Geleaktes Video belegt: Israel hat in Gaza die Hannibal-Direktive ausgerufen

Jens Berger

Die Wahrheit über die Geschehnisse vom 7. Oktober 2023 wird weiterhin unter einem riesigen Berg von Propaganda-Narrativen verborgen bleiben. Aber … die Indizien zeigen immer deutlicher, dass die israelische Armee und die israelische Regierung viel Dreck am Stecken haben. Eine der dreckigsten Geschichten ist die „Hannibal-Direktive“. Über sie hat Jens Berger auf den NachDenkSeiten die neuesten Erkenntnis wieder sehr kenntnisreich zusammengetragen. Wir bringen hier einige Auszüge. Der vollständige Artikel hier.

Im Jahre 1986 führte die israelische Armeeführung eine bis heute hoch kontroverse geheime Militärdoktrin ein. Die „Hannibal-Direktive“ erlaubt es israelischen Militärs, im Falle der Verschleppung eines Militärangehörigen alle zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen, um eine erfolgreiche Geiselnahme zu verhindern – darunter auch die Tötung des entführten Soldaten. Offiziell wurde die Direktive 2016 ausgesetzt, doch Recherchen israelischer Medien gaben bereits 2024 Hinweise darauf, dass auch während des Hamas-Überfalls am 7. Oktober 2023 die Hannibal-Direktive ausgerufen wurde und damit ein Teil der israelischen Opfer durch den Beschuss der eigenen Armee getötet wurde. Da echte Beweise fehlten, verebbten diese Vorwürfe jedoch schon bald. Das könnte sich nun durch ein geleaktes Video, das im Februar 2026 vom israelischen Channel 12 ausgestrahlt, aber zunächst nicht weiter beachtet wurde, ändern. 

Das Video wurde offenbar in den Morgenstunden im israelischen Polizei-Kommandozentrum in Jerusalem aufgenommen. Zu sehen ist ein Gespräch zwischen dem damaligen israelischen Polizeichef Kobi Shabtai und anderen hochrangigen Vertretern von Polizei und Militär. Dort fällt der entscheidende Satz. „Nein in Gaza. Zerstört alles. Zusammen mit den entführten Soldaten.“ Kurze Zeit später betritt der damalige Minister für Öffentliche Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, den Raum und unterbindet das weitere Filmen.

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Dieses Video ist ein klarer Beleg dafür, dass Israel am 7. Oktober 2024 die Hannibal-Direktive ausgerufen hat. Von wem es stammt, ist unbekannt. Wahrscheinlich war es ein Angehöriger von Polizei oder Militär. Wer es eineinhalb Jahre später geleakt hat, ist ebenfalls unbekannt. Auf jeden Fall hat das Video Sprengkraft und dürfte vor allem im kommenden Wahlkampf eine Rolle spielen.

Was ist die Hannibal-Direktive?

Seit der Besetzung von Teilen des Südlibanons durch israelische Truppen in den frühen 1980ern kam es immer wieder zu Geiselnahmen israelischer Soldaten durch die Hisbollah. Diese Geiselnahmen waren der israelischen Regierung ein Dorn im Auge, da sie einerseits die Kriegsbereitschaft der eigenen Bevölkerung unterminierten und andererseits oft Jahre später zu einem Austausch der Geiseln gegen teils hochrangige arabische Gefangene der Israelis führten. In der Militärführung setzte sich daher 1986 eine Gruppe von Falken durch, die die Verhinderung dieser Geiselnahmen auch zu dem Preis umsetzten, dass dabei die gefangenen eigenen Soldaten gefährdet und im Extremfall sogar durch eigenen Beschuss getötet wurden. Benannt wurde diese Direktive nach dem karthagischen Feldherren Hannibal, der sich der Sage nach lieber vergiftete, als in römische Gefangenschaft zu geraten.

