. Verleumderisch ist der Antisemitismus-Vorwurf in diesem Fall, weil ein Engagement f\u00fcr Menschen- und V\u00f6lkerrecht niemals \u201eantisemitisch\u201c sein kann.<\/p>\n<p>Nun ist die v\u00f6lkerrechtswidrige Politik des zionistischen Staates Israel das Eine, das Andere ist, dass deutsche Entscheidungstr\u00e4ger \u2013 Politiker, Kirchenf\u00fchrer und Publizisten \u2013 sich aus vom deutschen Mega-Verbrechen Holocaust herr\u00fchrenden Schuldgef\u00fchlen zu blinder Solidarit\u00e4t (Kanzlerin Merkel: \u201eStaatsr\u00e4son\u201c) gegen\u00fcber Israel verpflichtet f\u00fchlen, wobei sie in h\u00f6chst fahrl\u00e4ssiger Weise \u00fcbersehen, dass Judentum, Zionismus und Israel (nat\u00fcrlich auch umgekehrt: Antisemitismus, Antizionismus und Kritik an Israels Politik) nicht dasselbe, sondern grundverschiedene Dinge sind. Aus berechtigten Schuldgef\u00fchlen gegen\u00fcber Juden (wobei hier nicht die Kollektivschuldthese verteidigt werden soll) und im Bestreben, S\u00fchne zu erlangen, ist man zum Philosemitismus \u00fcbergewechselt und glaubt so, das zionistische System mit seiner Unrechtspolitik unterst\u00fctzen zu m\u00fcssen. Dass es gerade wegen dieser Politik mit Israel keine gemeinsamen Werte geben kann, wird dabei geflissentlich verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Diese Ausgangslage zwingt zu einer permanenten Unaufrichtigkeit im Verh\u00e4ltnis der Deutschen zu Juden bzw. Israel. Der Grund f\u00fcr diesem Missstand liegt in einer verfehlten Aufarbeitung der NS-Zeit. Dazu schreibt der israelische Philosoph und Soziologe Moshe Zuckermann treffend: \u201eSollte sich etwa die abstrakte Solidarit\u00e4t mit einem v\u00f6lkerrechtlich verkommenen und verbrecherischen Israel als eine psycho-ideologisch motivierte Entlastung der historischen Schuld der Deutschen erweisen? Man misst diese M\u00f6glichkeit normalerweise der deutschen Solidarit\u00e4t mit den Pal\u00e4stinensern bei. Muss man nicht annehmen, dass sie sich viel gravierender, wenngleich auch gl\u00e4nzend kaschiert, in der \u00fcberbordenden Solidarit\u00e4t mit dem Judenstaat niedergeschlagen hat?<\/p>\n<p>Dies ist ein sehr wichtiger, vielleicht der wichtigste Grund, wenn Entscheidungstr\u00e4ger (wie jetzt die Evangelische Kirche in Karlsruhe) Vortr\u00e4ge, die sich kritisch mit Israels Politik auseinandersetzen, nicht zulassen bzw. absagen oder verbieten. Wobei dabei v\u00f6llig au\u00dfer Acht gelassen wird, dass die deutsche Schlussfolgerung aus den monstr\u00f6sen Verbrechen der Nazis nicht die Komplizenschaft mit einem Staat sein kann, der eine in jeder Hinsicht unmenschliche Politik gegen\u00fcber einem anderen Volk betreibt, sondern sich \u00fcberall auf der Welt f\u00fcr Menschenrechte einzusetzen, wo sie gef\u00e4hrdet sind oder verletzt werden.<\/p>\n<p>Die Kirchen haben dabei noch ein Sonderproblem, und der f\u00fcr die Absage von Andreas Zumachs Vortrag in Karlsruhe verantwortliche Dekan Thomas Schalla wird das sehr genau wissen: die protestantische Nach-Auschwitz-Theologie. Wegen der S\u00fcnden, die die Kirche Jahrhunderte lang mit ihrem Anti-Judaismus und sp\u00e4ter der Unterst\u00fctzung der Nazis begangen hat, hat sie nach 1945 als S\u00fchne eine Theologie entwickelt, die sie zu r\u00fcckhaltloser Identifikation mit dem heutigen Israel verpflichtet, weil man in diesem Staat immer noch in Kontinuit\u00e4t mit den antiken, biblischen Israeliten das \u201eVolk Gottes\u201c sieht. Diese Theologie unterst\u00fctzt konsequenterweise (eben aus alttestamentarischen Gr\u00fcnden) den heutigen israelischen Anspruch auf das Land Pal\u00e4stina. Der amerikanisch-j\u00fcdische Autor Mark Braverman schreibt \u00fcber diese Theologie in seinem Buch \u201eVerh\u00e4ngnisvolle Scham. Israels Politik und das Schweigen der Kirche\u201c: \u201ePal\u00e4stina wurde dem j\u00fcdischen Volk als modernes Schuldopfer dargebracht.