{"id":9780,"date":"2019-12-30T10:33:42","date_gmt":"2019-12-30T10:33:42","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=9780"},"modified":"2019-12-30T10:41:29","modified_gmt":"2019-12-30T10:41:29","slug":"genau-wann-ist-israelkritik-antisemitisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=9780","title":{"rendered":"Georg Meggle fragt: &#8222;Genau wann ist Israelkritik antisemitisch?&#8220;"},"content":{"rendered":"<header class=\"article-header\"><\/header>\n<p class=\"lead beitraganriss\"><strong>Der IHRA-Definition des Antisemitismus folgen immer mehr L\u00e4nder, Hauptzweck ist ihre Verwendbarkeit als semantische Waffe<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Jared Kushner, Schwiegersohn und Chefberater des derzeitigen US-Pr\u00e4sidenten, und f\u00fcr viele andere ist das keine echte Frage: <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2019\/12\/11\/opinion\/jared-kushner-trump-anti-semitism.html\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener\">Jeder Antizionismus ist antisemitisch<\/a>. Und da jede grunds\u00e4tzlichere Israelkritik antizionistisch sei, so folgt f\u00fcr sie bereits, dass \u2026 . Also: Wo liegt das Problem? Ich meine: ACHTUNG: Hier ist etwas faul. Doch was?<!--more--><\/p>\n<p>Inzwischen d\u00fcrfte fast jeder, der sich irgendwie f\u00fcr Israel oder gar speziell f\u00fcr die Beziehungen Deutschlands zu diesem Land interessiert, von der sogenannten IHRA-Definition des &#8222;Antisemitismus&#8220; geh\u00f6rt haben (<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Genau-wann-bin-ich-Antisemit-4547202.html?seite=all\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener\">Genau wann bin ich Antisemit?)<\/a>; die <a href=\"https:\/\/www.ohchr.org\/Documents\/Issues\/Religion\/Submissions\/JBI-Annex1.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener\">verbindliche englische Fassung<\/a>. Der Kernsatz dieser Definition:<\/p>\n<div class=\"rte__textbox akwa-inline-textbox col-lg-12 col-md-12 col-sm-12 col-xs-12\">\n<p>[K] Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die im Hass auf Juden Ausdruck finden kann.<\/p>\n<\/div>\n<p>Gut verst\u00e4ndlich ist diese Definition, zu der noch einiges Kleingedruckte (mit Beispielen prim\u00e4r f\u00fcr den so genannten &#8222;israelbezogenen Antisemitismus&#8220;) dazukommt, zwar nicht. Aber f\u00fcr ein rationales Verstandenwerden war sie auch gar nicht gemacht. Mit ihr soll &#8211; als &#8222;Arbeitsdefinition&#8220; &#8211; schlie\u00dflich &#8222;nur&#8220; gearbeitet werden. Doch gearbeitet woran bzw. wof\u00fcr? Was ist ihr Hauptzweck?<\/p>\n<p>Der Hauptzweck dieser &#8222;Definition&#8220; ist ihre Verwendbarkeit als semantische Waffe im Kampf gegen all das, was nach Ansicht der israelischen Regierung &#8211; genauer: deren zust\u00e4ndigem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ministerium_f%C3%BCr_strategische_Angelegenheiten_(Israel)\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener\">Ministerium f\u00fcr Strategische Angelegenheiten<\/a> &#8211; jeweils aktuell als &#8222;antisemitisch&#8220; klassifiziert werden soll. Dieser Einsatz verl\u00e4uft bislang ziemlich erfolgreich. Der IHRA-Definition folgen inzwischen immer mehr der in der IHRA vertretenen 32 L\u00e4nder. Zunehmend auch ganz offiziell &#8211; und damit, so hat es den Anschein, nun auch ganz offen. Nicht nur <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Trump-will-mit-Praesidentenerlass-gegen-Antisemitismus-in-Schulen-und-Universitaeten-vorgehen-4613079.html\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener\">per