{"id":989,"date":"2014-07-26T15:46:29","date_gmt":"2014-07-26T15:46:29","guid":{"rendered":"http:\/\/nahost-forum-bremen.de\/?p=989"},"modified":"2014-07-26T15:48:53","modified_gmt":"2014-07-26T15:48:53","slug":"eine-antwort-auf-daniel-killys-betrachtung-zum-neuen-antisemitismus-im-weser-kurier-vom-26-7-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dpg-netz-bremen.de\/?p=989","title":{"rendered":"Eine Antwort auf Daniel Killys Betrachtung zum \u201eneuen Antisemitismus\u201c im Weser-Kurier vom 26.7.2014"},"content":{"rendered":"<p><b>Eine genau kalkulierte Panik-Kampagne. Die hysterischen Warnungen vor einem neuen Antisemitismus in Deutschland sollen von Israels Vorgehen in Gaza ablenken<!--more--><\/b><\/p>\n<p><em>Arn Strohmeyer<\/em><\/p>\n<p>Da schreien ein paar durchgeknallte Typen auf Demonstrationen gegen Israels Gaza-Krieg dumme und \u00e4u\u00dferst provokative Parolen \u2013 und schon wird die Drohung einer neuen Hatz auf die Juden beschworen. Zust\u00e4nde wie zu Hitlers Zeiten stehen offenbar unmittelbar bevor.<\/p>\n<p>Ein Beispiel: In Bremen haben am Mittwoch 5000 Menschen gegen Israels Morden in Gaza protestiert. BILD machte im Vorfeld in gewohnt unverantwortlicher Manier daraus: \u201eMorgen Hass-Demo in Bremen\u201c. Schlimmer schon, dass der leitende Redakteur des \u00f6ffentlich-rechtlichen Senders Radio Bremen, Jochen Grabler, vor der Demonstration seinen H\u00f6rern verk\u00fcnden konnte: \u201e<em>Testosteron gepeitschte junge M\u00e4nner vorneweg, verhetzt, aus jeder Pore dampfend vor Hass.\u201d Und: \u201cWenn sich jetzt Andersdenkende nicht vor die T\u00fcre wagen, wenn \u2013 was Allah, der Christengott und Jahwe am besten gemeinsam verh\u00fcten m\u00f6gen \u2013 Bremer Juden auf offener Stra\u00dfe angegriffen und gejagt werden, wenn Gesch\u00e4fte gest\u00fcrmt werden, weil irgendwer behauptet, sie seien in j\u00fcdischer Hand, wenn der Holocaust geleugnet, Fahnen des Heiligen Krieges hoch gehalten, Hitler gepriesen, die Juden ins Gas gew\u00fcnscht\u2026.\u201d <\/em><\/p>\n<p><em>Daniel Killy sieht in seinem Leitartikel \u201eWankende Werte\u201c im Weser-Kurier in der Wochenendausgabe (26.7.2014) gleich die deutsche Demokratie in Gefahr, weil \u00fcberall auf den Stra\u00dfen fanatische Antisemiten \u201evertraute Parolen\u201c wie \u201eBrenn Jude, brenn!\u201c und \u201eJude, Jude, feiges Schwein!\u201cbr\u00fcllten und eine Volksfront von ganz rechts bis ganz links ihren Antisemitismus v\u00f6llig unverhohlen an Israel und den in Deutschland lebenden Juden austobten. Passiert ist in Bremen bei und nach der Demonstration nichts, die Polizei konnte keine besonderen Vorf\u00e4lle melden. Alles verlief friedlich. In Berlin demonstrierten am Freitag Tausende gegen Israels Morden in Gaza. Passiert ist nichts, es gab keinen nennenswerten Zwischenf\u00e4lle. Wer hetzt hier und wer s\u00e4t Hass? Wie ist ein solcher Sudel- und Schmutzjournalismus in einem \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender und in einer gro\u00dfen regionalen Tageszeitung m\u00f6glich?