{"id":9255,"date":"2019-03-13T06:27:11","date_gmt":"2019-03-13T06:27:11","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=9255"},"modified":"2019-03-13T18:29:47","modified_gmt":"2019-03-13T18:29:47","slug":"empathie-fuer-die-zivilbevoelkerung-des-besetzten-palaestina-ist-kein-antisemitismus-sagt-der-renommierte-antisemitismusforscher-wolfgang-benz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=9255","title":{"rendered":"Wolfgang Benz: \u201eEmpathie f\u00fcr die Zivilbev\u00f6lkerung des besetzten Pal\u00e4stina ist kein Antisemitismus\u201c"},"content":{"rendered":"<p>\u201eEmpathie f\u00fcr die Zivilbev\u00f6lkerung des besetzten Pal\u00e4stina ist kein Antisemitismus\u201c, sagt der renommierte Antisemitismusforscher Wolfgang Benz.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Herr Professor Benz, was verstehen Sie unter Antisemitismus?<\/strong><\/p>\n<p>Wolfgang Benz: Antisemitismus meint Hass auf Juden, weil sie Juden sind. Das begann mit dem religi\u00f6sen Antijudaismus. Die Christen haben die Juden ausgegrenzt, weil diese sich nicht zum Christentum bekehren wollten. Das wurde im 19. Jahrhundert modernisiert und es entstand der Rassenantisemitismus, der direkt zum Holocaust f\u00fchrte. Nach dem Holocaust war die Judenfeindschaft nicht verschwunden. Es entstand eine neue Form, die sich an Wiedergutmachungsleistungen festmachte, an Schuld- und Schamgef\u00fchlen. Die Experten nennen das sekund\u00e4ren Antisemitismus oder T\u00e4ter-Opfer-Umkehr. Eine weitere Form der Judenfeindschaft ist der Antizionismus, also die Feindschaft gegen Israel als j\u00fcdischen Staat.<\/p>\n<p><strong>Ist dann Kritik am Staat Israel generell antisemitisch?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Kritik an israelischer Politik und der israelischen Regierung ist grunds\u00e4tzlich genauso legitim wie Kritik an der \u00f6sterreichischen oder US-amerikanischen Politik. Der fr\u00fchere Bundespr\u00e4sidenten Johannes Rau sagte einmal: Es ist doch Freundespflicht zu kritisieren, wenn es etwas zu kritisieren gibt. Schwierig wird es dann, wenn \u00fcbereifrige Aktivisten jedes kritische Wort gegen\u00fcber dem israelischen Premierminister als Israelkritik oder gar als Form von Antisemitismus verstehen. Schwierig wird es aber auch, wenn es nicht um politische Probleme geht und Judenfeinde ihren Hass als Israelkritik kaschieren. Wer mit ganzem Herzen Partei ergreift, ist oft nicht mehr f\u00e4hig, zu differenzierenden. Tatsache ist, Empathie f\u00fcr die Zivilbev\u00f6lkerung des besetzten Pal\u00e4stina ist kein Antisemitismus.<\/p>\n<p><strong>Wie beurteilen Sie die Boykottbewegung pal\u00e4stinensischer Nichtregierungsorganisation, die unterst\u00fctzt wird von israelischen Friedensaktivisten und Holocaust-\u00dcberlebenden?<\/strong><\/p>\n<p>Wer diese Bewegung als antisemitisch abstempelt, hat prim\u00e4r ein politisches Interesse \u2013 und kein Interesse an Aufkl\u00e4rung und Frieden. Wer die Boykott-Bewegung, der ich pers\u00f6nlich ganz ferne stehe, im Kern als antisemitisch bezeichnet, hat schon Partei ergriffen und sich fanatisieren lassen \u2013 und ist zu keinem unbefangenen Urteil mehr f\u00e4hig.<\/p>\n<p><strong>Die Debatten sind aufgew\u00fchlt. Haben wir mehr antisemitische Vorkommnisse oder einfach eine gr\u00f6\u00dfere Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber Judenhass?<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben keine belastbaren Beweise, dass antisemitische Gewalttaten in Deutschland dramatisch zugenommen haben. Es gibt auch keinen \u201eneuen Antisemitismus\u201c. Es ist immer der alte. Doch wir haben eine stark gesteigerte Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber allem, was Antisemitismus ist oder von Einzelnen so empfunden wird, auch in der Politik \u2013 und das ist gut so. Dass in Deutschland lebende Juden das Recht haben, besonders kritisch und \u00e4ngstlich zu sein, das kann man nur mit tiefem Respekt vor dem, was historisch geschehen ist, wahrnehmen. Doch man muss auch zwischen Emotionen und Realit\u00e4ten unterscheiden.<\/p>\n<p><strong>Ver\u00e4ndert sich das Erscheinungsbild des Antisemiten?<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Jeder Judenfeind wei\u00df, er darf seinen Hass nicht offen formulieren, sonst schadet er seiner Karriere. Er muss Umwege suchen \u2013 und der Hass auf den Staat Israel ist der bequemste.<\/p>\n<p><strong>Geht von Antisemiten in Nadelstreifen die gr\u00f6\u00dften Gefahren aus?<\/strong><\/p>\n<p>Die Gefahr geht immer von Demagogen aus. Das sind die Krawattentr\u00e4ger, die neuerdings auch in Parlamenten das rechte Wort f\u00fchren. Die legen die Lunte beim Hass auf Juden und gegen\u00fcber Muslimen. Als weitere Gefahrenquellen hinzu kommen soziale Netzwerke. Hier glauben viele, nach Herzenslust p\u00f6beln zu k\u00f6nnen. Doch diese Dunkelm\u00e4nner und -frauen stehen nicht f\u00fcr die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p><strong>Unterscheiden sich die Entwicklungen in Deutschland beispielsweise von denen in Frankreich?<\/strong><\/p>\n<p>Ganz erheblich. In Deutschland ist es Teil der politischen Kultur, dass Juden nicht beleidigt werden d\u00fcrfen. Das ist eine Reaktion auf den Holocaust. Andere L\u00e4nder kennen dieses Tabu nicht. In Frankreich haben wir einen wachsenden Rassenantisemitismus von b\u00f6sartiger Qualit\u00e4t. Wir haben in Polen einen fundamentalistischen, religi\u00f6s argumentierenden Antijudaismus verbunden mit allgemeinem Antisemitismus. In Ungarn wiederum haben wir einen traditionellen Antisemitismus, der von der derzeitigen Regierung forciert wird. Ich verwahre mich dagegen, alle nationalen Erscheinungen von Judenfeindschaft zu einem Schreckensszenario zusammenzur\u00fchren, das das \u00dcbel des Antisemitismus vor allem am Erscheinungsbild Israels beziehungsweise der jeweiligen Einstellung zu diesem Staat festmacht. Auch da pl\u00e4diere ich f\u00fcr die notwendige Differenzierung.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.swp.de\/politik\/inland\/interview-mit-antisemitismusforscher-wolfgang-benz-30241771.html?fbclid=IwAR3CxEcMuVkMenKUHm8gr0SCVWGMduxQ-SoenPpRakYE8MrkKbJHYfMIXLg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">S\u00fcdwestpresse v. 09.03.2019<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEmpathie f\u00fcr die Zivilbev\u00f6lkerung des besetzten Pal\u00e4stina ist kein Antisemitismus\u201c, sagt der renommierte Antisemitismusforscher Wolfgang Benz.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-9255","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9255","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9255"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9255\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9259,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9255\/revisions\/9259"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9255"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9255"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9255"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}