Im Interview mit etosmedia am 23. Mai 2026 berichtet Goldmann über seine Erfahrungen im Rahmen der Lesereise und fordert kollektiven Widerstand gegen die Repressionen in Zeiten des autoritären Staatsumbaus. Hier einige Auszüge aus dem umfangreichen Interview.
etos.media: Du beschreibst dich auf deiner Webseite als „Autor, Medienkritiker, Blogger, Islamwissenschaftler, Speaker, Podcaster, meist und vor allem aber Journalist“, und in Verbindung aller dieser Expertisen bist du gerade auf Buchtour, um dein neues Buch „Staatsräsonfunk“ vorzustellen. In dem Buch geht es um die deutschen Medien und ihre überwiegend unkritische Berichterstattung über den Genozid in Palästina. Im Rahmen dieser Lesereise solltest du eigentlich auch an der Universität zu Köln sprechen, aber dann wurde dir der Raum entzogen. Was genau ist da passiert?
Fabian Goldmann: Der AStA der Uni Köln und die Kölner Studi-Gruppe „Camp for Palestine“ hatten mich eingeladen, um an der Uni über mein Buch zu sprechen, in welchem ich die Gaza-Berichterstattung deutscher Leitmedien untersuche. Zunächst lief alles problemlos: Die Uni genehmigte die Veranstaltung, das Interesse der Studierenden war groß. Ein paar Tage vor der Veranstaltung verlegte die Uni-Leitung die Veranstaltung plötzlich an einen kleineren Campus und untersagte sie dann schließlich ganz. Am Veranstaltungsort wartete schon eine Vertreterin der Uni-Leitung in Begleitung von Polizei und Sicherheitsdienst auf uns und warf uns vom Gelände. Wohlgemerkt: Es ging um eine medienwissenschaftliche Veranstaltung, die zudem von der offiziellen Studierendenvertretung der Uni Köln organisiert wurde. Ich hatte natürlich schon vorher mitbekommen, dass die Uni nicht viel von Wissenschaftsfreiheit hält, sobald man sich kritisch mit der deutschen Staatsräson-Politik beschäftigt. Aber das so unmittelbar einmal am eigenen Leib zu erleben, war eine ganz neue Erfahrung. Dass die Veranstaltung am Ende doch stattfand, ist dem großen Engagement von AStA und Camp for Palestine zu verdanken.
etos.media: Was war die offizielle Begründung für die Raumabsage?
Fabian Goldmann: Offiziell begründete die Uni die Absage mit „Sicherheitsbedenken“. Welches konkrete Sicherheitsrisiko von einer Inhaltsanalyse deutscher Nahost-Berichterstattung ausgehen soll, erklärte die Uni-Leitung nicht. Wahrscheinlicher ist, dass die Absage politische Gründe hatte. Die Uni hat in den vergangenen Jahren immer wieder unmissverständlich gezeigt, dass sie voll auf Staatsräsonkurs ist und dafür im Zweifel auch bereit ist, die Freiheit von Lehre, Wissenschaft und studentischer Selbstorganisation einzuschränken.
Die Uni Köln hat sich nach dem 7. Oktober mehrfach öffentlich mit Israel solidarisiert, ohne die von Israels Armee begangenen Verbrechen und das Leid der palästinensischen Bevölkerung auch nur zu erwähnen. Mehrfach wurden Veranstaltungen, die sich kritisch mit Israels Genozid und der deutschen Unterstützung beschäftigen, verhindert. Problemlos an der Uni auftreten konnten hingegen offizielle israelische Vertreter wie Israels Botschafter Ron Prosor. Um diesen vor Kritik und Protest zu schützen, hat die Uni sogar einmal einem ihrer eigenen Studenten Hausverbot erteilt.
Im April 2024 ging die Uni-Leitung so weit, der US-amerikanischen Philosophin Nancy Fraser die Albertus-Magnus-Professur abzuerkennen. Diese hatte zuvor in einem offenen Brief Israels Genozid in Gaza und das Apartheidsystem im Westjordanland kritisiert. Dass ich jetzt mit Nancy Fraser in einem Atemzug genannt werde, ist doch eigentlich auch eine sehr schöne Auszeichnung.
etos.media: Wie seid ihr mit der Raumabsage umgegangen?
