Israels Krieg gegen den Journalismus

Israel führt einen umfassenden und wie immer das internationale Recht missachtenden Krieg gegen die Berichterstattung in den besetzten Gebieten. BIP-Aktuell #378 berichtet in seiner neuen Ausgabe ausführlich. BIP ist der wöchentliche Newsletter des Bündnis für Gerechtigkeit zwischen Israelis und Palästinensern (BIP) e,V.

Deutsche Journalisten kritisieren die Einschüchterung durch Israel bei der Berichterstattung über Palästina, wobei besonders die ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann Ziel einer Verleumdungskampagne wurde. Sophie von der Tann wurde für ihre kritische Berichterstattung vom israelischen Botschafter in Deutschland angegriffen, als ihr der Hanns-Joachim-Friedrich-Preis verliehen wurde. Reporter ohne Grenzen, viele Journalisten und der deutsche Botschafter verteidigten sie. Israel unterwirft alle Medien einer Militärzensur. Diese Einschüchterung zeigt Wirkung, da deutsche Korrespondenten sich unter Druck gesetzt fühlen, Selbstzensur zu üben. Israel hat palästinensische Journalisten in ungeahnter Anzahl getötet und verwehrt internationalen Journalisten den Zugang nach Gaza.
 
Israel gestattet ausländischen Korrespondenten trotz weltweiter Proteste nicht, zu unabhängigen Recherchen in den Gaza-Streifen einzureisen, und unterwirft alle Medienkanäle einer Militärzensur. Journalisten sind verpflichtet, bei der Militärzensurbehörde die Genehmigung zur Veröffentlichung von Artikeln zu beantragen, die sensible militärische und sicherheitsrelevante Informationen enthalten könnten. Die Zensurbehörde teilt nicht schriftlich mit, was gelöscht werden muss. Stattdessen geht sie mit dem Journalisten Zeile für Zeile am Telefon durch und sagt ihm oder ihr, was zu löschen ist. Der Journalist darf auch nicht darüber berichten, dass die Zensur in die die Arbeit eingegriffen hat. Die Nichteinhaltung dieser Vorschriften kann zur Schließung der gesamten Zeitung sowie zur Verhaftung des Journalisten führen.
Deutsche Journalisten kritisierten die „Atmosphäre der Einschüchterung“, die Israel erzeugt, wenn sie versuchen, über Palästina und die von Israel in Gaza und im Westjordanland begangenen Gräueltaten zu berichten. Der bekannteste Fall war die Verleumdungskampagne der israelischen Botschaft gegen Sophie von der Tann, ARD-Korrespondentin in Tel Aviv.

Sophie von der Tann kritisierte, dass ausländische Journalisten nicht ohne Begleitung durch die israelische Armee in den Gazastreifen einreisen dürfen. Sie zitierte den Artikel des Holocaust-Forschers Omer Bartov mit dem Titel „Ich bin Genozid-Forscher. Ich erkenne es, wenn ich es sehe“ aus der New York Times. Die rechtsgerichtete Zeitung Die Welt erwähnte eine angebliche Äußerung Sophie von der Tanns, der Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 habe eine Vorgeschichte. Auch UN-Generalsekretär Antonio Guterres hatte gesagt, der Angriff vom 7. Oktober habe nicht in einem Vakuum stattgefunden. Die Springer-Zeitung behauptete jedoch, dass Sophie von der Tann den Sachverhalt verfälsche, denn nach Meinung der Zeitung hat die Geschichte erst am 7. Oktober begonnen. Von der Tann wurde nicht nur vom israelischen Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, angegriffen, sondern auch von der Jüdischen Allgemeinen, die vom deutschen Staat finanziell unterstützt wird.
 
Von der Tann wurde am 4.12. für ihre Berichterstattung mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Fernsehjournalismus ausgezeichnet. Arye Shalicar, der deutschsprachige Sprecher des israelischen Militärs während des Gaza-Krieges, schrieb im Vorfeld der Preisverleihung:
 
„Immer wieder werde ich gefragt “du, Arye, was können wir gegen den aggressiven Judenhass, der unsere Gesellschaft vergiftet, ausrichten?” Zeigt euch! Zeigt Flagge! Am 4.12. In Köln. Anti-Israel Aktivismus, der Judenhassern unter die Arme greift, DARF NICHT BELOHNT WERDEN.“
 
