{"id":9863,"date":"2020-03-07T17:06:41","date_gmt":"2020-03-07T17:06:41","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=9863"},"modified":"2020-03-09T07:57:26","modified_gmt":"2020-03-09T07:57:26","slug":"broschuere-fuer-lehrer-sehr-einseitig-und-sehr-antideutsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=9863","title":{"rendered":"Brosch\u00fcre f\u00fcr Lehrer: sehr einseitig und sehr &#8222;antideutsch&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-9864\" src=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/sreenshot-thomas-haury-300x167.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"167\" srcset=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/sreenshot-thomas-haury-300x167.jpg 300w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/sreenshot-thomas-haury-500x279.jpg 500w, https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/sreenshot-thomas-haury.jpg 696w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Die 75-seitige Brosch\u00fcre &#8222;Antisemitismus von links&#8220; von Thomas Haury, herausgegeben von der Aktion Courage e.V. in Berlin und gef\u00f6rdert vom Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend, wird offenbar zur Zeit an viele Lehrer an vielen Schulen geschickt. Die Brosch\u00fcre ist extrem einseitg und von einem Autor geschrieben, der bekannt ist f\u00fcr seine &#8222;antideutschen&#8220; Publikationen. Um so schlimmer, dass diese Brosch\u00fcre halboffiziellen Charakter tr\u00e4gt und sein Inhalt also wahrscheinlich von vielen Lehrerinnen und Lehrer f\u00fcr bare M\u00fcnze genommen und an die Sch\u00fcler weitervermittelt wird. <a href=\"https:\/\/www.schule-ohne-rassismus.org\/fileadmin\/Benutzerordner\/PDF\/Publikationen__als_pdf_\/Baustein_8_Web.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zum download der Brosch\u00fcre hier<\/a><br \/>\n<\/em><strong>Arn Strohmeyer hat eine fundierte Kritik geschrieben.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/strohmeyer-Artikel-Brosch\u00fcre-Haury-1.odt\">Download der Kritik als doc-Datei (17 Seiten) hier<\/a><\/p>\n<p>Die Antideutschen haben Einzug in deutsche Lehrerzimmer gehalten. Nun wei\u00df vermutlich kaum ein Lehrer, was sich hinter diesem Namen verbirgt, darum sei hier f\u00fcr Aufkl\u00e4rung gesorgt: Die Antideutschen sind eine politische Sekte , die sich aus linken Nach-68er-Gruppen (die meisten aus dem KB) zu einer den Neoliberalismus und seine Kriege bejahenden Bewegung entwickelt haben. Am Anfang stand dabei nach der Wiedervereinigung noch die nachvollziehbare Angst im Vordergrund, dass Deutschland zu alter Macht zur\u00fcckkehren und in der Zukunft sogar ein \u201eViertes Reich\u201c entstehen k\u00f6nnte, wogegen sie sich mit Vehemenz wandten. Daher auch der Name \u201eAntideutsche\u201c.<\/p>\n<p>Die Antideutschen zogen aus der deutschen Einheit aber noch radikalere Schl\u00fcsse. Man m\u00fcsse wegen des Holocaust \u201egegen Deutschland\u201c sein, sie leiteten aus dem Mega-Verbrechen Nazideutschlands dann aber die Hauptmaxime ihrer ganzen Bewegung ab: eine bedingungslose Solidarit\u00e4t, ja die totale Identifizierung mit Juden bzw. Israel. Die Kette der Schlussfolgerungen fand hier aber nicht ihr Ende. Denn die nicht hinterfragbare Solidarit\u00e4t mit Juden und Israel musste \u2013 nach ihrem Verst\u00e4ndnis des Nahost-Konflikts \u2013 zu einem abgrundtiefen Hass auf die Pal\u00e4stinenser bzw. alle Araber und Muslime f\u00fchren, weil diese Israel ja angeblich bedrohen.<\/p>\n<p>Der Golfkrieg 1991 gegen den Irak Saddam Husseins und der Anschlag auf das World Trade Center in New York (9\/11) und die anschlie\u00dfenden \u201eAnti-Terror-Kriege\u201c der USA fanden die volle Unterst\u00fctzung der Antideutschen, was wiederum dazu f\u00fchrte, dass sie fanatische Anh\u00e4nger der f\u00fchrenden Weltmacht USA und ihres kapitalistischen Wirtschaftssystems wurden. Was wiederum zur Folge hatte, dass jede Kritik am Kapitalismus und seines Finanzsystems als \u201eAntisemitismus\u201c verleumdet wurde. Da die Kritik am Kapitalismus in erster Linie von der Linken kommt, wurden die Vertreter dieser politischen Richtung (einschlie\u00dflich Menschenrechtlern und Friedensbewegung) zum \u201eantisemitischen\u201c Feind erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Linke, wenn sie denn wirklich welche sind, denken eigentlich universalistisch, also internationalistisch und humanistisch und k\u00f6nnen so gesehen \u2013 von Ausnahmen und Fehlentwicklungen abgesehen \u2013 gar keine Antisemiten sein. Aber die ideologischen Purzelb\u00e4ume der Antideutschen machten es m\u00f6glich: Aus den urspr\u00fcnglichen Kritikern und Gegnern des Kapitalismus wurden fanatische Verteidiger des Kapitalismus und seiner neoliberalen Auspr\u00e4gung. Ihr Hauptaugenmerk galt und gilt also inzwischen der Erhaltung dieser Wirtschaftsordnung, was nat\u00fcrlich automatisch eine Delegitimierung jeder Kritik am Neoliberalismus bedeutet, und damit ein mit allen Mitteln \u2013 auch verleumderischen und denunziatorischen \u2013 gef\u00fchrter Kampf gegen die vermeintlichen \u201eAntisemiten\u201c auf der linken Seite des politischen Spektrums.<\/p>\n<p>Ein Autor aus dieser ideologischen Richtung, der promovierte Soziologe und Historiker Thomas Haury (Freiburg) hat nun eine Brosch\u00fcre mit dem Titel Antisemitismus von links. Facetten der Judenfeindschaft herausgebracht, die von der Bundeskoordination Schule ohne Rassismus \u2013 Schule mit Courage in der Tr\u00e4gerschaft der Aktion Courage e.V. verantwortet und vom Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Ministerin Franziska Giffey, SPD) im Rahmen des Bundesprogramms Demokratie leben! gef\u00f6rdert worden ist. Was in dieser Brosch\u00fcre \u00fcber Antisemitismus und den Nahostkonflikt ausgef\u00fchrt wird, kann gr\u00f6\u00dftenteils nur als haneb\u00fcchen bezeichnet werden und soll im Folgenden auch an Hand vieler Originalzitate aus diesem Bereich widerlegt werden. Man kann davon ausgehen, dass es kein Zufall ist, dass ein Ministerium Publikationen wie diese f\u00f6rdert, in denen der auch offiziell in der deutschen Politik vertretene Antisemitismusbegriff propagiert wird.<\/p>\n<p>Haury behandelt sein Thema nach der von ihm vertretenen antideutschen Ideologie mit folgenden Vorgaben: Der heutige Antisemitismus kommt vor allem von der Linken, wobei nicht ganz klar wird, wen oder was dieser Begriff genau meint. Er leugnet nat\u00fcrlich den alten \u201eklassischen Antisemitismus\u201c nicht, der in der Gesellschaft weiter existiert, sich aber offenbar nicht mehr virulent \u00e4u\u00dfert. Die Antisemitismus-Gefahr kommt eindeutig von links. Um das zu belegen, bedient Haury sich, wie es in der antideutschen Ideologie \u00fcblich ist, eines einfachen, aber sehr wirksamen Tricks: Er trennt nicht zwischen Judentum, Zionismus und Israel, was umgekehrt hei\u00dft: zwischen Antisemitismus, Antizionismus und Kritik an Israels Politik.<\/p>\n<p>Um den Sachverhalt zu verdeutlichen, sei hier ein kurzer Definitionseinschub erlaubt. Judentum ist eine kulturelle Gemeinschaft mit bestimmten Vorgaben, von denen die Religion nur ein Teil ist, denn es gibt auch viele s\u00e4kulare und sogar atheistische Juden. Der Zionismus ist eine urspr\u00fcnglich s\u00e4kulare politische Ideologie (die Staatsideologie Israels), die als Reaktion auf den Antisemitismus und die sehr erfolgreiche Assimilation der Juden im 19. Jahrhundert entstanden ist und sich zum Ziel setzte, einen j\u00fcdischen Nationalstaat in Pal\u00e4stina zu gr\u00fcnden, obwohl dieses Land vollst\u00e4ndig von Arabern bewohnt war. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist der heutige Staat Israel, dessen anhaltende koloniale Expansion gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinensern insgesamt und strukturelle Diskriminierung der israelischen Pal\u00e4stinenser weltweit auf Kritik st\u00f6\u00dft. Diese Kritik wird von Israel selbst und seinen Anh\u00e4ngern offiziell als \u201eantisemitisch\u201c bezeichnet, was unverst\u00e4ndlich ist, denn in einer Demokratie, die Israel zu sein beansprucht, d\u00fcrfte es kein Tabu f\u00fcr eine solche Diskussion geben.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr Haury ist klar: Antizionismus ist Antisemitismus<\/strong><\/p>\n<p>Ohne ein Begriffskl\u00e4rung vorzunehmen, was Judentum und Zionismus \u00fcberhaupt sind, ja indem er Judentum und Zionismus in unzul\u00e4ssiger Weise miteinander vermengt, wirft er vor allem linken Kritikern der israelischen Politik und damit auch des Zionismus vor, in dieser Ideologie \u201edas durch und durch B\u00f6se\u201c zu sehen. Der linke Antizionismus sei ein Weltbild, \u201edas komplizierte politische Konflikte nach einem simplen Gut-B\u00f6se-Schema sortieren will, gepaart mit dem nationalistischen Bed\u00fcrfnis, sich mit einem gegen das B\u00f6se k\u00e4mpfenden \u201aVolk\u2018 zu identifizieren.\u201c Mit dem \u201eVolk\u201c sind nat\u00fcrlich die Pal\u00e4stinenser gemeint. Nun wird kaum ein wirklich Linker an den Nahostkonflikt mit den moralischen Begriffen \u201egut\u201c und \u201eb\u00f6se\u201c herangehen, sondern viel eher mit Kategorien wie Siedlerkolonialismus, humanit\u00e4res V\u00f6lkerrecht, Menschenrechte oder UNO-Resolutionen, die v\u00f6lkerrechtliche G\u00fcltigkeit haben. Aber darauf geht Haury gar nicht ein. F\u00fcr ihn steht apodiktisch fest: Antizionismus ist Antisemitismus.<\/p>\n<p>Das zeugt nicht zuletzt von historischer Unwissenheit. Denn seit dem Aufkommen des Zionismus im 19. Jahrhundert haben Millionen von Juden aus den verschiedensten Gr\u00fcnden (religi\u00f6sen, patriotischen oder internationalistischen) den Zionismus, also die Gr\u00fcndung eines j\u00fcdischen Staates in Pal\u00e4stina abgelehnt. Wer also \u2013 wie Haury \u2013 behauptet, Antizionismus sei mit Antisemitismus identisch, behandelt Millionen antizionistischer Juden im Europa des 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhunderts und anderswo (darunter auch die Mehrheit der im Holocaust umgebrachten Juden) als Antisemiten.<br \/>\nDurch eine solche Argumentation entsteht bei Haury ein merkw\u00fcrdig ahistorisches Bild vom Zionismus und seinem Wirken in Pal\u00e4stina. Politik besteht ja immer aus der Dialektik von postulierten oder geschaffenen Fakten und der Opposition, Auflehnung oder sogar Widerstand dagegen. Haury \u00fcbernimmt die v\u00f6llig ahistorische Sichtweise der Zionisten auf ihre Geschichte und Gegenwart, die mythisch und mystifizierend ist. Denn der offiziellen Geschichtsschreibung Israels zufolge ist der \u201eJudenstaat\u201c pl\u00f6tzlich und einigerma\u00dfen unerwartet am 15. Mai 1948 entstanden und ist in der Folgezeit aus einer W\u00fcste durch die Pionierarbeit der Zionisten in eine erfolgreiche Demokratie und in einen bl\u00fchenden Agrar- und Industriestaat verwandelt worden.