Pr\u00e4sidenten-Dekret<\/a> wie <a href=\"https:\/\/www.jpost.com\/Diaspora\/Antisemitism\/Trump-expected-to-issue-executive-order-against-antisemitism-on-campus-610540\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener\">in den USA<\/a>; auch mit beeindruckenden Stimmen-Mehrheiten in den Parlamenten europ\u00e4ischer Demokratien &#8211; wie z.B. dem <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/dokumente\/textarchiv\/2019\/kw20-de-bds-64289\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener\">deutschen Bundestag<\/a>, der <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Israelkritik-kann-Antisemitismus-sein-4613750.html\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener\">franz\u00f6sischen Nationalversammlung<\/a> und jetzt sicher auch bald im englischen Unterhaus. Ob per Dekret oder per demokratischer Mehrheitsentscheidung &#8211; der Effekt ist derselbe: Die IHRA-&#8222;Arbeitsdefinition&#8220; ist als Norm etabliert.<\/p>\n<p>Dass gegen diese Art der semantischen Kriegsf\u00fchrung weltweit <a href=\"https:\/\/de.scribd.com\/document\/412474418\/Aufruf-von-240-Judischen-und-Israelischen-Wissenschaftlern-an-die-Bundesregierung-zu-BDS-und-Antisemitismus\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener\">prim\u00e4r j\u00fcdische Stimmen Einspruch erheben<\/a>, das wird &#8211; speziell in Deutschland &#8211; in den \u00f6ffentlichen Debatten nahezu schlicht ignoriert. Ebenso ignoriert wird, dass sich einige derer, die diese Definition offenkundig mit einer sehr hei\u00dfen Nadel gestrickt hatten, von den folgenreichsten Eins\u00e4tzen ihres selbst zurechtgebastelten Begriff-Instruments &#8211; insbesondere was die Einschr\u00e4nkung der Redefreiheit angeht &#8211; inzwischen selber <a href=\"https:\/\/docs.house.gov\/meetings\/JU\/JU00\/20171107\/106610\/HHRG-115-JU00-Wstate-SternK-20171107.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener\">\u00f6ffentlich klar distanziert haben<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.jewishvoiceforlabour.org.uk\/article\/why-the-man-who-drafted-the-ihra-definition-condemns-its-use\/\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener\">hier<\/a>. Egal: Die IHRA-Definition erf\u00fcllt ihren Zweck. Wer interessiert sich da noch ernsthaft f\u00fcr deren Genese, Un-Verst\u00e4ndlichkeit bzw. gar deren intern schr\u00e4ge Logik?<\/p>\n<p>Es lohnt sich nicht, \u00fcber diese Definition l\u00e4nger zu streiten. Ihre Unbrauchbarkeit f\u00fcr ein sinnvolles Nachdenken \u00fcber Antisemitismus ist allzu offensichtlich. (Siehe dazu das ausf\u00fchrlichere <a href=\"https:\/\/www.rosalux.de\/publikation\/id\/41168\/gutachten-zur-arbeitsdefinition-antisemitismus-der-ihra\/\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener\">Gutachten von P. Ullrich<\/a> und mein sehr viel k\u00fcrzerer <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Test-der-Arbeitsdefinition-Antisemitismus-Ergebnis-Mangelhaft-4574197.html\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener\">Kommentar)<\/a>. Zudem st\u00fcnde eine sehr viel einfachere und so auch weitaus durchsichtigere alternative Begriffsverwendung jedermann und jeder Frau v\u00f6llig m\u00fchelos zur Verf\u00fcgung, eine Verwendung, die au\u00dferdem auch dem Kern dessen entspricht, was normalerweise korrekt darunter verstanden wird: <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Genau-wann-bin-ich-Antisemit-4547202.html?seite=all\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener\">Antisemitismus = Judendiskriminierung. Punkt.