<\/em><\/p>\n<p><em>Wenn hier wirklich eine antisemitische Gefahr im Anzug w\u00e4re, jeder in diesem Volk h\u00e4tte die unbedingte Pflicht, dem entschieden entgegenzutreten \u2013 mit allen nur denkbaren Mitteln. Es wird aber nicht auf deutschen Stra\u00dfen gemordet, sondern in Gaza. Dort wird ein v\u00f6lkerrechtswidriger Krieg gegen die Zivilbev\u00f6lkerung gef\u00fchrt (Versto\u00df gegen die Haager und Genfer Menschenrechtskonvention). Die hysterische Stimmung, die gewisse Kreise und auch die Bundesregierung einschlie\u00dflich des Bundespr\u00e4sidenten erzeugen, sieht nach einer gut organisierten und abgesprochenen Kampagne aus, bei der der Antisemitismus-Vorwurf kr\u00e4ftig gesch\u00fcrt und instrumentalisiert wird. <\/em><\/p>\n<p><em>Denn merkw\u00fcrdig, in dem Augenblick, als Menschen auf die Stra\u00dfe gingen, um gegen das Morden zu protestieren, kam sofort der Aufschrei: ein neuer Antisemitismus droht in Deutschland! Das Rezept der Kampagne ist zu simpel, als dass man es nicht durchschauen k\u00f6nnte. Es verl\u00e4uft wie fr\u00fcher schon immer nach demselben Schema: Israel begeht schwere Menschenrechtsverletzungen \u2013 der Protest dagegen bleibt nicht aus. Sofort setzt die Antisemitismus-Vorwurf-Kampagne ein. Was sie beabsichtig ist klar: 1. Erstens von den furchtbaren Nachrichten \u00fcber Israels Vorgehen in Gaza abzulenken; 2. der Kritik an Israels Handeln die Berechtigung entziehen; 3. Israels \u201eKampf gegen den Terror\u201c in Gaza zu legalisieren; 4. nicht die Pal\u00e4stinenser, sondern die Israelis als Opfer darzustellen und 5. den Arabern bzw. den Pal\u00e4stinensern die Schuld f\u00fcr das Morden zuzuschieben. Der Historiker Michael Wolffsohn hat letzteres so sch\u00f6n ausgedr\u00fcckt: Die Pal\u00e4stinenser bzw. die Hamas seien selbst an dem Morden schuld. So einfach ist das.<\/em><\/p>\n<p>Es ist nicht \u00fcberraschend, dass die offizielle deutsche Politik in diesen Chor sofort mit einstimmt. Das Ziel der Kampagne war bald erreicht: Alle reden vom neuen drohenden Antisemitismus und keiner mehr vom Morden in Gaza. Dabei tr\u00e4gt die offizielle deutsche Politik durch ihren staatsdoktrin\u00e4ren Philosemitismus, der jede Kritik an der israelischen Politik zum Tabu erkl\u00e4rt, kr\u00e4ftig zum Entstehen \u201eantisemitischer\u201c Eruptionen wie jetzt anl\u00e4sslich des Gaza-Krieges bei. Denn wenn Israel nur idealisiert und als Unschuldslamm dargestellt und jede Auseinandersetzung \u00fcber seine Politik gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinensern unterdr\u00fcckt wird, muss sich die Kritik irgendwann eruptiv Luft schaffen \u2013 und dann auf Wegen, die v\u00f6llig unangebracht sind.