Liebe DPGler, liebe Palästina-Interessierte, liebe Freundinnen und Freunde,
als ich im letzten Rundbrief etwas über das ungeheuerliche, militärisch und polizeiich geschützte, Vorgehen der immer radikaleren „Siedler“-banden in der Universität BirZeit schrieb, hat uns als DPG Bremen das schon besonders betroffen, denn wir hatten schon vor zwei Jahrzehnten unter schon damals schwierigsten Bedingungen einen Kooperationsvertrag zwischen der Universität BirZeit und der Hochschule Bremen vermittelt. Mit dem inzwischen zu früh verstorbenen Rektor Ronald Mönch und unserem ebenfalls zu früh verstorbenen Schatzmeister Wolfgang Klatt waren wir damals sogar bei der Vertragsunterzeichnung in Birzeit und zuvor in Amman beim damals noch im Exil lebenden Rektor der Uni Birzeit Naser.
Schon zu der Zeit wurden die Schulen und Universitäten oft von den israelischen Besatzern geschlossen. Aber die jetzige Form der brachialen körperlichen Gewalt gegen das Wach-Personal und die Zerstörung wissenschaftlicher Materialien und Geräte ist eine neue Qualität. Unserer Regierung und den meisten deutschen Medien ist das kaum mehr als ein erhobener Zeigefinger wert. Die Gewöhnung an die permanente völkerrechtswidrige Gewalt und die verfehlte Annahme, daß ja jetzt ein Waffenstillstand die Gewalt beendet hat, verweist uns auf französische Medien und eigene Recherchen.
Jetzt aber gibt es zumindest eine Kurzmeldung und wieder ist Birzeit – diesmal der Ort Birzeit – im Focus. Wir sind wieder geschockt und haben uns direkt informiert, da wir als Bremer DPG zusammen mit der Professorin Sumaya Farhat-Naser aus BirZeit (übrigens in Bremen mit dem Friedenspreis ausgezeichnet!) im Dorf BirZeit einen kleinen Bauernhof errichten und finanzeren konnten, der die Kinder in zwei Dörfern mit Milch und Yoghurt versorgen konnte. Schon damals lernten wir die Behinderungen durch die Besatzung kennen; allein die Genehmigug für den Brunnen auf dem palästinensischen Grund dauerte zäh fast ein Jahr.
Aber das ist kein Vergleich mit der jetztigen Dimension von Gewalt. Wie wir aus direkter Quelle erfahren haben, beschränken sich die „Siedler“-banden nicht auf „normale“ Übergriffe und Provokationen, sondern sie kommen mit Ziegen und Kühen in die Vorgärten auf Grundstücke der Palästinenser, binden dort ihre Tiere an und wenn die Eigentümer sich wehren, werden sie gewalttätig. Im vorliegeneden Fall versuchte die palästinensische Eigentümerin, die Angreifer zu vertreiben, und wurde dann brutal so zusammnegeschlagen, daß sie ins Krankenhaus mußte. Als der Sohn eingriff, um seine Mutter zu verteidigen wurde er von Militär ergriffen und abgeführt und ins Gefängnis gebracht. Da er sich mit Gegenständen zur Wehr setzte, galt dem Militär das als Angriff gegen die eingedrungenen „Siedler“. Damit erwartet ihn nach Aussagen aus BirZeit wohl eine Gefängnisstrafe von bis zu 10 Jahren statt eine der faktischen Situation entsprechede Freilassung und Verurteilung des „Siedler“-Mobs. Wer nach den genozidalen Entwicklungen in Gaza und dem staatlich geduldeten, ja offen geschütztem Terror in der Westbank immer noch von Demokratie und Rechtstaatlichkeit in Israel geglaubt hat, der müßte am eigenen Verstand verzweifeln. Und wieder schweigt unsere Regierung mit erhobenem Zeigefinger.