<\/a><\/p>\n<p>Warum also widerf\u00e4hrt nicht auch dieser &#8222;Arbeitsdefinition&#8220; eben jenes Schicksal, das normalerweise einer jeden anderen derart schlampigen Definition widerf\u00fchre: ihr wohlverdientes &#8222;Ab in den Papierkorb!&#8220;?<\/p>\n<p>Dies &#8211; eben diese Widerst\u00e4ndigkeit gegen den Papierkorb -, genau dies ist das einzige Problem, das mir beim Blick auf den so stark propagierten Umgang mit diesem Machwerk wirklich erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig erscheint.<\/p>\n<p>Die gleiche Frage nochmal: Bei der IHRA-Arbeitsdefinition handelt es sich um ein Produkt, das derart haneb\u00fcchen mangelhaft ist, dass sich unter normalen Bedingungen &#8211; und zwar egal, ob im Kontext von akademischen Debatten oder auch &#8222;nur&#8220; im wirklichen Leben &#8211; die meisten Leute von ihm zu Recht nur mit Spott \u00fcber den oder die Produzenten abwenden w\u00fcrden. Wie l\u00e4sst sich erkl\u00e4ren, dass an einer solchen M\u00e4ngelware in diesem Fall trotzdem derart hartn\u00e4ckig festgehalten wird?<\/p>\n<p>Wieder einmal kann ich meine Leser nur einfach bitten, mir auf der Suche nach einer guten Erkl\u00e4rung auf die Spr\u00fcnge zu helfen. Bitte!<\/p>\n<p>Meine Vermutung ist eine etwas verzweigte:<\/p>\n<p>(i) Die relevanten Bedingungen sind keine normalen.<br \/>\n(ii) Die fragliche Definition ist keine zuf\u00e4llig schlampige, vielmehr eine mit Absicht ziemlich raffiniert zurechtgestrickte. Und zwar genau so, dass sie ihrem Hauptzweck bestens entspricht. Und:<br \/>\n(iii) Hinter dem \u00fcberaus erfolgreichen Vertrieb dieser Definition steckt eine &#8211; bzw. mindestens eine &#8211; Firma, die das Gesch\u00e4ft der Produktion sowie des Ein- und Verkaufs von Begriffen ziemlich gut beherrscht.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich &#8211; v\u00f6llig analog zum &#8222;Terrorismus&#8220;-Ph\u00e4nomen:<br \/>\n(iv) Die Entscheidung dar\u00fcber, wer und was alles unter den fraglichen Begriff f\u00e4llt oder nicht, obliegt speziell Beauftragten bzw. eigens vom Staat bestellten Experten bzw. \u201aSchiedsrichtern\u2018 . Und deren Urteil soll und muss, wie bei Schiedsrichter-Verfahren \u00fcblich, f\u00fcr uns alle als verbindlich gelten. Ein Einspruch dagegen ist weder vorgesehen, noch h\u00e4tte ein solcher auch nur die geringste Chance auf Erfolg.<\/p>\n<p>Diesen vier Vermutungsversatzst\u00fccken im Einzelnen und im Verbund nachzugehen, das w\u00fcrde einen ganzen perfekt funktionierenden Redaktionsstab erfordern. Den es aber heute wohl gar nicht mehr gibt. Und wohl auch gar nicht mehr geben soll. Jedenfalls nicht bei einem Thema wie dem unseren.<\/p>\n<p>Bleiben mir also als einem Einzelnen f\u00fcrs erste lediglich einige Stichworte:<\/p>\n<p><strong>Ad (i):<\/strong> Diese Vermutung (der Nicht-Normalit\u00e4t) erscheint mir schlechterdings evident: Ein Nachdenken und gar ein \u00f6ffentliches Sprechen \u00fcber &#8222;Antisemitismus&#8220; ist selbstverst\u00e4ndlich nichts Normales. Kann es gar nicht sein. Unleugbar steht dieser ganze Diskurs im Schatten des Holocaust.