Anja Osterhaus von Reporter ohne Grenzen verurteilte die israelischen Angriffe auf von der Tann und bezeichnete sie als Versuche, die Berichterstattung über Palästina zu unterbinden. In einem offenen Brief riefen Nahostkorrespondenten zur Solidarität mit Sophie von der Tann auf. Es hieß in diesem Brief:
„Solche Angriffe bedrohen den Kern dessen, was Journalismus leisten muss: Dass sich Menschen auf Basis von professionell recherchierten, angemessen kritischen Berichten ihre Meinung bilden können. Das ist auch eine Gefahr für die Demokratie.“
Der deutsche Botschafter in Israel, Steffen Seibert, verurteilte die Angriffe auf von der Tann. Die ehemalige deutsche Botschafterin in Jordanien und im Libanon, Birgitta Siefker, verurteilte ebenfalls den Versuch, von der Tann und andere Journalisten zum Schweigen zu bringen, und forderte, Journalisten die Einreise nach Gaza zu gestatten.
 
Meist erhalten deutsche Journalisten, die von israelischen Lobbygruppen und der Botschaft, die die israelische Zensur auf Deutschland auszuweiten versuchen, diffamiert werden, nicht die Unterstützung und Solidarität, die von der Tann erfahren hat. Der Fall von der Tann könnte insofern eine Wende bedeuten.
 
Die israelische Zeitung Haaretz berichtete aus Anlass dieses Falls detailliert darüber, wie die israelische Botschaft in Berlin und ihre Verbündeten in Deutschland vorzugehen pflegen, um Druck auf kritische Stimmen auszuüben. Zwei Beispiele aus neuerer Zeit: Der israelische Botschafter Prosor warf der Deutschen Welle Antisemitismus vor und forderte eine Untersuchung gegen diesen Sender, obwohl die Deutsche Welle bereits sieben ihrer eigenen Journalisten entlassen hatte, um Israel zu beschwichtigen – Entlassungen, die von einem Gericht als unwirksam befunden wurden. Prosor schrieb einen aggressiven Brief an den SPIEGEL, weil dieser es gewagt hatte, den Holocaust-Forscher Omer Bartov zu interviewen.
 
Deutsche Korrespondenten, mit denen Haaretz gesprochen hat, erklärten, dass die Angriffe der israelischen Botschaft und der Lobbyorganisationen Wirkung zeigen. Die Korrespondenten fühlen sich unter Druck gesetzt, ihre Berichte selbst zu zensieren. Sie trauen sich nicht, darüber zu berichten, wie Israel gezielt Zivilisten in Gaza tötet.
 
Auch israelische Journalisten unterliegen der Militärzensur. Viele von ihnen beteiligen sich jedoch bereitwillig daran, die Wahrheit zu verschleiern und die Palästinenser zu entmenschlichen.
 
Am meisten leiden die palästinensischen Journalisten. Israel bringt sie nicht nur zum Schweigen, sondern tötet sie auch, was in der Dokumentation „Inside Gaza“ in einer Sendung bei Arte eindrucksvoll und beklemmend dargestellt wurde https://www.arte.tv/de/videos/122719-000-A/inside-gaza/. Israel hat während des Völkermords in Gaza mehr Journalisten getötet, als jemals in einem Krieg in der Geschichte getötet wurden (BIP-Aktuell #344). Im vergangenen Jahr wurde fast die Hälfte aller weltweit ermordeten Journalisten von Israel getötet, was Israel laut Reporter ohne Grenzen zum größten Feind der Journalisten weltweit macht. Eine aktuelle Übersicht hat VisualizingPalestine unter dem Titel „Killing the story“ zusammengestellt: https://visualizingpalestine.org/visual/killing-the-story-december-2025/?blm_aid=26068 .

Am 14. Oktober hielt Israels Oppositionsführer Yair Lapid eine Rede vor der Knesset und sagte: „Diejenigen, die in den letzten zwei Jahren gegen uns demonstriert haben, wurden durch geschickte Propaganda getäuscht, die mit Geldern von Terroristen finanziert wurde. Es gab keinen Völkermord, keine absichtliche Aushungerung.“ Selbst zwei Monate nach dem von Trump verhängten Waffenstillstand, gegen den Israel verstößt (BIP-Aktuell #370), ist es internationalen Journalisten immer noch verboten, nach Gaza einzureisen, um zu berichten. Wer täuscht die Welt über die Ereignisse in Gaza?

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