Omer Bartov: What Went Wrong – Buchbesprechung von Arn Strohmeyer

Ein Buch, das wegen seiner Brisanz in Israel und Deutschland nicht erscheinen soll

Omer Bartovs Israel: What Went Wrong zerstört den Mythos des zionistischen Staates und vor allem auch das falsche deutsche Bild von ihm.

Arn Strohmeyer

Der Israeli Omer Bartov ist nicht irgendwer. Er ist einer der renommiertesten Holocaust-Historiker, in Israel geboren, in einem Kibbuz aufgewachsen, er hat in der Armee gedient, den 1973 Jom Kippur-Krieg als Soldat mitgemacht und dann seine akademische Karriere an der Universität von Tel Aviv begonnen. Zurzeit hat er einen Lehrstuhl an der Brown-University in Providence (Rhode Island, USA) inne. Wenn dieser Wissenschaftler sich kritisch über Israel äußert, dann hat das Gewicht. Er hat das jetzt gründlich und bestens in seinem neuen Buch getan, dessen Titel Israel: What Went Wrong schon Brisanz verspricht.

Was schief gelaufen ist in diesem Staat, schildert Bartov mit so tabuloser Offenheit und Detailkenntnis, dass sich bisher kein Verlag in Israel und Deutschland gefunden hat, der den Mut hat, dieses Buch zu verlegen, denn Bartov zerstört den Mythos Israel, an den die meisten Israelis und auch die deutsche politische Elite und die Anhänger dieses Staates noch immer mit Inbrunst glauben. Die deutschen Antisemitismus-Beauftragten können das Nichterscheinen dieses Buches, das für sie reine Ketzerei sein muss, als Erfolg ihrer scharfen Repressionspolitik abbuchen.

Da ist zunächst Gaza. Natürlich verurteilt Bartov das grausame Massaker des 7. Oktober 2023, er schränkt aber ein, dass man gar nicht weiß, was an jenem Tag genau geschehen ist, denn die israelische Regierung verweigert – wohl aus guten Gründen – jede offizielle und neutrale Untersuchung. Bartov war aber einer der ersten prominenten Holocaust-Historiker, der den anschließenden Rachefeldzug der israelischen Armee im Gazastreifen – gestützt auf die entsprechende UN-Konvention – als Genozid bezeichnet hat: als einen Krieg hauptsächlich gegen die Zivilbevölkerung dort mit dem eindeutigen Ziel, diese weitgehend zu vertreiben oder auch zu eliminieren sowie den Streifen durch immense Zerstörungen unbewohnbar zu machen.

Bartov geht ausführlich auf die Ursachen ein, wie es zum 7. Oktober gekommen ist. Der tieferliegende Grund, schreibt er, sei der über mehrere Jahrzehnte hin bestehende Glaube der israelischen Regierung gewesen, dass die Besatzung über die Palästinenser mit „Management“ geregelt werden könne, ohne dass man sich im Geringsten um eine politische Lösung des Problems bemühen müsse, die sicherlich mit Zugeständnissen an die Palästinenser verbunden gewesen wäre. Gaza sei durch die lange totale Abriegelung in ein riesiges Gefängnis verwandelt worden, das durch die überwältigende und grausame israelische Militärmacht nur Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung erzeugt habe. Diese unhaltbare Situation habe irgendwann zur Explosion kommen müssen.

Musste Israel auf den 7. Oktober mit einem Genozid reagieren? Bartov sieht durchaus die Möglichkeit, dass das schreckliche Massaker die politische Elite Israels zu der Einsicht gebracht haben könnte, der seit Jahrzehnten anhaltenden Kette brutaler Gewalt eine Absage zu erteilen und endlich den Weg zu einer politischen Lösung einzuschlagen. Aber dazu war und ist Israels „korrupte, rechtsnationalistische, messianische und autoritäre Regierung“ nicht in der Lage. Die führenden Politiker und Militärs haben mit ihrer furchtbaren Rhetorik („die Palästinenser sind wilde Tiere und müssen auch so behandelt werden“; „sie bekommen keinen Strom, kein Wasser und keine Lebensmittel mehr“ usw.) ihre genozidalen Absichten offen ausgedrückt, die sie dann auch in die Tat umgesetzt haben: „Die zivile Infrastruktur wurde weit über die militärische Notwendigkeit hinaus angegriffen, Krankenhäuser bombardiert, Schulen und Universitäten dem Erdboden gleichgemacht, die Wasser- und Elektrizitätsversorgung zerstört. Das alles war kein Zufall, sondern Teil der Strategie, Gaza unbewohnbar zu machen. Hier handelt es sich um eine bewusst verfolgte Politik.“

