Omer Bartov: „Israel wird zum Paria-Staat. Nur Sanktionen können Veränderung erzwingen“

Der Historiker Omer Bartov untersucht, wie Zionismus sich von einer sozialistischen Bewegung zu einer militaristischen Staatsideologie entwickelte, und fordert internationale Sanktionen für einen Wandel. Ein Gespräch von Elias Feroz

Dieses Interview erschien erstmals am 6. Juli 2026 im Freitag (Bezahlschranke)

Zu den bedeutendsten Experten für Genozid- und Holocaustforschung zählt Omer Bartov. An der Brown University in den USA lehrt er als Geschichtsprofessor und gilt schon seit vielen Jahren als ausgewiesener Kenner der Themen Gewalt, Erinnerung und Identität. Sein neues Buch Israel: What Went Wrong? widmet sich der Entwicklung des Zionismus: Aus einer Bewegung, die jüdische Selbstbestimmung mit universellen Ansprüchen verknüpfte, sei nach Bartovs Verständnis eine zunehmend militarisierte, expansionistische und auf Ausgrenzung ausgerichtete Staatsideologie geworden.

Dabei vertritt Bartov die These, dass sich die aktuelle Krise Israels nicht allein aus jüngeren politischen Entwicklungen erklären lässt, sondern ihre Wurzeln auch in fundamentalen Weichenstellungen bei der Staatsgründung hat.

der Freitag: Herr Bartov, in „Israel: What Went Wrong“ beschreiben Sie Ihren Vater als „den letzten Zionisten“ und Benjamin Netanjahu als den großen Zerstörer jenes Zionismus, wie ihn Ihr Vater verstanden hatte. Könnte der Zionismus Ihres Vaters im heutigen Israel existieren?

Omer Bartov: Ich glaube, dass diese Version der Vergangenheit angehört, und ich glaube nicht, dass der Zionismus repariert oder wiederbelebt werden kann. Ich möchte die Interpretation des Zionismus meines Vaters nicht idealisieren. Es war eine nationale und ethnonationale Bewegung, und wie alle solchen Bewegungen enthielt sie gewalttätige Elemente. Aber sie hatte auch starke sozialistische Komponenten und beruhte auf Appellen an Humanität, Menschenrechte und die Rechtsstaatlichkeit. Was daraus heute geworden ist, ist etwas anderes. Erstens wurde sie von einer Bewegung in die Ideologie eines Staates verwandelt. Sie ist zunehmend militaristisch, expansionistisch und rassistisch geworden. Nach dem 7. Oktober wurde sie außerdem dazu benutzt, einen Völkermord zu rechtfertigen. Beginnend mit der Gush-Emunim-Bewegung („Block der Getreuen“) und dem Siedlungsprojekt im Westjordanland wurde der Zionismus im Laufe der Zeit schrittweise von einem bestimmten religiösen Element übernommen. Dies hat nicht nur den Zionismus, sondern auch das Judentum selbst in eine fanatische, messianische, rassistische und jüdisch-suprematistische Ideologie verwandelt, die jeder Form des Judentums fremd ist, die seit der Römerzeit existiert hat. Einige Elemente dieser Israel beherrschenden Ideologie ähneln der des iranischen Regimes und bestimmter Hamas-Ideologen Diese Verbindung aus dem Zionismus als einer zunehmend rassistischen und militaristischen Ideologie und einer neuen Art von Judentum – einer Art, die von meinen orthodoxen Großeltern nicht wiedererkannt worden wäre und die von den meisten außerhalb Israels lebenden Juden niemals angenommen werden könnte – hat daraus eine Ideologie gemacht, die sich überhaupt nicht mehr unterstützen lässt. Ein Staat, der von einer solchen Ideologie beherrscht wird, wird zwangsläufig so handeln, wie Israel handelt, und befindet sich tatsächlich auf dem Weg, zu einem Paria-Staat zu werden. Ironischerweise ähneln einige Elemente Aspekten der Ideologie des iranischen Regimes und bestimmter Hamas-Ideologen. Es gibt eine seltsame Konvergenz zwischen dieser Transformation des Zionismus und Formen des islamischen Fundamentalismus. In jedem Fall glaube ich nicht, dass diese Ideologie repariert werden kann. Wenn eine Ideologie einen Völkermord unterstützt, glaube ich nicht, dass sie reparabel ist. 

