Bonn, 06.11.2025
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freudinnen und liebe Freunde!Es ist geschafft und die andauernden Angriffe wurden endlich eingestellt und das tägliche Morden wurde fast eingestellt. Das ist ein gutes Zeichen.
- Die brüchige Waffenruhe
- Doppelmoral
- Die UNRWA und die Versorgung der Bevölkerung
- Medizinische Versorgung
- Schule und Studium
- Einkommen und Gehälter
- Das tägliche Leben und Grenze nach Ägypten
- Einreise von Journalist:innen in den Gazastreifen
Die brüchige Waffenruhe
Die seit dem 10. Oktober in Kraft getretene Waffenruhe ist eher brüchig als stabil zu betrachten, aber immerhin wurden die ständigen Bombardements eingestellt und etwas mehr humanitäre Hilfe gelangt in den Gaza-Streifen. Das ist erst einmal ein wichtiger Schritt, und es wird hoffentlich zu einer völligen Waffenruhe kommen. Außerdem werden mehr Hilfslieferungen eingeführt, wenn auch die notwendige Menge noch lange nicht erreicht ist.
Einige hundert palästinensische Häftlinge wurden aus den israelischen Gefängnissen entlassen. Viele von ihnen waren ohne Anklage festgehalten worden. Alle lebenden israelischen Geiseln wurden freigelassen. Israelische Truppen wurden teilweise aus dem Gazastreifen abgezogen. In fast 50% des kleinen Küstenstreifens ist das israelische Militär allerdings nach wie vor mit Panzern präsent. Den Menschen aus Gaza ist die Überschreitung der sogenannten gelben Linie verboten, durch die die Menschen eingekreist werden und hinter der sich die Menschen jetzt in einem halb so großen Territorium als früher zusammendrängen müssen. Diese gelbe Linie ist keineswegs deutlich erkennbar. Auch bei einem nicht beabsichtigten Übertritt dieser Linie wird gezielt geschossen. Mehrere Palästinenser sind bereits an dieser neuen „Grenze“ getötet worden.
Hält der Deal? Und ist er ein Schritt in Richtung Frieden? Einschätzungen von Friedensforscherin Claudia Baumgart-Ochse: „Vor einem positiven Frieden sind wir weit entfernt“, denn ein „positiver Frieden“ hingegen umfasse weit mehr: gesellschaftliche Gerechtigkeit, politische Freiheit und stabile Lebensbedingungen. „Von so einem Frieden sind wir – vor allem für die Palästinenserinnen und Palästinenser – natürlich noch weit entfernt.“ Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen zeigt sich überzeugt, dass die erste Phase des Trump-Plans vollständig umgesetzt wird. Der vereinbarte Waffenstillstand ist ein Hoffnungsschimmer. Nach Jahren ohne Fortschritt sieht er erstmals eine reale Chance auf Veränderung. „Ich glaube, wir sind jetzt an einem Punkt, wo es vielleicht nicht mehr zurückgeht“, sagt er. „Aber es ist noch wirklich alles mit großer Vorsicht zu genießen, und die eigentlichen Fragen liegen weiterhin noch auf dem Tisch.“
Am 28. Oktober konnten wir sehr klar wahrnehmen, wie instabil der erzielte Waffenstillstand ist. Trotz des angeblichen Waffenstillstands bombardierte Israel wieder, und es wurden über 100 Menschen in Gaza getötet, wieder die meisten von ihnen Frauen und Kinder. Der amerikanische Präsident bezeichnete u.a. diese gezielte Bombardierung als „Scharmützel“, sozusagen als eine Kleinigkeit. Würde er diese Wortwahl auch anwenden, ginge es um über 100 Tote auf der anderen Seite?
Ein dauerhafter und stabiler Waffenstillstand ist wichtiger denn je. Ohne Druck von außen – auf alle Seiten – wird es sehr schwer sein, dass der Waffenstillstand halten wird. Ob die angeblich am Waffenstillstand interessierten Staaten es schaffen, weiß ich nicht. Ägypten warnt ständig, dass die israelische Seite die Waffenruhe verletze.
Doppelmoral
Der Gipfel der Ungerechtigkeit und Doppelmoral besteht darin, dass schweres Gerät bereitgestellt wird, um die Leichen von Gefangenen der israelischen Besatzungsarmee zu bergen, und zwar in Anwesenheit des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz mit hochrangiger Vertretung. Während die Leichen von mehr als 10.000 Palästinenser/innen seit zwei Jahren unter den Trümmern liegen und darauf warten, dass das Rote Kreuz eingreift und bei ihrer Bergung hilft. Mit dem Blick auf Gaza wird deutlich, dass Menschlichkeit leider nicht universell ist, Schmerz wird nach politischen Maßstäben gemessen. Sogar die Toten werden nicht gleichbehandelt. Die UNRWA und die Versorgung der Bevölkerung Bis heute durfte die UNRWA ihre Arbeit nicht wiederaufnehmen. Seit Mitte März hat die UN- Organisation keine Hilfsgüter verteilen dürfen. Es gab kürzlich einen Beschluss des Internationalen Gerichtshofs, dass die UNRWA als die kompetenteste und erfahrenste Hilfsorganisation ihre Arbeit in Gaza fortführen soll. Israel ignoriert die Aufforderung der UN und lässt die UNRWA ihre Arbeit im Gazastreifen nicht fortsetzen. Knapp Zweidrittel der Bevölkerung im Gazastreifen sind registrierte und von der UNRWA anerkannte Flüchtlinge. Sie sind auf diese Hilfe sehr angewiesen.