<\/p>\n<p>Dass man, um diesen Staat zu schaffen, das Land der einheimischen Pal\u00e4stinenser erst vorsichtig und zur\u00fcckhaltend besiedelte, es dann teilweise aufkaufte und schlie\u00dflich gewaltsam raubte (bei der Nakba 1948 und im Krieg 1967), einen Gro\u00dfteil der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung ins Exil trieb (1948 rund 800 000 Menschen, 1967 dann 300 000) und die restlichen Einheimischen im Kern-Israel bis heute als Fremde einstuft, bei Haury kommt all dies mit keinem Wort vor. So kann man die Fakten bei einer Analyse des Nahostkonflikts bequem umgehen. Bei ihm ist immer wieder vom Zionismus die Rede, dem die Linken mit ihrer v\u00f6llig grundlosen Kritik diffamieren.<br \/>\nDa die Geschichtsschreibung in Israel sich sehr eng an die Vorgaben der Staatsideologie Zionismus anlehnte und damit eher \u201eGeschichtsmythologie\u201c schuf (der israelische Historiker Tom Segev), entstand in den 90er Jahren in Israel unter den Historikern eine Gegenbewegung, die sich die \u201eneuen Historiker\u201c nannten. Sie gingen in die Archive und suchten dort nach Belegen, was sich vor allem in dem entscheidenden Jahr 1948 wirklich ereignet hat. Zu dieser Gruppe geh\u00f6ren Simcha Flapan, Ben Morris, Avi Shlaim, Ilan Pappe und Tom Segev, aber auch der Psychoanalytiker Benjamin Beit-Hallahmi muss als Vorl\u00e4ufer dazu gerechnet werden.<\/p>\n<p>Haury nimmt die Erkenntnisse dieser Gruppe, die f\u00fcr die Geschichte des Zionismus von so gro\u00dfer Bedeutung sind, \u00fcberhaupt nicht zur Kenntnis, sie passen eben nicht ins Weltbild. Um zu demonstrieren, was Zionismus ist und was diese Ideologie aus dem arabischen Pal\u00e4stina gemacht hat, sollen hier zwei von den genannten Historikern und zus\u00e4tzlich der israelische Soziologe Baruch Kimmerling zu Wort kommen.<\/p>\n<p><strong>\u201eDie Pal\u00e4stinenser waren f\u00fcr die Zionisten gar nicht vorhanden\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Benjamin Beit-Hallahmi beschreibt das Vorgehen der Zionisten gegen die Pal\u00e4stinenser so: \u201eSie waren nicht Teil einer Gleichung. Sie waren f\u00fcr die Zionisten eigentlich gar nicht vorhanden, waren \u201aunsichtbar\u2018 und kamen in den Visionen und Pl\u00e4nen der Zionisten gar nicht vor. Die einheimische Bev\u00f6lkerung musste ausgesondert und ausgeschieden (eliminated) werden (\u2026) Der Krieg gegen die Eingeborenen (natives) war schlicht und einfach ein Teil der Umwandlung der Natur des Landes, und sie waren ein anderes Element der Natur, man musste sie [die Eingeborenen] erobern und sie bek\u00e4mpfen wie die S\u00fcmpfe, die Hitze und die Malaria.\u201c<\/p>\n<p>In dieser fr\u00fchen Zeit der Besiedlung Pal\u00e4stinas erschienen die dort lebenden Araber den Zionisten nicht einmal als eine Herausforderung, sondern lediglich als ein \u00c4rgernis, ein Missstand. Wenn sie Widerstand gegen ihre Verdr\u00e4ngung von ihrem Land leisteten, dann betrachteten die Zionisten das schlicht als \u201ekriminelle Gewalt\u201c. Dieser Widerstand war immer \u201eillegal\u201c. Pal\u00e4stinensische Widerstandsk\u00e4mpfer wurden als \u201eGangster, R\u00e4uber und Banditen\u201c bezeichnet. Oder man prangerte sie als \u201eInvasoren und Aggressoren\u201c an. Mit Blick auf die Verfolgungen in der j\u00fcdischen Geschichte sah man in pal\u00e4stinensischen Widerst\u00e4ndlern auch \u201eheidnische Antisemiten\u201c, die Pogrome gegen friedliche Juden begingen, sogar der Vergleich mit der spanischen Inquisition wurde benutzt. (Original sins. Reflections on the History of Zionism and Israel, London 1992; S. 63f, 130.)<\/p>\n<p>Der Soziologe Baruch Kimmerling (Universit\u00e4t Jerusalem, 2007 verstorben) f\u00fchrte f\u00fcr Israels Politik den Begriff Politizid ein und definierte ihn so: \u201eMit Politizid meine ich einen Prozess, an dessen Ziel das Ende der Existenz des pal\u00e4stinensischen Volkes als soziale, politische und wirtschaftliche Gr\u00f6\u00dfe steht. Dieser Prozess kann auch eine teilweise oder vollst\u00e4ndige ethnische S\u00e4uberung des \u201aLandes Israel\u2018 beinhalten. Diese Politik wird das Wesen der israelischen Gesellschaft unausweichlich zerst\u00f6ren und die moralische Basis des j\u00fcdischen Staates im Nahen Osten untergraben. So gesehen wird das Ergebnis ein doppelter Politizid sein \u2013 das Ende der Pal\u00e4stinenser, aber auf lange Sicht auch das Ende der j\u00fcdischen Gemeinschaft. Die wichtigsten Werkzeuge daf\u00fcr [f\u00fcr den Politizid] sind Mord, lokal begrenzte Massaker, Eliminierung der F\u00fchrung und der intellektuellen Elite, die physische Vernichtung der Infrastruktur und der Geb\u00e4ude politischer Institutionen, Kolonisierung, k\u00fcnstlich erzeugte Hungersn\u00f6te, soziale und politische Isolation, Umerziehung und gebietsweise ethnische S\u00e4uberungen.\u201c (Politizid, Kreuzlingen\/ M\u00fcnchen 2003, S. 7f.)<\/p>\n<p>Ilan Pappe bilanziert die \u201eethnische S\u00e4uberung Pal\u00e4stinas\u201c folgenderma\u00dfen: \u201eIm M\u00e4rz 1948 treffen sich David Ben Gurion (sp\u00e4ter der erste Ministerpr\u00e4sident Israels) und elf f\u00fchrende Vertreter der j\u00fcdischen Einwanderer in Tel Aviv; sie beschlie\u00dfen die ethnische S\u00e4uberung Pal\u00e4stinas. Noch w\u00e4hrend des britischen Mandats beginnen die Angriffe, gef\u00fchrt von Moshe Dayan (sp\u00e4ter Verteidigungs- und Au\u00dfenminister), Menachem Begin (sp\u00e4ter Ministerpr\u00e4sident und Au\u00dfenminister) und Yitzhak Rabin (sp\u00e4ter Ministerpr\u00e4sident und Friedensnobelpreistr\u00e4ger). Elf Stadtviertel und 531 pal\u00e4stinensische D\u00f6rfer werden zwangsger\u00e4umt, viele dem Erdboden gleichgemacht; 800 000 Menschen fliehen. Es kommt zu Vergewaltigungen, zu Pl\u00fcnderungen und Massakern auch an Frauen und Kindern. Heute bedecken W\u00e4lder, Parks und Freizeiteinrichtungen die einstigen D\u00f6rfer.\u201c (Die ethnische S\u00e4uberung Pal\u00e4stinas, Frankfurt\/ Main 2007, Abspann des Buches)<\/p>\n<p>Die Beispiele des unmenschlichen Vorgehens der Zionisten gegen die Pal\u00e4stinenser lie\u00dfen sich beliebig verl\u00e4ngern. Zudem dauern die Unterdr\u00fcckung und Vertreibung dieses Volkes bis heute an. Es f\u00e4llt deshalb schwer zu verstehen, dass Israel-freundliche, antideutsche Autoren wie Haury die Realit\u00e4ten Zionismus, Siedlerkolonialismus und Besatzung \u00fcberhaupt nicht zur Kenntnis nehmen, sondern den Spie\u00df umdrehen und Kritiker dieses v\u00f6llig inhumanen Systems des Antisemitismus bezichtigt werden. Sie m\u00fcssen sich dann von einem Israeli, dem sehr renommierten Philosophen Omri Boehm sagen lassen, dass der Zionismus nicht mit humanistischen Werten vereinbar sei. (Interview DLF, 8.02.2015)<\/p>\n<p>Man muss also fragen, warum Intellektuelle wie Haury sich die Ideologie des Zionismus vollst\u00e4ndig zu eigen machen und jeder Empathie und jedem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die unterdr\u00fcckten Pal\u00e4stinenser eine Absage erteilen, das Leiden dieses Volkes gar nicht sehen wollen. Man muss daf\u00fcr eine missgl\u00fcckte Verarbeitung der deutschen Vergangenheit verantwortlich machen. Es gab zwei M\u00f6glichkeiten der Reaktion auf die Verbrechen der Nazis \u2013 die universalistische \u201eDas darf nie wieder passieren \u2013 keinem Menschen auf dieser Welt!\u201c und die partikularistische \u201eDas darf uns \u2013 den Juden \u2013 nie wieder passieren!\u201c. Israel hat sich f\u00fcr die zweite Version entschieden und die deutsche Mainstream-Politik und Autoren wie Haury haben sich dem weitgehend angepasst.<\/p>\n<p><strong>Vollst\u00e4ndige Identifizierung mit Juden<\/strong><\/p>\n<p>Der israelische Soziologe und Philosoph Moshe Zuckermann sieht als Grund f\u00fcr eine solche v\u00f6llige Identifizierung mit \u201eJuden\u201c und Israel (wie sie Haury und seine antideutschen Mitstreiter betreiben) auch eine missgl\u00fcckte Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit. Er fragt, mit welchem Israel sich die Antideutschen identifizieren und antwortet: Es ist ein abstraktes, seiner Wirklichkeit quasi enthobenes Israel, das man sich als ideologische Zufluchtst\u00e4tte zurechtkonstruiert hat, dabei werden die Verbrechen Israels an den Pal\u00e4stinensern aber v\u00f6llig ausgeklammert. Die Antideutschen nehmen also Israel in seiner Realit\u00e4t gar nicht wahr, dieser Staat ist f\u00fcr sie nur eine Projektionsfl\u00e4che ideologisch verformter deutscher Befindlichkeiten.<\/p>\n<p>Zuckermann fragt: \u201eSollte sich etwa die abstrakte Solidarit\u00e4t mit einem v\u00f6lkerrechtlich verkommenen und verbrecherischen Israel als eine psycho-ideologisch motivierte Entlastung der historischen Schuld der Deutschen erweisen? Man misst diese M\u00f6glichkeit normalerweise der deutschen Solidarit\u00e4t mit den Pal\u00e4stinensern bei. Muss man nicht annehmen, dass sie sich viel gravierender, wenngleich auch gl\u00e4nzend kaschiert, in der \u00fcberbordenden Solidarit\u00e4t mit dem Judenstaat niedergeschlagen hat?\u201c Totale Identifizierung mit Israel also, um das eigene Schuldgef\u00fchl abzutragen. Zuckermann sieht in der \u00dcberidentifizierung mit \u201eJuden\u201c also eine Schuldabtragung, eine selbst erteilte Vergebung.: \u201eWenn man selbst Jude sein darf, ist man nicht mehr \u201aT\u00e4ter\u2018, sondern \u201aOpfer\u2018, hat also etwas nagend Qu\u00e4lendes an sich selbst \u201awiedergutgemacht\u2018.\u201c (Der allgegenw\u00e4rtige Antisemit oder die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit, Frankfurt\/ Main 2018, S. 177f.)<\/p>\n<p>Im Folgenden soll auf die wichtigsten Argumente Haurys, die ja zugleich massive Antisemitismus-Vorw\u00fcrfe gegen \u201eLinke\u201c darstellen, eingegangen werden. Zun\u00e4chst der Antisemitismus. Was Haury \u00fcber den modernen Antisemitismus (den vor Auschwitz) schreibt, ist sicher richtig, aber auch l\u00e4ngst Gemeingut: dass die Juden in dieser Weltanschauung als absolute Feinde und als Gegenbild zur Moderne gesehen wurden, als \u201eAusbeuter\u201c und \u201eParasiten\u201c, die \u00fcber Geld, Handel und Banken \u201eraffendes Kapital\u201c schaffen w\u00fcrden, das im Gegensatz zum \u201eschaffenden Kapital\u201c der ehrlichen Arbeit eines Volkes stehe. Dass man die Juden kollektiv d\u00e4monisierte, weil sie angeblich (\u00fcber Plutokratie und\/ Bolschewismus usw.) die \u201eWeltherrschaft\u201c anstrebten, dass sie hinter den Kulissen \u00fcberall die F\u00e4den f\u00fcr ihre Interessen ziehen w\u00fcrden, dass sie der Inbegriff alles B\u00f6sen seien, weil sie eine \u201eandere\u201c Rasse sein sollten. Solche Verschw\u00f6rungstheorien sind hinl\u00e4nglich bekannt. Das ist das antisemitische Weltbild des 19. Jahrhunderts, das dann unter Hitler seinen v\u00f6lkerm\u00f6rderischen H\u00f6hepunkt fand.