Die permanente Bereitschaft Israels zu unverhältnismäßiger, brutaler Gewalt leitet Bartov aus dem bewusst wachgehaltenen und instrumentalisierten Trauma des Holocaust ab. Der ideologische Inhalt dieser Indoktrination, die diese kollektive Mentalität geprägt hat, besteht darin, dass sich Israel auch heute noch ständig von der totalen Auslöschung bedroht sieht („hinter jeder Ecke lugt ein neues Auschwitz hervor“), was diesem Staat die rechtfertigende Lizenz verschafft, Gewalt gegen jeden auszuüben, der als Bedrohung für den Staat angesehen wird. Und da die Staaten der Welt während des Holocaust abseitsgestanden und nichts zur Rettung der Juden getan hätten, fühlt sich Israel bis heute ständig traumatisiert und bedroht und deshalb nicht verpflichtet, internationales Recht (Völkerrecht und Menschenrechte) anzuwenden, sie gelten als „antisemitisch“. Mit anderen Worten: Israel ist alles erlaubt!

Genau diese Doktrin hat der zionistische Staat im Gazastreifen angewandt: Die Palästinenser ganz allgemein und die Hamas im Besonderen werden als die „neuen Nazis“ angesehen, woraus Israel auch die Berechtigung ableitet, gewaltsam bis zur Eliminierung gegen sie vorzugehen. Der Genozid in Gaza ergab sich also automatisch aus den Lektionen, die Israel meint, aus dem Holocaust gelernt zu haben und als „unvermeidbare rücksichtslose Maßnahme“ durchgeführt hat, um ein neues Auschwitz zu vermeiden.

Man kann eine solche Einstellung nur als paranoid bezeichnen (Bartov benutzt den Ausdruck aber nicht), denn die Palästinenser hatten mit dem Holocaust nichts zu tun. Das ganze Konzept der israelischen Holocaust-Erinnerung und auch Israels Antisemitismus-Verständnis (beide hängen eng zusammen) sind ideologische Produkte, die mit der Realität wenig zu tun haben. Die israelische Holocaust-Erinnerung ist nicht universell, das Nie wieder! ist also nicht auf alle Menschen bezogen, sondern nur auf Juden. Die zionistische Holocaust-Erinnerung ist auch moralisch zweifelhaft, weil der zionistische Staat „die Lektion des Holocaust“ dazu benutzt, eine verbrecherische Politik zu rechtfertigen. So gesehen – so Bartov – ist der Genozid an den Palästinensern für die Zionisten das einzige Mittel, Israels Überleben als Zivilisation „mitten in einem Ozean der Barbarei und der Wildheit zu sichern.“

Da die deutsche Politik die nicht universalistische Holocaust-Erinnerung Israels teilt, die auch die Behauptung von der Einzigartigkeit dieses Massenmordes an den Juden umfasst, gerät sie moralisch auch in eine schwierige Position: „Deutschlands Bekenntnis zur Einzigartigkeit des Holocaust, von dem es sein einzigartiges Bekenntnis zu Israel ableitet, hat es moralisch in eine höchst dubiose Position gebracht: Es hat lange seine eigenen kolonialen Verbrechen in der Vergangenheit geleugnet und bestreitet nun Israels Schuldfähigkeit an der Zerstörung Gazas, einschließlich des Tötens und Aushungerns von Zehntausenden von palästinensischen Zivilisten.“