Sie argumentieren, dass der Zionismus vor 1948 zwei Gesichter hatte – eine Befreiungsbewegung und ein siedlerkoloniales, ethnonationales Projekt – und dass nach der Gründung des Staates Letzteres zunehmend die israelische Politik dominierte. Was erklärt diesen Wandel in der Dominanz?

1948 stand Israel vor einer Entscheidung. Es hatte durch Krieg und ethnische Säuberung einen Staat mit jüdischer Bevölkerungsmehrheit geschaffen, damit hatte der Zionismus sein zentrales Ziel faktisch erreicht. Anschließend wurde es als anerkannter und legitimer Staat in der internationalen Gemeinschaft akzeptiert. Der nächste Schritt hätte darin bestehen können, einen Staat aufzubauen, der allen seinen Bürgern gleichermaßen dient. Ein Ausdruck davon wäre die Verabschiedung einer Verfassung gewesen, die die in der Unabhängigkeitserklärung versprochene Grundrechtecharta verkörpert. Doch es wurde niemals eine Verfassung verabschiedet.

Nach der Ermordung Yitzhak Rabins und nach der Zweiten Intifada wurde der Zionismus zunehmend rassistisch und gewalttätig. Und wie wir nach dem 7. Oktober gesehen haben, auch genozidal Israel hat seine Grenzen ebenfalls nie formal definiert. Dadurch fehlten dem Staat sowohl ein verfassungsrechtlicher Rahmen als auch ein klar definierter territorialer Rahmen. Aus diesem Grund wurde der Zionismus zur dominierenden Staatsideologie. Wie andere Ideologien, die an die Macht gelangen, entwickelte er eine eigene Dynamik, sobald er in staatlichen Institutionen verankert war.

Das war nicht unvermeidlich. Wir haben Versuche gesehen, sicherlich in den 1990er Jahren, sowohl Verfassungsgesetze zu verabschieden als auch einen gewissen Kompromiss über die besetzten Gebiete zu erreichen, aber all diese sind gescheitert. Und danach, sicherlich nach der Ermordung Yitzhak Rabins und nach der Zweiten Intifada, wurde der Zionismus zunehmend rassistisch und gewalttätig. Und wie wir nach dem 7. Oktober gesehen haben, auch genozidal.

Was wäre heute anders, hätte Israel eine Verfassung?

Das können wir nicht mit Sicherheit sagen. Und wir wissen, dass Länder Verfassungen hatten, die sie nicht unbedingt daran gehindert haben, schlechte Dinge zu tun – sowohl gegenüber ihren eigenen Bürgern als auch gegenüber anderen Ländern. Israels Oberster Gerichtshof war mitschuldig an der Schaffung dessen, was im Westjordanland zu einer Apartheid geworden ist Möglicherweise wäre es, hätte Israel eine Verfassung im Geiste seiner Unabhängigkeitserklärung gehabt, viel schwieriger gewesen, die Art von Politik zu verfolgen, die es unmittelbar zu implementieren begann. Am wichtigsten ist, dass es schwierig gewesen wäre, die Militärherrschaft über die verbliebenen palästinensischen Bürger für zwanzig Jahre aufrechtzuerhalten, weil sie eindeutig verfassungswidrig gewesen wäre. Und der Oberste Gerichtshof, an eine solche Verfassung gebunden, hätte es möglicherweise viel schwieriger gehabt, dies zu rechtfertigen.