<\/p>\n<p>Was hat ein solcher ideologischer Irrationalismus aber mit der \u201aLinken\u2018 zu tun? Im Wesentlichen erhebt Haury folgende Hauptvorw\u00fcrfe gegen die \u201aLinke\u2018: Sie verkehre erstens die Rollen von T\u00e4tern und Opfern \u2013 Juden w\u00fcrden von unschuldigen Opfern zu T\u00e4tern umgedeutet, die mit Nazis identisch seien. Das Vorgehen der Israelis selbst rufe zudem Antisemitismus hervor. Letzten Endes behaupte die \u201aLinke\u2018 das, um die Schuld der T\u00e4ternation zu minimieren und sich selbst von ihrer Geschichte zu entlasten. Dann wird zweitens der Kritik der \u201aLinken\u2018 am Finanzsektor und am Kapitalismus eine bedenkliche \u201eN\u00e4he\u201c\u2018 zum Antisemitismus unterstellt. Genannt werden ausdr\u00fccklich die Kritik des damaligen SPD-Vorsitzenden Franz M\u00fcntefering am Vorgehen der gro\u00dfen Hedgefonds, die dieser als \u201eHeuschrecken\u201c bezeichnet hatte, weil sie Firmen und Industriebetriebe aufkauften, sie in Teile zerlegten und dann mit Profit verkauften, wobei sehr viele Menschen um ihren Arbeitsplatz gebracht wurden. F\u00fcr Haury ist eine Kritik an solchen Methoden Antisemitismus.<\/p>\n<p>Auch die Kritik Gewerkschaften verdi und der IG-Metall sowie der occupy-Bewegung-Wall-Street an einem solchen \u201eRaubtierkapitalismus\u201c enth\u00e4lt f\u00fcr Haury eine \u201edeutliche strukturelle N\u00e4he zur antisemitischen Weltsicht\u201c, vor allem wegen der Verwendung von Tiermetaphern wie \u201eHeuschrecken\u201c, Raubtiere\u201c und \u201eStechm\u00fccken mit langem Saugr\u00fcssel\u201c. Drittens st\u00f6\u00dft sich Haury an dem Begriff einer \u201eproisraelischen\u201c oder \u201ezionistischen Lobby\u201c, auch das ist f\u00fcr ihn ein Beispiel f\u00fcr Antisemitismus. Schlie\u00dflich geh\u00f6rt hierhin viertens auch noch der Komplex BDS.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Juden keine \u201eT\u00e4ter\u201c sein?<\/strong><\/p>\n<p>Zur Umdeutung der Rollen von Opfern und T\u00e4tern hat der Israeli Moshe Zuckermann \u2013 wie oben angef\u00fchrt \u2013 eigentlich alles gesagt. Gerade der Linken (wenn der Begriff weit gefasst ist und damit auch die Kritiker der israelischen Politik gemeint sind) kann man eine mangelnde Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit nicht vorwerfen. Wenn die NS-Verbrechen \u00fcberhaupt aufgearbeitet worden sind, dann von links, denn auf der Rechten \u00fcberwog immer das Schlussstrich-Denken.<\/p>\n<p>Zu der Behauptung, dass sich die j\u00fcdischen Israelis nicht als T\u00e4ter an den Pal\u00e4stinensern vers\u00fcndigt h\u00e4tten, kann man nur kommen, wenn man die Geschichte des Zionismus leugnet und den zionistischen Staat mit seiner v\u00f6lkerrechts- und menschenrechtswidrigen Politik als Unschuldslamm betrachtet, was Haury tut. Es waren zudem ja auch nicht alle in Israel lebenden Juden Opfer des Holocaust, sondern etwa zwei- bis dreihunderttausend \u00dcberlebende aus den Lagern, die aber in Israel wenig willkommen waren, weil diese geschundenen und gebrochenen Menschen nicht dem Ideal des \u201eneuen Juden\u201c entsprachen, eines jungen, tatkr\u00e4ftigen und wehrhaften Pioniertyps, der den neuen Staat aufbauen sollte. Die j\u00fcdische Gemeinschaft in Pal\u00e4stina (der Jischuw) vor der Staatsgr\u00fcndung hatte zudem wenig oder gar kein Interesse am Holocaust gezeigt, w\u00e4hrend dieser in Europa stattfand, weil der Aufbau des Staates absoluten Vorrang genoss und man durch den grassierenden Antisemitismus in Deutschland und Europa weiteren Zulauf von j\u00fcdischen Einwanderern erhoffte. Tom Segev hat diese Fakten in seinem Buch Die siebte Million (das sind die \u00dcberlebenden) ausf\u00fchrlich beschrieben.<\/p>\n<p>Zum Beleg, dass keineswegs alle Israelis sich als Opfer f\u00fchlen oder den Opferstatus f\u00fcr sich beanspruchen (was Haury offensichtlich glaubt), ja diesen sogar als Gefahr ansehen, seien hier kritische Stimmen angef\u00fchrt. Abraham Burg, ehemaliger Vorsitzender der Jewish Agency und Sprecher des israelischen Parlaments (der Knesset) sieht es als eine Fehlentwicklung Israels an, dass es aus der Opferrolle eine staatliche Ideologie gemacht hat und sieht f\u00fcr Israel nur eine Zukunft, wenn es sich vom Holocaust l\u00f6st.<\/p>\n<p>Er schreibt: \u201eDie zionistische Reaktion [auf den Holocaust, genau gesagt aber erst nach dem Eichmann-Prozess 1961] erfolgte umgehend. Israel erkl\u00e4rte sich zum Erben der Opfer, zu ihrem alleinigen offiziellen Vertreter in der Welt und ernannte sich zum Sprecher der ermordeten Millionen. Wir b\u00fcrgerten sechs Millionen Tote ein. Das junge Israel, das als gesunde Alternative zur kranken Diaspora gedacht war, hielt den Holocaust-Opfern posthum vor: \u201aWir haben es euch gesagt\u2018 und transplantierte ihre abgetrennten Organe in seinen jungen K\u00f6rper. Von einer neuen Alternative zur Diaspora verwandelte sich das junge bahnbrechende Israel in ein Land mit der Mentalit\u00e4t einer alten j\u00fcdischen, f\u00fcr immer verfolgten Kleinstadt.\u201c (Hitler besiegen. Warum sich Israel endlich vom Holocaust l\u00f6sen muss, Frankfurt\/ New York 2009, S.90.)<br \/>\nDer israelische Psychoanalytiker Ofer Grosbard sieht in der von seinem Staat vertretenen Rolle des ewigen Opfers die Gefahr eines Nicht-Wahrnehmen-K\u00f6nnens der Realit\u00e4t: \u201eWas k\u00f6nnen wir aus Israels Pathologie lernen? Dass es ein bestimmtes, tiefes, unterdr\u00fccktes Gef\u00fchl gibt, \u00fcber das wir zwar h\u00e4ufig reden, aber das wir noch lange nicht aufgearbeitet haben, so dass man uns immer noch zu unterdr\u00fcckten Handlungen dr\u00e4ngt. Ich nenne das Gef\u00fchl unser \u201aSchaudern\u2018, es ist unsere existentielle Bedrohung. Dieses Schaudern gr\u00fcndet nicht nur auf dem Wunsch der Araber, uns zu vernichten, der ja teilweise noch existiert, sondern auch auf unserer Vergangenheit: dem Holocaust und zahlreichen Pogromen. Das Schaudern macht es uns schwer, zwischen einer realen, die Existenz bedrohenden Gefahr und unserer verzerrten Wahrnehmung unterscheiden zu k\u00f6nnen. Wir weigern uns, Dinge in einem anderen Licht zu sehen als in dem unserer schwierigen Vergangenheit.\u201c (Israel auf der Couch. Zur Psychologie des Nahostkonflikts, D\u00fcsseldorf 2001, S.107.)<br \/>\nMoshe Zuckermann sieht in der israelischen Ideologie, ewig das Opfer sein zu wollen, sogar einen Verrat an den Opfern des Holocaust: \u201eZentral wirkt sich dabei die instrumentelle Vereinnahmung der Opferkategorie aus: Man basiert die Selbstviktimisierung [sich selbst zum Opfer erkl\u00e4ren] auf der paranoiden Grundannahme, dass \u201aalle Welt gegen uns\u2018 sei, auf dem religi\u00f6s begr\u00fcndeten Fundamentalglauben, \u201adass wir allein in der Welt\u2018 seien, mithin uns \u201ain alle Ewigkeit auf Waffengewalt\u2018 werden st\u00fctzen m\u00fcssen \u2013 ohne aber Rechenschaft dar\u00fcber ablegen zu wollen, welchen gravierenden Anteil man an der Genese der beklagten Einsamkeit selbst hat beziehungsweise wie blind man mittlerweile gegen\u00fcber dem unabweisbaren Kausalnexus zwischen der israelischen Gewaltanwendung gegen die Pal\u00e4stinenser und der weltweiten Verurteilung Israels angesichts dieser verbrecherischen Okkupationspolitik geworden ist.<\/p>\n<p>Sich selbst als Opfer zu w\u00e4hnen, w\u00e4hrend man sich historisch zum T\u00e4ter gewandelt hat, ist letztlich nichts weiter als moralischer Verrat an den historischen Opfern des eigenen Kollektivs, deren (beziehungsweise deren \u201aAndenken\u2018) man sich perverserweise bedient, um die eigene, gewaltdurchwirkte, immer neue Opfer erzeugende Politik zu rechtfertigen. Denn genau das bedeutet ja, der Opfer im Stande ihres Opferseins nicht gedenken zu wollen. Wer sich selbst bewusst einmauert, darf sich nicht wundern, wenn es ihm im eigenen Gem\u00e4uer einsam werden mag, unter Umst\u00e4nden sogar lebensbedrohlich einsam; wenn er diese Einsamkeit zur Ideologie erhebt, mithin das eigene falsche Bewusstsein mit der Erinnerung an die Verfolgungsgeschichte des eigenen Kollektivs verfestigend begr\u00fcndet, dann instrumentalisiert er nicht nur das Andenken der Opfer n\u00e4mlicher Verfolgungsgeschichte, sondern pervertiert es aus letztlich narzisstischen Beweggr\u00fcnden und Bed\u00fcrfnissen.\u201c (wie oben, S. 20f.)<\/p>\n<p><strong>Pl\u00e4doyer f\u00fcr das Vergessen<\/strong><\/p>\n<p>Der Diskurs \u00fcber die Umkehrung von T\u00e4ter- und Opferrolle (was ja nicht gleich eine Gleichsetzung von Zionisten und Nazis bedeutet) ist in Israel offenbar kein Tabu, ist in den Augen von Haury und Vertretern seiner Richtung reiner Antisemitismus. Angeregt wurde diese Diskussion im \u00dcbrigen von Jehuda Elkana, einem Auschwitz-\u00dcberlebenden, der 1988 einen Aufsatz mit dem Titel F\u00fcr das Vergessen (Haaretz 16.3.1988) vorlegt hatte, in dem er die Frage zu beantworten versuchte, wie Israelis zu T\u00e4tern werden k\u00f6nnten. Der Artikel erschien im Gefolge mehrerer Presseberichte \u00fcber Exzesse israelischer Soldaten in den besetzten Gebieten. Elkana fragte sich, was die israelischen Soldaten zu ihren brutalen Taten veranlasst habe, und kam zu dem Schluss, dass es nicht etwa individuelle Frustration gewesen sei, sondern eine tiefe existentielle Furcht, die von bestimmten Interpretationen des Holocaust gen\u00e4hrt werde und auf dem Glauben basiere, dass die ganze Welt gegen das j\u00fcdische Volk \u2013 dieses ewige Opfer \u2013 eingestellt sei.<\/p>\n<p>Er schrieb: \u201eIn diesem uralten Glauben, dem sich viele Menschen auch heute verschreiben, sehe ich Hitlers paradoxen und tragischen Sieg.\u201c H\u00e4tte der Holocaust das Bewusstsein des Volkes nicht so tief durchdrungen, h\u00e4tte der Konflikt zwischen den Juden und den Pal\u00e4stinensern nicht zu so vielen \u201eanormalen\u201c Reaktionen gef\u00fchrt und w\u00e4ren die diplomatischen Bem\u00fchungen wahrscheinlich nicht im Sande verlaufen.<br \/>\nElkana geht dann auf die Gefahren des Erinnerns ein: \u201eEine Atmosph\u00e4re, in der eine ganze Nation ihre Beziehung zur Gegenwart und ihre Gestaltung der Zukunft von den Lehren der Vergangenheit abh\u00e4ngig macht, ist eine Gefahr f\u00fcr die Zukunft einer jeden Gesellschaft, die wie in anderen L\u00e4ndern, in relativer Gelassenheit und relativer Sicherheit leben will. (\u2026) Sogar die Demokratie selbst ist bedroht, wenn die Erinnerung der Nazi-Opfer im politischen Prozess eine aktive Rolle spielt. Alle faschistischen Regime mit ihren Ideologien haben das sehr wohl verstanden. (\u2026) Wenn man vergangene Leiden als politisches Argument gebraucht, ist das so, als erwecke man die Toten zu Partnern im demokratischen Prozess der Lebenden.