Dementsprechend ist die Versorgung eher schlecht als gut zu betrachten. Es ist allerdings so, dass mehr Waren für die Händler in den Gazastreifen eingeführt werden als während der weitgehenden Blockade der Hilfsgüter durch Israel. Allerdings fehlt den Menschen das Geld, um etwas kaufen zu können.
Medizinische Versorgung,
Mehr als die Hälfte der Krankenhäuser wurde zerstört und die restlichen sind überbelegt und haben sehr wenige Ressourcen. Daher arbeiten sie unter sehr widrigen Umständen. Es sieht eher schlecht aus, denn es werden sehr wenige medizinische Materialien eingeführt. Nach palästinensischen Angaben wurde nur 10% des tatsächlichen Bedarfs geliefert. Es fehlen sehr viele medizinische Geräte. Im ganzen Gazastreifen gibt es kein einziges MRT-Gerät. Ebenso mangelt es an Medikamenten für chronisch kranke Patienten.
Es ist auch bekannt, dass es sehr viele Patienten gibt, vor allem Kinder, die sehr dringend im Ausland operiert bzw. behandelt werden müssen. Einige europäische Länder haben schon verletzte palästinensische Kinder für die medizinische Behandlung aufgenommen. Großbritannien, Frankreich, Norwegen, Italien und Spanien. Ob die Bundesregierung das auch tut, das ist noch nicht klar, zumal es seitens vieler Städte die Bereitschaft signalisiert wurde, verletzte palästinensische Kinder auch in Deutschland zu behandeln.
Schule und Studium
Bei Schulen und Universitäten sieht es sehr ähnlich aus. Ca. 90% der Schulen und Universitäten wurden zerstört, daher wird es nicht ohne weiteres möglich sein, dass der Unterricht wieder aufgenommen werden kann. Auch wird es nicht einfach sein, in Zelten zu unterrichten. Es fehlen Zelte, Wasser- und Stromversorgung, und es ist gerade Winter und auch nass-kalt. Das erschwert die ohnehin sehr schwierige Situation. Die Universitäten versuchen den Unterricht online fortzuführen. Professoren in Gaza und Professoren aus Gaza unterrichten ihre Studenten online und haben es sogar während der zwei Jahre gemacht – so gut es ging. Auch ich habe online unterrichtet und versuche meine Studenten weiter zu unterstützen, damit sie ihr Studium fortsetzen können. Das akademische Leben in Gaza ist mehr als zerstört, es ist fast ausgelöscht. Doch inmitten der Ruinen bleiben Stimmen, die auf Bildung als Akt des Widerstands bestehen.
Der Wiederaufbau der Universitäten ist daher mehr als eine infrastrukturelle Aufgabe. Er ist ein moralisches Gebot. Denn jede wiederaufgebaute Schule, jede neu eröffnete Bibliothek bedeutet, dass die Idee von Wissen, Freiheit und Menschlichkeit überlebt hat.
Das tägliche Leben und Grenze nach Ägypten Die Versorgung mit Lebensmitteln liegt bei 25-30% des Notwendigen und das bedeutet, dass es immer noch Hungersnot gibt.
Allerdings ist es für Menschen in bestimmten Regionen jetzt möglich, zweimal am Tag zu essen. Sehr viele müssen sich immer noch mit einer Mahlzeit begnügen. Die Grenze zu Ägypten ist immer noch geschlossen, was dazu führen wird, dass noch mehr Verletzte infolge mangelnder bzw. fehlender medizinischer Versorgung sterben werden. Darunter sind tausende Kinder, die dringend behandelt werden müssen. Mehr als 1.5 Millionen Menschen haben im Gazastreifen ihre Wohnungen bzw. Häuser verloren und haben kein Dach über dem Kopf. Es fehlen sowohl Zelte als auch Wohn-Container und es wird Winter, daher benötigen die Menschen sehr dringend Schutz. Ein anderes sehr großes Problem, das es zu bewältigen gilt, ist die Müllabfuhr. Ca. 270.000 Tonnen Müll liegen auf den Straßen des Gazastreifens. Welche gesundheitlichen Folgen daraus resultieren können, ist bekannt.
Einkommen und Gehälter
Es gab in Gaza einige kleine Familienbetriebe und kleine Geschäfte, Landwirtschaft, Bauernhöfe, Hühner-Zucht-Farmen, Schulen, Universitäten, Bibliotheken usw. Alles wurde zerstört und damit das Einkommen der Familien. Die Bevölkerung ist auf Hilfe angewiesen. Nicht ausreichend für das eigene Leben und Überleben sorgen zu können, hat Einfluss auf das Selbstwertgefühl der Menschen und im Grunde einer ganzen Gesellschaft. Der Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung ist universell und sollte allen Menschen gewährt werden.
Einreise von Journalist/innen in den Gazastreifen?
Obwohl es nun seit dem 10. Oktober 2025 einen Waffenstillstand gibt, verwehrt Israel Journalist/innen die Einreise in den Gazastreifen. Warum? Am Ende stelle ich diese Frage in den Raum, wird es je für uns Palästinenser:innen Gerechtigkeit geben? Ich denke und hoffe, dass der Frieden kommen wird aber ob dieser Frieden ein gerechter sein wird!!!!
In der Hoffnung, dass die Situation in Gaza besser wird, verbleibe ich für heute
mit solidarischen Grüßen
Ihr
Abed Schokry