Bonn/ G a z a am 07.03.2026
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und liebe Freunde,
die rasanten und sehr dynamischen Entwicklungen im Nahen Osten lassen kaum Platz für Optimismus bzw. Hoffnung – leider. Eine gute Nachricht gibt es dennoch in Bezug auf unsere älteste Tochter. Heute gehe ich auf die folgenden Punkte ein:
- Unsere älteste Tochter, Safa
- Wohnungssuche zum 01.08.2026 in Bonn/ Umgebung
- Ramadan in Gaza 2026
- Aktuelle politische Lage
- Aktuelle Versorgungslage
- Technokraten-Regierung in Gaza
- Peace Board/ Friedensrat
- Das Versagen der Weltgemeinschaft
- Wo bleibt der Frieden?
Unsere älteste Tochter- Safa
Unsere älteste Tochter setzt ihr Medizinstudium mit einem Stipendium in Lahore, Pakistan fort. Das ist eine gute Nachricht, denn seit November 2024 musste sie allein in Kairo ausharren, weil sie als Flüchtling aus Gaza in Ägypten nicht studieren durfte. Und wie Sie aus meinen Rundmails wissen, durfte sie nicht mit uns, d.h. mit ihrer Familie nach Deutschland ausreisen. Zum Glück stehen wir mit unserer Tochter in regelmäßigemTelefonkontakt. Allerdings ist es uns nicht möglich, ihr z.B. etwas Taschengeld zu schicken. Falls jemand von Euch, von Ihnen beruflich oder privat nach Pakistan reisen sollte, bitten wir um Nachricht, damit wir eventuell etwas Geld/Kleinigkeiten für unsere Tochter Safa mitgeben
können.
Wohnungssuche zum 01.08.2026 in Bonn und Umgebung
Zum ersten August 2026 suchen wir dringend eine vier Zimmer-Wohnung in Bonn oder Umgebung. Ich bin sehr auf Eure/Ihre Hilfe und Unterstützung angewiesen, denn wie es aussieht, sind angesichts des Wohnungsmarktes persönliche Kontakte, Tipps und Hinweise von größter Bedeutung. Wir sind deshalb dankbar für jeden Hinweis und hoffen sehr, auf diesem Weg eine Wohnung für uns als Familie, d.h. für meine Frau und mich und unsere vier Kinder zu finden. Da die Kinder in Bonn in die Schule bzw. in den Kindergarten gehen, wo sie sich jeweils bereits gut eingelebt haben, wäre es schön, wenn wir in Bonn oder Umgebung bleiben könnten, um den Kindern nach Möglichkeit eine erneute Situation des Fremdseins in einer anderen schulischen Umgebung zu ersparen. Das ist zwar unser Wunsch, aber wir schließen es natürlich nicht aus, etwa in ein/e andere Stadt oder anderes Bundesland zu ziehen, wenn uns dort eine Wohnung angeboten wird. Wir hoffen so sehr, dass es uns überhaupt gelingt, ein neues Zuhause zu finden. Schon jetzt möchte ich mich für Eure/Ihre Hilfe herzlich bedanken.
Ramadan in Gaza 2026
Den Fastenmonat Ramadan in notdürftigen Zelten zu verbringen, das ist eine besondere Herausforderung. Besonders jetzt werden alle Verluste besonders schmerzlich erlebt. Viele Familien trauern um Angehörige, die getötet wurden. In fast jeder Familie gibt es auch Verletzte, deren Leben sich deshalb oft fundamental verändert hat. Auch das Zuhause, die Wohnung oder das Haus gibt es nicht mehr für die allermeisten Menschen in Gaza. Familien kämpfen jeden Tag ums Überleben, um Nahrung für ihre Kinder zu finden oder um ein besseres Zelt zu ergattern, das sie vor der Kälte der Nacht und der Hitze des Tages schützt. Alle kämpfen auf die eine oder andere Weise ums Überleben und hoffen, dass sie von der Welt nicht vergessen werden.
Zum dritten Mal fastet meine Familie in Gaza und bricht ihr Fasten unter dem Schmerz der Entbehrung, denn sie haben sehr wenig zu essen, dennoch brechen sie ihr Fasten nicht nur mit großer Verzweiflung, sondern sie hoffen zugleich, dass sie überleben, dass der nächste Ramadan kommen wird, dass es bessere Zeiten geben wird und die Tische wieder mit Essen gedeckt sein werden, dass die Würde der Menschen wieder hergestellt wird.
