{"id":8894,"date":"2018-12-16T17:57:29","date_gmt":"2018-12-16T17:57:29","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=8894"},"modified":"2018-12-16T17:59:52","modified_gmt":"2018-12-16T17:59:52","slug":"new-york-times-unmut-ueber-israel-ist-nicht-antisemitisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=8894","title":{"rendered":"New York Times: &#8222;Unmut \u00fcber Israel ist nicht antisemitisch&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/by\/michelle-goldberg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-8896 size-medium\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/18-12-16-NYT-antizionismus-300x164.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"164\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/18-12-16-NYT-antizionismus-300x164.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/18-12-16-NYT-antizionismus-768x420.jpg 768w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/18-12-16-NYT-antizionismus-1024x560.jpg 1024w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/18-12-16-NYT-antizionismus-500x274.jpg 500w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/18-12-16-NYT-antizionismus.jpg 1705w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Ein wichtiger Essay in der New York Times von Michelle Goldberg<br \/>\nQuelle: <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/by\/michelle-goldberg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.nytimes.com\/by\/michelle-goldberg<\/a><\/p>\n<p>Letzte Woche gingen die Ergebnisse einer EU-Studie zum Antisemitismus durch die Medien. Demnach f\u00fchlen sich Juden viel mehr angegriffen als bisher bekannt.<!--more--> Zwei Gr\u00fcnde f\u00fcr diesen Widerspruch zu bisher Bekanntem sind: Die Studie war nicht repr\u00e4sentativ, vielmehr konnte teilnehmen wer wollte. Zum anderen \u00fcberlie\u00df es die Studie den Befragten selbst, Ereignisse als antisemitisch einzuordnen. Der Verdacht liegt nahe, dass daher viele Teilnehmende Unmut \u00fcber Israel als Ausdruck von Antisemitismus werteten; denn der Unterschied zwischen diesen Einstellungen wird heute vielfach vernebelt.<\/p>\n<p>Von gro\u00dfer Bedeutung ist daher, dass in der New York Times, dem liberalen Leitmedium der USA-Presse, ein Aufsatz von Michelle Goldberg erschien, in dem sie deutlich macht, dass Antizionismus nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen ist. Dabei geht sie auch auf die Situation der Juden in den USA ein und auf die neue au\u00dfenpolitische Strategie von Ministerpr\u00e4sident Netanyahu, der nationalistische europ\u00e4ische Politiker wie Viktor Orban (trotz dessen antisemitischer Kampagne gegen George Soros) und Matteo Salvini hofiert, weil er sich ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr seine Politik, z.B. gegen\u00fcber dem Iran, erhofft.<\/p>\n<p>Wir dokumentieren hier Michelle Goldbergs Essay in unserer \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p>New York Times v. 7. Dezember 2018<br \/>\nMichelle Goldberg<br \/>\n<strong>Antizionismus ist nicht dasselbe wie Antisemitismus<\/strong><br \/>\n<strong>Amerikanische Juden haben von den neuen Kritikern Israels im Kongress nichts zu bef\u00fcrchten<\/strong><\/p>\n<p>Am Montag hat Rashida Tlaib, Mitglied der Demokratischen Partei aus Michigan &#8211; im November als erste pal\u00e4stinensische Amerikanerin in den Kongress gew\u00e4hlt &#8211; die BDS-Bewegung \u00f6ffentlich unterst\u00fctzt, die durch wirtschaftlichen Druck auf Israel die Rechte der Pal\u00e4stinenser sichern will. Damit ist sie nach Ilhan Omar, der Abgeordneten der Demokraten aus Minnesota, das zweite neue Kongressmitglied, das die BDS-Bewegung unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Keines der bisherigen Kongressmitglieder unterst\u00fctzt BDS; die Bewegung ist in der amerikanischen Politik ein Tabu, aus mehreren Gr\u00fcnden. Ihre Gegner argumentieren, Israel als Ziel \u00f6konomischer Bestrafung herauszugreifen, sei unfair und diskriminierend, da Israel nicht im entferntesten der schlimmste Verletzer der Menschenrechte sei. Dar\u00fcber hinaus unterst\u00fctze die Bewegung das Recht der pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlinge und ihrer Nachkommen auf R\u00fcckkehr nach Israel, was zu einem Ende des Staates Israel als mehrheitlich j\u00fcdischer Staat f\u00fchren k\u00f6nne. (Viele BDS-Unterst\u00fctzer setzen sich f\u00fcr einen binationalen Staat f\u00fcr beide V\u00f6lker ein). Nat\u00fcrlich wurde die Auffassung von Tlaib und Omar von konservativer Seite in den USA &#8211; und nicht nur von dieser &#8211; als antisemitisch angeprangert.