<\/p>\n<p>Professor Rolf Verleger aus L\u00fcbeck, selbst Jude, hat diesen Sachverhalt sehr treffend in einem Interview formuliert: \u201eWer hat uns das denn eingebrockt? Wenn unsere Politiker alle sagen ja, das ist v\u00f6llig richtig, was Israel macht, wenn unsere Medien sagen, ja, das ist v\u00f6llig richtig, was Israel macht, wenn die Repr\u00e4sentanten des Judentums nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich zum Beispiel sagen, ja, das ist doch ganz klar, wer gegen Israels Ma\u00dfnahmen ist, der ist gegen Juden, dann fordert man solche antisemitischen Parolen geradezu heraus. Es ist doch eine Absurdit\u00e4t, diese Gewaltbereitschaft, diesen nationalreligi\u00f6sen Hass, der sich in der israelischen Gesellschaft aufgestaut hat \u2013\u00a0 das mit der j\u00fcdischen Tradition der N\u00e4chstenliebe und dass das mal eine Religion war der t\u00e4tigen Moral, wie es der Rabbiner Leo Baeck, der F\u00fchrer des Judentums in Nazi-Deutschland, gesagt hat, das ist doch etwas v\u00f6llig anderes geworden. Das muss man doch sehen und muss darauf reagieren. Man kann doch nicht jeden Quatsch, den Israel macht, mitmachen.\u201c<\/p>\n<p>Und der amerikanisch j\u00fcdische Politologe Norman Finkelstein hat schon vor Jahren den grundlegenden Widerspruch des Philosemitismus, dem auch die deutsche Regierung huldigt, einmal so beschrieben: \u201eWeil die Philosemiten glauben, mit R\u00fccksicht auf das historische Leid des j\u00fcdischen Volkes die Augen vor israelischen Verbrechen verschlie\u00dfen zu m\u00fcssen, versetzen sie Israel in die Lage, seinen m\u00f6rderischen Weg unbehelligt weiterzugehen. Was sie dabei \u00fcbersehen, ist, dass <i>genau das<\/i> Antisemitismus sch\u00fcrt und schlie\u00dflich auf die Selbstzerst\u00f6rung Israels hinausl\u00e4uft.\u201c<\/p>\n<p>Solche aufkl\u00e4rerischen und m\u00e4\u00dfigenden Stimmen sind eine Wohltat in der gegenw\u00e4rtig hysterisch aufgeheizten Stimmung. Da ist noch eine Stimme der Vernunft zu nennen. Der prominente Antisemitismus- und Holocaustforscher Wolfgang Benz. Er sieht kein Anwachsen des Antisemitismus durch die anti-israelischen Demonstrationen in Deutschland. Seltsame Leute h\u00e4tten ein paar bl\u00f6dsinnige Parolen gerufen, das seien aber nicht gleich anti-israelische Ausschreitungen. Benz sieht aber die Stimmung f\u00fcr Israel schlechter werden, was seine guten Gr\u00fcnde habe. Die israelische Regierung habe nat\u00fcrlich gro\u00dfes Interesse daran, jede Kritik an ihrem Handeln als Antisemitismus zu verstehen. Benz sagt aber klar und deutlich: Nicht jeder, der den Gaza-Krieg missbilligt und Mitleid mit den get\u00f6teten oder verletzten pal\u00e4stinensischen Zivilisten hat, ist deshalb ein Antisemit.<\/p>\n<p>Den Israel-Freunden und Interessenvertretern dieses Staates, die mit dem Antisemitismus-Vorwurf immer so schnell bei der Hand sind, kann geholfen werden. Ihnen ist zu raten, sich mit allen Mitteln f\u00fcr ein Ende der Besatzung \u00fcber die Pal\u00e4stinenser einzusetzen. Dann werden die Israel-Kritik oder der \u201eAntisemitismus\u201c sofort rapide abnehmen. Das w\u00e4re ein furchtbarer R\u00fcckschlag f\u00fcr die wirklichen Antisemiten. Wen k\u00f6nnen sie dann verteufeln? Ihre wahren Gesichter und Ziele k\u00e4men zum Vorschein. Das w\u00e4re ein gro\u00dfer Sieg f\u00fcr uns alle \u2013 und die Menschlichkeit!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine genau kalkulierte Panik-Kampagne. 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