Und so schildert das der palästinsische Pfarrer Munther Isaac (entnommen aus den Aussendungen A 05/26 der Pal. Botschaft Wien)
„Gestern haben zionistische Siedler das Dorf Birzeit in der Nähe von Ramallah angegriffen. Sie haben Bäume entwurzelt und absichtlich ihre Herden auf das Land palästinensischer Familien losgelassen – Land, das nicht nur eine Lebensgrundlage, sondern auch eine Quelle der Würde und Verwurzelung ist. Als eine Frau aus dem Dorf es wagte, sie anzuschreien und ihnen entgegenzutreten, griffen die Siedler sie an. Sie wurde attackiert, musste ins Krankenhaus eingeliefert werden und wurde auf die Intensivstation gebracht. Gott sei Dank ist ihr Zustand heute stabil. Als ihr Sohn und andere Verwandte sahen, was geschah, taten sie, was jeder Mensch tun würde: Sie eilten herbei, um sie zu verteidigen, und drängten die Angreifer zurück. Nun stellt sich die eigentliche Frage: Was hat die israelische Armee getan? Sie hat die Siedler nicht verhaftet. Sie hat die Familie nicht geschützt. Sie hat den Angriff nicht gestoppt. Stattdessen hat sie die Palästinenser geschlagen und den Sohn verhaftet, der seine Mutter verteidigt hatte. Bis jetzt haben wir keine Nachrichten über ihn. Nennen wir es beim Namen: Das ist zionistischer Terrorismus. (…) Die Familie, von der ich gesprochen habe, ist zufällig christlich. Aber niemand sollte denken, dass es hier um Christ*innen oder Muslim*innen geht. Es geht um Palästinenser*innen. Um uns alle. Wir sind jetzt alle gefährdet. Wir sind alle schutzlos. Wir alle leben unter einem System, in dem der Angreifer geschützt und das Opfer bestraft wird. (…)“
„Ich bin gerade von einem Besuch bei der Familie Im’eid im Krankenhaus zurückgekommen, wo ich mit ihnen gebetet habe. Der Sohn befindet sich immer noch in Haft. Die Familie ist zutiefst traumatisiert. Sie haben uns ihre Geschichte erzählt, und viele schmerzhafte Details werden mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Aber ein Moment beschäftigt mich besonders: Als die Soldaten zum Haus kamen, um Mitglieder der Familie zu verhaften, weigerte sich eine der Frauen in einem Akt des Mutes und des Widerstands, die Tür zu öffnen. Die Soldaten schlugen das Fenster ein, richteten eine Waffe auf sie, und in diesem Moment der Angst machte sie das Kreuzzeichen. Einer der Siedler, der mit den Soldaten gekommen war, sah, dass sie Christin ist, und sagte zu ihr: „Warum bist du hier? Geh nach Frankreich.“ Das macht mich wütend. Es erfüllt mich mit Zorn.
Von Menschen, die in den meisten Fällen aus Europa stammen, die selbst die Kolonisatoren dieses Landes sind und die es jetzt wagen, uns zu sagen, dass wir diejenigen sind, die nach Europa gehören – das Maß an Arroganz und historischer Verzerrung ist einfach empörend. Wir sind die Menschen dieses Landes. Wir sind nicht von woanders hergekommen. Wir sind nicht erst gestern angekommen. Wir sind hier verwurzelt (…)“ (Munther Isaac, palästinensischer Pastor, Autor und Theologe, am 25. und 26. Jänner 2026)
Wir sehen: es ist noch ein langer, sehr langer Weg, bis unsere Demonstrationen zur Aufklärung in der Bevölkerung und in Solidarität mit dem völkerrechtswidrig besetzten Palästina und ihren von Vertreibung und Tod bedrohten Bewohnern überflüssig werden. Deshalb: hier ist der Termin für die nächste Demonstration;
Die nächste Demonstration findet am Samstag, den 31. Januar, um 14.00 Uhr ab Hauptbahnhof statt. Unter dem Motto “ Free Palestine. Now and Forever . Free Every Opressed Community Around The World“ geht die Marschroute über die Knochenhauer Straße zum Marktplatz. (die Einladungsflyer sind im Anhang abrufbar. Sie können gern weitervermittelt werden!)
Dr. Detlef Griesche
Mühlenweg 5
28355 Bremen
Tel.: 0421/4309510