\u201c<\/p>\n<p>Er sehe keine gr\u00f6\u00dfere Gefahr f\u00fcr die Zukunft Israels als die Tatsache, dass der Holocaust tief und systematisch im Bewusstsein der israelischen \u00d6ffentlichkeit eingepflanzt werde. Er pl\u00e4diere deshalb f\u00fcr das Vergessen. Es gelte, sich f\u00fcr das Leben einzusetzen, die Herrschaft der historischen Erinnerung d\u00fcrfe nicht das Leben der Menschen in Israel bestimmen, was aber nicht Geschichtsvergessenheit bedeuten d\u00fcrfe. Nat\u00fcrlich stie\u00dfen die Ausf\u00fchrungen Elkanas nicht nur auf Zustimmung, sie zeigen aber, dass selbst in diesem Staat ein kritischer Diskurs \u00fcber die Rolle von T\u00e4tern und Opfern m\u00f6glich ist, der f\u00fcr Haury reiner Antisemitismus w\u00e4re. Nur der j\u00fcdische Publizist und Zionist Hendryk M. Broder f\u00e4llt da aus der Rolle, auf den sich Haury des \u00d6fteren positiv beruft. Denn er bekannte zynisch: \u201eEs stimmt, Israel ist heute mehr T\u00e4ter als Opfer. Das ist auch gut und richtig so, nachdem es die Juden fast 2000 Jahre lang mit der Rolle der ewigen Opfer versucht und dabei nur schlechte Erfahrungen gemacht haben. T\u00e4ter haben meistens eine l\u00e4ngere Lebenserwartung als Opfer und es macht mehr Spa\u00df, T\u00e4ter als Opfer zu sein.\u201c (J\u00fcdische Allgemeine 17.03.2005, S.3.)<br \/>\nIst Kritik am Kapitalismus antisemitisch?<\/p>\n<p>Es ist ein antideutsches Credo und deshalb auch f\u00fcr Haury, dass jede Kritik am Kapitalismus und dem internationalen Finanzsektor leicht in antisemitisches Fahrwasser geraten kann oder sogar direkt antisemitisch ist. Hier wird im Grunde behauptet, dass es auch Antisemitismus geben kann, in dem der Begriff \u201eJude\u201c oder \u201eJuden\u201c gar nicht vorkommt, dass sich also der Antisemitismus schon in gewissen Anspielungen oder Codew\u00f6rtern versteckt wie Kapitalismus, B\u00f6rse, internationales Finanzsystem oder Wall-Street. Auch die Antideutschen und Anh\u00e4nger des israelischen Mainstreams haben also wie die wirklichen Antisemiten ihre Stereotypen und Verschw\u00f6rungstheorien. Nun muss ja die Frage erlaubt sein, warum das neoliberale Wirtschaftssystem, das derzeit global vorherrschend ist, und der Finanzsektor nicht wie alle anderen politischen und \u00f6konomischen Tatbest\u00e4nde und Probleme einem \u00f6ffentlichen Diskurs unterliegen sollen.<\/p>\n<p>Es ist kein Geheimnis, dass die neoliberale Wirtschaftspolitik durch Privatisierung und Deregulierung zum Abbau des Sozialstaats gef\u00fchrt hat und den gesellschaftlichen Reichtum von unten nach oben verteilt hat. Damit verbunden ist eine deutliche Gef\u00e4hrdung demokratischer Rechte. Die Finanzkrise des Jahres 2008, die durch weltweite, zum Teil kriminelle Spekulationen ausgel\u00f6st worden war und bei der das globale Finanzsystem v\u00f6llig aus der Kontrolle geraten war, konnte nur durch demokratisch nicht legitimierte, umfassende finanzielle Hilfsma\u00dfnahmen der Staaten (\u201eRettungsschirme\u201c) beigelegt werden, wodurch viel Geld f\u00fcr andere Bereiche \u2013 Infrastruktur, Gesundheit, Soziales, Bildung, Umwelt usw. \u2013 verloren ging. Eine nie gekannte und anhaltende Verm\u00f6genskonzentration, Steuerhinterziehung, die schamlose Ausnutzung von Offshore oder EU-internen Steuerparadiesen (Panama-Papers, Lux Leaks und andere) geh\u00f6ren zu den Tatsachen.<\/p>\n<p>Sozialwissenschaftler haben diesen Vorgang als \u201ekapitalistische Elitendemokratie\u201c bezeichnet und kritisiert, dass diese Entwicklung weitgehend unidentifizierbar und damit gleichsam unsichtbar abgelaufen ist. Aber ist Kritik an diesen Vorg\u00e4ngen antisemitisch, weil von dieser Kritik vielleicht auch j\u00fcdische Profiteure und Spekulanten betroffen sein k\u00f6nnten? Unterstellungen in dieser Richtung sind absurd, weil sie den \u00f6ffentlichen Diskurs \u00fcber die Wirtschafts- und Finanzpolitik und auch die Wissenschaftsfreiheit in Frage stellen. Die Vermutung dr\u00e4ngt sich auf, dass Leute wie Haury sich eher abschirmend und sch\u00fctzend vor den internationalen Markt- und Finanzradikalismus stellen wollen und die Interessen der Hauptakteure dort vertreten.<\/p>\n<p><strong>Gibt es eine zionistische Lobby?<\/strong><\/p>\n<p>Auch der Begriff einer \u201ezionistischen\u201c oder \u201ej\u00fcdischen\u201c Lobby st\u00f6\u00dft Haury auf und wird von ihm als antisemitisch angeprangert. Nun hat heute so gut wie jeder Lebensbereich (Wirtschaft, Industrie, Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Handwerk, Kirchen und kulturelle Einrichtungen) seine Lobby. Im EU-Transparenzregister in Br\u00fcssel waren am 6. August 2020 insgesamt 11 900 Lobby-Organisationen aufgef\u00fchrt (FAZ 13.08. 2019). Warum sollen das Judentum und die Zionisten, die weltweit vernetzt sind, nicht auch ihre Lobby und deren Vertreter haben? Was w\u00e4re daran gleich antisemitisch? Der Lobbyismus ist eine Realit\u00e4t und h\u00e4ngt eng mit dem gegenw\u00e4rtigen politischen und wirtschaftlichen System zusammen. Dass die Zionisten schon immer in den USA eine starke Lobby hatten und noch haben, ist kein Geheimnis. In jeder Geschichte des Zionismus ist das nachzulesen. Ohne eine zionistische Lobby in den USA w\u00e4re es sicher nicht zu dem f\u00fcr Israel so g\u00fcnstigen und f\u00fcr die Araber so unvorteilhaften Teilungsbeschluss der UNO 1947 gekommen und wahrscheinlich auch nicht zur Gr\u00fcndung Israels.<\/p>\n<p>Tom Segev beschreibt das sehr erfolgreiche Wirken der zionistischen Lobby in Washington und New York in seiner Ben Gurion-Biographie ausf\u00fchrlich \u2013 und zwar das Wirken dieser Lobby in vorstaatlicher Zeit und nach der Staatsgr\u00fcndung 1948. Immer wenn die Zionisten Geld brauchten \u2013 f\u00fcr den Staatsaufbau oder f\u00fcr Waffen \u2013 schickten sie ihre Emiss\u00e4re in die USA (zumeist war es Ben Gurion selbst oder Golda Meir) und trommelten dort wohlhabende Juden zusammen, die dann auch reichlich spendeten. Bei Segev hei\u00dft es zum Jahr 1948: \u201eDas meiste Geld stammte aus Amerika. Golda Meir war es gelungen, bei den Juden dort eine f\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse beinahe fantastische Summe lockerzumachen: an die 50 Millionen Dollar; drei\u00dfig Millionen davon waren f\u00fcr Pal\u00e4stina bestimmt. \u201aOhne dieses Geld wei\u00df ich nicht, wie wir den Unabh\u00e4ngigkeitskrieg \u00fcberstanden h\u00e4tten\u2018, sagte sie.\u201c<\/p>\n<p>Ben Gurion sei bewusst gewesen, schreibt Segev, \u201edass die zionistische Zukunft in hohem Ma\u00df vom Geld der amerikanischen Juden abh\u00e4ngig war.\u201c Als der Krieg gegen die Araber 1948\/49 gewonnen war, f\u00fchrte Ben Gurion zwei Gr\u00fcnde f\u00fcr den Sieg an: erstens, dass die Araber \u201eTrottel\u201c und milit\u00e4risch au\u00dferordentlich schwach gewesen seien und zweitens die Unterst\u00fctzung, die Israel von den amerikanischen Juden erhalten habe \u2013 Soldaten, Milit\u00e4rexperten und Geld.<\/p>\n<p>An anderer Stelle schreibt Segev: \u201eEr [Ben Gurion] wusste auch, dass das zionistische Aufbauwerk ohne den Einfluss, das Geld und die W\u00e4hlerstimmen der amerikanischen Juden nicht vorankommen w\u00fcrde und dass viele amerikanische Juden an ihren Wohnorten mehr ausrichten konnten als in ihrer historischen Heimat. (\u2026) Es lag also im Interesse des historischen Aufbauwerks in Erez Israel, dass Juden weltweit in ihren L\u00e4ndern stark und einflussreich waren. (\u2026) \u00c4hnlich den j\u00fcdischen Unterst\u00fctzern Israels, die nicht selten unter Versto\u00df gegen amerikanische Gesetze einen Teil des Unabh\u00e4ngigkeitskrieges finanzierten, wurde sp\u00e4ter auch der Kernreaktor in Dimona durch Spenden von Juden in aller Welt mitfinanziert.\u201c (Tom Segev: David Ben Gurion. Ein Staat um jeden Preis, M\u00fcnchen 2018, S. 155, 435, 472, 698f, 497f.)<\/p>\n<p><strong>Die AIPAC und der US-Kongress<\/strong><\/p>\n<p>Der amerikanisch-j\u00fcdische Historiker Peter Novick von der Universit\u00e4t Chicago geht in seinem viel ger\u00fchmten Werk Nach dem Holocaust. Der Umgang mit dem Massenmord [in den USA, muss man erg\u00e4nzen] ausf\u00fchrlich auf die j\u00fcdische Lobby dort ein. Zun\u00e4chst fragt er, warum Amerika stets hinter Israel gestanden habe. Seine Antwort: Washington habe den zionistischen Staat w\u00e4hrend des Kalten Krieges unterst\u00fctzt, weil man einen Verb\u00fcndeten im Nahen Osten gegen die Sowjetunion und ihre Vasallen gebraucht habe. Sp\u00e4ter dann habe man Israel unterst\u00fctzt, um Frieden in der Region mittels eines Gleichgewichts zu bewahren.<\/p>\n<p>Zur Rolle der j\u00fcdischen Lobby in den USA merkt Novick an: \u201eZus\u00e4tzlich zu den geopolitischen Erw\u00e4gungen, die Entscheidungen in der Regierung beeinflusst haben, kam noch die lautstarke \u201aj\u00fcdische Lobby\u2018 hinzu, ausgehend vom American Israel Public Affairs Committee. AIPAC, das mit Hilfe Hunderter von politischen Aktionskomitees operierte. Es hat diejenigen Kongressmitglieder gro\u00dfz\u00fcgig belohnt, die Israel unterst\u00fctzt hatten, und jene unbarmherzig bestraft, die Israels Politik kritisch gegen\u00fcberstanden. Der spektakul\u00e4rste Sieg der AIPAC, aber bei weitem nicht der einzige, war die Niederlage des Senators Charles Percy, Vorsitzender der Foreign Relations Committee (des Ausw\u00e4rtigen Ausschusses), der sich einmal zu oft zugunsten der Pal\u00e4stinenser ausgesprochen hatte. \u201aAlle Juden in Amerika, von der einen K\u00fcste zu anderen, haben sich verb\u00fcndet, um Percy des Amtes zu entheben\u2018, prahlte AIPAC-Direktor Tom Dine. \u201aUnd Amerikas Politiker haben verstanden.\u2018\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr Haury ist es auch ein Kriterium f\u00fcr Antisemitismus, wenn behauptet wird, Juden spielten in den Medien der USA eine entscheidende Rolle. F\u00fcr Novick ist das \u00fcberhaupt kein Problem. Er stellt die Frage, warum die amerikanische Regierung es den B\u00fcrgern des Landes zur Pflicht gemacht habe, sich den Film Schindlers Liste anzusehen. Er schreibt: \u201eEin Gutteil der Antwort ist in der Tatsache zu suchen \u2013 die dadurch nicht weniger eine Tatsache wird, dass Antisemiten sie zu einem \u00c4rgernis erkl\u00e4ren \u2013 , dass die Juden eine wichtige und einflussreiche Rolle in Hollywood, in der Fernsehindustrie sowie beim Verlegen von Zeitungen, Zeitschriften und B\u00fcchern spielen. Jeder, der die gro\u00dfe Aufmerksamkeit erkl\u00e4ren m\u00f6chte, die dem Holocaust w\u00e4hrend der letzten Jahre in diesen Medien zuteil wurde, ohne diese Tatsache einzubeziehen, w\u00e4re naiv oder unaufrichtig. Dieser Teil der Antwort hat nat\u00fcrlich nichts mit einer j\u00fcdischen Verschw\u00f6rung zu tun \u2013 die Juden in den Medien tanzen nicht nach der Pfeife der \u201a\u00c4ltesten von Zion\u2018.