Eva Menasse fragt – Wer ist es wirklich, der nicht diskutieren will?

Eva Menasse hat in der Frankfurter Rundschau einen sehr lesenswerten Artikel geschrieben. In Deutschland hänge eine Schallplatte fest – schon seit vielen Jahren. Die grässlichen Geräusche würden nicht aufhören; beständig würde das A-Wort wiederholt und gegen vormals unverdächtige Menschen gerichtet.

„Zuletzt spuckte der kaputte Apparat das A-Wort zusammen mit dem Namen Sophie von der Tann aus, die seit Jahren für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk aus der Konfliktregion Israel-Palästina berichtet. Einen Preis für ihre Arbeit durfte sie dennoch entgegennehmen, obwohl Bataillone von Anklägern schweres A-Wort-Feuer eröffnet hatten. Vor dem Ort der Verleihung demonstrierten Menschen, die mit vollem Ernst Schilder trugen wie „Ist die ARD die Pressestelle der Hamas?“ Solche Bilder wird man später in Geschichtsbüchern zeigen, neben Corona-Leugnern mit Judensternen und dem Mann mit den Bisonhörnern, Symbol des Sturms auf das US-Kapitol. Und man wird sich fragen, wie es bloß dazu kommen konnte.

Viele waren erleichtert, als die ARD-Journalistin den Preis bekam, ein Hoffnungsschimmer, dass noch nicht alle völlig verrückt geworden sind. Ich hingegen fürchte, der diskursive deutsche Wahn ist uneinholbar weit fortgeschritten. Allein dass die Hanns-Joachim-Friedrichs-Medaille zum Zentrum nationaler Erregung werden konnte! Und es besteht der begründete Verdacht, dass nur die Kombination von sehr zufälligen individuellen Details die Geschichte hat gut ausgehen lassen: Sophie von der Tann ist hellhäutig und trägt einen adeligen Namen, der an Christbäume erinnert; Nemi el-Hassan dagegen, eine ebenso begabte Nachwuchsjournalistin, die im WDR die Wissenschaftssendung „Quarks“ hätte moderieren sollen, konnte vom damaligen „Bild“-Chefredakteur und heutigen „Nius“-Einpeitscher Julian Reichelt umstandslos als „Islamistin“ abgeräumt werden, in Tateinheit mit dem damaligen Intendanten Tom Buhrow, der die üblichen eiskalten deutschen Füße bekam. In dieser schamvollen Affäre wurde sämtlichen jungen Menschen mit Migrationshintergrund und fremdländischen Namen noch einmal klargemacht, wie wenig sie zählen, auf welch rassistische Weise man sie abserviert, sobald die einschlägigen Vorwürfe kommen.“

[…]

„In der jüngsten Resolution vom November des Vorjahres ( „Nie wieder ist jetzt – Jüdisches Leben in Deutschland schützen, bewahren und stärken“) – die genau wie ihre unselige Vorgängerin, die Anti-BDS-Resolution, klar dem Grundgesetz widerspricht – wird etwa die Berlinale 2024 pompös als „großer Antisemitismusskandal“ angeführt, der rechtsradikale bewaffnete Anschlag auf die Synagoge in Halle mit zwei Toten hingegen nicht einmal erwähnt. Kann das wahr sein? Und warum sollte man grundgesetzwidrige Bundestagsresolutionen, die enorme Auswirkungen auf das Land haben, nicht diskutieren dürfen?

Stattdessen geht es darum, wer (noch) rechtgläubig ist und wer schon Radikalinski. Auch an der Hervorhebung angeblich abgedrifteter Einzelner erkennt man, dass gesellschaftliche Toleranz und Liberalität abnehmen – man achte auf die verräterischen Epitheta „problematisch“ oder „umstritten“. Allein, dass so viele Juden und Israelis wegen ihrer scharfen Kritik am israelischen Vorgehen in Gaza massiv attackiert worden sind – Yuval Abraham, Nadav Lapid, Susan Neiman, Omri Boehm, Omer Bartov, Moshe Zimmermann, Tomer Dotan-Dreyfus, Candice Breitz, Masha Gessen, Nancy Fraser, Laurie Anderson – zeigt doch, dass es niemals um den Schutz der Juden geht, sondern um die Durchsetzung einer bestimmten Weltanschauung: die der unumschränkt proisraelischen „deutschen Staatsräson“. Der australische Genozidforscher Dirk A. Moses nannte das vor Jahren einen neuen „deutschen Katechismus“ – schon damals zur Empörung von weiten Teilen der deutschsprachigen Medien.

Hierzu ein paar Fakten. Erstens hat der neue „Civicus Monitor“ Deutschland in der Bewertung seines „zivilgesellschaftlichen Handlungsraums“ von „beeinträchtigt“ auf „beschränkt“ herabgestuft, das Niveau von Ungarn, Brasilien, Südafrika. Begründet wurde dies explizit mit der Einschränkung des Demonstrationsrechts bei propalästinensischen Demos, dem Verbot, dort Arabisch zu sprechen sowie der eskalierenden Polizeigewalt, außerdem mit Überwachung und Repression gegen israelkritische NGOs. Wer all das richtig findet, sollte seine Definition von Meinungsfreiheit überdenken. Harte Kritik, zumal in Zeiten des Krieges, ist noch lange nicht dasselbe wie Vernichtungswunsch.“ […]

Der vollständige Artikel hier: https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/eva-menasse-fragt-wer-ist-es-wirklich-der-nicht-diskutieren-will-94083323.html

Die Autorin

Eva Menasse, geboren 1960 in Wien, ist eine vielfach ausgezeichnete Essayistin und Schriftstellerin, unter anderem hat sie die Romane „Vienna“ und „Dunkelblum“ vorgelegt. In diesem Jahr erhielt sie den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln.

Sprecherin des neugegründeten PEN Berlin war sie bis November 2024, zusammen mit Deniz Yücel.

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