Es hätte das Land möglicherweise auch eher dazu gebracht, irgendeine Form von Wiedergutmachung oder teilweiser Rückkehr für die 1948 vertriebenen Palästinenser zu finden. Auch aus verfassungsrechtlichen Gründen wäre es für den Obersten Gerichtshof nach 1967 sehr viel schwieriger gewesen, den Status der jüdischen Siedler im Westjordanland zu billigen, was er de facto getan hat. Das Gericht war an der Entstehung dessen, was sich im Westjordanland zu einem Apartheidsystem entwickelt hat, mitbeteiligt.

Es hätte auch Auswirkungen auf innere Angelegenheiten gehabt, etwa die Begrenzung der Macht der Ultraorthodoxen. Israel hat in vielerlei Hinsicht bereits theokratische Gesetze – Zivilehe etwa existiert nicht. All dies liegt natürlich im Bereich des Möglichen. Verfassungen können aufgehoben oder geändert werden. Aber ich denke, es wäre schwieriger gewesen, dass sich der Zionismus und der Staat so entwickeln, wie sie es getan haben. Und der andere Punkt sind die Grenzen. Eine Verfassung hätte möglicherweise die Grenzen des Staates festgelegt, was David Ben-Gurion entschieden abgelehnt hat. Stattdessen hat Israel nur Waffenstillstandslinien gehabt, die de facto akzeptiert werden, aber keine wirklichen Grenzen im verfassungsrechtlichen Sinn sind.

Wenn man sich zum Beispiel die Vereinigten Staaten anschaut, wurden dort Gesetze verabschiedet, die eindeutig gegen die Verfassung verstießen, aber irgendwann hat die Verfassung wieder „zurückgeschlagen“. Sie schafft also einen rechtlichen Rahmen, den Israel nie gehabt hat. Itamar Ben-Gvir galt als Extremist und gewalttätiger Rechtsbrecher, der niemals ein öffentliches Amt hätte bekleiden dürfen. Heute ist er für das Gefängnissystem und die Polizei zuständig.

Heute verbinden viele Menschen den Zionismus mit Figuren wie Itamar Ben-Gvir, Bezalel Smotrich oder Benjamin Netanjahu. Kürzlich hat Ben-Gvirs Verhalten gegenüber den Flotilla-Aktivisten international Empörung ausgelöst. Seine entmenschlichende Rhetorik gegenüber Palästinensern ist jedoch seit Jahren dokumentiert. Was bedeutet es, dass Figuren wie Ben-Gvir sich nicht nur als Vertreter des Zionismus verstehen, sondern zunehmend auch als Vertreter des Judentums selbst – und dabei die Unterscheidung zwischen beiden oft verwischen?

Es hat zahlreiche Berichte gegeben – etwa den Artikel von Nicholas Kristof in der New York Times – über Misshandlungen und sogar sexuelle Gewalt gegen palästinensische Gefangene, insbesondere seit dem 7. Oktober und in massivem Ausmaß. Aber europäische Länder haben dazu fast nichts gesagt. Erst als europäische Bürger misshandelt wurden und Ben-Gvir, offen gesagt, so arrogant war, ein Video davon zu veröffentlichen, haben sie schließlich reagiert. Und selbst hier sehe ich kaum Konsequenzen. Das sagt also auch etwas über die europäischen
Reaktionen auf das israelische Verhalten aus.

Was Ben-Gvir betrifft, so verkörpert er genau diese Dynamik. Vor zehn Jahren wurde er von den israelischen Sicherheitsdiensten untersucht, es gab Verfahren gegen ihn. Er galt als Extremist und gewalttätiger Rechtsbrecher, der niemals ein öffentliches Amt hätte bekleiden dürfen. Heute ist er für das Gefängnissystem und die Polizei zuständig. Und er ist beliebt. Es ist nicht nur er. Vielleicht stimmen etwa 30 Prozent der Bevölkerung ihm offen zu, andere mögen sich für ihn schämen, aber sie widersprechen dem, was geschieht, nicht entschieden – insbesondere, wenn es um das Unrecht gegenüber Palästinensern geht. Sie mögen seinen Extremismus vielleicht nicht, aber sie akzeptieren seine Linie.

