Vorbemerkung: Gestern, am 1.1.2026, habe ich fast den ganzen Tag Radio gehört. Nichts, keine Nachricht, kein Bericht über Gaza. Aber viele, viele Sendungen über die Ukraine. Also: was Nour al-Assy über Paris berichtet, gilt auch für Deutchland. (M.H.)
Paris, 2. September 2025
von Nour al-Assy, Autorin aus dem Gazastreifen
Ich schreibe diese Zeilen aus Paris, einer Stadt, die in Blau und Gelb gehüllt ist. Überall um mich herum hängen ukrainische Flaggen wie moralische Abzeichen an französischen Fassaden.
Ich bin vor wenigen Wochen als Überlebende des Völkermords in Gaza in diese Stadt gekommen. Ich habe mein in Flammen stehendes Land hinter mir gelassen. Ich hatte das Privileg, von der französischen Regierung evakuiert zu werden, weil ich an einer französischen Universität zugelassen wurde.
Was mir an Paris, dieser sogenannten Stadt der Freiheit, zuerst auffiel, war ihre inszenierte Trauer, ihre selektive Empathie und ihr demonstratives Schweigen. Frankreich trauert lautstark um die Ukraine. Über Gaza hingegen darf nur geflüstert werden. Die palästinensische Flagge ist hier nicht zu sehen. Sie wird versteckt, gefürchtet, kriminalisiert. Mit etwas Glück findet man sie als Graffiti. Eine schüchterne Solidaritätsbekundung, die hastig wie ein Geheimnis aufgesprüht wurde.
Sollte mich das überraschen?
Schliesslich ist Frankreich ein Kolonialreich, das sich nie aufgelöst hat, sondern nur umbenannt wurde. Von Algerien über Vietnam bis Syrien sind Frankreichs Hände mit dem Blut derer befleckt, die es wagten, sich ihm zu widersetzen.
Als Frankreich im 20. Jahrhundert die zionistische Bewegung unterstützte, als es israelische Offiziere ausbildete, als es half, einen Siedlerkolonialstaat auf gestohlenem Land aufzubauen, geschah dies nicht aus Unwissenheit. Es geschah aus Solidarität – einer weissen Solidarität – mit einem anderen Kolonialprojekt.
Frankreich verurteilte die russische Invasion in der Ukraine innerhalb weniger Stunden. Es öffnete seine Grenzen. Es weinte im Fernsehen. Es sagte Konzerte ab und verhängte Sanktionen. Warum? Weil die Ukraine weiss ist.
Aber wenn Israel ganze Stadtteile in Gaza dem Erdboden gleichmacht, wenn es Krankenhäuser bombardiert, Kinder hungern lässt, die Wasserversorgung unterbricht, verbotene Waffen einsetzt und Familien zu Staub macht, zögert Frankreich. Es redet um den heissen Brei herum. Es gibt der Hamas die Schuld. Es beharrt auf dem «Kontext». Es liefert Israel noch mehr Waffen.
Was in Gaza geschieht, ist kein «Konflikt». Es ist nicht «kompliziert». Es ist Völkermord.
Laut offiziellen Statistiken wurden seit dem 7. Oktober 2023 mehr als 63 000 Palästinenser:innen getötet. Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge liegt die tatsächliche Zahl der Todesopfer jedoch bei mehreren Hunderttausend. Über 70 Prozent davon sind Frauen und Kinder.
Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung überleben mehr schlecht als recht mit einer Mahlzeit pro Tag. Oft ernähren sie sich von Konserven oder gekochtem Gras oder Blättern. Jeden Tag verlieren wir Dutzende von Zivilpersonen, die versuchen, Hilfe zu bekommen. Etwa 340 Kinder und Erwachsene sind in nur wenigen Monaten an Hunger gestorben.
Jedes Krankenhaus im Norden wurde zerstört. Kindern werden ohne Betäubung Gliedmassen amputiert. Menschen mit chronischen Krankheiten sterben massenhaft, weil es an Medikamenten und Behandlungsmöglichkeiten fehlt.
Hilfsgütertransporte werden blockiert. Wasserentsalzungsanlagen werden bombardiert. Mehr als zwei Millionen Menschen sind auf der Flucht. Und dennoch herrscht Schweigen.