Genauso zweifelhaft ist für Bartov die deutsche Haltung zum Antisemitismus, weil sie mit dem „falschen“ israelischen Antisemitismus-Konzept identisch ist. Ja, Israel hat dieses Konzept entwickelt, dann exportiert und Deutschland hat es kritiklos übernommen. Bartov beschreibt diesen Vorgang so: „Das Verbindungsglied zwischen der Ablehnung der schon Jahrzehnte anhaltende Unterdrückung von Millionen besetzten Palästinensern und dem behaupteten Antisemitismus ist ‚made in Israel‘ und dann nach Europa und in die USA ausgeführt worden. Dabei wird behauptet, dass die Nationen der Welt, die hinter der Ermordung von sechs Millionen Juden standen, kein Recht haben, den jüdischen Staat, der um sein nacktes Überleben kämpft, zu kritisieren. Die Nationen haben die moralische Pflicht, Isrrael beizustehen. Je mehr Israel sich aber politisch nach rechts ausrichtet und sich die Lage der Palästinenser verschlechtert, desto heftiger argumentieren seine offiziellen Vertreter, dass jede Kritik an Israels Politik nichts anderes sei als eine skandalöse Projektion inhärenter westlicher Vorurteile.“

Bartov kritisiert an dieser Stelle scharf die IHRA-Definition von Antisemitismus, die maßgeblich von Israel selbst entwickelt worden sei. Ursprünglich sollte sie der Holocaust-Erinnerung und einer von ihr abgeleiteten Erziehung dienen, sei dann aber durch gesetzlichen Zwang in ein Instrument zur Unterdrückung jeder Kritik an Israel umgeformt worden. Die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus sei auf diese Weise zynisch verwendet worden, um Kritiker der zunehmenden israelischen Verstöße gegen das Völkerrecht und die Menschenrechte als Antisemiten darzustellen. Auf diese Weise sollen auch die von den Kritikern genannten Ziele und Motive und sogar ihre Identität verdunkelt werden.

Bartov lastet es vor allem dem israelischen Regierungschef Netanjahu an, dass die IHRA-Antisemitismus-Definition von den Vertretern Israels in der ganzen Welt verbreitet wurde. Und diese besagt, dass Kritik an Israel gleichbedeutend mit Antisemitismus ist, Antisemitismus gleichbedeutend mit einer genozidalen Absicht und der palästinensische Kampf gegen die israelische Besatzung beides ist: Antisemitismus und die Verfolgung eines genozidalen Ziels. Den Palästinensern wird also unterstellt, Israel auslöschen zu wollen.

Der Autor folgert aus alledem, dass Israel ein falsches, weil „verdrehtes“ (distorted) Verständnis von Antisemitismus vertritt, weil es Werten wie Humanismus, Freiheit, Würde für die Unterdrückten, Widerstand gegen die Besatzer, Solidarität mit den Opfern und Opposition gegen ungezügelte Gewalt und Töten von Unschuldigen völlig widerspricht. Israel missbraucht also das Banner des Nie wieder! für seine inhumane Politik und liefert damit den wirklichen Antisemiten argumentative Munition.

Bartovs Kritik am israelischen Antisemitismus-Konzept richtet sich natürlich auch gegen die deutsche Politik, weil sie genau dieses Konzept widerspruchlos akzeptiert hat und auch bis heute vertritt. Aber Deutschlands Identifizierung mit Israels Holocaust-Gedenken und seinem Antisemitismus-Konzept hat – so Bartov – „perverse“ Konsequenzen: Es entlastet den Staat von der Notwendigkeit, seine „multiplen neuen Anderen“ [hier sind Zuwanderer und Migranten gemeint] zu tolerieren. Zudem: Das Festhalten an einer nationalen Identität, die auf dem Holocaust beruht, könnte eher zu einem Hindernis für die soziale Solidarität werden als zur Schaffung einer post-nationalsozialistischen Nation.