Und was schon vor dem 7. Oktober begonnen hat, ist, dass Methoden, die zuvor gegen Palästinenser eingesetzt wurden, zunehmend auch gegen Juden innerhalb Israels angewandt werden. Jüdische Bürger – insbesondere liberale oder säkulare Juden – beginnen dadurch ein Stück weit zu erfahren, was es in diesem System bedeutet, Palästinenser zu sein. Und die meisten haben sich dem angepasst, teilweise aus Angst.

Würde es Ihrer Meinung nach einen Unterschied machen, wenn statt Benjamin Netanjahu jemand anderes gewählt würde?

Jede Koalition, die die Opposition bilden könnte, müsste arabische Parteien einschließen. Sie sagen jetzt, dass sie nicht mit arabischen Parteien zusammengehen werden, aber ohne sie können sie keine Koalition bilden. Sie müssten eine Entscheidung treffen: Entweder sie schließen sie ein, oder sie tun es nicht – in diesem Fall könnten sie keine Regierung bilden. Sie wollen das teilweise nicht, weil sie rassistisch sind, und teilweise, weil sie Angst vor ihren Wählern haben, die ebenfalls rassistisch sind. Aber sie müssten es tun, und ich denke, irgendwann würden sie es auch tun. Sollte Netanjahu gewinnen, würden viele Israelis wohl das Land verlassen und ich könnte Israel möglicherweise nie wieder besuchen.

Welchen Unterschied würde das machen?

In Bezug auf die besetzten Palästinenser wären die Veränderungen, wenn überhaupt, sehr gering. In Bezug auf die palästinensischen Bürger Israels könnte es meiner Ansicht nach einen Unterschied geben. Ich denke, ein anderer Polizeiminister – wie es früher hieß, statt „nationale Sicherheit“, was eine Erfindung Ben-Gvirs ist – könnte einen Unterschied machen. Unter der früheren kurzlebigen Regierung von Naftali Bennett gab es Versuche, die Polizei einzusetzen, um die Bandenkriminalität in den arabischen Gemeinden innerhalb Israels zu bekämpfen, die sehr stark zugenommen hat. Das könnte sich wieder ändern. Es könnte zu einer gewissen Verlangsamung der Erosion der Rechtsstaatlichkeit kommen und zu Versuchen, eine Polizei wieder stärker unter Kontrolle zu bringen, die derzeit außer Kontrolle ist. Sie könnten auch etwas stärker auf äußeren Druck reagieren, weil Netanjahu um sein politisches Überleben kämpft. Er stellt seine eigenen Interessen an erste Stelle. Eine andere Führung, selbst jemand aus dem rechten Lager wie Bennett, wäre möglicherweise offener für äußeren Druck, weil er nicht um sein unmittelbares Überleben kämpfen müsste.

Aber auf lange Sicht würde all das nicht ausreichen. Die israelische Politik wird sich nur durch äußeren Druck ändern, und der müsste in Form von Sanktionen erfolgen.

Ich kannte in meiner Jugend keine Palästinenser. Meine erste wirkliche Begegnung war als Besatzungssoldat. Ich war im Westjordanland und im Gazastreifen eingesetzt Für mich persönlich könnte ein Regierungswechsel es möglich machen, wieder darüber nachzudenken, dorthin zu Besuch zu fahren. Umgekehrt denke ich, dass viele Israelis das Land verlassen würden, sollte Netanjahu gewinnen, und, dass ich Israel möglicherweise nie wieder besuchen könnte, da eine weitere Netanjahu-Regierung womöglich das Ende von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Israel für viele Jahre bedeuten würde.