<\/p>\n<p>Wer auch nur <em>ein<\/em> falsches Wort sagt, ist sozial tot. Egal ob der Sprecher ein auf eine Hochschulkarriere hoffender wissenschaftlicher Angestellter ist, der zu Recht oder zu Unrecht glaubt, dass seine Unterschrift unter die Petition EINSPRUCH (siehe Ende dieses Artikels) ihm eben diese Karriere verbaut (Belege: einige pers\u00f6nliche Briefe), oder ein Uni-Prof, der den ber\u00fchmtesten Intellektuellen der Gegenwart zum Er\u00f6ffnungsvortrag in seine Ringvorlesung Deutschland \/ Israel \/ Pal\u00e4stina einl\u00e4dt (siehe <a href=\"http:\/\/sicht-vom-hochblauen.de\/gedankenaustausch-mit-einem-analytischen-philosophen-georg-meggle-im-gespraech-mit-anneliese-fikentscher-und-andreas-neumann-nrhz\/\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener\">&#8222;Chomsky\u2019s Eintrag&#8220;<\/a>), oder der derzeitige <a href=\"http:\/\/der-semit.de\/oeffentliche-hinrichtung-von-uno-botschafter-heusgen-durch-simon-wiesenthal-zentrum\/\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener\">Vertreter Deutschlands bei der UNO<\/a> &#8211; allein schon der Vorwurf eines potentiellen Antisemitismus kann \u00fcber den weiteren Verlaufs seines Lebens entscheiden.<\/p>\n<p>Keine Frage: Dieser ganze Antisemitismus-Kontext ist &#8211; bei uns &#8211; von A bis Z mit Angst besetzt. Und Angst macht jeden ihrer Tr\u00e4ger\/innen unweigerlich dumm. Ein idealer Kontext also, jede noch so dumme Definition, gar eine inzwischen derart stark sanktionierte wie die der IHRA, erstmal blindlings zu schlucken. Nachdenken setzt minimale Denkfreiheit voraus. Und die ist bei gr\u00f6\u00dferer Angst schlicht nicht gegeben. Auf dieser Tatsache beruht die ganze St\u00e4rke dessen, was man Terrorismus nennt &#8211; des physischen wie des hier relevanten sozial-psychologischen.<\/p>\n<p><strong>Ad (iii):<\/strong> Daf\u00fcr &#8211; f\u00fcr die Identifikation der betreffenden Firma bzw. Firmen &#8211; bin ich als Analytischer Philosoph nicht die bestm\u00f6gliche Quelle. Gottseidank nicht. Aber bestimmte Schl\u00fcsse legen sich &#8211; insbesondere wenn man die \u00fcbliche cui bono-Frage nicht total ignorieren will &#8211; doch wie von selbst nahe. Wieder einmal also: Redakteure &#8211; macht endlich Euren Job!<\/p>\n<p><strong>Ad (iv):<\/strong> Wie mit diesem Experten-und-Schiedsrichter-Ph\u00e4nomen am besten umzugehen w\u00e4re, dar\u00fcber nachzudenken \u00fcberlasse ich einfach den Lesern. Vielleicht kann auch daf\u00fcr die <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Zum-Terrorismus-im-UN-Sicherheitsrat-4623486.html\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener\">&#8222;Terrorismus&#8220;-Analogie<\/a> &#8211; erneut etwas behilflich sein. Auch wenn diese Analogie nicht gerade optimistisch stimmt.<\/p>\n<p><strong>Ad (ii):<\/strong> In dieser Sparte bin ich eher bewandert. Begriffsdefizite ausfindig zu machen, das geh\u00f6rt zum Know-how eines jeden Analytischen Philosophen. Der ist sozusagen schon von Berufs wegen Experte f\u00fcr die semantische Software unserer diversen Diskurse \u00fcber Gott und die Welt.<\/p>\n<p>Ein faszinierendes Glasperlenspiel &#8211; solange die Anwendung dieses Know-how, wie traditionell \u00fcblich, auf Philosophie-interne Probleme beschr\u00e4nkt bleibt. Aber ganz schnell auch eine h\u00f6chst wirksame und so automatisch auch eine h\u00f6chst gef\u00e4hrliche politische Waffe &#8211; sobald ein solcher Experte einmal wirklich das tut, was von ihm (bisher, weil ja lediglich kontrafaktisch) in fast jeder Sonntagsrede verlangt wird: dass er aus seinem Elfenbeinturm auch einmal rausgeht bzw., wie mein Freund GS mir zu sagen anr\u00e4t: von ihm herunter kommt.<\/p>\n<p>[&#8230;]<\/p>\n<p>Der f\u00fcr das weite Themenfeld des Israelbezogenen Antisemitismus wichtigste Satz des IHRA-Textes ist dieser:<\/p>\n<blockquote class=\"rte__textbox-blockquote\"><p>Criticism of Israel similar to that leveled against any other country cannot be regarded as antisemitic.