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Krieges von 1967, den Israel gegen die arabischen Staaten f\u00fchrte, wuchs in den USA unter der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung die Angst um das \u00dcberleben von Israel. Es gab eine Unmenge von Kundgebungen und Spendenveranstaltungen. Um die Rolle der j\u00fcdischen Lobby in diesem Zusammenhang deutlich zu machen, zitiert Novick den Funktion\u00e4r der j\u00fcdischen Anti-Defamation-League (ADL) Oscar Cohen, der an einen Freund schrieb, dass das organisierte amerikanische Judentum eine Agentur der israelischen Regierung sei, deren \u201eInstruktionen es von Tag zu Tag befolgt\u201c. Novick f\u00e4hrt fort: \u201eDas allgemeine j\u00fcdische Verhalten erfuhr eine gr\u00fcndliche \u201aIsraelisierung\u2018. Zum Kennzeichen des guten Juden oder der guten J\u00fcdin wurde die Tiefe seiner oder ihrer Bindung an Israel. Das Vers\u00e4umnis, religi\u00f6se Pflichten wahrzunehmen und eine fast vollst\u00e4ndige Unkenntnis des Judaismus waren erlaubt; das Fehlen der Begeisterung f\u00fcr die israelische Sache (ganz zu schweigen von \u00f6ffentlicher Kritik an Israel) wurde unverzeihlich.\u201c (S. 198, 222f, 267f.)<\/p>\n<p>Mearsheimers und Walts aufsehenerregendes Buch \u00fcber die Israel-Lobby<br \/>\nDen besten Beleg f\u00fcr die Existenz einer sehr einflussreichen j\u00fcdischen Lobby in den USA haben die beiden Politikwissenschaftler John J. Mearsheimer (Universit\u00e4t von Chikago) und Stephen M. Walt (Harvard Universit\u00e4t) mit ihrem Buch Die Israel-Lobby. Wie die amerikanische Au\u00dfenpolitik beeinflusst wird (Frankfurt\/ Main 2007) geliefert. Sie demonstrieren ihre Thesen im Detail unter anderem anhand der US-Politik gegen\u00fcber Syrien, dem Irak und Iran. Aufschlussreich ist in diesem Buch das Kapitel: Die Lobby gegen die Pal\u00e4stinenser. Der damalige US-Pr\u00e4sident George W. Bush vertrat im Konflikt Israels mit den Pal\u00e4stinensern zun\u00e4chst eine gem\u00e4\u00dfigte Linie und setzte sich f\u00fcr die Bildung eines pal\u00e4stinensischen Staates ein. Er hatte offenbar begriffen, dass es im nationalen Interesse der Amerikas lag, den arabisch-israelischen Konflikt so schnell wie m\u00f6glich zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Israels damaliger Ministerpr\u00e4sident Ariel Sharon und die Israel-Lobby in den USA lehnten eine solche L\u00f6sung aber ab und setzten unter Berufung auf den Anschlag von 9\/11 in New York voll auf den \u201eKrieg gegen den Terrorismus\u201c, wobei man diesen Krieg mit Israels \u201eKrieg gegen den Terror\u201c (das hei\u00dft gegen die Pal\u00e4stinenser) gleichsetzte und den Pr\u00e4sidenten der pal\u00e4stinensischen Autonomiebeh\u00f6rde, PLO-Chef Jassir Arafat, als den Hauptakteur des Terrors ausmachte. Er sei das gr\u00f6\u00dfte Hindernis f\u00fcr eine Beilegung des israelisch-pal\u00e4stinensischen Konflikts.<\/p>\n<p>Sharon und die Lobby setzten sich gegen Bush durch: \u201eSharon und die Israel-Lobby hatten es mit dem Pr\u00e4sidenten der Vereinigten Staaten und seinem Au\u00dfenminister Colin Powell aufgenommen und den Sieg davongetragen.\u201c Die beiden Autoren zitieren die f\u00fchrende spanische Zeitung El Pa\u00eds, die zu der Niederlage Bushs anmerkte: \u201eWenn das Gewicht eines Landes am Grad seines Einflusses auf Ereignisse gemessen wird, dann ist nicht Amerika, sondern Israel die Supermacht.\u201c Und Walt und Mearsheimer erg\u00e4nzen: \u201eEs waren die proisraelischen Kr\u00e4fte in den USA und nicht Sharon oder Israel, die die Hauptrolle spielten, und Bushs Anstrengungen, eine gerechtere, fairere Politik zu betreiben, zunichtemachten.\u201c<\/p>\n<p>Die Existenz einer j\u00fcdischen Lobby zu leugnen und jede gegenteilige und gut belegte Behauptung gleich des Antisemitismus zu zeihen, wie Haury das tut, f\u00fchrt sich selbst ad absurdum. Mearsheimer und Walt haben das nat\u00fcrlich gesehen und antworten darauf: \u201eDie gegenw\u00e4rtigen Verh\u00e4ltnisse im Nahen Osten stellen f\u00fcr die Hardliner der Israel-Lobby nat\u00fcrlich ein ernsthaftes Dilemma dar. Statt einen schwachen, von Feinden umringten Staat zu verteidigen, der nach einer gro\u00dfen historischen Katastrophe [dem Holocaust] geschaffen wurde, m\u00fcssen sie heute einen m\u00e4chtigen, modernen und prosperierenden Staat verteidigen, der seine \u00fcberlegene St\u00e4rke benutzt, um Pal\u00e4stinensern Land wegzunehmen, ihnen umfassende politische Rechte zu verwehren und mit Problemen belasteten Nachbarstaaten wie dem Libanon hart zuzusetzen.\u201c<br \/>\nUnd weiter: \u201eWenn dieses Vorgehen bei vern\u00fcnftigen, gem\u00e4\u00dfigten Kreisen Kritik ausl\u00f6st, sehen sich diese Gruppen gezwungen, Menschen zu verunglimpfen und zu marginalisieren, die offenkundig weder Extremisten noch Antisemiten sind. Neonazis und Holocaustleugner zu verurteilen ist durchaus sinnvoll. (\u2026) Je mehr die Hardliner der Lobby s\u00e4mtliche Kritiker unterschiedslos angreifen, desto mehr offenbaren sie, dass sie sich von der allgemeinen amerikanischen Verpflichtung auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung und offene Diskussion verbschiedet haben. Und wenn praktisch jede Kritik an Israel mit Antisemitismus gleichgesetzt wird, l\u00e4uft dieser Vorwurf Gefahr, jeden Sinn zu verlieren.\u201c (S. 286f, 295, 484f.)<\/p>\n<p>Diese letzten S\u00e4tze der beiden Politologen sind zwar auf amerikanische Verh\u00e4ltnisse bezogen, sind aber auf die gegenw\u00e4rtige Situation in Deutschland gut anwendbar. Haury und die Anh\u00e4nger Israels tun alles, ihre Sicht auf den Nahostkonflikt mit allen Mitteln durchzusetzen. Die Vertreter der universalistischen Richtung, die sich f\u00fcr die Einhaltung des V\u00f6lkerrechts und der Menschenrechte \u2013 gerade auch f\u00fcr die Pal\u00e4stinenser \u2013 einsetzen, haben kaum noch eine Chance, S\u00e4le f\u00fcr ihre Veranstaltungen zu bekommen oder in den wichtigen und einflussreichen Medien zu Wort zu kommen. Diese Entwicklung ist durch die BDS-Resolution, die der Bundestag beschlossen hat, noch verst\u00e4rkt worden. Die Meinungsfreiheit, eine der elementarsten Rechte in jeder Demokratie, ist dadurch in ernsthafte Gefahr geraten.<\/p>\n<p><strong>BDS: Auch friedlicher Widerstand gegen Unrecht soll antisemitisch sein<\/strong><\/p>\n<p>Der vierte Punkt, den Haury als antisemitisch ausmacht, ist die aus der pal\u00e4stinensischen Zivilgesellschaft kommende BDS-Bewegung \u2013 Boykott, Disvestment, Sanktionen. Haury kann sich da auf die Resolution des Bundestages vom 17. Mai 2019 beziehen, die BDS auch als antisemitisch verurteilte. Er muss aber zugestehen, dass sogar israelische Intellektuelle gegen diesen Beschluss protestierten und BDS nicht als antisemitisch ansehen. Der israelische Journalist Gideon Levy von der Tageszeitung Haaretz schrieb zu der Bundestagsresolution: Deutschland solle sich sch\u00e4men, es sei nun zum Handlanger der israelischen Politik geworden. Es mag in der BDS-Bewegung vielleicht auch ein paar Antisemiten geben, fuhr er fort, aber die Mehrheit der BDS-Anh\u00e4nger seien Personen mit Gewissen, die glaubten, dass ein Apartheidstaat es verdient habe, boykottiert zu werden. \u201eWas ist daran antisemitisch?\u201c fragt er.<\/p>\n<p>Zur Vorgeschichte von BDS: Im Jahr 2004 hatte der Internationale Gerichtshof in Den Haag in einem Gutachten Israels Mauerbau als v\u00f6lkerrechtswidrig verurteilt, soweit er auf pal\u00e4stinensischem Boden stattfinde (die Trennmauer umfasste bereits 2015 680 Kilometer, obwohl die v\u00f6lkerrechtlich anerkannte \u201egr\u00fcne Linie\u201c von 1967 nur 320 Kilometer lang ist). Die Staatengemeinschaft wurde aufgefordert, die illegale Situation, also die Ergebnisse des Mauerbaus nicht anzuerkennen und keine Hilfe dabei zu leisten, die Situation aufrechtzuerhalten, die durch den Bau der Mauer entstanden sei. Doch als die Staatengemeinschaft auf das Gutachten nicht reagierte, riefen 170 Organisationen der pal\u00e4stinensischen Zivilgesellschaft zu BDS auf. In dem Aufruf hei\u00dft es: \u201eDie gewaltlosen Strafma\u00dfnahmen m\u00fcssen so lange aufrechterhalten werden, bis Israel seiner Verpflichtung nachkommt, den Pal\u00e4stinensern das unver\u00e4u\u00dferliche Recht der Selbstbestimmung zuzugestehen, das zur G\u00e4nze den Ma\u00dfst\u00e4ben des internationalen Rechts entspricht.\u201c<\/p>\n<p>Was sind au\u00dferdem die Ziele von BDS? Sie will erstens die Besetzung allen arabischen Landes beenden und die Mauer abrei\u00dfen, die die Bewegungsfreiheit der Pal\u00e4stinenser massiv einschr\u00e4nkt. (Hier h\u00e4tten die Initiatoren allerdings etwas pr\u00e4ziser definieren m\u00fcssen, was unter \u201earabischem Land\u201c zu verstehen ist, was sp\u00e4ter aber erfolgt ist.) Die Bewegung strebt zweitens an, dass das Grundrecht der arabisch-pal\u00e4stinensischen B\u00fcrger\/innen auf v\u00f6llige Gleichheit anerkannt wird. Diese Bev\u00f6lkerungsgruppe ist durch das neue israelische Nationalstaatsgesetz sogar offiziell zu B\u00fcrgern zweiter Klasse geworden. Drittens sollen die Rechte der pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlinge, in ihre Heimat und zu ihrem Eigentum zur\u00fcckzukehren, wie es in der UNO-Resolution vereinbart wurde, respektiert, gesch\u00fctzt und gef\u00f6rdert werden.<\/p>\n<p>Es ist nicht zu erkennen, was an diesen Forderungen antisemitisch sein soll. Sie berufen sich alle auf das internationale Recht. Man kann den Vorwurf nur so erkl\u00e4ren: Wenn die Pal\u00e4stinenser Gewalt anwenden, um ihre Rechte durchzusetzen, sind sie \u201eTerroristen\u201c, obwohl das V\u00f6lkerrecht jedem unterdr\u00fcckten Volk ein \u2013 auch gewaltsames \u2013 Widerstandsrecht zu gesteht, wenn die Gewalt nicht gegen Zivilisten ausge\u00fcbt wird. Fordern die Pal\u00e4stinenser aber ihre Rechte mit friedlichen und juristischen Mitteln wie BDS ein, sind sie Antisemiten. Auch die Behauptung, BDS k\u00e4me der Nazi-Parole \u201eKauft nicht bei Juden!\u201c gleich, ist unsinnig. Denn sie bedeutete damals, dass ein Terrorstaat die Bev\u00f6lkerung dazu aufrief, gegen eine Minderheit in der Bev\u00f6lkerung vorzugehen. Im Fall von BDS versucht ein unterdr\u00fccktes Volk seine elementarsten B\u00fcrger- und Menschenrechte einzufordern, die ihm von einem Unterdr\u00fcckerstaat verwehrt werden. Das ist etwas ganz Anderes. Es kann aber nicht antisemitisch sein, von Israel die Einhaltung des V\u00f6lkerrechts und der universellen Prinzipien der Menschenrechte einzufordern, wenn man nicht v\u00f6llig sinnenstellend argumentiert.<\/p>\n<p>Vor Gericht geh\u00f6rt deshalb nicht BDS, sondern ein System, das der israelische Filmemacher Eyal Sivan zusammen mit seiner franz\u00f6sischen Partnerin, der Dokumentarfilmerin Arnelle Laborie so beschreibt: \u201eDie israelische Demokratie befindet sich seit der Geburt des Staates quasi permanent in einem Ausnahmezustand. Das Land untersteht einer F\u00fclle von Gesetzen und Verordnungen, die von der Armee oder der Regierung im Rahmen eines vor\u00fcbergehenden Notstands beschlossen wurden, der jedes Jahr von einer absoluten Mehrheit im israelischen Parlament verl\u00e4ngert wird. Diese auf einen Teil der Bev\u00f6lkerung angewandte, permanent gewordene vor\u00fcbergehende Situation erlaubt einem nicht-demokratischen Regime also, im Namen der Demokratie fortzubestehen.