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Zeitweilig wurde die Direktive immer wieder ausgesetzt und umdefiniert. 2011 wurde sie in ihrer vermeintlich letztgültigen Form von niemand anderem als Benny Gantz wieder eingeführt – damals war Gantz Generalstabschef der israelischen Streitkräfte. Nach dem Überfall vom 7. Oktober gehörte er dem dreiköpfigen Kriegskabinett an, dass Benjamin Netanjahu gebildet hat.

Zu harscher Kritik an der Hannibal-Direktive auch innerhalb der Militärführung kam es 2014 nach dem „Schwarzen Freitag“, als das israelische Militär die Geiselnahme eines ihrer Soldaten während des Gaza-Kriegs durch eine massive Bombardierung eines Viertels von Rafah „beenden“ wollte. Dabei starben nicht nur der entführte israelische Soldat, sondern auch rund 200 palästinensische Zivilisten – darunter 75 Kinder. Funksprüche, die später von der Medienplattform Ynet veröffentlicht wurden, belegten, dass die Militärführung an diesem Tag die Hannibal-Direktive ausgerufen hatte. Das Massaker wurde später unter anderem von der UN als Kriegsverbrechen gewertet, führte jedoch vor allem durch internen Protest dazu, dass sich die Regierung gezwungen sah, die Direktive 2016 zumindest offiziell auszusetzen – bis zum 7. Oktober 2023.

Der 7. Oktober

Der 7. Oktober 2023 wird von vielen politischen Kommentatoren als Israels 9/11 bezeichnet. An zahlreichen Stellen überquerten Hamas-Kämpfer die als sicher geltenden Grenzanlagen des Gaza-Streifens, drangen in israelisches Gebiet ein, verübten Massaker an Zivilisten, töteten Soldaten. Mit 1.139 Todesopfern – darunter 695 israelischen Zivilisten – war der Blutzoll gewaltig. Rund 240 Menschen wurden an diesem Tag von der Hamas in den Gaza-Streifen verschleppt.

Schon früh behaupteten alternative Medien, allen voran Max Blumenthal von Grayzone, dass an diesem Tag die Hannibal-Direktive ausgerufen wurde. So sollen vor allem bei den Kämpfen auf dem Gelände des Nova-Festivals nahe des Kibbuz Re´im israelische Kampfhubschrauber durch den Beschuss von Fahrzeugen, in denen Geiseln verschleppt wurden, maßgeblich dazu beigetragen haben, dass am Ende 364 Festivalbesucher den Tod fanden. Diese Berichte wurden von der israelischen Zeitung Haaretz seinerzeit als Verschwörungstheorie gebrandmarkt.

Dabei gab es bereits im Dezember 2023 auch von Haaretz selbst erste Recherchen, die die These untermauerten, dass am 7. Oktober die Hannibal-Direktive ausgerufen wurde. Ein Oberst der israelischen Luftwaffe sprach gegenüber Haaretz gar von einem „Massen-Hannibal“. Im Januar 2024 ergaben Recherchen der israelischen Zeitung Yedioth Ahronoth, dass am Mittag des 7. Oktober die Hannibal-Direktive ausgerufen und der Befehl ausgesprochen wurde, es „mit allen Mitteln“ (englisch: „at all costs“) zu verhindern, dass „Terroristen der Hamas mit Geiseln in den Gaza-Streifen zurückkehren“. Spätere Untersuchungen ergaben, dass rund 70 Fahrzeuge auf der Straße nach Gaza durch Helikopter, Drohnen oder Panzer der Israelis zerstört wurden, wobei oft alle Insassen – inklusive der Geiseln – getötet wurden.

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Was belegen die Enthüllungen und was belegen sind nicht?