Bei all dieser Kritik an der Politik seines Heimatstaates verwundert es nicht, wenn Bartov sich entsetzt über die Stimmung im Land nach dem 7. Oktober und dem Genozid in Gaza zeigt, wie er sie bei seinen Besuchen dort erlebt: Es gibt so gut wie keine Empathie mit den Palästinensern im verwüsteten Gazastreifen oder ihren Landsleuten, die im Westjordanland einer ethnischen Säuberung ausgesetzt sind. Im Gegenteil, er erlebt bei den Israelis überall das ausgeprägte Gefühl nach noch mehr Rache, das bis zu der immer wieder geäußerten Absicht reicht, die Palästinenser endgültig zu vertreiben oder sie sogar zu eliminieren. Die Besatzung hat, stellt Bartov fest, nicht nur die besetzten Palästinenser dehumanisiert, sondern auch die Besatzer. Die israelische Gesellschaft sieht er in einem zunehmenden Zustand der Verrohung.

Deshalb ist Bartovs Blick in die Zukunft auch sehr düster. Immer wieder fällt in seinem Buch das Wort Abyss (Abgrund). Dieser Begriff verdeutlicht wohl am besten die desolate Lage, in der sich Israel gegenwärtig befindet. Der zionistische Staat, der seine Gründung stets moralisch mit dem Holocaust gerechtfertigt hat, hat mit dem Genozid in Gaza diese Rechtfertigung verloren: „Der Genozid dort wird Israel endgültig von seinem Status als einziger Staat, dessen Wurzeln in der Einzigartigkeit des Holocaust liegen, befreien.“ Bartov ist sich sicher, dass der Schandfleck des Genozids in Gaza noch Jahrzehnte schwer auf Israel lasten wird.

Ist der Abyss also noch abzuwenden? Eine Überlebenschance sieht Bartov für sein Land nur, wenn es sich auf die liberalen Werte der Unabhängigkeitserklärung von 1948 zurückbesinnt: auf die Freiheit, Gleichheit und Selbstbestimmung für alle Menschen im Staat – also auch für die Palästinenser. Bartov schränkt ein, dass diese Werte in Israel nie umgesetzt worden sind, weil die Deklaration nur dafür gedacht war, Israel in die Völkerfamilie und besonders in die UNO aufzunehmen. Was ihre Wichtigkeit für die aktuelle Situation aber nicht schmälert. Denn diese Werte sind für Bartov das einzige Modell, was Israel noch vor dem Untergang retten kann.

Die Alternative ist die Fortsetzung der gegenwärtigen Politik der Regierung Netanjahu: Die Umwandlung Israels in eine autoritäre, von der Religion bestimmte, irrationale und repressive Gesellschaft. Das bedeutet: Israel würde seinen Weg in die Katastrophe fortsetzen, das Morden und die Unterdrückung würden weitergehen und die noch vorhandenen Mauern, die die Reste der Demokratie schützen, würden abgerissen.

Bartov hat ein äußerst mutiges Buch geschrieben, das seinem kranken Staat eine realistische Diagnose stellt. Die Chancen, dass dieser Diagnose ein Heilungsprozess folgen wird, sieht er als eher gering an. Die destruktiven Kräfte sind in Israel weiter auf dem Vormarsch. Durch die enge Symbiose, die Deutschland mit Israel verbindet, ja seine völlige ideologische Abhängigkeit von dem zionistischen Staat – siehe das Holocaust-Gedenken und das Antisemitismus-Konzept – wird die deutsche Politik tief in Israels Krise hineingezogen. Aber sie zeigt bisher nicht einmal Anzeichen, dass sie diese Krise überhaupt wahrgenommen hat. Ein deutliches Symptom dafür ist das Faktum, dass das so wichtige Buch von Omer Bartov in Deutschland (und auch in Israel) nicht erscheinen kann, weil die Verleger offenbar Angst vor Repressionen haben. Es zeigt sich wieder einmal: Die Wahrheit hat meistens keine Lobby.

Bartov, Omer: Israel: What Went Wrong, Penguin Random House London 2026, ISBN 9781 911717690, 24,90 Euro (Taschenbuch 17,15 Euro)

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