Ihre Perspektive und Ihre Ansichten über Israels Handlungen in Gaza scheinen eine Ausnahme in der israelischen Gesellschaft zu sein. Es scheint sehr schwierig zu sein, als Israeli zu den Schlussfolgerungen zu gelangen, zu denen Sie kommen – insbesondere angesichts dessen, dass die palästinensische Identität und Geschichte in der israelischen Gesellschaft oft ausgeblendet werden, besonders die Nakba. Wann haben Sie zum ersten Mal von der Nakba erfahren, und wann haben Sie sich erstmals mit der palästinensischen Gesellschaft und Geschichte beschäftigt?

Ich kannte in meiner Jugend keine Palästinenser. Ich denke, es begann an der Universität, als Student. Meine erste wirkliche Begegnung war als Soldat – als Besatzungssoldat. Ich war im Westjordanland und im Gazastreifen eingesetzt. Ich würde sagen, dass ich mich dabei unwohl fühlte, aber ich kann nicht behaupten, dass ich es damals vollständig durchdacht hätte. Ich hielt die Besatzung schon vor meinem Militärdienst für falsch. Ich bin bereits im Sommer 2024 zu dem Schluss gekommen, dass in Gaza ein Völkermord stattfindet In den Jahren 1970/1971 etwa, als ich noch in der High School war, war ich Teil sehr kleiner Gruppen, die bereits gegen die Besatzung waren. Aber wir waren sehr jung. Es waren keine Palästinenser beteiligt. Es waren nur jüdische Studenten aus säkularen aschkenasischen Hintergründen. Mein politisches Denken entwickelte sich später weiter. Ich wurde 1977/1978 bei „Peace Now“ aktiv, als eines der Gründungsmitglieder. Damals war es ebenfalls noch eine rein jüdische Bewegung. Es waren keine Palästinenser beteiligt. Es ging hauptsächlich um Frieden mit Ägypten. Ein wichtiger Wendepunkt für mich war die Erste Intifada 1987. Die Vorstellung, als Reserveoffizier palästinensische Demonstranten unterdrücken zu müssen, reizte mich überhaupt nicht. Stattdessen ging ich mit einem Stipendium in die Vereinigten Staaten.

Aber selbst dann kam der direkte Kontakt mit Palästinensern viel später. Ich würde sagen, die intensivsten Begegnungen begannen erst um 2015. Das geschah im Rahmen eines Forschungsprojekts, das ich an der Brown University organisiert habe, bei dem ich israelische, jüdische, palästinensische und andere Wissenschaftler zusammengebracht habe. Damals begann ich, Menschen nicht nur intellektuell zu kennen, sondern auch persönlich – als Kollegen und manchmal als Freunde. Und das hat die Dinge deutlich verändert.

Seit der Ankündigung eines Waffenstillstands im vergangenen Jahr wurden mehr als 1.000 Palästinenser in Gaza getötet und Tausende verletzt. Wie beeinflusst diese anhaltende Gewalt Ihre Einschätzung, ob es sich bei dem, was in Gaza geschieht, um Völkermord handelt – und hat der Völkermord Ihrer Ansicht nach geendet?