Auch nachdem der Waffenstillstand in Kraft trat, ist es Israel gelungen, das Leben der Menschen in Gaza weiter unerträglich zu machen. Die Luftangriffe wurden und werden fortgesetzt und die Zahl der Ermordeten wächst und immer mehr Menschen erleiden Verletzungen.
Aktuelle politische Lage
Das Palestinian Centre for Human Rights (PCHR) teilte vor einigen Tagen mit, dass seit dem vereinbarten Waffenstillstand im Oktober 2025, 642 Palästinenser getötet wurden, darunter 197 Kinder und 85 Frauen. Bis jetzt wurden allein während des sogenannten Waffenstillstands 1.643 Menschen oft schwer verletzt. Zudem verstößt die Besatzungsmacht gegen die Vereinbarung, täglich 600 Hilfsgüter-Lkw zur Versorgung der Bevölkerung in den Gazastreifen zu liefern. Lediglich 43% der Hilfsgüter und nur 15% der vereinbarten Menge Treibstoff durften die Grenze nach Gaza passieren.
Israel bricht permanent alle Abmachungen, internationale Regelungen und wird nicht dafür zur Rechenschaft herangezogen. Es gibt Meldungen, dass Israel sogar beabsichtigt, die Besetzung des Gazastreifens noch weiter zu verschärfen. So gab die israelische Regierung am 31. Dezember 2025 bekannt, dass es die Tätigkeit von 37 Internationen Hilfsorganisationen verbieten wird, wobei dieses Verbot sechzig Tage nach der Bekanntgabe wirksam werden sollte. Noch wurde dieses Verbot aller Hilfsorganisationen in Gaza nicht vollkommen umgesetzt. Das Oberste israelische Gericht hat zwar diese Anordnung ausgesetzt hat aber die 37 NGOs wegen der Anordnung inzwischen Gaza längst verlassen haben und ihnen eine Wiedereinreise verwehrt wird. Es stellt sich die Frage, was passieren wird, wenn das Verbot in Kraft tritt und den vielen Verletzten und Kranken nicht mehr geholfen werden darf. Israel experimentiert schon lange mit direkten und indirekten Mitteln, die zum Tod der Menschen Gazas führen.
Viele lokale Mitarbeiter/innen dieser medizinischen Hilfsorganisationen wurden seit Oktober 2023 durch israelische Luftangriffe getötet, manche wurden unter den Trümmern begraben wie die Personen, denen sie zu helfen versuchten. Mindestens 562 Helfer/innen wurden seit dem 7. Oktober 2023 in Gaza getötet, darunter mindestens 376 UN-Angestellte. Ungeachtet dessen zögerten die Hilfsorganisationen nicht, sich weiterhin als Unterstützer der schutzbedürftigen Menschen zu engagieren. Sie entsandten ausländische Ärztinnen und Ärzte, um Menschen in Lebensgefahr zu retten.
Aktuelle Versorgungslage heute
Die Versorgung mit Nahrungsmitteln ist sehr kritisch bis katastrophal. Das teilen mir meine Geschwister aus Gaza mit. Laut UN-Erhebungen ist die lokale Produktion praktisch zusammengebrochen und Lebensmittel gelangen nicht in ausreichender Menge in den Gazastreifen. Der UN-Welternährungsbericht zeigt, dass die Hilfslieferungen nur einen Bruchteil des notwendigen Bedarfs decken. Viele Haushalte erhalten nur unregelmäßig und unzureichend Lebensmittel, oft weit unter den benötigten Mindestmengen. Die früher funktionierenden Bäckereien sind geschlossen, der Markt und lokale Versorgungssysteme sind weitgehend
zerstört.
Trinkwasser und sanitäre Versorgung
Der Zugang zu sicherem Trinkwasser ist stark eingeschränkt. Viele Wasserinstallationen funktionieren nicht ohne Treibstoff für Pumpen. Ohne ausreichenden Strom sind Desinfektions- und Entsalzungsanlagen stark beeinträchtigt, und Menschen sind vielfach auf Wasserlieferungen per Tanklastwagen angewiesen. Gesundheitsrisiken durch verschmutztes Wasser, z. B. Durchfall- und Hautkrankheiten, nehmen zu.
