„Ich würde auch jetzt wieder auf ein Schiff steigen“ – Interview mit dem Künstler Engin Dogan über seine Erfahrungen bei der „Global Sumud Flotilla“ und israelische Folter

Engin Dogan am 16.8. in Bremen

Vorbemerkung: Engin Dogan war am 16. August 2026 mit der Crew der „Handala II“ nach Bremen gekommen, um hier über die Erlebnisse zu informieren. Wir berichteten ausführlich mit einem Video auf weltnetz.tv. Hier nun ein sehr ausführliches Interview mit dem Künstler auf den NachDenkSeiten. Wir bringen daraus einige Auszüge. Der vollständige Text hier.

Der Aschaffenburger Künstler Engin Dogan hat von April bis Mai 2026 an der Global Sumud Flotilla teilgenommen. Wie mehr als 400 weitere Aktivisten hat er versucht, per Segelboot über das Mittelmeer nach Gaza zu gelangen, um dort Hilfsgüter zu verteilen. Die israelische Armee stoppte die Aktion jedoch auf hoher See und verschleppte die Aktivisten nach Israel. Im Mai löste ein Video des israelischen Polizeiministers Itamar Ben-Gvir, in dem zu sehen ist, wie er Flotilla-Aktivisten demütigt, weltweit Entrüstung aus. Das Interview führten Mawuena Martens und Dominik Wetzel.
Martens/Wetzel: Herr Dogan, Sie sind von der israelischen Armee entführt worden. Wie muss man sich das vorstellen?

Engin Dogan: Es kamen links und rechts – zack, zack – zwei Drohnen an unser Segelboot heran. Am Horizont tauchte ein großes Kriegsschiff auf. Dann rasten zwei Schnellboote auf uns zu, mit je ungefähr zehn Soldaten an Bord. Sie haben auch auf uns geschossen. Beim ersten Mal ein paar Stunden zuvor hatten wir Seile ins Meer geschmissen, damit sie sich in den Schiffsschrauben der Militärboote verheddern. Die Soldaten waren dementsprechend wohl etwas unentspannter. Als sie uns gekapert hatten, mussten wir uns bis auf Hose und T-Shirt ausziehen und sind so auf das Kriegsschiff gebracht worden. Dann hatten sie diesen deutschen Pass und wollten herausfinden, wer der Deutsche ist. Einer hat auch seine Knarre gestreichelt und sich für seine Waffe bei mir bedankt. Bei Deutschen sind sie immer ein bisschen kreativer geworden als bei den anderen.

War es eine deutsche Waffe?

Das weiß ich nicht. Er hat es, glaube ich, gemacht, weil Deutschland einen großen Teil der Waffen Israels liefert. Mit kreativ meine ich, dass sie Deutsche entweder für die Vergangenheit „abgefuckt“ haben oder aber so Sachen sagten wie: „Vielen Dank für deine Geschichte, jetzt können wir mit deinem Land so spielen wie im Fußball.“ Das habe ich selbst erlebt. Drei Mal kamen sie auch mit der Hitlernummer.

Noch einmal einen Schritt zurück. Wie kam es überhaupt zu Ihrer Teilnahme an der Flotilla?

Wir haben vergangenes Jahr schon eine Gaza-Demo in Aschaffenburg organisiert. Dabei hat Zohar Regev eine Rede gehalten. Sie ist eine von denjenigen, die schon seit Jahren bei der Global Sumud Flotilla mitsegelt. Sie ist jedes Jahr dabei und hat für mich ein gutes Wort bei den Organisatoren eingelegt. Drei Tage bevor das Training in Sizilien losging, habe ich dann eine Nachricht bekommen. Das war echt spontan. Aber ich habe mich direkt auf den Weg gemacht.