\u201c<\/p>\n<p>Und weiter: \u201eTrennmauer, Kontrollposten, Militarisierung der Polizei, bewaffnete Patrouillen in den Stra\u00dfen, Gesichtsprofil und Gesichtskontrollen, \u00dcberwachung und Einteilung der Bev\u00f6lkerung gem\u00e4\u00df ihrer vermuteten Gef\u00e4hrlichkeit, unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Vollmachten der Geheimdienste, exzessive Expertenpr\u00e4senz in den Medien und Verehrung des Gottes Sicherheit sind integrale Bestandteile dieser Demokratie im Ausnahmezustand. Kontrolle sozialer Netzwerke, milit\u00e4rische Zensur, Inl\u00e4ndervorrang, ausgew\u00e4hlte Immigration, Aufenthaltsbewilligungen und Passierscheine, n\u00e4chtliche Hausdurchsuchungen, Hausarreste, Aberkennung der Nationalit\u00e4t oder des Aufenthaltsrechts, Administrativhaft, parallele Gesetzgebungen und Justizinstitutionen, Auffang- und Abschiebezentren f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge, die Ausschaltung von Verd\u00e4chtigen und au\u00dfergerichtliche T\u00f6tungen sind in der israelischen Demokratie Alltag.\u201c Man muss hinzuf\u00fcgen, dass sich alle die hier aufgef\u00fchrten Ma\u00dfnahmen (mit Ausnahme der Abschiebezentren f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge, womit vor allem Afrikaner gemeint sind) nur auf Pal\u00e4stinenser beziehen und nicht auf j\u00fcdische B\u00fcrger Israels, wodurch der Apartheidsvorwurf seine Berechtigung erh\u00e4lt. (Eyal Sivan\/ Arnelle Laborie: Legitimer Protest. Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen kulturellen und akademischen Boykott Israels, Wien 2018, S. 143f.)<\/p>\n<p><strong>War auch die DDR \u2013 ein Hort von \u201eAntisemiten\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Es ist unm\u00f6glich, auf alle Punkte einzugehen, die Haury als \u201eantisemitisch\u201c anprangert. Es soll aber noch auf folgende Behauptungen entgegnet werden: der angebliche Antisemitismus der 68er, der DDR insgesamt und der Hamas. Au\u00dferdem ist auf den Vorwurf, die \u201aLinke\u2018 verweigere Israel die Anerkennung des Existenzrechts, einzugehen. \u00dcbergangen werden soll der Antisemitismus-Vorwurf gegen die sogenannten K-Gruppen oder \u201eneue Linke\u201c, Gruppen, die in den 70er und 80er Jahren in der Nachfolge der 68er standen, gro\u00dfenteils aber eine ganz andere Entwicklung genommen und in der deutschen Gesellschaft nur eine sehr marginale Bedeutung gespielt haben.<\/p>\n<p>Dem sp\u00e4tstalinistischen Antizionismus der DDR widmet Haury fast zehn Seiten seiner Brosch\u00fcre (von insgesamt 60 Textseiten), dieser Themenbereich erscheint ihm also als besonders bedeutsam. Nun ist es nicht schwer, der DDR-Politik Antisemitismus zu unterstellen, wenn man Judentum und Zionismus nicht auseinanderh\u00e4lt, also auch Antizionismus und Antisemitismus nicht voneinander trennt. Bei der Unterstellung des antisemitischen Weltbildes der DDR beruft Haury sich auf die Abh\u00e4ngigkeit dieses Staates von der sowjetischen Vormacht in Moskau.<\/p>\n<p>Dass es in der Sowjetunion und damit im gesamten Ostblock Antisemitismus gegeben hat, ist durch die Schauprozesse gegen Juden zu Beginn der 50er Jahre in Moskau, den Slansky-Prozess in Prag und die Verurteilung Paul Merkers in der DDR belegt. Die Vorw\u00fcrfe gegen die Beschuldigten, die zumeist Juden waren (Paul Merker aber nicht), lauteten immer: Sabotage und zu gro\u00dfe N\u00e4he zum Zionismus. Auch in sp\u00e4teren Jahren war die Politik der Sowjetunion und der DDR antizionistisch, so unterhielt die DDR keine Beziehungen zu Israel, wohl aber sehr enge Kontakte zu den Pal\u00e4stinensern und speziell zu Arafats PLO. Aber war diese Politik deshalb auch antisemitisch?<\/p>\n<p>Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Sowjetunion aktiv an der Gr\u00fcndung Israels 1948 beteiligt war und auch 1947 in der UNO f\u00fcr die Teilung Pal\u00e4stinas in zwei Staaten \u2013 einen j\u00fcdischen und einen pal\u00e4stinensischen \u2013 gestimmt hat. Erst als man in Moskau wahrnahm, dass sich Israel nicht als sowjetischer Br\u00fcckenkopf im Nahen Osten aufbauen lie\u00df, konzentrierte sich die Politik der Sowjetunion mehr auf die arabischen Staaten. Haury verschweigt diese Tatsachen, die ja besagen, dass die Nahostpolitik Moskaus keineswegs von Anfang an antizionistisch = antisemitisch war.<br \/>\nDie Politologin Angelika Timm, die das Standardwerk \u00fcber das Verh\u00e4ltnis der DDR zum Judentum, Zionismus und Israel geschrieben hat, kommt zu einem anderen, etwas differenzierterem Ergebnis als Haury. Sie hat diesen Komplex so zusammengefasst: \u201eDie Staatspolitik und die \u00f6ffentliche Meinung waren \u2013 mit Ausnahme antij\u00fcdischer Repressionen im Gefolge des Slansky-Prozesses \u2013 nicht antisemitisch im engeren Sinne; Juden wurden in der DDR weder verfolgt noch diskriminiert nur aufgrund der Tatsache, dass sie Juden waren. Dennoch war das Verh\u00e4ltnis des Staates zu den j\u00fcdischen Gemeinden des Landes durch Unwissenheit, Ignoranz und zum Teil auch bewusste politische Instrumentalisierung gekennzeichnet. Juden litten wie andere DDR-B\u00fcrger unter mangelnder Demokratie, Ungerechtigkeiten, Einschr\u00e4nkungen des realen Sozialismus. Diese Situation war nicht Ergebnis einer antisemitischen Politik, sondern entsprang dem politischen System bzw. war Ausdruck einer allgemeinen gesellschaftlichen Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Auch die proarabische und antiisraelische Positionierung der F\u00fchrung des ostdeutschen Staates im Nahostkonflikt ist nicht auf eine antij\u00fcdische Grundeinstellung zur\u00fcckzuf\u00fchren; sie ergab sich vielmehr aus systemorientierter Parteinahme und realpolitischen Interessen gegen\u00fcber den sich mit Israel im Kriegszustand befindlichen arabischen L\u00e4ndern. Das Vers\u00e4umnis, politische Beziehungen zu Israel herzustellen und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die B\u00fcrger des j\u00fcdischen Staates, deren Interessen, Hoffnungen und \u00c4ngste, aufzubringen, ist als ernstes historisches Vers\u00e4umnis zu werten, das harsche Kritik, jedoch nicht das Attribut \u201aantisemitisch\u2018 verdient. (\u2026)<\/p>\n<p>Archivstudien und Zeitzeugenbefragungen belegen, dass es in der DDR \u2013 offensichtlich quer durch die Bev\u00f6lkerung \u2013 Antisemitismus gab. Dennoch kann der Einsch\u00e4tzung, der Antizionismus der Realsozialisten sei in Wahrheit Antisemitismus gewesen, in ihrer Verallgemeinerung nicht gefolgt werden. Die Ablehnung des Zionismus entsprang nicht prim\u00e4r antij\u00fcdischem Vorbehalt; sie war Teil der kommunistischen Weltsicht, die Nationalismus nur bedingt f\u00fcr progressiv hielt und ihm den Internationalismus entgegensetzte. Sie stand zum anderen in engem Zusammenhang mit der Au\u00dfenpolitik der DDR bzw. ihren Nahostinteressen. Israel wurde nicht wegen seines Selbstverst\u00e4ndnisses als j\u00fcdischer Staat, sondern ob seiner Regionalpolitik und au\u00dfenpolitischen B\u00fcndnisbeziehungen abgelehnt. Das antizionistische Verdikt galt zudem prim\u00e4r der politischen Elite [Israels] und nicht den B\u00fcrgern des Landes.\u201c<br \/>\nDas klingt etwas anders und sehr viel differenzierter als Haurys sehr einseitige Polemik gegen die DDR, der diesem Staat pauschal Antisemitismus unterstellt. Er f\u00fchrt im Literaturverzeichnis Helga Timms Buch auch an und zitiert aus ihm, aber wohl nur die Passagen, die seine Thesen st\u00fctzen. Die hier zitierten Abschnitte kommen bei Haury nicht vor. (Hammer. Zirkel. Davidstern. Das gest\u00f6rte Verh\u00e4ltnis der DDR zum Zionismus und dem Staat Israel, Bonn 1997, S. 397f.)<\/p>\n<p><strong>Waren die 68er Antisemiten?<\/strong><\/p>\n<p>Haury bringt auch die Studenten der 68er-Bewegung in Antisemitismus-Verdacht, was schon deshalb widersinnig ist, denn 68 war der Aufstand der S\u00f6hne und T\u00f6chter gegen ihre V\u00e4ter, die die NS-Verbrechen \u2013 vor allem den Holocaust \u2013 begangen und zu verantworten hatten. Bei Antisemitismus-Vorw\u00fcrfen gegen diese Studenten muss dann vor allem Dieter Kunzelmann herhalten, der in der Tat einige ungute \u00c4u\u00dferungen von sich gegeben und Aktionen inszeniert hat, die man als judenfeindlich auslegen kann. Aber Kunzelmann war kein Vordenker der Bewegung, sondern eher ein APO-Clown. Man darf daran erinnern, dass die Bewegung ganz ma\u00dfgeblich von j\u00fcdischen Denkern und Intellektuellen als Vorbildern getragen wurde \u2013 von Karl Marx, Sigmund Freud, Wilhelm Reich, Theodor Adorno, Max Horkheimer bis zu Herbert Marcuse. Das passt wenig zu dem Antisemitismus-Vorwurf Haurys. Von den \u00fcberaus popul\u00e4ren j\u00fcdischen Vertretern der Jugendkultur und neuer musikalischer Richtungen ganz zu schweigen.<br \/>\nDie 68er haben Israel aber zu Recht als nach-kolonialen Staat angesehen, denn der Zionismus war von Anfang an eine siedlerkolonialistische Bewegung. Die Politologin Petra Wild hat den Siedlerkolonialismus folgenderma\u00dfen definiert: \u201eDer reine Siedlerkolonialismus, f\u00fcr den Israel ein Beispiel ist, strebt danach, die einheimische Bev\u00f6lkerung durch eine eingewanderte Siedlerbev\u00f6lkerung vollst\u00e4ndig zu ersetzen. Die Grenzen werden stets weiter nach vorne verschoben und die einheimische Bev\u00f6lkerung wird auf stets kleiner werdenden Fl\u00e4chen zusammengedr\u00e4ngt, um ihr Land und ihre Ressourcen f\u00fcr die Siedlerbev\u00f6lkerung freizumachen. Charakteristisch f\u00fcr siedlerkolonialistische Gebilde sind neben territorialer Expansion ein ausgepr\u00e4gter Rassismus in der Siedlerbev\u00f6lkerung und die Behauptung, das Land sei menschenleer gewesen, als die Siedler kamen.\u201c (Die Siedlerparole im Zionismus hie\u00df: \u201eEin Volk ohne Land f\u00fcr ein Land ohne Volk!