<\/p>\n<p>Dieser Vorwurf ist unzutreffend. Die Gleichsetzung von Antizionismus mit Antisemitismus hat etwas von einem Taschenspielertrick, der auf der Annahme basiert, Israel sei die Verk\u00f6rperung des j\u00fcdischen Volkes auf der ganzen Welt. Sicherlich ist manche Kritik an Israel antisemitisch, aber man kann sehr wohl gegen den j\u00fcdischen Ethno-Nationalismus Stellung nehmen, ohne ein Eiferer zu sein. In der Tat wird es immer absurder, den israelischen Staat als Stellvertreter f\u00fcr die Juden schlechthin zu betrachten, angesichts der Art und Weise, in der die gegenw\u00e4rtige israelische Regierung sich mit weit rechtsgerichteten europ\u00e4ischen Bewegungen mit antisemitischen Wurzeln verbr\u00fcdert.<\/p>\n<p>Die Interessen des Staates Israel und der Juden in der Diaspora k\u00f6nnen manchmal \u00fcbereinstimmen, sie waren jedoch nie identisch. Rechtsgerichtete Antisemiten haben bisweilen den Zionismus unterst\u00fctzt, weil sie Juden in ihren L\u00e4ndern nicht haben wollten &#8211; ein deutliches Beispiel ist die polnische Regierung in den 1930er Jahren.<\/p>\n<p>Umgekehrt gibt es eine lange Geschichte des j\u00fcdischen, sowohl s\u00e4kularen als auch religi\u00f6sen, Antizionismus oder Nichtzionismus. Im Jahr 1950 traf Jacob Blaustein, Pr\u00e4sident des American Jewish Committee, mit dem israelischen Ministerpr\u00e4sidenten David Ben-Gurion eine Vereinbarung, in der Ben-Gurion zusagte, nicht den Anspruch zu erheben, f\u00fcr die amerikanischen Juden zu sprechen. \u201cDie Juden der Vereinigten Staaten, als eine Gemeinschaft und als Individuen, haben keine politische Bindung an Israel\u201c, sagte Blaustein damals.<\/p>\n<p>Jahrzehnte sp\u00e4ter w\u00e4re eine solche Stellungnahme des American Jewish Committee &#8211; oder einer anderen wichtigen j\u00fcdischen mainstream-Organisation &#8211; undenkbar. Ein Konsens, dass \u201edie j\u00fcdische Identit\u00e4t auf Israelismus reduziert werden kann\u201c, ist &#8211; so sagte mir Eliyahu Stern, Dozent f\u00fcr moderne j\u00fcdische Geschichte an der Universit\u00e4t Yale &#8211; \u201eetwas, das sich in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts in Amerika entwickelt hat.\u201c<\/p>\n<p>Die zentrale Bedeutung Israels f\u00fcr die j\u00fcdische Identit\u00e4t der amerikanischen Juden hat die liberalen amerikanischen Juden zeitweise in eine unangenehme Lage gebracht, da sie hier, wo sie eine Minderheit sind, den multiethnischen Pluralismus verteidigen, w\u00e4hrend sie ihn in Israel, wo die Juden die Mehrheit bilden, unaussprechlich finden. (Amerikanische wei\u00dfe Nationalisten, von denen manche ihr Projekt mit dem Zionismus vergleichen, weisen gern auf diesen Widerspruch hin.)<\/p>\n<p>Bis vor kurzem fiel es vielen Liberalen ziemlich leicht, eine stringente Anwendung dieser liberalen Haltung auf Israel als Verschrobenheit von Kleingeistern abzutun. Ein binationaler Staat mag sich in der Theorie gut anh\u00f6ren, aber in der Praxis f\u00fchrt er vermutlich zum B\u00fcrgerkrieg. (Sogar die Belgier haben Probleme damit.) Mit der Zweistaatenl\u00f6sung schien sich eine L\u00f6sung anzubieten, mit der sowohl ein pal\u00e4stinensischer Staat als auch der Fortbestand Israels als j\u00fcdischer und demokratischer Staat erm\u00f6glicht w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Jetzt hat Israel jedoch eine Zweistaatenl\u00f6sung unm\u00f6glich gemacht, durch den Siedlungsbau in der Westbank und die Weigerung, den Pal\u00e4stinensern Ost-Jerusalem als Hauptstadt zuzugestehen. Solange die israelische Politik de facto die Politik verfolgt, dass es im historischen Pal\u00e4stina nur einen Staat geben darf, ist es unangemessen, die pal\u00e4stinensischen Forderungen nach Gleichberechtigung in diesem Staat als antisemitisch zu bezeichnen. Wenn die israelische Regierung einen pal\u00e4stinensischen Staat als einen l\u00e4cherlichen Wunschtraum betrachtet, k\u00f6nnen wir anderen nicht so tun, als sei ein solcher Staat das einzig legitime Ziel pal\u00e4stinensischer Politik.