Es fahren also jedes Jahr Boote in Richtung Gaza? Bekannt war bisher ja eigentlich nur die Mavi Marmara von 2010, als zehn Aktivisten von israelischen Soldaten getötet wurden.*

Ja, jedes Jahr. Das ist keine Demonstration, das ist Widerstand, der geleistet wird. Wir hören nicht auf. Es wäre ja voll daneben, wenn wir aufhören würden, nur weil wir etwas abgekriegt haben. Ganz im Gegenteil, die Bewegung wird immer größer. Sollen die Israelis schön weitermachen – wir nämlich auch. Und wir gehen ihnen gerade mächtig gegen den Strich. Sie haben ganz schön Probleme und müssen Abstriche machen wegen uns. Unsere Mühen sind nicht umsonst.

Weil eure Aktionen das israelische Militär binden?

Ja, aber auch auf politischer Ebene. Einige der faschistischen Minister dürfen jetzt in zehn Ländern nicht mehr einreisen. Weltweit wurden israelische Botschafter einberufen und zurechtgewiesen. Selbst der Premier Benjamin Netanjahu ist mal ganz kurz zurückgerudert. Das hat er allerdings nur wegen des Videos von Polizeiminister Ben-Gvir. Mit dem Video hat Ben-Gvir uns allerdings einen riesigen Gefallen getan und sich selbst in die Kniescheibe geschossen. Unzählig mehr Leute haben darauf reagiert, viel mehr, als wenn unsere Organisation das Video veröffentlicht hätte. Und im vergangenen Herbst sind auch wegen der Flotilla Tausende in Italien auf die Straßen gegangen.

Haben Sie mitgekriegt, wie das Video aufgenommen wurde?

Nein. Erst als ich aus Israel herauskam, war ich, wie viele andere von uns, total verblüfft – besonders über die Resonanz.

Wenn Sie nichts von der Anwesenheit von Ben-Gvir gemerkt haben, woran können Sie sich dann erinnern?

Ich habe die ganze Zeit eigentlich nur den Boden angeglotzt und die Schweißperlen gezählt, die von meiner Nasenspitze getropft sind. Das war meine einzige Beschäftigung. Man hat auch nicht von der Stressposition hochgeschaut, weil man sonst direkt bestraft worden ist. Irgendwann habe ich mich jedoch hingesetzt, weil mein Fuß am Explodieren war. Die Haut war schon gerissen, das war ein unfassbarer Schmerz.

Was war mit Ihrem Fuß passiert?

Am besten, ich fange von vorne an: Als wir in Sizilien losgesegelt sind, haben die Israelis uns schon nach drei Tagen attackiert. Wir waren total vor den Kopf gestoßen, weil wir nicht damit gerechnet hatten, dass sie so weit hinausgehen würden. Das war ja in internationalen Gewässern.

Wie wurdet ihr angegriffen? Mit Drohnen?

Nein, mit Kriegsschiffen und Speedbooten, das volle Programm. Die Israelis haben Leute von einem Teil der Boote geholt, haben die Motoren kaputtgeschlagen und Segel zerschnitten. Bei einem Boot, das finde ich besonders krass, haben sie die Besatzung manövrierunfähig auf dem Meer zurückgelassen – obwohl ein Sturm aufzog. Ich habe Gott sei Dank zu den Glücklichen gehört, die im Morgengrauen bei einer griechischen Insel ankamen. Ein Boot unserer Flottille konnte die Leute von dem kaputten Boot retten. Über das, was die Israelis da gemacht haben, redet keiner, obwohl es versuchter Mord ist. Nach diesem Vorfall waren wir relativ lange auf Kreta, weil wir auf diejenigen gewartet haben, die auf einem Kriegsschiff gefangen waren und irgendwann nach Kreta gebracht wurden. Ein paar wurden dann gezwungen, nach Hause zu fliegen, ein paar haben es geschafft, haben sich nicht nötigen lassen und sind auf die Boote zurückgekehrt.

[…]

Der vollständige Text hier: https://www.nachdenkseiten.de/?p=155263

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