Brennstoffe und Erdgas (Treibstoff)
Treibstoffe sind extrem knapp. Diese Knappheit hat weitreichende Folgen: Wasserpumpen, Krankenhäuser und ambulante Versorgungseinrichtungen können nicht zuverlässig betrieben werden. Elektrizität fällt oft aus, weil Generatoren ohne Treibstoff nicht laufen. Internationale Organisationen warnen, dass Wasser-, Gesundheits- und Rettungsdienste zusammenbrechen könnten, wenn Treibstoff nicht regelmäßig geliefert werden darf.
Stromversorgung
Die Stromversorgung ist anhaltend extrem schwach: Gaza wurde weitgehend vom israelischen Stromnetz getrennt und das Kraftwerk arbeitet seit Oktober 2023 überhaupt nicht. Viele Haushalte und Einrichtungen sind auf provisorische Generatoren oder Solartechnik angewiesen – die meist unzureichend sind. Ein KW/h kostet mehr als 6 €, wenn überhaupt verfügbar.
Medizinische Versorgung
Die medizinische Versorgung ist am Rande des Zusammenbruchs: Viele Krankenhäuser haben wegen fehlender Treibstoffe und Stromgeneratoren nur eingeschränkte Funktion. Medizinische Vorräte und Medikamente sind weitgehend erschöpft, insbesondere für chronisch Kranke (Dialyse, Krebsbehandlung). Viele Menschen sterben, weil sie nicht rechtzeitig behandelt werden können, weil sie auf die Ausreise über den Rafah-Grenzübergang zur lebensnotwendigen Behandlung etwa in Ägypten warten müssen. Internationale Organisationen fordern sicheren Zugang für Hilfslieferungen, sie rufen zugleich zu einem dauerhaften Waffenstillstand auf, um die Lage zu stabilisieren. Bisher reagiert Israel nicht auf diese Forderungen. Es bleibt unverständlich, warum Israel nach Belieben alle Abmachungen sowie internationalen Verträge verletzen darf, ohne dass diesem staatlichen Handeln von der Weltgemeinschaft Einhalt geboten wird.
Technokraten-Regierung in Gaza
Eine Technokraten-Regierung besteht aus Experten – etwa Ökonomen, Verwaltungsfachleuten, Ingenieuren oder Juristen – statt aus klassischen Parteipolitikern. Ziel ist es, praktische Probleme effizient zu lösen, ohne stark von ideologischen oder parteipolitischen Konflikten geprägt zu sein. Solche Regierungen werden häufig in Krisensituationen oder Übergangsphasen eingesetzt. Seit dem Krieg zwischen Israel und Hamas steht die Frage im Raum, wer Gaza nach dem Krieg regieren könnte. Mehrere internationale Akteure haben vorgeschlagen, dass Gaza vorübergehend von einer technokratischen palästinensischen Regierung verwaltet werden könnte. Diese Regierung könnte aus unabhängigen palästinensischen Experten bestehen, die den Wiederaufbau der Infrastruktur organisieren und humanitäre Hilfe koordinieren sowie die Verwaltungsstrukturen stabilisieren. Dann sollen sie langfristig Wahlen vorbereiten. Dieses Modell soll vermeiden, dass Gaza direkt von einer der verfeindeten politischen Gruppen kontrolliert bzw. regiert wird. Obwohl die Mitglieder dieser Regierung sowohl von den USA als auch von Israel ausgewählt wurden, durften sie bis heute den Gazastreifen nicht betreten. Folglich ändert sich nichts für die Bevölkerung vor Ort.
Peace Board/ Friedensrat
Das erste Treffen des sogenannten „Friedensrats“ in Washington war kein vorübergehendes wirtschaftliches Ereignis, sondern vielmehr eine explizite politische Erklärung zur Neudefinition der palästinensischen Sache/Geschichte. Diese wurde nicht mehr als eine nationale Befreiungsbewegung dargestellt, die mit der Beendigung der Besatzung und der Wiederherstellung der Souveränität verbunden ist, sondern vielmehr als eine finanzierbare Frage des Managements. In einem Raum dominierten Milliardenbeträge die Szene und es wurden Karten von regionalen Korridoren und technologischen Projekten präsentiert, während die grundlegende Frage, die dem Konflikt zugrunde liegt, fehlte: Wer wird die Besatzung beenden? Wer wird das Recht der Palästinenser auf Souveränität und Selbstbestimmungsrecht anerkennen? Die Szene glich eher einem Substitutionsprozess als einer Lösung: die Substitution von Politik durch Verwaltung, die Freiheit wird durch Investitionen ersetzt, die Gerechtigkeit wird durch die Sprache der Rendite und der Finanzierung ersetzt. Gaza wird von einem Ort offener politischer Konfrontation zu einem Gebiet, das „effektive Regierungsführung“ benötigt. So wird der Konflikt auf Zahlen reduziert und Rechte werden auf Präsentationsfolien geschrieben.