<\/p><\/blockquote>\n<p>Viele &#8211; viel zu viele (darunter leider auch viele Freunde von mir) &#8211; ziehen aus diesem Satz genau den Schluss, den sie den Verfassern dieses Textes zufolge wohl auch ziehen sollten. N\u00e4mlich diesen:<\/p>\n<blockquote class=\"rte__textbox-blockquote\"><p>Aha, sieh an: Auch dieser IHRA-Arbeitsdefinitions-Zusatz l\u00e4sst Kritik an Israel zu. Also: Wie schlampig und schwammig diese Arbeitsdefinition auch immer sein mag &#8211; eines kann man ihr sicher nicht vorwerfen: Dass ihr zufolge, wie ihr manche Kritiker vorhalten, Kritik an Israel verboten sein soll. Das stimmt keineswegs! Auch die <em>Arbeitsdefinition l\u00e4sst Raum f\u00fcr Israel-Kritik<\/em>.<\/p><\/blockquote>\n<p>[&#8230;]<\/p>\n<p>Richtig ist: Der Arbeitsdefinitions-Zusatz verbietet in der Tat <em>nicht jede Kritik<\/em> an Israel, vielmehr nur <em>eine bestimmte Art von Kritik<\/em> . N\u00e4mlich nur jene Sorte, die man als <em>Israel-singul\u00e4re Kritik<\/em> bezeichnen k\u00f6nnte, d.h., jene, die eben gerade <em>nicht<\/em> jener Kritik gleicht, wie sie auch gegen jedes beliebige andere Land vorgebracht wird (&#8222;similar to that leveled against any other country&#8220;). Mit anderen Worten: Eine nicht-Israel-singul\u00e4re Kritik an Israel ist auch nach dem fraglichen Zusatz erlaubt.<\/p>\n<p><strong>ABER:<\/strong> Wer kann mir erkl\u00e4ren, was eine Israel-singul\u00e4re Kritik hier genau hei\u00dfen soll? Genau wann gleicht meine Kritik an Israel <em>nicht<\/em> jener Kritik &#8222;leveled against any other country&#8220; (wie sie &#8222;ein beliebiges andere Land treffen k\u00f6nnte&#8220;) ???<\/p>\n<p>Da ich nicht viel vom Predigen halte, baue ich darauf, dass diese (angeblich) zentrale Frage des ganzen derzeitigen Antisemitismus-Diskurses von unseren Lesern\/Leserinnen, sofern diese \u00fcber diesen Diskurs auch wirklich selbst Bescheid wissen wollen, eben auch selbst beantwortet werden kann. Auch wenn das etwas Nachdenken kostet.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Ich bin keineswegs generell gegen <em>Sprachregelungen<\/em>. Manche sind durchaus hilfreich und so auch sinnvoll. Vielleicht in diesem Kontext ja auch diese:<\/p>\n<blockquote class=\"rte__textbox-blockquote\"><p>Eine Kritik an einem Objekt O hei\u00dfe eine <em>universalisierbare Kritik<\/em> an O genau dann, wenn sie keine singul\u00e4re Kritik an O ist.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Weitere Testfragen:<\/strong> (Und das ist auch schon die erste Vorweg-Hausaufgabe f\u00fcr diejenigen, die an meinem n\u00e4chsten Salzburger Sommer-Seminar &#8222;Ethische Interventionen: Zum Antisemitismus&#8220; teilnehmen m\u00f6chten. L\u00f6sungen und Fragen bitte an meine Leipziger Uni-Mail-Adresse &#8211; s. meine dortige website.)<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst eine etwas komplexere rein begriffliche Frage \/ Aufgabe:<\/p>\n<p>Welche der folgenden Aussagen folgen aus dem (f\u00fcr jeden Israel-bezogenen Antisemitismus angeblich) zentralen Zusatz zur IHRA-Definition &#8211; und welche nicht?<\/p>\n<p>A1 Nur eine singul\u00e4re Israel-Kritik kann antisemitisch sein.<br \/>\nA2 Eine Israel-Kritik kann, sobald sie eine universalisierbare ist, nicht antisemitisch sein.<br \/>\nA3 Eine antisemitische Israel-Kritik ist notwendigerweise nicht-universalisierbar.