\u201c)<\/p>\n<p>Die Definition Petra Wilds ist eine realistische Beschreibung dessen, was in Pal\u00e4stina seit \u00fcber hundert Jahren bis heute geschieht. K\u00f6nnten die Pal\u00e4stinenser aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen einen eigenen Staat bilden, was durch die Siedlungen auf dem Westjordanland inzwischen unm\u00f6glich geworden ist, bes\u00e4\u00dfen sie noch 22 Prozent ihres einstigen Landes. Durch den \u201eFriedensplan\u201c von US-Pr\u00e4sident Trump sollen sie zus\u00e4tzlich 60 Prozent des Westjordanlandes an Israel verlieren, was hei\u00dft, dass die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung keinen eigenen souver\u00e4nen Staat bekommen soll, sondern in nicht zusammenh\u00e4ngende Reservate oder Bantustans abgedr\u00e4ngt werden soll, die \u2013 da sie keine eigenen Au\u00dfengrenzen haben \u2013 vollst\u00e4ndig unter israelischer Kontrolle stehen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Der Siedlerkolonialismus ist heute ein eigenes Forschungsgebiet, auf dem besonders australische, amerikanische und s\u00fcdafrikanische Wissenschaftler arbeiten, weil auch diese Staaten und Gesellschaften aus siedlerkolonialistischen Bewegungen hervorgegangen sind. Der britische Sozialwissenschaftler Martin Shaw sieht die ethnische S\u00e4uberung Pal\u00e4stinas 1948 sogar als Beginn eines genozidalen Prozesses an, der bis heute andauere und dessen Hauptelemente der Siedlungsbau und die geographische Kontrolle seien. Die 68er lagen also nicht ganz falsch mit ihrer These, dass Israel ein nachkolonialistischer Staat sei, wof\u00fcr ja auch spricht, dass er von imperialistischen Gro\u00dfm\u00e4chten geschaffen und unterst\u00fctzt worden ist. Aber wenn man wie Haury zwischen Antizionismus und Antisemitismus nicht trennt, dann kann man nat\u00fcrlich auch die 68er in diesen Ruf bringen. (Petra Wild: Apartheid und ethnische S\u00e4uberung in Pal\u00e4stina. Der zionistische Siedlerkolonialismus in Wort und Tat, Wien 2013, S. 9, 205.)<\/p>\n<p><strong>Ist die Hamas antizionistisch und antisemitisch?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist f\u00fcr Haury auch die Hamas eine antisemitische Bewegung, weil es in ihrer Charta aus den 80 Jahren einige S\u00e4tze gibt, die man so deuten kann. Ihr wird unterstellt, dass sie Israel vernichten will. Dass Israel diese Organisation in den fr\u00fchen 80er Jahren massiv unterst\u00fctzt hat, weil es sie als Konkurrenz zur Arafats PLO aufbauen wollte; dass diese Organisation sich l\u00e4ngst von ihrer Charta distanziert hat; dass sie im pal\u00e4stinensischen Wahlkampf 2006 offen f\u00fcr die Schaffung eines pal\u00e4stinensischen Staates im Westjordanland und im Gazastreifen eingetreten ist, wenn die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung einer solchen L\u00f6sung in einem Referendum zustimmen w\u00fcrde und sich so mit 22 Prozent Pal\u00e4stinas zufrieden gegeben h\u00e4tte; dass sie die \u201ewirklich freien Wahlen\u201c (US-Pr\u00e4sident Jimmy Carter) in den besetzten Gebieten \u00fcberlegen gewonnen hat; dass Israel und der Westen das Wahlergebnis nicht anerkannten, weil in ihren Augen die falsche Partei gewonnen hatte; dass Israel dann die frei gew\u00e4hlten Hamas-Abgeordneten sofort verhaftet hat; dass eine von Israel und den USA ausgebildete pal\u00e4stinensische Truppe die Hamas im Gazastreifen st\u00fcrzen wollte, was aber misslang; dass die Hamas Israel immer wieder auch langfristige Waffenstillst\u00e4nde angeboten hat \u2013 dar\u00fcber findet man bei Haury kein Wort. Das passt eben nicht ins Weltbild.<\/p>\n<p>Zudem ist es absurd, jede arabische Feindschaft gegen\u00fcber Israel auf Antisemitismus zur\u00fcckzuf\u00fchren, also gegen den \u201ekollektiven Juden\u201c Israel. Eine solche Argumentation leugnet die gewaltsame Entstehungsgeschichte Israels auf Kosten eines arabischen Volkes \u2013 der Pal\u00e4stinenser, also den siedlerkolonialistischen Charakter des zionistischen Staates und dessen Unterdr\u00fcckungs- und Okkupationspolitik bis heute. Dazu liefert u.a. Gilbert Achcar in seinem Buch Die Araber und der Holocaust wichtige Analysen und Argumente.<\/p>\n<p>Der Arabist Alexander Flores hat erl\u00e4utert, wie die Feindschaft der Araber gegen\u00fcber Israel zu erkl\u00e4ren ist und dass sie keineswegs einfach mit dem europ\u00e4ischen Antisemitismus gleichzusetzen ist, wenn sie sich auch oft in antisemitischen Formen \u00e4u\u00dfern mag. Als Hauptgr\u00fcnde nennt Flores: die Verheerungen, die das Vorgehen der Zionisten in Pal\u00e4stina angerichtet hat: Landraub, Vertreibungen, Unterdr\u00fcckung usw. Dazu kommt der st\u00e4ndig und vehement vorgetragene Anspruch Israels, f\u00fcr alle Juden weltweit zu sprechen und zu handeln. Dadurch wird der Unterschied zwischen Zionismus und Judentum in der \u00d6ffentlichkeit weitgehend verwischt. Da der Westen noch die schlimmsten israelischen Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen kritiklos hinnimmt, ja sogar billigt, k\u00f6nnen sich viele Araber eine solche Haltung nur als gro\u00dfe Weltverschw\u00f6rung gegen sie vorstellen, Flores res\u00fcmiert: Die Entstehung eines modernen Antisemitismus in der arabischen Welt kann angemessen nur verstanden werden als Transfer entsprechender Ideen aus Europa, und zwar im Kontext des Umbruchs der arabischen Welt zur Moderne unter europ\u00e4ischer Dominanz sowie unter Einfluss des Pal\u00e4stina-Konfliktes. (Alexander Flores: Arabischer Antisemitismus in westlicher Perspektive, in: John Bunzl\/ Alexandra Senfft (Hg.): Zwischen Antisemitismus und Islamophobie. Vorurteile und Projektionen in Europa und Nahost, Hamburg 2008, S 152f.)<\/p>\n<p>Der Israeli Moshe Zuckermann f\u00fcgt dem hinzu, wie die Auseinandersetzung Israels mit der Hamas und der Hisbollah geopolitisch einzuordnen sind: \u201eIsrael f\u00fchrt einen erbitterten Kampf gegen Hamas und Hisbollah; dieser hat seinen historischen Ursprung sowie seine aktuelle Begr\u00fcndung in der nah\u00f6stlichen Geopolitik und im israelisch-pal\u00e4stinensischen Konflikt, nicht im Antisemitismus als solchen; schon gar nicht in einem dem abendl\u00e4ndischen vergleichbaren Antisemitismus. Traditionell war der Antisemitismus prim\u00e4r Erbteil rechter politischer und sozialer Gesinnung; es gab ihn zwar auch in der Linken, aber in keinem mit dem, was er im Nationalsozialismus an Verbrechen gezeitigt hat, ann\u00e4herndem Ausma\u00df.\u201c (Moshe Zuckermann: Von Interessen und Befindlichkeiten. Anmerkungen zu den deutsch-israelischen Beziehungen, in: Wider den Zeitgeist. Aufs\u00e4tze und Gespr\u00e4che \u00fcber Juden, Deutschland, den Nahostkonflikt uns Antisemitismus, Hamburg 2012, S. 74.)<\/p>\n<p><strong>Muss man Israels Existenzrecht anerkennen?<\/strong><\/p>\n<p>Haury bezichtigt die Linke (wer auch immer das ist) auch, das Existenzrecht Israels zu leugnen, was nat\u00fcrlich ein zus\u00e4tzlicher Beleg f\u00fcr Antisemitismus sein soll. Dabei greift er auch den Verfasser dieser Zeilen an, der die Anerkennung des Existenzrechts Israels in Artikeln \u00f6fters als \u201eHirngespinst\u201c bezeichnet hat. Und das aus gutem Grund. Die Gr\u00fcnde und den Kontext, die ich dabei angef\u00fchrt habe, l\u00e4sst Haury nat\u00fcrlich weg, und das sind: Im V\u00f6lkerrecht gibt es den Begriff des Existenzrechts \u00fcberhaupt nicht. Wenn ein Staat einen anderen Staat anerkennt, erkennt er automatisch auch dessen Existenzrecht an.<\/p>\n<p>Zudem: Wenn man die Existenz eines Staates anerkennen soll, muss man die geographischen Grenzen kennen, in denen dieser seine Herrschaft aus\u00fcbt. Israel ist aber wegen seiner Expansionspolitik der einzige Staat auf der Welt, der keine festen Grenzen hat. Und: Wenn Israel die Pal\u00e4stinenser auffordert, seine Existenz anzuerkennen, w\u00fcrde der Vollzug die vollst\u00e4ndige Anerkennung aller v\u00f6lkerrechts- und menschenrechtswidrigen Fakten bedeuten, die Israel geschaffen hat und die heute Apartheidscharakter haben. Die Pal\u00e4stinenser w\u00fcrden ihre vollst\u00e4ndige Kapitulation unterschreiben, wenn sie die Existenz Israels in dessen Sinne anerkennen w\u00fcrden. Den Staat Israel haben die Pal\u00e4stinenser im \u00dcbrigen (und damit auch die Existenz Israels) l\u00e4ngst anerkannt \u2013 in den Oslo-Vertr\u00e4gen von 1993.<\/p>\n<p>Es ist aufschlussreich, dass Haury \u00fcberhaupt nicht darauf eingeht, wie die Politik Israels vom V\u00f6lkerrecht, dem internationalen Recht und der UNO-Menschenrechtscharta her zu beurteilen ist. Es gibt Hunderte von Analysen von V\u00f6lkerrechts- und Menschenrechtsexperten sowie UNO-Resolutionen, die das Vorgehen des zionistischen Staates gegen die Pal\u00e4stinenser verurteilen. Aber so wie Haury die Verbrechen Israels so gut wie nicht erw\u00e4hnt, sondern mit dem Zusatz \u201eangeblich\u201c versieht, kommen auch die v\u00f6lkerrechtlichen und menschenrechtlichen Aspekte des Pal\u00e4stina-Konflikts in seinen Ausf\u00fchrungen \u00fcberhaupt nicht vor.<\/p>\n<p><strong>Haury unterschl\u00e4gt eine wichtige Studie zum Antisemitismus<\/strong><\/p>\n<p>Aufschlussreich, aber auch verst\u00e4ndlich ist, dass Haury die Studie des Konstanzer Professors Wilhelm Kempf mit keinem Wort erw\u00e4hnt. Die breit angelegte Feldstudie suchte Antworten auf Fragen wie: Worauf gr\u00fcndet sich der Antisemitismus-Vorwurf gegen die Kritiker Israels [in Deutschland] \u00fcberhaupt? Ist das rechte Spektrum tats\u00e4chlich vernachl\u00e4ssigbar? Ist es wirklich das linke Spektrum, von dem die Gefahr einer Wiedergeburt des Antisemitismus droht? Die Einzelheiten der Studie k\u00f6nnen hier nicht aufgef\u00fchrt werden, k\u00f6nnen aber im Internet nachgelesen werden.<\/p>\n<p>Das Fazit der Studie Kempfs lautet: \u201eDas antisemitische Potenzial in Deutschland ist besorgniserregend. Nicht nur wegen seines Ausma\u00dfes, sondern auch, weil es in der Mitte der Gesellschaft fest verankert ist. Dort und am rechten Rand finden sich nicht nur die antisemitischen Israelkritiker, sondern auch eine Gruppe von Befragten, die sich zum israelisch-pal\u00e4stinensischen Konflikt \u00fcberhaupt nicht positionieren und des latenten Antisemitismus verd\u00e4chtig sind.<\/p>\n<p>Unter den aktiven Israelkritikern waren diese Muster dagegen nicht zu finden. Die aktiven Israelkritiker und mit ihnen die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Deutschen, die sich zugunsten der Pal\u00e4stinenser positionieren, teilen keinerlei antisemitische Vorurteile, sondern kritisieren die israelische Politik in Folge ihres Menschenrechtsengagements und Pazifismus. W\u00e4hrend die aktiven Kritiker dazu neigen, sich trotz ihres ausgepr\u00e4gten Pazifismus in einem pro-pal\u00e4stinensischen War-frame zu positionieren, sind diese radikalen Spielarten der Israel-Kritik in der allgemeinen Bev\u00f6lkerung eher selten. Diese radikalen Kritiker w\u00e4hlen die Die Linke oder B\u00fcndnis 90\/ Die Gr\u00fcnen, und in der Mitte der Gesellschaft (bei den W\u00e4hlern von CDU, SPD und FDP) finden sie sich \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n<p>Dass gerade sie es sind, die so oft des Antisemitismus bezichtigt werden, muss zu denken geben. Zum einen entsteht der Verdacht, dass es bei den erhobenen Antisemitismusvorw\u00fcrfen gar nicht um die Bek\u00e4mpfung des Antisemitismus geht, sondern darum, vom tats\u00e4chlichen Antisemitismus in Deutschland abzulenken. Zum anderen muss man sich fragen, welche Konsequenzen diese Hexenjagd f\u00fcr die Reanimation antisemitischer Vorurteile haben kann. Wenn man hinreichend naiv ist, f\u00e4llt es nur allzu leicht, dahinter eine j\u00fcdische Weltverschw\u00f6rung zu sehen. Dass auch urspr\u00fcnglich nicht-antisemitisch motivierte Israel-Kritik Gefahr l\u00e4uft, in die Wiederbelebung antisemitischer Vorurteile abzugleiten, l\u00e4sst sich angesichts unserer Befunde daher nicht von der Hand weisen.