Ich bin bereits im Sommer 2024 zu dem Schluss gekommen, dass ein Völkermord stattfindet. Was seit dem Waffenstillstand geschehen ist, ist, wie Sie sagen, dass es weiterhin Gewalt in Form von Tötungen gibt. Es gibt auch weiterhin Gewalt in Form der unmenschlichen Bedingungen, unter denen die Menschen leben. Wir wissen, dass die IDF die „gelbe Linie“ zunehmend in das verlegt hat, was eigentlich das verbleibende palästinensische Gebiet im Gazastreifen sein sollte. Kürzlich sagte Netanyahu, dass Israel 70 Prozent kontrollieren werde. In gewisser Weise tut Israel derzeit im Grunde dasselbe mit anderen Mitteln. Es versucht weiter, was es von Anfang an versucht hat: ethnische Säuberung zu betreiben, die Bevölkerung aus Gaza zu vertreiben. Und da die Menschen nirgendwohin können, schafft es Bedingungen, unter denen ein Leben nicht mehr möglich ist. Zuvor geschah das durch Zerstörung, jetzt setzt es sich mit anderen Mitteln fort. Es gab keine Entscheidung, hiermit aufzuhören, sondern einen Zwang – teilweise durch Donald Trump -, die Phase großflächiger Zerstörung zu beenden. Also wird das Leben dort nun unmöglich gemacht. Die Politik der ethnischen Säuberung geht weiter. Sie hat dieselben strukturellen und gesellschaftlichen Dimensionen.

Die Palästinenser würden in sogenannten humanitären Städten eingesperrt werden und später faktisch zur Arbeitskraft werden, die das Gebiet instand hält und betreibt – Reinigung, Dienstleistungen und so weiter – für diejenigen, die aus Europa und den Vereinigten Staaten kommen, um die Küste zu genießen Wir wissen nicht einmal, wie viele Menschen täglich indirekt an diesen Bedingungen sterben, aber das kann unter die Völkermordkonvention fallen, weil sie auch das Zufügen schwerer körperlicher und psychischer Schäden umfasst, die Verhinderung von Geburten sowie das Töten von Mitgliedern der Gruppe.

Was die Zukunft betrifft, habe ich ein geradezu albtraumhaftes Szenario. Der sogenannte Trump-Plan – der 20-Punkte-Plan – und andere Äußerungen könnten zu einer Fortsetzung dessen in anderer Form führen. Eine Situation, in der alle profitieren, außer den Palästinensern. Arabische Staaten würden die Finanzierung für den Bau einer sogenannten futuristischen „Riviera“-Stadt bereitstellen. Die Arbeitskraft wären die Palästinenser, die noch dort sind. Sie würden zur Arbeit herangezogen werden. Das Gebiet jenseits der „gelben Linie“, das eingeebnet wurde, würde in begrünte Siedlungszonen umgewandelt werden. Immobilienentwickler und Akteure wie Trump, Jared Kushner und andere würden profitieren, indem sie dieses Immobilienprojekt verwalten.

Die Palästinenser würden in sogenannten „humanitären Städten“ eingesperrt werden und später faktisch zur Arbeitskraft werden, die das Gebiet instand hält und betreibt – Reinigung, Dienstleistungen und so weiter – für diejenigen, die aus Europa und den Vereinigten Staaten kommen, um die Küste zu genießen. Das wäre eine erschreckende Aussicht – nicht nur für Palästinenser, sondern auch für jeden, der über zukünftige Formen von Gewalt und Enteignung nachdenkt, in denen Zerstörung von Profit abgelöst wird.

Israel wird die Hisbollah nicht dadurch zerstören, dass es Dörfer dem Erdboden gleichmacht, genauso wenig wie es Hamas nicht zerstören konnte, weil es keine Politik betreibt – sondern nur Zerstörung Die aktuellen Operationen der israelischen Armee im Libanon scheinen Aspekte ihrer Strategie in Gaza zu spiegeln. Einerseits tut Israel im Libanon das, was es dort schon seit den 1970er Jahren tut. Daran ist im Grunde nichts grundsätzlich Neues.