<br \/>\nA4 Wenn Antizionismus antisemitisch ist, dann kann es keine universalisierbare Zionismuskritik geben.<br \/>\nA5 Wenn der Zionismus etwas Israel-singul\u00e4res ist, dann kann es keine nicht-antisemitische Zionismuskritik geben.<br \/>\nA6 Eine universalisierbare Israelkritik ist schon begrifflich unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Und nun noch drei nicht-rein-begriffliche Fragen, wenn Sie gestatten: Eine zu den <em>Tatsachen<\/em> &#8211; verbunden mit einer zweiten nach Ihrem <em>pers\u00f6nlichen Urteil<\/em>:<\/p>\n<p>Der Bezug auf welche der folgenden Aspekte der israelischen Pal\u00e4stina-Politik wird von der derzeitigen israelischen Regierung als Israel-singul\u00e4r deklariert? Und welche dieser Deklarationen sind Ihrer Einsch\u00e4tzung nach auch wirklich korrekt? (Bitte kurze Begr\u00fcndung)<\/p>\n<p>Der Bezug auf Israels<\/p>\n<p>B1 Besatzungspolitik<br \/>\nB2 Apartheidpolitik<br \/>\nB3 Siedlungspolitik<br \/>\nB4 Verst\u00f6\u00dfe gegen die Menschenrechte<br \/>\nB5 Verst\u00f6\u00dfe gegen das V\u00f6lkerrecht<br \/>\nB6 Verst\u00f6\u00dfe gegen die Genfer Konvention<\/p>\n<p>Und damit zu einer der mich selbst derzeit am meisten besch\u00e4ftigenden Fragen:<\/p>\n<p>K\u00f6nnte es nicht sein, dass ein Gro\u00dfteil des derzeitigen Antisemitismus-Palavers nicht nur auf begreiflicher <em>Angst<\/em>, sondern auch auf begrifflicher <em>Denk-Unwilligkeit<\/em> beruht? Und diese ihrerseits eine <em>kollektive Dissonanz-Reaktion<\/em> auf jene Angst darstellt?<\/p>\n<div class=\"rte__textbox akwa-inline-textbox col-lg-12 col-md-12 col-sm-12 col-xs-12\">\n<p>Georg Meggle ist Analytischer Philosoph &#8211; und lehrt seit einigen Jahren im Sommersemester jeweils an der Universit\u00e4t Salzburg und im Winter an Universit\u00e4ten in Kairo. Er ist Ehrenpr\u00e4sident der GAP (Gesellschaft f\u00fcr Analytische Philosophie).<\/p>\n<p>Zusammen mit seinen Kollegen Norman Paech (Hamburg) und Rolf Verleger (L\u00fcbeck) hat Georg Meggle gegen die Entschlie\u00dfung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), wonach die im obigen Artikel erw\u00e4hnte IHRK-Arbeitsdefinition als verbindliche Diskursgrundlage an allen 268 deutschen Hochschulen fungieren soll, \u00f6ffentlich Einspruch erhoben. Die 3 Professoren bitten um Unterst\u00fctzung der von ihnen gemeinsam formulierten <a href=\"https:\/\/www.openpetition.de\/petition\/unterzeichner\/einspruch-gegen-sprachregelungen-fuer-hochschulen#petition-main\" target=\"_blank\" rel=\"external noopener\">Petition EINSPRUCH<\/a>, die auf eine Revision dieser HRK-Entschlie\u00dfung abzielt &#8211; aber dies nicht nur deshalb, weil die von dieser Entschlie\u00dfung so gepriesene Arbeitsdefinition nichts taugt, sondern weil es einfach nicht zu den Aufgaben der HRK geh\u00f6rt, allen Hochschulen vorzuschreiben, wie diese zu reden und damit auch zu denken haben.<\/p>\n<\/div>\n<p>(<em>Georg Meggle<\/em>)<\/p>\n<p><strong>Der vollst\u00e4ndige Artikel in <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Genau-wann-ist-Israelkritik-antisemitisch-4624152.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">telepolis v. 29.12.2019<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der IHRA-Definition des Antisemitismus folgen immer mehr L\u00e4nder, Hauptzweck ist ihre Verwendbarkeit als semantische Waffe F\u00fcr Jared Kushner, Schwiegersohn und Chefberater des derzeitigen US-Pr\u00e4sidenten, und f\u00fcr viele andere ist das keine echte Frage: Jeder Antizionismus ist antisemitisch. 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