Rundbrief der DPG Bremen

Liebe DPGler, liebe Palästina-Interssierte, liebe Freunde und Freundinnen,

Zuallererst: Die Palästinensische Gemeinde Bremen und Umland e.V. wird am Samstag, den 7.2., keine eigene Demonstration veranstalten. Hierzu gibt die DPG folgende Erklärung ab:

Dies ist eine sehr solidarische begrüßenswerte Aktion: Ich weise in diesem Sinn aber daraufhin, daß nahezu alle Organisationen und Personen, die diese „Groß-Demo Norddeutschland“ geplant, beworben und organisiert haben, noch nie oder kaum auf unseren bislang über 110 wöchentliche stets bundesweit wahrgenommenen friedlichen Demonstrationen der Palästinensischen Gemeinde Bremen teilgenommen haben.

Warum nicht? Wer die vorgetragenen und anschließend für alle verständlich übersetzten Suren und die Friedensgebete nicht erträgt, sollte sich fragen, worum es geht: um die eigene Befindlichkeit oder die Solidarität mit Betroffenen in Palästina, die ihre Verwandten und Freunde durch den Völkermord verloren haben? Auch vermisse ich bei der Ankündigung der „Großdemo“ die Teilnahme anderer größerer bekannter Organisationen Bremens, die für Frieden, Verständigung und Völkerrecht eintreten.

Die DPG-Bremen lädt schon heute alle ein, zukünftig an den wöchentlichen Demonstrationen der Palästinensischen Gemeinde Bremen und Umgebung e.V., unterstützt von der Deutsch-Palästinensischen Grsellschaft Bremen e.V.  und anderer Friedensorganisationen, teilzunehmen. Solidarität sollte keine Einbahnstraße sein!

Maßnahmen gegen UNRWA und „Ärzte ohne Grenzen“

Eigentlich sollten an dieser Stelle die neuesten international verurteilten Maßnahmen der rassistischen Regierung Israels stehen: die nach den unglaublichen Zerstörungs- und Verbotsmaßnahmen gegen die UNRWA angekündigten Verbote der weiteren Arbeit von „Ärzte ohne Grenzen“, die angeblich, wie von Israel unterstellt, Mitarbeiter aus den Reihen von Hamas, bzw. überhaupt Palästinenser beschäftigen. Wir werden die Entwicklung beobachten.

„Die Ermordung von Hind Rajab“

Aus aktuellem Anlaß des derzeit bundesweit in deutschen Kinos laufendem hochdekoriertem Film „Die Ermordung von Hind Rajab“ leite ich zwei Kommentare weiter, die alles besagen:

  • eine Stellungnahme von Prof. Helga Baumgarten aus Ramallah und
  • eine Bewertung der Funktion des Films in Deutschland von Iman Abu El Qamsan in der Ausgabe vom 29.1.2026 in „etos. media“.

(Die Texte sind etwas länger, aber sehr aussagekräftig und sie kontextualisieren Ereignisse differenziert und faktenbasiert!)

 Zwei Jahre sind seit diesem brutalen Mord in Gaza vergangen: an Hind, sechs Jahre alt, und ihrer zwölfjährigen Cousine Lajan, an der gesamten Familie ihres Onkels und an den zwei Sanitätern, die Hind an jenem 29. Januar 2024 hätten retten sollen. Kaouther Ben Hanias Film »Die Stimme von Hind Rajab«, der inzwischen für den Oscar nominiert wurde, zeigt die Tragödie in allen Details. Er läuft derzeit in deutschen Kinos.

Wenige Monate nach Hind wurden die neugeborenen Zwillinge Asser und Aysel sowie ihre Mutter und Großmutter durch israelische Bomben getötet – der Vater überlebte, weil er die Geburt registrieren lassen wollte. Es war ein weiteres der unzähligen Kriegsverbrechen. Seit Beginn des weltweit und vor allem in Deutschland gefeierten »Waffenstillstands« wurden in Gaza 100 Kinder getötet, wie UNICEF Mitte Januar meldete. Und fast täglich kommen weitere dazu. »Save the Children« ermittelte in einem Bericht, dass die völkermörderische israelische Armee zwischen Oktober 2023 und September 2025 das Leben von 20.000 Kindern beendete. Mehr als 1.000 Babys gehörten zu den Opfern, Babys, die kein Jahr alt werden durften.

In der Westbank ist die Lage nicht viel besser. 2025 wurden dort 54 Kinder von Armee und Siedlern umgebracht. »Defense for Children Palestine« veröffentlicht auf seiner Website Bilder und Todesdaten der jungen Opfer. Am 10. Dezember wurde der 17jährige Ahmed Radschabi in Hebron erschossen, fünf Tage später der 16jährige Ijad Abahra in Silat Al-Harithja bei Dschenin, am 20. Dezember traf es den 16jährigen Ammar Taamra in Tuka bei Bethlehem und am 22. Dezember starb der ebenfalls 16jährige Rajan Abu Maada in Kabatija bei Dschenin im Kugelhagel der Armee. Im neuen Jahr ging es genauso weiter: Am 19. Januar beendete ein Soldat das Leben des 15jährigen Mohammed Naasan in Al-Mughajer bei Ramallah. Auch in der Westbank werden Kinder ermordet. Am 21. Februar 2025 erschoss die Armee die achtjährige Dschannat Mutawar in Sair bei Hebron in der elterlichen Wohnung. Dschannat hatte versucht, ihren kleinen Bruder vom Fenster wegzuziehen, damit er nicht getroffen wird.