Expert:innen der Vereinten Nationen, alle grossen internationalen Menschenrechtsorganisationen, Tausende von Jurist:innen und andere Wissenschaftler:innen und sogar ehemalige israelische Regierungsvertreter:innen haben erklärt, dass dieser Krieg jede rote Linie des Völkerrechts überschritten hat.
Und doch wird uns hier in Frankreich gesagt, wir sollen leise reden. Uns wird gesagt, dass der Ruf «Free Palestine» antisemitisch sein könnte. Die Menschen, die stolz ukrainische Flaggen schwenken, sagen uns, dass unsere Trauer «ausgewogen» zu sein hat. Sie wettern gegen den russischen Imperialismus, rechtfertigen aber den israelischen Siedlerkolonialismus. Das ist keine Neutralität. Das ist weisser Überlegenheitsdünkel.
Gaza ist zu ihrer moralischen Ausnahme geworden. Zu ihrem blinden Fleck. Zu ihrem entbehrlichen Anderen. Zu den Nachrichten, denen jede Redaktion aus dem Weg geht.
Aber die Wahrheit ist: Palästina hat keine Armee, keine Jets, keine Schiffe, keine Atomwaffen. Was wir haben, ist Widerstand. Die Hamas ist keine staatliche Armee. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger Belagerung, Besatzung, Apartheid und Vernachlässigung. Und während europäische Politiker:innen bei jeder Gelegenheit die Hamas verurteilen, weigern sie sich, die Besatzung zu verurteilen, die sie hervorgebracht hat. Sie nehmen uns das Recht auf Widerstand. Gleichzeitig glorifizieren sie den ukrainischen Widerstand, überschütten ihn mit Waffen und Lob.
In der Ukraine sind Molotowcocktails «Heldentum». In Gaza sind Steine «Terrorismus». Das ist Heuchelei. Das ist der Algorithmus weisser Empathie.
Was in Gaza geschieht, ist kein Krieg zwischen zwei Armeen. Es ist die vollständige Vernichtung eines Volkes unter Besatzung durch eine der modernsten Armeen der Welt. Es ist Völkermord, unterstützt durch westliche Waffen, geschützt durch westliches Schweigen und beschönigt durch humanitäre Lügen.
Frankreich möchte so tun, als sei seine Mitschuld etwas aus der Vergangenheit, als sei sie mit dem offiziellen Ende des Kolonialismus beendet. Aber wie erklärt man dann die Waffen? Die diplomatische Immunität? Die Weigerung, dem Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs gegen den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu nachzukommen? Das Verbot propalästinensischer Proteste in Paris? Die Überwachung muslimischer Studierender?
Ich habe Gaza im Rahmen einer von den Vereinten Nationen begleiteten Evakuierung verlassen. Sie wurde vom französischen Konsulat in Jerusalem organisiert. Mein Name wurde unter Tausenden ausgewählt. Ich durfte nichts mitnehmen. Keinen Laptop. Keine Bücher. Keine Erinnerungen. Nur die Kleidung, die ich am Leib trug, und mein Telefon.
Ich passierte israelische Kontrollpunkte, wo Soldat:innen mich ansahen, als wäre ich kein Mensch. Vier Stunden durch die Wüste kamen mir wie vier Jahrzehnte vor. Und jetzt bin ich hier und gehe durch die Boulevards einer Stadt, die behauptet, die Freiheit zu lieben. Währenddessen stirbt mein Volk, weil es wagt, diese Freiheit zu wollen.
Sagt mir nicht, dass dies nur Politik ist. Es ist Rassismus. Es ist Heuchelei. Der Völkermord an meinem Volk wird von Balkonen aus beobachtet, die mit ukrainischen Flaggen behängt sind.
Ich will kein Mitleid. Ich will Rechenschaft. Ich will Gerechtigkeit. Ich will palästinensische Flaggen neben denen der Ukraine hängen sehen. Nicht der Konkurrenz, sondern der Wahrheit willen. Denn wenn Solidarität von Hautfarbe, Grenzen oder geopolitischen Interessen abhängt, ist es keine Solidarität. Es ist Supremacy, Überlegenheitsdünkel.
Nour al-Assy, Autorin aus dem Gazastreifen.