Damals war es die PLO, die Israel zu zerstören versuchte, und heute ist es die Hisbollah, wobei viele Zivilisten getötet werden, und anschließend zieht es sich wieder zurück, weil es nicht in der Lage ist, den Libanon zu besetzen. Und das wiederholt sich. Andererseits gibt es auch Elemente, die eindeutig an Gaza erinnern: massive Vertreibung der Bevölkerung – über eine Million Menschen – und systematische Zerstörung von Häusern. Das steht sehr stark im Einklang mit den Taktiken in Gaza. Aber es gibt kein klares strategisches Ziel. Das ist das Auffällige. Israel wird die Hisbollah nicht dadurch zerstören, dass es Dörfer dem Erdboden gleichmacht, genauso wenig wie es Hamas nicht zerstören konnte, weil es keine Politik betreibt – sondern nur Zerstörung. In diesem Sinne ist es in Gaza und im Libanon dieselbe Logik. Der Unterschied besteht darin, dass ich nicht glaube, dass Israel Teile des Libanon besetzen oder annektieren wird. Ich sehe das nicht kommen. Während es in Gaza eindeutig mehr Stimmen in diese Richtung gibt. Und ich denke, der Haupttreiber vieler dieser Entwicklungen, einschließlich der Spannungen mit dem Iran, ist Netanjahu selbst. Er kämpft um sein politisches Überleben. Vieles davon wird nicht von einer langfristigen Strategie bestimmt, sondern von seinem Bedürfnis, den Konflikt bis zu den Wahlen am Laufen zu halten.

Das Hauptproblem liegt nicht in den Beziehungen zwischen Israel und der Hisbollah oder Syrien oder Jordanien. Das Hauptproblem ist die Beziehung zwischen Israel und Palästina – seit 1948 Angesichts dessen, dass Israel seine Grenzen nie formal definiert hat: Inwieweit prägt dieser offene territoriale Rahmen die Art und Weise, wie sich militärische Operationen im Libanon, in Gaza und darüber hinaus entwickeln?

Offensichtlich gibt es einige Menschen, die in solchen Kategorien denken – also, Territorium von Syrien, vom Libanon oder von Jordanien zu erobern und es als Land zu beanspruchen, das in der Bibel erwähnt wird, als Stammesgebiete und so weiter. Aber ich halte das nicht für ein ernsthaftes, realistisches politisches Projekt. Ich glaube nicht, dass es dazu kommen wird. Wie ich bereits sagte, liegt das Hauptproblem nicht wirklich in den Beziehungen zwischen Israel und der Hisbollah, oder Syrien oder Jordanien. Das Hauptproblem ist die Beziehung zwischen Israel und Palästina. Das steht von Anfang an im Zentrum, seit 1948. Was ein großer Teil der Israelis will, ist ein Land ohne Palästinenser. Das hat in Israel breite Unterstützung. Aber dieses Paradigma zu ändern, ist nichts, was auf diese Weise möglich ist, weil die Palästinenser nicht gehen werden und die Juden ebenfalls nicht gehen werden.

Es muss also erheblicher Druck auf Israel ausgeübt werden, und dieser Druck muss in erster Linie von den Vereinigten Staaten kommen und in Form von Sanktionen erfolgen. Israel hat selbst viel dazu beigetragen, sich zu einem Paria-Staat zu machen, und ist auf dem Weg dorthin, mit Sanktionen konfrontiert zu werden, die die israelische Gesellschaft – und damit auch die israelische Politik – zwingen würden, sich neu zu überdenken und das Paradigma, das bis 1948 zurückreicht, neu zu definieren.


Dieses Interview erschien erstmals am 6. Juli 2026.
Omer Bartov kam 1954 im Kibbuz En HaChoresch zur Welt. Er promovierte 1983 in Oxford über den deutschen Krieg gegen die Sowjetunion. Bartov, Professor für Holocaust- und Völkermordstudien an der Brown University in Providence, Rhode Island, USA, zählt zu den führenden Historikern des Holocaust und gilt weltweit als maßgeblicher Experte für Genozidstudien. Die beiden jüngsten seiner zahlreichen Veröffentlichungen sind die Bücher Genozid, Holocaust und Israel-Palästina. Geschichte im Selbstzeugnis (Jüdischer Verlag 2025)
sowie Israel: What Went Wrong? (Fern Press 2026).

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