\u201c<\/p>\n<p>Die Feldstudie belegt ziemlich das Gegenteil von dem, was Haury behauptet: Antisemitische Einstellungen sind gerade bei eher politisch links eingestellten Personen geringer als bei Personen in der politischen Mitte oder auf der rechten Seite des Spektrums. (Studie: \u201eIsraelkritik, Umgang mit der deutschen Geschichte und Ausdifferenzierung des modernen Antisemitismus\u201c der Universit\u00e4t Konstanz unter Leitung von Professor Wilhelm Kempf)<\/p>\n<p><strong>\u201eEine historische Revolution im Verst\u00e4ndnis des Antisemitismus\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt eine Interpretation des Antisemitismus, die genauso wenig in Haurys Argumentation passt wie die Kempf-Studie. Sie stammt von dem israelischen Historiker Daniel Blatman von der Universit\u00e4t Jerusalem. Sein Schwerpunktthema ist die Erforschung des Holocaust, er ist auch Chefhistoriker des Ghetto-Museums in Warschau. Batman leugnet nicht die Existenz von Antisemitismus in den westlichen Gesellschaften, schiebt aber der ultrarechten Regierung des Ministerpr\u00e4sidenten Benjamin Netanjahu die urs\u00e4chliche Verbreitung von Antisemitismus zu, was nat\u00fcrlich auf den ersten Blick befremden mag, aber seine Sicht hat viel f\u00fcr sich. Er kn\u00fcpft in seiner Argumentation sehr kritisch an den Beschluss des Bundestages zu BDS an.<br \/>\nEr schreibt: \u201eDer traditionelle, vertraute Antisemitismus war gekennzeichnet durch eine vielf\u00e4ltige Feindseligkeit gegen\u00fcber Juden und Judentum, die D\u00e4monisierung der Juden, die Besch\u00e4ftigung mit ihren kollektiven Eigenschaften und ihren Gesch\u00e4ftsbeziehungen sowie Mythen und Stereotypen, die den Juden als inkarnierten Teufel darstellten. Der neue Antisemitismus der heutigen europ\u00e4ischen nationalistischen Populisten, deren Definition Deutschland \u00fcbernommen hat, k\u00f6nnte als funktionaler Antisemitismus definiert werden. Er basiert auf dem Prinzip, dass jeder, den bestimmte Juden als antisemitisch definieren wollen, als solcher definiert wird.<br \/>\nMit anderen Worten, es handelt sich nicht mehr um einen Antisemitismus, der zwischen Juden und Nichtjuden nach Kriterien wie Religion, Kultur, Nationalit\u00e4t oder Rasse unterscheidet, sondern um einen, der zwischen Antisemiten und Nicht-Antisemiten unterscheidet, nach Kriterien, die von der israelischen Regierung und von Juden und Nichtjuden, die ihn unterst\u00fctzen, in Deutschland und anderen L\u00e4ndern aufgestellt werden.<\/p>\n<p>Was hier geschieht, ist nicht weniger als eine historische Revolution im Verst\u00e4ndnis des Antisemitismus: Antisemitische Deutsche definieren nicht mehr, wer Jude ist, der aus der Gesellschaft verbannt werden muss, sondern bestimmte Juden definieren, wer ein Antisemit oder ein Philosemit ist, und die Deutschen nehmen ihre Meinung an. Funktionaler Antisemitismus definiert Juden und Nichtjuden gleicherma\u00dfen als Antisemiten, basierend auf einer Reihe von Eigenschaften, die dem aktuellen Nationalismus Israels entsprechen.\u201c<\/p>\n<p>Blatman spricht von \u201eHexenjagd\u201c in Deutschland auf Kritiker der israelischen Politik und schlie\u00dft seine Ausf\u00fchrungen mit einer wenig schmeichelhaften Feststellung \u00fcber die deutsche Politik in Bezug auf Israel: \u201eEs gibt eine bittere historische Ironie, jeden in Deutschland, der die gegenw\u00e4rtige Politik Israels kritisiert, unterschiedslos als antisemitisch zu bezeichnen. So dient Deutschland dem brutalen rassistischen Konzept des Zionismus im heutigen Israel, so wie Deutschland fr\u00fcher [in der NS-Zeit] den Bed\u00fcrfnissen des Zionismus diente, um den j\u00fcdischen Isolationismus zu f\u00f6rdern und zugleich so weit wie m\u00f6glich auch die j\u00fcdische Auswanderung. [Er meint hier das Ha\u2018awara-Abkommen, das die Nazis 1933 mit den Zionisten geschlossen haben. Es sah vor, dass Juden, die auswandern wollten, ihr Verm\u00f6gen zum Teil mitnehmen konnten.] Die Abgeordneten des Bundestages sind offenbar blind f\u00fcr den gewaltigen Unterschied zwischen der verzweifelten Situation der deutschen Juden in den 1930er Jahren und dem heutigen j\u00fcdischen Staat Israel.\u201c (Daniel Blatman: Vielleicht existiert, wenn es um Antisemitismus geht, kein anderes Deutschland? erschienen im Pal\u00e4stina-Portal am 3.07.2019)<\/p>\n<p>Damit ist klar, was Haury sowohl unter Antisemitismus als auch unter \u201elinks\u201c versteht. Er ist ein engagierter Verfechter des funktionalen Antisemitismus, so wie ihn Blatman versteht \u2013 eines Antisemitismusbegriffs also, der ganz einseitig und parteiisch die nationalen Interessen Israels vertritt. Die Identifikation mit den Interessen dieses Staates ist darin total. Zweck und Ziel dieser Identifikation liegen auf der Hand: Israels inhumane, weil \u00e4u\u00dferst brutale Politik gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinensern soll vor Kritik und Angriffen abgeschirmt und gesch\u00fctzt werden. Wer es dennoch wagt sie zu kritisieren, wird als Antisemit verleugnet, diffamiert und an den \u00f6ffentlichen Pranger gestellt \u2013 mit allen verheerenden Folgen, die das f\u00fcr den Einzelnen haben kann. Hier wird dann auch der Holocaust instrumentalisiert, weil Antisemitismus seit diesem Mega-Verbrechen zu Recht tabuisiert ist. Wer heute als Antisemit attackiert wird, wird dann ja sofort assoziativ mit den \u00fcbelsten Nazi-Schergen in Verbindung gebracht.<\/p>\n<p>Rufmord und Hexenjagd (von der auch Blatman spricht) sind fest eingeplante Methoden des infamen Spiels. Und die \u201eLinken\u201c, denen Haury seinen ganzen Text widmet, sind eben alle Kritiker der israelischen Politik \u2013 seien es die Mitglieder oder Sympathisanten der Partei Die Linke oder der Gr\u00fcnen oder Vertreter und Aktivisten von Friedens-, Pal\u00e4stina- und Menschenrechtsgruppen. Das Feindbild hat klare Konturen.<br \/>\nMan kann das Problem auch noch weiter fassen. Das Judentum ist gegenw\u00e4rtig tief in zwei ideologische Richtungen gespalten: in den Gegensatz zwischen zionistischem, extrem v\u00f6lkischem Nationalismus und den Vertretern der universellen Prinzipien von V\u00f6lkerrecht und Menschenrechten. Haury ist ein radikaler Exponent des zionistischen Partikularismus. Wie gef\u00e4hrlich eine solche Entwicklung gerade auch f\u00fcr Israel und das Judentum selbst ist, hat die israelische Soziologin Eva Illouz dargelegt.<\/p>\n<p>Sie schreibt: \u201eWenn die israelische Politik tagt\u00e4glich das V\u00f6lkerrecht und die Menschenrechte missachtet, dann kann die ontologische Unsicherheit, die Juden rund um den Erdball versp\u00fcren, nicht l\u00e4nger als moralische Rechtfertigung f\u00fcr die systematische Blindheit gegen\u00fcber der massiven Erosion der Demokratie in Israel und gegen\u00fcber der moralisch wie politisch unverantwortlichen Unterdr\u00fcckung entrechteter Pal\u00e4stinenser dienen. Zweifellos ist die Furcht der organisierten j\u00fcdischen Gemeinden vor dem Antisemitismus berechtigt, doch darf diese Furcht nicht deren offizielle Politik sein und als Rechtfertigung f\u00fcr den systematischen Angriff auf diejenigen benutzt werden, die sich um die Rechtstaatlichkeit, die Menschenrechte und die Moralit\u00e4t des Staates sorgen.\u201c<\/p>\n<p>Und weiter: \u201eWenn jemand, dem die Menschenrechte wichtig sind, damit zum Verr\u00e4ter an Israel und den Juden wird (wie es dieser Tage in Israel und den weltweiten j\u00fcdischen Gemeinden so h\u00e4ufig zu h\u00f6ren ist), w\u00fcrde dies den moralischen Bankrott des organisierten Judentums und Israels bedeuten. Die Menschenrechte sind der Mindeststandard, an dem jede Innenpolitik und jede internationale Politik gemessen werden muss \u2013 ohne Wenn und Aber. Die Tatsache, dass viele Israelis und Nichtisraelis, die die Menschenrechte in Israel verteidigen, regelm\u00e4\u00dfig verleumdet und ge\u00e4chtet werden, spricht daf\u00fcr, dass sich sowohl die j\u00fcdischen Diasporagemeinschaften als auch Israel von internationalen Moralnormen abwenden, gerade weil diese Normen an und f\u00fcr sich universalistisch sind.\u201c (Eva Illouz: Israel. Soziologische Essays, Frankfurt\/ Main 2015, S. 9f.) Direkten Ausdruck hat diese gegen den Universalismus gerichtete Einstellung in einer \u00c4u\u00dferung der ehemaligen israelischen Justizministerin Ajeled Shaked gefunden, die bekannte, dass der Zionismus nichts mit den individuellen Rechten [also den Menschenrechten und dem V\u00f6lkerrecht] zu tun habe, da er \u00fcber seine eigenen Gesetze verf\u00fcge. (FAZ 31.08.2017)<br \/>\nHaurys Text d\u00fcrfte also auch in aufgekl\u00e4rten j\u00fcdischen bzw. israelischen Kreisen auf gro\u00dfen Widerstand sto\u00dfen. Seine Ausf\u00fchrungen sind eine \u201eVerzerrung\u201c des Antisemitismus-Problems (wie Blatman es bezeichnen w\u00fcrde). Sie prangern das Feindbild von \u201eAntisemiten\u201c an, die gar keine sind und enthalten so keinen emanzipatorischen Ansatz zur Bek\u00e4mpfung des Antisemitismus als einer schlimmen Form des Rassismus. Da Haury prim\u00e4r mit der Verdrehung und dem Weglassen von relevanten Fakten und Zusammenh\u00e4ngen arbeitet, ist es ein Skandal, Schulen \u2013 ob Lehrern oder Sch\u00fclern \u2013 einen solchen Text als Lehr- und Lernmaterial anzubieten. Denn durch seine Methoden behandelt er seine Leser wie unm\u00fcndige Kinder, die die Wahrheit nicht wissen sollen oder d\u00fcrfen. Dennoch ist diese Brosch\u00fcre unbedingt zur Lekt\u00fcre zu empfehlen, da sie als schlechtes und absto\u00dfendes Beispiel dazu dient zu zeigen, wohin eine missgl\u00fcckte Verarbeitung der deutschen Geschichte f\u00fchren kann.<br \/>\nDie Kritik kann hier runtergeladen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die 75-seitige Brosch\u00fcre &#8222;Antisemitismus von links&#8220; von Thomas Haury, herausgegeben von der Aktion Courage e.V. in Berlin und gef\u00f6rdert vom Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend, wird offenbar zur Zeit an viele Lehrer an vielen Schulen geschickt. Die Brosch\u00fcre &hellip; <a href=\"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=9863\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-9863","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9863","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9863"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9863\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9871,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9863\/revisions\/9871"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9863"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9863"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9863"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}