UNICEF hat eine neue Initiative für die Kinder in Gaza gestartet: »Back to Learning« (Zurück zum Lernen). Es ist, so der UNICEF-Sprecher James Elder am Dienstag in Genf, die weltweit größte Notfallaktion, um Kindern zu ermöglichen, wieder zur Schule zu gehen. In einer ersten Stufe sollen davon 336.000 Heranwachsende profitieren. Denn die Lage ist unvorstellbar, wie die Daten von UNICEF zeigen: 60 Prozent der Schulkinder haben derzeit keine Möglichkeit, in ihrer alten Schule zu lernen. 90 Prozent der Bildungsstätten in Gaza sind entweder beschädigt oder vollkommen zerstört. Mehr als 300.000 Kinder unter fünf Jahren werden wohl unter schweren Entwicklungsstörungen leiden, weil das gesamte System der frühkindlichen Versorgung zusammengebrochen ist.

Viele wissen nicht, dass Gaza vor dem Krieg eine der höchsten Alphabetisierungsraten weltweit hatte. Für die Menschen dort war, laut Elder, »Erziehung ein Grund, stolz zu sein. Damit half sie beim Durchhalten auch in den schlimmsten Zeiten. Vor allem aber trug sie zum Fortschritt für die kommenden Generationen bei. Heute ist dieses Erbe bedroht: Schulen, Universitäten und Büchereien sind zerstört. Der über Jahre kontinuierliche Fortschritt ist ausgelöscht.«

UNICEF betreibt derzeit 100 Lernzentren in Gaza. Bis Ende des Jahres belaufen sich die Kosten auf 86 Millionen US-Dollar, genau die Summe, die weltweit in ein bis zwei Stunden für Kaffee ausgegeben wird, worauf Elder provokativ hinweist. Das Programm »Back to Learning« ist eine entscheidende Hilfe für das schlichte Überleben als Menschen: für alle Familien in Gaza und vor allem für die Kinder und Jugendlichen. Fast die Hälfte der Bewohner ist, wie wir wissen, unter 18. Es geht also um die Zukunft Gazas, wie Elder weiter argumentiert: »Unser Programm ist eine Brücke, die ermöglicht, dass jedes Kind wieder in die Schule gehen kann. Momentan halten wir diese Flamme der Hoffnung am Leben (…). Kinder sollen wieder Routine für ihren Tagesablauf bekommen. Würde ist gerade auch für die Jugendlichen zentral. Und alle brauchen eine klare Richtung in ihrem Leben (…). So wird Hoffnung lebendig. So wird den Kindern wieder eine Zukunft gegeben.«

In der Westbank setzt der israelische Siedlerkolonialismus derweil sein Werk der Unterdrückung und Zerstörung fort. Kein Tag vergeht ohne Meldungen von Häuserzerstörungen und Vertreibung der Bewohner. Die Knesset hat vor wenigen Tagen ein Gesetz verabschiedet, das Palästinensern mit einem Abschluss an einer palästinensischen Universität verbietet, an Schulen in Jerusalem tätig zu sein: Wer soll nun dort unterrichten, wenn es keine Lehrer mehr gibt? Selbst ein harmloses Jugenddorf in Kufr Naama bei Jerusalem wird permanent von Siedlern – geschützt von der Armee – angegriffen. Am Donnerstag besuchte eine Delegation von EU-Vertretern in Palästina das Dorf, um Solidarität zu zeigen, wie Al-Dschasira live berichtete. Siedler attackierten dabei die Sicherheitsleute der Diplomaten. Niemand ist sicher vor diesen völkermörderischen Rassisten“.

Unter der Überschrift „Erinnern wenn es paßt: `Die Ermordung von Hind Rajab` und deutsches Schweigen“ charakterisiert der Autor wie selektiv deutsche Erinnerung funktioniert und warum palästinensische Opfer darin keinen Platz haben. Deutschland versteht sich als moralischer Akteur in der Weltpolitik. Als Verteidiger einer regelbasierten Ordnung. Doch Regeln und Werte verlieren ihre Glaubwürdigkeit, wenn erinnerung selektiv wirdund dort endet, wo plitische Bündnsse beginnen. Hind Rajab wurde ermordet. Daß ihr Name heute noch bekannt ist, ist kein Beweis für funktionierende Erinnerungskultur. Es ist ein Zufall, und dieser Zufall sagt mehr über Deutschland aus als über sie.  — Der Ablauf ist gut dokumentiert:die Hilferufe….Und doch bleibt etwas entscheidendes aus: Konsequenz. Eine unabhängige Untersuchung wurde nicht eingeleitet. Verantwortung wurde nicht übernommen.