Fabian Goldmann: Die Leute vom AStA und Camp for Palestine waren großartig. Sie haben von Anfang an klar gemacht, dass sie alles tun werden, um die Veranstaltung stattfinden zu lassen. Konkret bedeutete das zunächst, dass sie nach alternativen Räumen und gleichzeitig einer einvernehmlichen Lösung mit der Uni-Leitung suchten. Die zeigte sich allerdings wenig gesprächsbereit. Spätestens nachdem sie uns mitsamt Sicherheitsdienst und Polizei aus der Uni geworfen hatte, hätten die meisten Veranstalter wohl aufgegeben. Der AStA hingegen meldete vor der Uni eine Spontankundgebung an und baute mit Hilfe vieler Studis in Windeseile Zelte, Bänke und Lautsprecher auf. Schließlich hielt ich vor rund 250 Leuten doch meinen Vortrag. Die Stimmung war großartig. Die Lokalpresse berichtete. Auch in sozialen Medien war die Sache ein großes Thema. Am Ende erreichte mein Vortrag weit mehr Leute, als wenn er unter normalen Umständen stattgefunden hätte. Am Tag nach der Veranstaltung stieg mein Buch auf Amazon unter die Bestseller auf. Letztlich hätte es für mich nicht besser laufen können. Vielen Dank auch nochmal an das Rektorat der Uni Köln für die unfreiwillige Promo.
Aber im Ernst: Was ich von der Kölner Uni-Leitung mitbekommen habe, hat mich wirklich erschreckt. Das Rektorat scheint seine Studierenden eher als Untergebene und Befehlsempfänger zu verstehen. Ein Gesprächsgesuch des AStA lehnte das Rektorat beispielsweise im Vorfeld mit der Begründung ab, dass dieser in seinem Anschreiben nicht die formell korrekte Anrede verwendet hätte. Auch am Veranstaltungsort ließ sich die Uni-Leitung von Beginn an auf keine Gespräche ein, sondern verwies die eigenen Studierenden – und mich – umgehend mit Unterstützung von Polizei und Sicherheitsdienst der Uni. Als eine studentische Fotografin den Tumult dokumentieren wollte, stürmte eine Vertreterin des Rektorats auf sie zu und forderte sie sehr vehement – und meines Erachtens rechtswidrig – auf, die Fotos zu löschen. Wie man in solch einem autoritären Umfeld frei studieren, lehren und forschen soll, ist mir ein Rätsel. Umso wichtiger ist es, dass sich viele Kölner Studis dieser autoritären Entwicklung so engagiert entgegenstellen.
etos.media: War das bisher die einzige Absage, die du bekommen hast? Wie wurdest du andernorts empfangen?
Fabian Goldmann: Ich wurde überall mit offenen Armen empfangen. Allein in den letzten vier Wochen hatte ich 15 Auftritte in ganz Deutschland – von Hamburg bis Ulm. Fast überall waren die Säle randvoll und das Publikum begeistert. Es ist toll zu sehen, wie viele engagierte Menschen es überall gibt, die sich dem zunehmend autoritär werdenden Klima in Deutschland auf ganz unterschiedliche Weise widersetzen.
Die bisher einzige weitere Absage hatte ich in Düsseldorf. Dort hatte mich das Kulturzentrum ZAKK zunächst eingeladen und die Veranstaltung dann kurzfristig ohne Angabe von Gründen abgesagt. Mutmaßlich geschah das infolge von externem Druck. Zur selben Zeit erschien auf dem rechtspopulistischen Portal „Achse des Guten“ ein Beitrag gegen das ZAKK und mich. Außerdem hatte eine lokale antideutsche Gruppe zu Protesten gegen mich aufgerufen.
Auch in Düsseldorf konnte die Veranstaltung schließlich doch stattfinden, da Düsseldorfer Linke und SDS kurzfristig ihre Räume zur Verfügung stellten. Der Saal war schließlich so voll, dass wir die Veranstaltung per Videoübertragung in weitere Räume übertragen mussten. Der groß angekündigte „Gegenprotest“ beschränkte sich letztlich auf neun Personen, die etwas verloren mit Israel- und Deutschlandfahnen auf dem Gehweg herumstanden. […]