\u201c<\/p>\n<p>Die Kirche scheut also eine offene Debatte \u00fcber den Pal\u00e4stina-Konflikt aus zwei Gr\u00fcnden: erstens f\u00fcrchtet sie, dass durch ein Eintreten f\u00fcr Gerechtigkeit f\u00fcr die Pal\u00e4stinenser die nach 1945 m\u00fchsam aufgebauten christlich-j\u00fcdischen Beziehungen gef\u00e4hrdet w\u00fcrden; und zweitens f\u00fcrchtet sie nat\u00fcrlich den Antisemitismus-Vorwurf der Israel-Lobby in Deutschland. Mark Braverman hat angemahnt, was in dieser Hinsicht die eigentliche Aufgabe der Kirche sein m\u00fcsste: \u201eDie Herausforderung [f\u00fcr die Theologie und die Kirche] besteht nicht l\u00e4nger darin, die Vergangenheit in Ordnung zu bringen. Die dringende Herausforderung besteht darin, nach vorne zu sehen. Die Aufgabe, der sich die Glaubensgemeinschaften heute gegen\u00fcbersehen, ist es nicht, einen christlich-j\u00fcdischen Dialog um seiner selbst willen zu f\u00fchren oder eine Vers\u00f6hnung im Hinblick auf vergangene S\u00fcnden und Trag\u00f6dien zu erreichen. Vielmehr ist gewissenhaft und bewusst das Augenmerk darauf zu richten, die Grundursache f\u00fcr den israelisch-pal\u00e4stinensischen Konflikt zu beseitigen: die Vertreibung der Pal\u00e4stinenser und die Etablierung von Apartheidstrukturen der Diskriminierung. Wir stehen vor einer prophetischen Herausforderung, die uns vereinigen muss \u2013 dabei ist es ohne Bedeutung, ob wir Christen, Juden, Muslime, Amerikaner, Deutsche, S\u00fcdafrikaner oder Israelis sind.\u201c Dass die Kirche wegen ihres Schweigens zum Pal\u00e4stina-Konflikt neue schwere Schuld auf sich l\u00e4dt, darf in diesem Zusammenhang nicht unerw\u00e4hnt bleiben.<\/p>\n<p>Aber die Kirche verharrt (der Fall Karlsruhe ist ein Musterbeispiel daf\u00fcr) auf ihren erstarrten theologischen Positionen und bewegt sich in Bezug auf Israel nicht von der Stelle \u2013 ganz im Gegensatz zu ihrem eigentlichen Auftrag: f\u00fcr die Schwachen, Benachteiligten und Unterdr\u00fcckten da zu sein. Und was den j\u00fcdisch-christlichen Dialog angeht, auf den sich die Absage von Andreas Zumachs Vortrag ausdr\u00fccklich bezieht, sollte man an einen gro\u00dfen j\u00fcdischen Denker erinnern: an den Aufkl\u00e4rer und Humanisten Moses Mendelsohn (1729 \u2013 1786), der sich r\u00fcckhaltlos f\u00fcr Toleranz und ungebundene Gedankenfreiheit einsetzte und ganz besonders die damaligen Zensurma\u00dfnahmen der Kirche gegen alle aufkl\u00e4rerischen Tendenzen radikal ablehnte. So gesehen sind Veranstaltungsverbote oder -absagen wie jetzt in Karlsruhe nicht nur ein schlimmer Versto\u00df gegen das Grundgesetz, sondern ein R\u00fcckfall in voraufkl\u00e4rerische Zeiten.<\/p>\n<p>Arn Strohmeyer<\/p>\n<p>30.11.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Evangelische Kirche sagt in Karlsruhe einen Vortrag des Journalisten Andreas Zumach ab \/ Das Thema \u201eIsrael \u2013 seine wahren und falschen Freunde\u201c ist offenbar zu gef\u00e4hrlich f\u00fcr Christen. 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