Die Ermordung des Kindes wurde bedauert und dann ad acta gelegt. Ihre Mörder sind jedoch auf freiem Fuß und genießen ihr Leben. Internationale ExpertiInnen bewerteten den Vorfall als Kriegsverbrechen…..international keine Kondequenzen und erst recht nicht in Israel, wo Mörder von Palästinensern eher gefeiert als bestaft werden. Das Hind Rajab dennoch bekannt wurde, ist die Ausnahme und genau darin liegt die Bedeutung……In Deutschland ist diese Politik der Erinnerung (Erinnerung als politischer Prozeß) besonders ausgeprägt. ….Das Gedenken an die Oüfer des Nationalsozialismus ust zu Recht zentraker Bestandteil der pokitischen Kultur. ….Doch statt aus der eigenen Geschichte die Erkenntnis zu ziehen, dass jedes Menschenleben es wert ist, geschüzt zu werden, wird in Deutschland auch in aktuellen Kriegen nur jenen gedacht, die ins eigene Weltbild passen. Den getöteten Deutschen vom 7.Oktober 2023 wird gedacht, die von Israel in Gaza getöteten Deutschen werden größtenteils ignoriert. Wenn israekische Kinder getötet werden, werden ihre Namen genannt und ihre Geschichten erzählt, wenn palästinensische Kinder getötet werden, bleiben ihre Namen meist ungenannt. Sie erscheinen in Zahlen, nicht in Reden. Ihr Tod wird, wenn überhaupt, abstrahiert und relativiert. Die Sprache ist vorsichtig, distanziert, entpersonalisiert. Wo Namen fehlen, fehlt Nähe. Wo Nähe fehlt, nleibt Verantwortung abstrakt.

Der Fall Hind Rajab durchbrach diese Ordnung kurzzeitig. Nicht, weil Deutschland sich entschieden hätte, genauer hinzusehen, sondern weil das Sterbendiese einen Kindes dokumentiert war. Weil die Stimme aufgezeichnet wurde. Weil das Warten hörbar war, ihr Leid spürbar. Gedenken wurde nicht gewährt, es zwang sich gegen alle Widerstände an die Öffentlichkeit. Doch selbst dann blieb die politische Reaktion zurückhaltend. weder im Bundestag noch in offiziellen Stellungnahmen wurde Hind Rajab öffentlich genannt. Ihr Tod blieb Teil einer allgemeinen Rhetorik, ohne Namen, ohne Gesicht, ohne Folgen. Die Bundesregierung bekräftigte Israels Recht auf Selbstverteidigung und verwies allgemein auf die Einhaltung des humanitären Völkerrechts. Der konkrete Fall wurde (wie immer -D.G.) nicht zum Maßstab politischer Forderungen. Diee Zurückhaltung ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer politischen Kultur, in der Solidarität mit Israel wichtiger ist als die Bennenung konkreter palästinensischer Opfer. Krotok wird vermieden und dies mit der Staatsraison  begründet. Doch diese Logik macht blind für deas Leiden anderer, blind für das Leiden der Palästinenser. Hind Rajab wurde nicht ernordet, weil ihr Name bekannt war. Er wurde es erst danach. Sie wurde bekannt, nicht weil man palästinensischen Kindern gedenken wollte, sondern weil ihr Fall so ofensichtlich war, die Brutaliät und das Ausmaß so schockierend, weil die Welt nicht an ihrem Gesicht und ihrer Stimme vorbeikam….“ (Auszüge aus dem Artikel in etos.media)

Frieden mit Russland – für eine neue Ostpolitik? 

Wir laden zu einer weiteren Veranstaltung ein, die thematisch nicht direkt zu Palästina gehört. Aber auch dort wird die „Deutsche Doppelmoral“, Völkerrecht und Bezüge zu deutschen Waffenlieferungen u.a.m. thematisiert. Die DPG-Bremen unterstützt aus diesem Grund den AK „Neue Ostpolitik“, der für Frieden und Verständigung eintritt – statt für Krieg, Waffenlieferungen, Agressivität und Vernichtung. 

Die Veranstaltung „Frieden mit Rußland – für eine neue Ostpolitik ? Eine Podiums-Diskussion mit hochkarätigen Referenten: Folker Hellmeyer, Alexander Rahr und Arno Gottschalk am 19. Feb. 2026 um 19.00 Uhr im Haus der Wissenschaft. Moderation: Prof. Dr. Sönke Hundt. Weitere Infos hier

Beste solidarische Grüsse
Detlef Griesche

Wir  freuen uns über eine Spende auf: DPG; IBAN DE48 2505 0000 1012 5540 03. Wir senden absetzbare Spendenquittungen zu! Bitte Adresse nicht vergessen!

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