Haben Blumenthal und Co. also doch recht? Das ist trotz allem nicht belegt, aber dennoch sehr wahrscheinlich. Zunächst: Die Hannibal-Direktive sagt nichts über Zivilisten. Selbst nach Ausrufung dieser Direktive wäre das israelische Militär nicht durch die eigenen Verfahrensregeln dazu legitimiert, fahrlässig oder gar vorsätzlich die eigenen Zivilisten zu töten, damit sie nicht von der Hamas als Geiseln verschleppt werden können. Hannibal bezog sich stets nur auf Soldaten. Auch die Äußerungen aus dem geleakten Video beziehen sich auf die „entführten Soldaten“ und nicht auf Zivilisten. Die Enthüllungen beweisen daher nicht, dass gezielt israelische Zivilisten vom eigenen Militär ermordet wurden, oder gar, dass die Hamas nicht für die Massaker verantwortlich ist.

Bewiesen ist damit jedoch, dass die Hannibal-Direktive trotz gegenteiliger Behauptungen der Regierung nicht ausgesetzt wurde, sondern immer noch in Kraft ist und am 7. Oktober 2023 ausgerufen wurde. Belegt ist jedoch – unabhängig von der Hannibal-Direktive – auch, dass das israelische Militär für einen Teil der am 7. Oktober gestorbenen Israelis verantwortlich ist. Wie viele Israelis – egal ob Zivilist oder Soldat – durch eigenen Beschuss starben, werden wir jedoch sicher nie erfahren, da die offiziellen Untersuchungen dies von Anfang an vertuscht haben.

Welche Auswirkungen haben die Enthüllungen?

Hannibal wurde eingeführt, um zu verhindern, dass der Staat Israel wegen eines oder mehrerer entführten Soldaten erpresst wird. Das war auf die groß angelegten Geiselnahmen vom 7. Oktober 2023 aber nicht übertragbar. Ob die Hamas nun 150, 250 oder 450 israelische Zivilisten in den Gaza-Streifen verschleppt hätte, spielte eigentlich für die strategische Situation des Staates Israel in diesem Krieg keine Rolle. In jedem Fall hatte die Hamas ein gewaltiges Faustpfand in der Hand. Die israelische Regierung stand unter dem massiven Druck ihrer eigenen Bevölkerung, die Massengeiselnahme möglichst glimpflich zu beenden.

Im Ausland schaut man auch heute noch vor allem auf die grausamen Kriegsverbrechen der Israelis im Gazastreifen. Im Inland spielte dieser Aspekt zwar auch eine Rolle, doch hier stand der Krieg – vor allem bei den Anhängern der Regierung – auch immer unter dem Motto, der Staat Israel müsse alles tun, um die Geiseln zu befreien oder auf diplomatischem Wege zurückzubekommen. Das Leben der Geiseln nahm in der innenpolitischen Debatte eine gewichtige Rolle ein, und gerade von rechts war die Kritik am Kriegskabinett weniger auf die Kriegsverbrechen, sondern mehr auf die Unfähigkeit der Regierung gerichtet, die Geiseln lebendig zurückzubekommen. Wenn nun publik wird, dass die Regierung nicht nur bei der Geisel-Frage versagt hat, sondern auch vorsätzlich eigene Soldaten getötet und wohl grob fahrlässig den Tod israelischer Zivilisten in Kauf genommen hat, könnte dies den Rückhalt der Regierung Netanjahu in den eigenen Reihen merklich schwächen.

Diese Gedanken sind wohlgemerkt einzig auf die innerisraelische Debatte gerichtet. Für die Betrachtung des Krieges von außen macht dies alles keinen großen Unterschied. Die Frage, ob Israel – fahrlässig oder vorsätzlich – für einen Teil der Opfer vom 7. Oktober 2023 verantwortlich ist, ändert nichts daran, dass die Hamas der Hauptverantwortliche für die Massaker am 7. Oktober ist. Es ändert jedoch auch nichts daran, dass der Staat Israel hauptverantwortlich für die mehr als 80.000 toten Palästinenser in Gaza, für das unsägliche Leid und für die Saat an Gewalt ist, die durch diese Kriegsführung auch in den nächsten Jahrzehnten aufgehen und weitere Opfer – Palästinenser und Israelis – fordern wird.

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