Auffällig war nicht nur die Show von US-Präsident Donald Trump, sondern auch die Herangehensweise seines Teams unter der Leitung von Jared Kushner. Dieses Vorgehen wurde mit der Mentalität eines Start-up-Unternehmens präsentiert, das nach Investoren sucht, attraktive Angebote vorbereitet und Renditen verspricht. Dabei wird die politische Macht Washingtons genutzt, um Finanzmittel und Engagement zu gewinnen. Das auffälligste Paradox war, dass diejenigen, die die Macht haben und vor Ort Krieg zu führen, im Rat anwesend waren, während die Opfer und ihre legitimen Vertreter abwesend waren. Diejenigen, die von der „Verwaltung des Gazastreifens“ sprechen, waren anwesend, während diejenigen, die um ihre legitimen Rechte kämpfen, abwesend waren. Die palästinensische Vertretung wurde auf marginale bürokratische Kanäle reduziert, als handele es sich um einen Verwaltungsstreit, der einen Umsetzungsausschuss erfordert und nicht um ein Volk, das seine Freiheit fordert.
Der „Tag danach“ wird als Wiederaufbauplan dargestellt, nicht als politisches Recht, das die Wurzeln des Konflikts beseitigt. Aber das Problem hört nicht bei diesem Rat auf. Die meisten Länder diskutieren über die Zukunft des Gazastreifens, als wäre er ein Vakuum, das gefüllt werden muss. Es gibt Vorschläge für Sicherheitsvorkehrungen, eine multinationale Truppe, eine Übergangsverwaltung und einen bedingten Wiederaufbau. All dies wird als Alternative zu der Frage präsentiert, die jeder vermeiden möchte: Wann wird die Besatzung enden? Und wie können die Palästinenser befähigt werden, ihr politisches System frei zu wählen?
Die Palästinenser von der Entscheidung über ihr eigenes Schicksal auszuschließen, ist kein nebensächliches Detail, sondern eine Politik, die darauf abzielt, eine geringe „Stabilität“ zu erreichen; eine Stabilität, die den Sicherheitsinteressen des Besatzungsstaates entspricht, regionale Explosionen verhindert und die Krise unter Kontrolle hält. Stabilität ohne Gerechtigkeit und ohne politischen Horizont. Das Gefährlichste ist, die Zukunft Gazas vom Kontext der gesamten palästinensischen Sache zu trennen. Es geht nicht um die Verwaltung eines belagerten Gebiets, sondern um die Zukunft eines Volkes, das nach Freiheit strebt. Die Debatte auf die Grenzen Gazas zu reduzieren, reproduziert die Spaltung und macht „den Tag danach“ zu einem Instrument, um die palästinensische Landschaft entsprechend regionalen und internationalen Kalkülen und nicht gemäß dem nationalen Willen neu zu gestalten. Gaza ist kein Investitionsprojekt und auch kein Punkt auf der Tagesordnung eines Rates. Das Recht auf Freiheit haben die Palästinenser nicht aufgegeben. Jeder „Tag danach“, der auf der Ignorierung dieser Realität aufbaut, verhindert Freiheit und Frieden, und zwar nicht nur für die Palästinenser allein.
Heimat ist keine Ware und kann weder gekauft noch verkauft werden. Das Versagen der Weltgemeinschaft Als die Bewohner/innen Gazas in den Süden geflohen und umgesiedelt wurden und damit rund die Hälfte der Bevölkerung obdachlos wurde, wiederholte sich der palästinensische Exodus von 1948. Wir erleben die Wiederholung der Geschichte, aber diesmal verfolgt die Weltgemeinschaft dies mit voller Aufmerksamkeit und genauer Beobachtung, aber sie handelt nicht. Die Weltgemeinschaft steht heute vor einer schicksalhaften moralischen Prüfung: sie muss erkennen, dass Schweigen angesichts Israels Entscheidung eine stillschweigende Zustimmung zum Todesurteil gegen die zivile Bevölkerung Gazas bedeutet.
Wo bleibt der Frieden?
Was muss noch geschehen, damit die Weltgemeinschaft es begreift, dass die Besatzung beendet werden muss und wir als Palästinenser:innen ein Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung haben?
Mit solidarischen Grüßen
Abed Schokry