<\/p>\n<p>Zeitweise habe ich denen zugestimmt, die die Fixierung der Kritik der Linken auf Israel als unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig ansehen. Aber das h\u00e4ufig vorgebrachte Argument, dass andere V\u00f6lker mehr leiden als die Pal\u00e4stinenser, kann auch nur ein aggressives Ablenkungsman\u00f6ver sein, mit dem Ziel, die Sonderrolle der USA als Schutzmacht Israels zu kaschieren.<\/p>\n<p>In einem Gastkommentar im Wall Street Journal hat der US-Au\u00dfenminister in der vergangenen Woche die enger werdenden Kontakte Saudi-Arabiens mit Israel als Begr\u00fcndung daf\u00fcr angef\u00fchrt, dass die USA das Verh\u00e4ltnis zu Saudi-Arabien nicht verschlechtern wollen, trotz der Ermordung des Journalisten Jamal Kashoggi. Wenn die Trump-Administration unsere Allianz mit Israel als Vorwand benutzt, grundlegende Werte aufzugeben, haben die Amerikaner ganz bestimmt das Recht, diese Allianz einer eingehenden \u00dcberpr\u00fcfung zu unterziehen.<\/p>\n<p>Unterdessen ist Israel immer mehr willens, sich mit ausl\u00e4ndischen Politikern zu verb\u00fcnden, die mit seinem illiberalen Nationalismus \u00fcbereinstimmen &#8211; trotz deren feindlicher Gesinnung gegen\u00fcber Juden. \u201eIn der Vergangenheit hat Israel immer die klare Position vertreten, dass es sich nicht mit politischen Parteien verb\u00fcndet, mit denen die Juden des Landes einen Kontakt ablehnen.\u201c schrieb Anshel Pfeffer im letzten Jahr in Haaretz; aber Ministerpr\u00e4sident Netanyahu habe \u201ediesen Grundsatz aufgegeben\u201c.<\/p>\n<p>Netanyahu pflegt eine besonders enge Beziehung zu dem ungarischen Rechtspopulisten Viktor Orban, dessen Regierung eine Verteufelungskampagne gegen den in Ungarn geborenen j\u00fcdischen Milliard\u00e4r George Soros f\u00fchrt. Anfang Dezember teilte die (von George Soros gegr\u00fcndete) Central European University mit, dass sie nun gezwungen sei, Ungarn zu verlassen. Zudem versucht Netanyahus B\u00fcro, mit Ungarn einen Kompromiss \u00fcber das Konzept eines Museums auszuhandeln, das &#8211; wie viele bef\u00fcrchten &#8211; die Rolle Ungarns beim nationalsozialistischen V\u00f6lkermord an den Juden sch\u00f6nreden k\u00f6nnte und Israel seinen Stempel unter eine modifizierte Form eines Holocaust-Revisionismus setzen lassen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Netanyahu scheint also zu verstehen, dass pro Israel und pro j\u00fcdisch zu sein nicht dasselbe ist. Liberale amerikanische Juden, insbesondere j\u00fcngere, ziehen gerade dieselbe Lehre. Einige stramme Zionisten sind schlecht f\u00fcr die Juden &#8211; zum Beispiel Steve King, republikanischer Kongressabgeordneter aus Iowa, der seine Unterst\u00fctzung f\u00fcr Israel geltend macht, wenn er wegen seines unverhohlenen wei\u00dfen Nationalismus zur Rede gestellt wird. Parallel dazu werden Menschen mit einem kompromisslosen Engagement zur pluralistischen Demokratie zwangsl\u00e4ufig Kritiker des heutigen Israel sein. Dieses Engagement macht sie jedoch zu den nat\u00fcrlichen Verb\u00fcndeten der Juden \u00fcberall sonst.<\/p>\n<p>Quelle (mit freundlicher Genehmigung): <a href=\"https:\/\/bibjetzt.wordpress.com\/author\/bibjetzt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BIB Aktuell #45 v. 16.12.2018<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein wichtiger Essay in der New York Times von Michelle Goldberg Quelle: https:\/\/www.nytimes.com\/by\/michelle-goldberg Letzte Woche gingen die Ergebnisse einer EU-Studie zum Antisemitismus durch die Medien. 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